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Archiv des Unvollständigen – Thom Luz und Laura de Weck veranstalten einen Sprachmusikabend bei den Ruhrfestspielen in Recklingausen
Vom Streichen des Füllworts
von Martin Krumbholz
Recklinghausen, 19. Mai 2013. Was für ein erfreulicher Abend draußen in Recklinghausen-Süd, in einem aufgelassenen Industrie-Areal, das sich ausgerechnet nach dem bayerischen König Ludwig nennt und wie eine heruntergekommene Filmkulisse wirkt; verwitterte Schilder werden nie abmontiert werden ("Warenannahme", "Verwaltung"), an Kränen und Zuleitungen frisst der Rost – eine neue Spielstätte der Ruhrfestspiele. Doch in unmittelbarer Nähe haben sie nach dem Krieg überhaupt zum erstenmal für Kohle Kunst gemacht.
Einsame Menschen – Michael Götz inszeniert Gerhart Hauptmann in Coburg
Einsame Frauen
von Elisabeth Michelbach
Coburg, 19. Mai 2013. Leere Reihen bei einer Premiere? Gehen wir zu Gunsten des Coburger Publikums davon aus, dass das Gewitter, welches sich am frühen Abend zusammengebraut hat, es vom Theaterbesuch abhielt. Anders scheint es kaum zu erklären, dass die Coburger den jungen Regisseur Michael Götz, der sich mit Inszenierungen im Hofbräuhaus, dem Landgericht und der Reithalle einen Namen gemacht hat, nun ausgerechnet bei seinem Einzug ins große Haus im Stich lassen. Kurz vor seinem Abschied als festes Ensemblemitglied inszenierte Götz dort Gerhart Hauptmanns "Einsame Menschen".
Kasimir und Karoline – Marianna Salzmanns Horváth-Bearbeitung am Düsseldorfer Schauspielhaus von Nurkan Erpulat inszeniert
Jahrmarktzeit am Rhein
von Martin Krumbholz
Düsseldorf, 18. Mai 2013. Seltsamer Abend in Düsseldorf. Nachmittags ist die Fortuna abgestiegen, nach einem total unwahrscheinlichen Sieg des Retortenclubs Hoffenheim in Dortmund. Ob einen das interessiert oder nicht: Es hat mit dieser Aufführung von "Kasimir und Karoline" zu tun, die der Regisseur Nurkan Erpulat vom Münchner Oktoberfest auf die Rheinauen verlegt hat, wo jedes Jahr im Juli "die größte Kirmes am Rhein" stattfindet, mit deren Aufbau schon jetzt begonnen wird.
The Wild Duck / Die Wildente – Die Ibsen-Bearbeitung des australischen Regisseurs Simon Stone bei den Wiener Festwochen
Leben mit dem Kuckuckskind
von Kai Krösche
Wien, 18. Mai 2013. Man traut kurz seinen Augen nicht. Das Licht geht an in dem gläsernen Kubus, um den das Publikum platziert ist – und auf der leeren Bühne macht es Quack, Quack, Quack. Keine ausgestopfte, eine echte Wildente watschelt schnatternd über den grauen Boden, als wäre das Publikum gar nicht da. Das Licht geht wieder aus, erneut wird es stockfinster, klassische Musik ertönt. Und ein paar Sekunden später ist die Ente weg, sind Menschen dort und werfen sich rasante, pointierte Dialoge gegenseitig zu.
Mrzim istinu!/Ich hasse die Wahrheit! – Oliver Frljić' Realitätsbefragung bei den Wiener Festwochen
Krieg schreibt Familiengeschichte
von Leopold Lippert
Wien, 19. Mai 2013. Eben erst hat Oliver Frljić in Graz die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert neu geschrieben (nachtkritik vom 27. April 2013). Für die Wiener Festwochen im Brut Wien macht er es eine Nummer kleiner: "Mrzim istinu!/Ich hasse die Wahrheit!" erzählt die Geschichte seiner vierköpfigen Familie in den Wirren vor und während der Balkankriege. Eine Geschichte allerdings, die gerade erst geschrieben wird. Auf einer von allen Seiten einsehbaren Bühne, um die das Publikum im Quadrat platziert ist, versuchen die einzelnen Familienmitglieder (Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan und Iva Visković) ihre Erinnerungen zu rekonstruieren. In der reduzierten Wohnkulisse mit Küchentisch, Bett, und Plattenspieler entsteht so eine gemeinsame, oft widersprüchliche Erzählung.
Letzte Tage. Ein Vorabend – Im Wiener Parlament stellt Christoph Marthaler rassistischen Reden die Musik jüdischer Komponisten entgegen
Endzeit Europa
von Kai Krösche
Wien, 17. Mai 2013. Draußen vor dem Wiener Parlament scheint noch die Sonne hinter der weißen Wolkenfront. Zwei lange Warteschlangen reihen sich vor den Metalldetektoren des Besuchereingangs und fast scheint es, als gäbe es kein Fortkommen, so lange dauert die Sicherheitsprozedur samt Taschenscan. Die Geduld, die Christoph Marthalers Abende dem Publikum auf so radikale Weise abverlangen, wird hier schon vor Beginn auf die Probe gestellt – scheinbar endlos der Weg durch die prächtigen Hallen und Gänge des 130 Jahre alten Parlamentgebäudes.
Die Möwe – In Frankfurt inszeniert Andreas Kriegenburg Tschechow zwischen Traum und Melodram
Tanz mich ans Ende der Liebe!
von Esther Boldt
Frankfurt am Main, 18. Mai 2013. Das Leben ist doch nur ein Traum, geträumt von einem Riesen, den eine Fliege an der Nase kitzelt. Ein großes Rund von Tischen, weiß eingedeckt, steht auf der Bühne, in seiner Mitte: eine kleine, runde Bühne, umweht von weißen Stoffbahnen. Aber die Tische stehen nicht, sie fahren, denn dieser Speisesaal ineinander verwobener Schicksale dreht sich unaufhörlich. Die Drehbühne kreist, der Nacken zuckt nach rechts, doch nein, der Blick muss nicht wandern, die Schauspieler laufen, tanzen, klettern und kaspern in die Gegenrichtung. Die Drehbühne zermahlt die Zeit, ihr sanftes Gleiten bringt steten Wechsel. Am Ende dieses langen, langen Abends werden die Jungen rasch gealtert sein und mit einer Erschöpfung von ihrem Leben sprechen, dass einem das kalte Grausen kommt.
Ein Sportstück – Marcus Lobbes inszeniert Elfriede Jelinek in Saarbrücken
Trimm dich, Avatar!
von Stefan Schmidt
Saarbrücken, 17. Mai 2014. Nach einer guten Stunde hat ein älteres Ehepaar genug gesehen: Eine "Zumutung" sei das alles, raunt er ihr genervt zu, natürlich in einer der ruhigsten Szenen, die diese Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" in der Alten Feuerwache des Saarländischen Staatstheaters zu bieten hat. Kurze Zeit später sind die beiden verschwunden, ohne Türen zu knallen. Hier will niemand einen Skandal.
Räuber.schuldengenital – Am Münchner Marstall nähert sich Alexander Riemenschneider respektvoll Palemtshofers Text
Der Pfuh-Effekt
von Michael Stadler
München, 17. März 2013. Es ist kein "pfui" und auch kein "puh", das der Tod ausstößt, wenn er die Zeit, nachdem sie ihn beim Menschen vertreten hat, aus ihrem Dienst entlässt und sein Regiment wieder übernimmt. Wenn er dann da sitzt, die Hände im Schoß, ein bisserl einsam ist und bereit für die Ewigkeit. Nein, er sagt "na endlich" und dann "pfuh", spinnt die alte Mutter Linde ihre Geschichte weiter und amüsiert sich königlich. Was für eine Pointe: "pfuh"! Ihr Mann Otto lacht mit, während Nachbarin Edith probehalber auch mal "pfuh" sagt. Ediths Lover, der Sepp, findet das alles auch komisch, aber im Sinne von "traurig". Und dann fällt den Vier nichts weiter zum Zeitvertreib ein. Der Prolog ist zu Ende, und das Stück geht richtig los: "räuber.schuldengenital" von Ewald Palmetshofer.
O Death – Jan Decorte lässt sein eigenes Stück an den Münchner Kammerspielen nachbuchstabieren
Dichliebe ich ahmeinetote maschine!
von Sabine Leucht
München, 16. Mai 2013. Nein, das wird er vermutlich auch nicht gewesen sein: Jan Decortes internationaler Durchbruch. Beim ersten Mal, 1981, war der Brandschutz das Problem: In Avignon, wo sie seine "Hamletmaschine" zeigen wollten, aber der eiserne Vorhang fehlte. Darüber stritt sich Decorte mit dem technischen Direktor, aus der Einladung wurde nichts und darum ist er heute – anders als seine Namensvettern und Landsmänner Jan Lauwers und Fabre – nicht überall auf der Welt bekannt. Sagt Decorte, der – man ahnt es – kein allzu kleines Selbstbewusstsein hat.
Die Weber – In Plauen nimmt Marie Bues die heutige Textilindustrie-Ausbeutung in den Blick
Der Hummer in der Textilrevolte
von Tobias Prüwer
Plauen, 16. Mai 2013. "Das dürfen die nicht, oder?" Der Satz einer High-Society-Lady angesichts der aufständischen Textilarbeiter, die die Party stören, könnte auch an Marie Bues gerichtet sein. Denn die Regisseurin reißt im Plauener Theater "Die Weber" in eineinhalb Stunden herunter. Mit ordentlich Tempo und Furor geht es durch alle fünf Akte. Bevor Puristen aufstöhnen: Ihre Version bleibt erstaunlich nah am Werk und fällt doch ganz anders aus als das klassische Bühnenwerk. Denn Bues übt sich nicht nur in radikaler Reduktion, sondern mixt Gerhart Hauptmanns Sozialdrama mit einer Gegenwartskritik ausbeuterischer Textilherstellung.
Triumph der Provinz – Regisseurin Heike Frank und Linzer Schauspieleleven untersuchen am Landestheater Felicia Zellers Provinzbeschimpfung
Dauer-Loop am Wirtshaustresen
von Reinhard Kriechbaum
Linz, 16. Mai 2013. Persönlichkeitsspaltung im fortgeschrittenen Stadium, ein Fall von theatraler Verhaltensauffälligkeit? In Linz hat man vor ein paar Wochen das neue Musiktheater eröffnet, ein riesiges Opernhaus in Bahnhofsnähe. Zur Eröffnung hat man sich eine uraufzuführende Oper von Philip Glass nach Peter Handke ("Spur der Verirrten") vorgeknöpft und man baut eine eigene Musical-Sparte auf. Ab Herbst gibt's Wagners "Ring".
Feelgood – Alistair Beatons Politiksatire am Jungen Theater Göttingen
Demokratisches Desaster
von Leonie Krutzinna
Göttingen, 16. Mai 2013. In einer Hotelsuite feilen Pressesprecher Eddie und Redenschreiber Paul an der Parteitagsrede des Kanzlers. Gentechnik, demografische Entwicklung, Klimawandel, alles versuchen die beiden unterzubringen, denn die nächste Wahl steht vor der Tür und mit den großen Themen gilt es auf Stimmenfang zu gehen. Das Junge Theater Göttingen widmet sich mit Alistair Beatons Realsatire "Feelgood" den Machenschaften der Hinterzimmerpolitik und gibt denen ein Gesicht, die sonst als Knopf im Ohr der Mächtigen kaum hör- und sichtbar sind. Als Berater, Pressesprecher, Gagschreiber und Texter treten sie als eigentliche Strippenzieher, aber auch als Verursacher politischer Affären in den Vordergrund. Ein Stück also, dass auf der Bühne zeigt, was hinter den Kulissen passiert.
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Mutter Kramers Fahrt zur Gnade – In Bochum motzt Heike M. Götze das neue Stück von Christoph Nußbaumeder auf
Endstation Alltagsrealität
von Sarah Heppekausen
Bochum, 15. Mai 2013. Sie kann sich nicht bewegen. Wie versteinert sitzt Anita auf ihrem Stuhl, festgezurrt unter meterlangen Spinnenweben. Ein Haufen altes Leben. Die Zeit hat sichtbare Spuren hinterlassen. Anita ist etwa 65 Jahre alt, pensionierte Grundschullehrerin, seit einem Jahr verwitwet. Sie glaubt an Gott und an das Gute. Dass die Dinge sich schon wieder entkrampfen werden, das ist ihre zuversichtliche Sicht auf die Welt. Eine versponnene Frau.
Daniel Stein – Thomas Krupa hebt den 500-Seiten-Roman von Ljudmila Ulitzkaja auf die Bühne in Freiburg
Das Jerusalem-Syndrom
von Annette Hoffmann
Freiburg, 15. Mai 2013. Es ist ein Kreuz mit der Kirche. Im Kleinen Haus des Theaters Freiburg ragt ein Laufsteg in den Raum, die drei Zuschauerblöcke umgeben ihn wie ein U. Er hat die Form eines Kreuzes und stellt die Verlängerung der Kirche dar, deren Brettergerüst an der Wand steht (Bühne: Joki Tewes, Jana Findeklee). Ein Torbogen aus einfachen Holzlatten zusammengezimmert liegt auf dem Laufsteg, später wird er mit viel Bohei aufgestellt und zum Sinnbild der neuen Kirche.
Die Kinder von Wien – Teil 1: Story, von Anna Maria Krassniggs Geschichtsstunde nach Robert Neumann
Vergessene des Krieges
von Martin Pesl
Wien, 15. Mai 2013. Anna Maria Krassniggs harte, klare Stimme gibt den Ton für diesen Abend an. In einer Einleitung vom Band weist die Regisseurin die Gäste der weitläufigen Expedithalle fernab des Zentrums von Wien darauf hin, dass ihnen nun eine Geschichte erzählt und sie auf "eine Art Reise" mitgenommen werden. "Ihre Mobiltelefone werden Sie dabei nicht brauchen." Sofort ist das Bild der Frau Lehrerin da, fast als wolle sie uns beweisen, dass sie das kann mit dem Lehrersein, sie, die 2012 als neue Regieprofessorin am Wiener Max-Reinhardt-Seminar von Studierenden und Lehrenden massiv abgelehnt wurde, nachdem das Rektorat sie dem allgemein favorisierten Stefan Bachmann vorgezogen hatte.
Roberto Zucco – Miloš Lolić inszeniert Koltès am Müncher Volkstheater mit ziemlicher Wirkung
Vom Original zum Mythos
von Willibald Spatz
München, 14. Mai 2013. Der originale Mensch Roberto Succo hat den Schriftsteller Bernard-Marie Koltès irgendwie gepackt, als er ein Fahndungsplakat von ihm gesehen hat. Er hat die Geschichte recherchiert, hat Zeitungsartikel gesammelt, bis er genug Material hatte, um ein Stück über ihn zu schreiben. Vielleicht hat er versucht zu verstehen, was einen bewegt, der anscheinend grundlos seine Eltern umbringt, vergewaltigt und beliebig Fremde ermordet; sein ursprüngliches Anliegen mag es gewesen sein, nachzuvollziehen, wie jemand von sich sagt: "Ich bin ein Mörder, ich töte beruflich Menschen." Das klingt beinahe unschuldig.
12-Spartenhaus – Ida Müller und Vegard Vinge bitten ins Foyer
Die Pfosten sind, die Türen fest verriegelt
von Anne Peter
Berlin, 4. Mai 2013. Vor einem Jahr wurden Finisher-Shirts ausgeteilt. An alle Unermüdlichen, die die kompletten zwölf Stunden im Prater der Berliner Volksbühne miterlebt und durchlitten hatten. Damals, so berichtete der Nachtkritiker, versprach der Videoschirm um kurz nach 4 Uhr morgens, am Ende der Vorstellung, eine Fortsetzung: "to be continued".

















