Samstag, 27. Dezember 2014

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Debatte um die Zukunft des Stadttheaters II – Stadttheater ist nicht nur eine Organisation oder Institution, sondern eine kulturelle Form

Die Funktion des Stadttheaters

von Ulf Schmidt

28. Juli 2011. Matthias von Hartz weist in seinem Artikel auf nachtkritik.de darauf hin, dass die Eigen(un)dynamik der Institution "Stadttheater" das verhindert, was er als "Innovation" beschreibt. Der Druck zur Auslastung der Produktionsmittel führt dazu, dass gemacht wird, was die vorhandenen Personal- und Sachmittel ökonomisch einsetzt. Der Mitteleinsatz wird Selbstzweck. Daraus könnte man jetzt ableiten, den Theatern gehöre wie ähnlichen behördenartigen Organisationen wie Bahn und Post nur einmal ordentlich die Struktur durch McKinsey überholt und flexibilisiert. Sollte man aber nicht.

stadttheaterwilhelmshaven
                      © Stadttheater Wilhelmshaven

Tatsächlich führt das von von Hartz verwendete Stichwort "Fabrik" weiter und deutet an, dass die Institution Stadttheater nicht deswegen Neues und Anderes behindert, weil sie eine Institution (und damit von vornherein unbeweglich) ist, sondern weil in diese Institution eine Produktions- und Produktform eingeschrieben ist, gegen die sich kaum von innen her angehen lässt. Es ist die Produktionsform des Industriezeitalters, das zu Ende gegangen ist.[1] Entstanden im beginnenden Industriezeitalter, sind die Stadttheater Fabriken, die (recht flüchtige) "Produkte" herstellen.

Was sich "freies Theater" nennt, ist ein anderes Theater

Bis ins späte 20. Jahrhundert war diese Theaterform die maßgebliche Form sowohl für öffentlich finanzierte wie auch für Privattheater. Daneben stattfindendes "Freies Theater" war Laientheater, das sich als defizienter, un-professioneller Modus des Stadttheaters verstand. Das änderte sich in den 80ern und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, als Freie Gruppen zu einer eigenständigen Theaterform wurden. Nicht die Tatsache, gerade kein eigenes Theater und keine stadttheatralen Produktionsmittel zur Hand zu haben, macht nun das Freie Theater aus, sondern die bewusst andere Arbeit an einer anderen Theaterform, die die Theaterfabriken hinter sich lassen wollte.

Von Hartz zieht einen Vergleich zu den Organisationsformen von Silicon Valley-Firmen. Und konstatiert, dass Innovationen in den letzten Jahren vor allem in der Freien Szene zu sehen waren. Der marketingorientierte Begriff der "Innovation" ist zwar etwas unglücklich, aber geeignet, sich gegenüber Stadttheater als Hort der Tradition zu konturieren. In der Ausrichtung freier Theaterarbeit auf ein Neues, in ihrer Gründung auf Neugier und Neu-Gier, sind diese Theaterformen einer Gesellschaftsform näher, die sich ebenfalls zunehmend durch Ausrichtung auf Zukünftiges definiert denn durch Historisches.

Aus zwei Theatern macht eines? Oder zwei? Oder was?

Wenn es diese Spaltung in zwei Theaterformen – die "alte" institutionalisierte Stadttheater-Fabrik und die "neuen" freien "Silicon Valley"-Theater – gegeben hat, ist die erste Frage, ob sie nebeneinander bestehen werden, ob es zu einer Wiedervereinigung kommen wird oder ob die eine durch die andere Form abgelöst werden kann. Von Hartz' Vorschlag dazu, nämlich die Gründung eines Leuchtturm-Theaters mit Innovationsbegutachtungszwang für Intendanten ist eigentlich eher ein Symptom für die Problemstellung, denn ein ernst zu nehmender Lösungsvorschlag.

Er springt in pragmatischer Absicht unter der selbst hoch gelegten Latte durch. Wenn seine Diagnose hinsichtlich der institutionellen Selbstblockierung der Stadttheater richtig ist, ist seine Lösung falsch. Wenn seine Diagnose im hier vorgeschlagenen Sinne mit Konzentration auf die überkommene Fabrikorganisation der Stadttheater verstanden wird, müssen die Veränderungen mindestens so tiefgreifend sein wie diejenigen, die die weltweiten Gesellschaften gerade durchlaufen.

Von der Industrie- und Schriftgesellschaft zur Netzgesellschaft

In der Soziologie wird seit Jahren ein zunehmend breiterer Diskurs um den Begriff der Netzgesellschaft geführt. Sowohl Manuell Castells[2] Arbeiten wie diejenigen von Boltanski/Chiapello[3] als auch der häufig im Theaterumfeld anzutreffende Dirk Baecker setzen sich mit dieser tiefgreifenden Wandlung auseinander: Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks.[4]

Wir erleben gegenwärtig den rasanten Wechsel von der Schriftgesellschaft zur Netzgesellschaft, einen kommunikativen Umbruch, dem im produktiven Bereich die Ablösung von der Industrie bzw. Fabrik entspricht. Er wirbelt Wirtschaftsorganisation durcheinander, verschiebt auf Wissen beruhende Machtstrukturen, bringt Verhältnisse von Raum und Zeit, Nähe und Ferne, Fremd und Freund, Privat und Öffentlich in einer Geschwindigkeit durcheinander, die sich zwar mit vollziehen lässt, nicht aber zugleich reflexiv einholen.

Das Ende der ererbten Sicherheiten

Die ererbte Sicherheit einer Schriftgesellschaft, die ihre staatlichen, schulischen, künstlerischen, wissenschaftlichen, medialen Machtverhältnisse einigermaßen fest verankert hatte, zerfällt in der Netzgesellschaft zu Staub, entzieht alten Verlässlichkeiten die Verlässlichkeit, ohne neue Verlässlichkeiten schon parat zu haben. "Prekariat" ist nicht nur die Existenzform der meisten Mitglieder Freier Gruppen, es ist die um sich greifende Existenzform der mit der Netzgesellschaft zugleich entstehenden Wissens- oder Kreativgesellschaft.

Das Netz der Netzgesellschaft ist kein soziales, auch wenn der englische Begriff vom "social network" so heimelig danach klingt. Diese neue Gesellschaftsform nur auf ihre symbolhaften Höhepunkte, wie die Guttenberg-Affäre, Wikileaks, die angebliche Facebook-Revolution in Ägypten oder den Niedergang von Musik- und Filmkonzernen durch sogenannte Raubkopien zu beschränken, würde an der Oberfläche bleiben.

Man könnte dann glauben, die Netzgesellschaft sei einfach die alte Gesellschaft plus Internet. Inzwischen aber lässt sich kaum mehr übersehen, dass die faustische Frage danach, was die Welt im Innersten zusammen hält, provokant die Antwort bekommen könnte: das Netz. Anders gesagt: Besteht (wie Baecker mit Luhmann postuliert) die Gesellschaft aus Kommunikation, so muss die Gesellschaft und ihr Verständnis sich grundlegend wandeln, wenn die Kommunikation sich grundlegend wandelt.

Das Theater in der Netzgesellschaft braucht neue Produktionsweisen

Mag das in dieser holzschnittartigen Verkürzung jedem Historiker die Zornesröte ins Gesicht treiben, so hat es doch den Vorteil jeder Schwarz-Weiß-Malerei: Unterschiede klar erkennbar zu machen und Grauwerte als Mischungen aus Schwarz und Weiß zu betrachten. Das Stadttheater gegenwärtiger Form ist nicht nur ein Relikt der Industriegesellschaft, es ist zudem ein Theater der Schriftkultur. Nicht bloß im Sinne eines unbefragten Primats des "Dramas" gegenüber der Inszenierung/Aufführung, sondern auch in der ewig reaktivierten Debatte über Werktreue, Interpretation, kreative Neudeutung, Zerstückelung, Materialwerdung usw. zeigt sich noch der "Machtkampf" um die Bühnenhoheit.

Der Begriff der Inszenierung – so harmlos beschreibend er auch wirkt – schleppt dieses alte Erbe mit sich wie Hundekot am Schuh.[5] Ihn abzulösen und zu ersetzen, heißt nicht einfach, ein anderes Wort zu wählen. Sondern sich im Versuch, eine andere Arbeitsweise zu benennen, von der Zumutung des Inszenierens zu verabschieden und Köpfe und Bühnen zu öffnen auf eine andere Arbeitsweise – und zugleich ein anderes Erlebensversprechen an die Besucher.[6]

Mit einer schönen Formulierung Baeckers über "Produktionsöffentlichkeiten" könnte man etwa als eine Funktionsweise dieses Netzgesellschaftstheaters benennen, dass sie sich mit der neuen Aufgabe anreichern, "dem Verdacht nachgehen zu können, dass man sich besser selber verstehen würde, wenn man das besser verstünde, wovon man bisher keine Ahnung hat."[7]

Theater findet in (der) Gesellschaft statt – aber in welcher?

Kein Theater kommt um die Einsicht herum, dass es in der Gesellschaft stattfindet, sich Gesellschaft im Theater bildet und sich zum gewissen Maße ein Selbstverständnis erschafft. Ob es sich damit begnügt, dieser Gesellschaft harmloses Vergnügen und zwanglose Pausenkonversation zu ermöglichen, oder ob es sich bewusst und gezielt mit der Gesellschaft und der eigenen Funktion darin (vielleicht sogar kritisch) auseinandersetzen will, macht dabei keinen Unterschied. Gesellschaftliche Funktion ist nichts wofür, oder wogegen sich ein Theater entscheiden könnte: Es hat sie.

Entscheidend für ein Fortbestehen der deutschen Stadttheaterlandschaft ist allerdings ebenfalls, dass der lebensweltliche Aufwand eines Theaterbesuchs nicht mehr nötig ist, um harmloses Vergnügen und einfache Unterhaltung ("Unterhaltung" dabei sowohl im Sinne von Entertainment als auch im Sinne von Konversation) zu finden. Die digitale Infrastruktur macht Unterhaltung in beiderlei Sinne ganz einfach jederzeit und an jedem Ort zugänglich, so dass der Gang ins Theater zu einer geradezu archaischen Anstrengung in einer sowieso permanent überanstrengten Gesellschaft wird.

Die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion

Der Fokus auf bloße Unterhaltung scheint entsprechend nicht die richtige Strategie, um die Existenz der Stadttheater auch in Zukunft zu sichern. Stattdessen hat/hätte Stadttheater die Chance, in einer komplett unüberschaubaren und orientierungslosen Netzgesellschaft einen Ort der Selbstreflexion zu geben. Voraussetzung dieser Selbstreflexion muss aber das Bewusstsein sein, dass Theater in der (Stadt-)Gesellschaft eine Funktion hat. Und Voraussetzung ist ebenso eine Selbstbefragung, welche Funktionen das Stadttheater bisher erfüllt hat, welche es verloren hat – und vor allem welche es einnehmen könnte. Die Tatsache nämlich, dass niemand aus dem Stand angeben könnte, welche Funktion "das“ Stadttheater oder einzelne Stadttheater eingenommen haben, heißt nicht, dass es keine solche Funktion gab.

Auch die Weigerung einer funktionalen Bestimmung durch den einen oder anderen Beschäftigten am Theater vermeidet nicht, dass es in der Gesellschaft Funktion hat. Wer die Frage stellt, warum abends Menschen in ein bestimmtes Theater gehen, was sie erwarten oder was dort mit ihnen geschieht, eröffnet damit bereits die Frage nach der Funktion. Und sie wird in jedem Falle eine Antwort bekommen. In einem eigenartig allein hängenden Satz stellt von Hartz auf nachtkritik.de fest: "Als Theaterbesucher wünsche auch ich mir, dass die Institution sich mit den Themen der sie umgebenden sozialen Realität befasst." Diese Funktion in der Netzgesellschaft einzunehmen, stellt Theater vor die Aufgabe einer Selbst-Neuerfindung. Denn die "alte" Funktion ist dahin.

Der Verlust der alten Repräsentationsaufgaben

Das fabrikartige, textdominierte Stadttheater hatte in der Stadt, in der es angesiedelt war, eine gesellschaftliche Funktion (was etwas anderes ist als ein Zweck). In einer Zeit, da das Bildungs- und Besitz-Bürgertum sich einerseits abzugrenzen hatte gegen alten Adel, andererseits gegen das wachsende Proletariat, war das Theater der Treffpunkt der "feinen" Gesellschaft. Es war in einer Zeit rastloser Arbeiterwanderung ein Fixpunkt, sich mit seinesgleichen auch in fremden Städten zu treffen.

Es spielte auf der Bühne Bürgerlichkeit vor und vermittelte den kanonischen Inhalt bürgerlicher (Pflicht-)Bildung. Es stellte einer recht finanzkräftigen Schicht eine hinreichend exquisite Abendbelustigung zur Verfügung, über die sich zudem noch unter Fremden Konversation treiben und Gesprächsthemen finden ließen. Das mag keine abschließende Bestimmung dieser Funktionen sein – aber einige dieser Funktionen sind die Stadttheater bis heute nicht los geworden, wiewohl die Klientel, die sich dieser Funktion bedient, gerade dabei ist auszusterben und die Gesellschaft, der sie angehört, zerbröselt.

Eine Funktion jenseits (ökonomischer) Zwecke

"Funktion" ist dabei, wie gesagt, nicht mit "Zweck" zu verwechseln. Keine Kunst, auch nicht die Theaterkunst, ist verpflichtet, einem Zweck zu dienen. Trotzdem haben Kunst im Allgemeinen und Theater im Besonderen eine Funktion – ob sie wollen oder nicht. Welche Funktionen hatte Theater in der Vergangenheit? Welche Funktion hatte das Theater der Gott-Menschen-Welt der attischen Tragödie? Welche Funktion hatten die mittelalterlichen Mysterienspiel-Stadtfeste? Welche Funktion hatten die Königsspiele im Globe(!)-Theatre im monarchischen London? Welche Funktion schrieb die Nationaltheaterbewegung den Nationaltheatern zu, welche die Volkstheaterbewegung den Volkstheatern? Welche den Boulevardtheatern? Welche Funktion hatte Theater im Nachkriegsdeutschland? Und welche hat es heute?[8]

Die gesellschaftlichen Funktionen mögen vielfältig gewesen sein, man mag sich gar theoretisch darüber streiten können, welche Funktion ein bestimmtes Theater zu bestimmter Zeit an bestimmtem Ort für die Besucher hatte. Aber es ist nicht zu übersehen, dass die Funktion, die es für die Gesellschaft ausübte, immer der Grund war, warum man ins Theater ging, und heute der Grund ist, warum Stadttheater mit Millionenbeträgen von der Gesellschaft finanziert werden. Stellt die Gesellschaft fest, dass in einer sich ändernden Gesellschaftsform Theater keine Funktion mehr hat, weil es sich in der alten Funktion einrichtet, wird sie ihre Finanzierung und ihre Sympathie entziehen.

Ohne eigene Funktion wird Theater zum zweckrationalen Standortfaktor

Die Funktionsdimension nicht zu reflektieren und zu diskutieren, macht Theater bestenfalls zu einer selbstgefälligen Institution, die zumeist anlässlich von Budgetkürzungsdebatten nur noch schreien kann: Kulturbanausen! Kunst ist wichtig! Theater muss sein! Und was dergleichen mehr ist. Und sie macht Theater anfällig dafür, von Kämmerern und Wirtschaftsförderungen einen ziemlich handfesten Zweck übergestülpt zu bekommen: als "weicher" Standortfaktor dem kulturbeflissenem Top-Personal in Unternehmen eine Stadt attraktiv erscheinen zu lassen ("vielfältiges Freizeitangebot") und in Kulturwirtschaftsberichten[9] der sich als "Creative Cities" verstehenden Regionen als Standortvorteil mit durchaus bezifferbarer Wirkung auf die Entwicklung der lokalen Wirtschaft einzugehen. Die "Künstler" des Theaters fungieren dann als Attraktoren für Would-be-artists der "kreativen Klasse"[10] und sollen eine Kreativ-Szene anlocken, die der lokalen Wirtschaftsleistung "innovative" Impulse und Mitarbeiter zuführt. Gibt sich Theater keine eigene Funktion, wird es in diesen zweckfunktionalen Zusammenhang eingepreist.

Postdramatisches Theater und Postdrama

Ein Teil der sich in Budgetdiskussionen nur unbeholfen "materialisierenden" Krise des gegenwärtigen Stadttheaters ist auch eine Krise des Textes und des Dramas. Nachdem die unbestrittene Vormachtstellung der Schrift und des Textes schon in den letzten Jahrzehnten insbesondere im Theater auf eine Weise unterlaufen wurde, dass es gesetzestreue und autor(itäts)hörige Bürger gleichermaßen beschämt und erzürnt, ist die Funktion des Textes im und für das Theater fragiler und fraglicher denn je.

Der popkulturelle Remix, die Guttenberg'sche Mashup-Technik, die postdramatische Technik des Umgangs mit Fragmenten, Bruchstücken, Einzelteilen von Texten sägte lustvoll an den "Verkünder"-Autoritäten. Nicht um sie aggressiv zu unterlaufen (und damit letztlich im Aufbegehren ihre Autorität ex negativo zu zementieren), sondern um einigermaßen entspannt mit den Fragmenten zu spielen. Während das Theater sich damit von der Übermacht der Texte befreit, tendiert es zugleich dazu, im Fragmentspiel Kleinkunst zu werden und seine emanzipatorischen Funktions-Möglichkeiten zu unterspielen.

Die institutionelle Eigendynamik der Freien Gruppen frisst die Freiheit auf

Die zunächst formal motivierte Gegenbewegung des postdramatischen Theaters gewann ihre Kraft aus der Funktion, sich gegen die Dominanz der Texte aufzulehnen. Aber diese Funktion verbraucht sich mit der Zeit. In der Wiederholung wird die kühne Geste auf die Dauer affektiert. Zudem ist auch die Freie Szene, in der das postdramatische Theater entstand und maßgeblich vorangetrieben wurde, durch die jedem Produktionszusammenhang immanente Notwendigkeit gefordert, immer wieder "neue" Produktionen (eine interessante Nostalgie scheint in diesem industriellen Begriff im Umfeld Freier Gruppen noch mitzuschwingen) auf den Markt zu schmeißen, die Fördergelder beantragbar und Einladungen zu Festivals erwartbar machen.

Dabei wird gerade die von von Hartz gefeierte Innovation zum Fluch. Wenn die formale Neuigkeit des postdramatischen Theaters sich tot zu laufen droht, wenn sie keine Funktion mehr hat, als ein buntes Abendprogramm zu liefern, kann der Ruf nach noch innovativeren Innovationen, die noch fragmentierter, noch authentischer, noch körperlicher, noch sinnlicher, noch postdramatischer, lauter oder bunter sind, nicht die Antwort sein.

Der leerlaufende Innovationszirkus

Von Hartz' Behauptung hinsichtlich der mangelnden Innovationskraft der Stadttheater ist falsch. Der Begriff stadttheatraler Innovation ist lediglich ein anderer als seiner und demjenigen der Freien Gruppen nicht kompatibel. Stadttheater tun das, was sie in ihrer kulturellen Form als Innovation gelernt haben: Sie bringen neue Stücke. Jedes Jahr stellen die deutschen Schrift-Fabrik-Bildungsbürger-Stadttheater neue Rekorde an Uraufführungen auf. Allerdings in einer Form, die an die sinnlose Schraubendreherei in Chaplins "Modern Times" erinnert: Sie schieben die Texte in "alternative Spielstätten", lassen sie von über- oder untermotiviertem Personal als bestenfalls "szenische" Lesungen nahezu ungeprobt abspulen und schicken sie auf "Autorenfestival"-Tournee, um darin Innovationskraft in leerlaufender Form unter Beweis zu stellen.

Währenddessen drohen die Freien Gruppen früher oder später in leerlaufenden "ästhetischen Impulsen" (von Hartz) zu enden, die nur noch party- oder konsumbegleitendes Idyll sind. Auch die Freie Szene ist drauf und dran, ihre Funktion für eine Gesellschaft einzubüßen, die das Entstehen der Freien Szene nicht ausschließlich als formalistische Innovation, sondern als befreienden Akt begriffen hatte. Daher kann die Hilfe für die Stadttheater nicht aus dem Re-Import ästhetischer Innovationen der Freien Szene allein kommen.

Ebenso wenig aus dem immer schnelleren Durchnudeln von Texten, die das Theater der Schriftgesellschaft bedienen. Es findet sich die Lösung schon gar nicht in einer schreiberischen Haltung wie derjenigen von Elfriede Jelinek, die in der scheinbaren Aufgabe der Autorität über den Text zugleich deutlich macht, dass die antiautoritären Praktiken des Theaters ihr egal sind und ihren geschriebenen Text nicht tangieren: "Die Autorin gibt nicht viele Anweisungen, das hat sie inzwischen gelernt. Machen Sie, was Sie wollen."

Und nun?

Eine simple Wiedervereinigung, indem die Konzepte und Kräfte der Freien Gruppen die in den Städten verankerten Stadt- und Staatstheaterdickschiffe übernehmen, ist nicht die Lösung. Die Häuser unter dem Motto "Wir nennen es Theater" zu Co-Performing Spaces zu machen, den Co-Working Houses der Kreativindustrie vergleichbar, neutralisiert die potenzielle Kraft und Funktion beider. Und die Funktion von Theater in der Netzgesellschaft ist die eigentliche Herausforderung, aus der allein eine Rettung der (Stadt-)Theaterkultur kommen kann.

Dirk Baeckers Formulierung vom Theater als "Katastrophenschutz der Gesellschaft" kann als Indikation, als Andeutung in diese Richtung verstanden werden, auch wenn es, wie er anderorts schreibt, für das nächste Theater noch "kein Programm und kein Manifest" gibt. Aber es gibt ein sich veränderndes Umfeld, das sich als entstehende Gesellschaft in den Blick nehmen lässt und in dem Theater nur wahrnehmbar wird, wenn es sich in diesem Umfeld bewusst positioniert und verhält. Diesen Satz von Matthias von Hartz unterschreibe ich sofort: "Ich fordere eine stärkere inhaltliche Anbindung an die politische und soziale Realität ein."

Statt Innovation: Neuerfindung

Nimmt man Luhmanns Diktum ernst, dass die Kunst auf Gedeih und Verderb mit dem Neuen verbunden ist, besteht die Herausforderung – ob für Stadttheater oder Freie Gruppen – darin, sich dem rasanten Wandel der Gesellschaft, ihren neuen kommunikativen, produktiven, sozialen und kulturellen Zusammenhängen zu stellen und danach zu fragen, welche entsprechend neue Funktion und Form das Theater in diesen Kontexten haben kann. Wie also könnte ein Theater anstatt für Bürger für Surfer beschaffen sein? Oder: Wie kann ein Post-Drama aussehen, das nicht versucht, das Alte im neuen Gewand zu sein, sondern seine Funktion in der Auseinandersetzung mit dem "Jetzt", der Gegenwart der postindustriellen Gesellschaft sucht, das reflektiert, wie ein Text in der Netzgesellschaft für ein Netztheater aussehen könnte?

Das ist die spannende und noch völlig offene Frage. Sich ihr zu stellen, heißt, sich von beiden besprochenen Theaterformen zu trennen. Die Hilfe für die Stadttheater kommt aus der Bestimmung der eigenen Funktion in einer Netzgesellschaft unter Einbeziehung ästhetischer Impulse und textlicher Innovationen, aus Postdrama und postdramatischem Theater. Es geht darum, das (Stadt-)Theater in seiner Funktion wie seiner Form neu zu erfinden. Das ist der einzig konsequente Lösungsvorschlag, denn – auch darin stimme ich von Hartz zu: "Das Theater ist in der momentanen politischen Lage nur aus dem Stadttheater heraus zu retten."


Ulf Schmidt, Jahrgang 1966, ist promovierter Theaterwissenschaftler, Theaterautor, Kommunikationsberater und bloggt unter www.postdramatiker.de über Arbeit und Medien, Gesellschaftliches, Politisches, Postdramatisches, Theater. Zwei Texte von ihm, "Heimspiel" und "Sich Gesellschaft leisten", sind im Programm des Verlags der Autoren.

 

Fußnoten

1] Vgl. dazu den dreiteiligen Beitrag "Warum es für Theater um Leben und Tod geht" auf postdramatiker.de: Teil 1, Teil 2, Teil 3.

[2] Castells dreibändiges Werk "Das Informationszeitalter – Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur" ist zwar bereits vor 15 Jahren geschrieben, beweist aber bei heutiger Wiederlektüre seine Hellsichtigkeit. Die dort beschriebenen oder angekündigten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse erreichen jetzt die breite Gesellschaft.

[3] Vgl. Luc Boltanski / Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Die Autoren weisen anhand der Untersuchung von Management-Beratungsliteratur nach, dass sich Unternehmen in den letzten Jahren zunehmend zu netzwerkartigen Strukturen verändern – mit grundlegenden Folgen für die Gesamtökonomie und die Lebensformen der darin Arbeitenden.

[4] Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Umschlagtext

[5] Vgl. dazu Zum Begriff der Inszenierung und ihrer Kritik auf postdramatiker.de

[6] Hier ein paar Ideen dazu.

[7] Vgl. Dirk Baecker: Der Ort des Theaters in der nächsten Gesellschaft, im Arbeitsbuch Theater der Zeit Heart of the City, S. 144)

[9] Vielleicht mangelt es mir an Gewohnheit bei der Lektüre von Publikationen wie dem Kulturwirtschaftsbericht der Bundesregierung – aber der selbstverständliche Umgang mit Begriffen wie "Markt für darstellende Künste" (der den möglichen Begriff von "Theaterwirtschaft" oder "Theatermarkt" erweitert, wie es im Bericht heißt) in einer politischen (und damit letztlich: gesellschaftlichen) Begutachtung der Kultur- und Theaterlandschaft lässt bei mir Besorgnis aufkommen.

[10] Die vielleicht entscheidende Herausforderung der Theater liegt in genau der Tatsache, dass die Mitglieder der Creative class, wie Florida sie definiert hat, traditionell die Avantgarde von Kunst und Kultur ausgemacht haben. In vergangenen Zeiten wären es die Menschen, die heute für Technologieunternehmen und Webdesignfirmen arbeiten und ökonomische Mehrwerte erschaffen, die sich um Theater geschart, Theater gemacht und für Theater interessiert hätten. Genau diese Menschen, die Digital Natives und ihre engsten Verwandten aber interessieren sich für das Theater so wenig wie die Theater für sie. Zwischen Web-Kreativen und Theaterfans gibt es offensichtlich eine Unvereinbarkeit – darauf hatten mich ein paar Zahlenanalysen rund um nachtkritik.de gebracht, die ich hier gepostet habe. Die Repräsentanten der Netzgesellschaft fühlen sich im Theater nicht zuhause – ebenso wenig wie die Theater das Netz als Spielraum für sich entdecken.

 




Kommentare (22)

1. Zukunft des Stadttheaters II: Dirk Baecker zur unsichtbaren Mitdetermination von Kommunikation und Handlung durch Medien
Nur eine Anmerkung, wenn es erlaubt ist: Das Theater, wie wir es kennen, ist eher ein Produkt der Buchdruck- denn der Schriftgesellschaft. Es gibt zwar immer wieder äußerst spannende Rückgriffe auf das antike Theater, und dies auch deshalb, um sich dessen Funktion in einer sich politisierenden Gesellschaft zu vergewissern, aber Themen, Stile und Rollen sowie deren Subversion sind doch eher ein Verweis auf die Buchdruckgesellschaft und deren Bedarf, sich der Rolle des Individuums in einer "komplexen" (vielfältigen, aus vielen Falten bestehenden) Gesellschaft zu vergewissern. Diese Zentralität der Differenz von Individuum und Gesellschaft (in aller Holzschnittartigkeit) tritt heute hinter die Frage nach der oft unsichtbaren und nie zu instrumentalisieren Mitdetermination von Kommunikation und Handlung durch "Medien" aller Art (eben Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer, Kino, Fernsehen, aber auch Geld, Macht, Liebe, Recht, Kunst, Religion) zurück. Nichts anderes soll das Stichwort vom "Medientheater" in der "nächsten Gesellschaft" beobachtbar und gestaltbar machen.
Dirk Baecker , 02. August 2011 - 13:39 Uhr
2. Zukunft des Stadttheaters II: Frage nach der Praxis
"Es geht darum, das (Stadt-)Theater in seiner Funktion wie seiner Form neu zu erfinden." Jetzt wäre es interessant zu sehen, in welche Richtung es dem Autor zufolge in der Praxis bereits geht (oder vielleicht auch nicht) und vor allem, wohin es noch gehen könnte oder sollte.
, 02. August 2011 - 13:48 Uhr
3. Zukunft des Stadttheaters II: Ulf Schmidts Antwort an Dirk Baecker
@ Dirk Baecker
Vielen Dank für den Kommentar – und auch auf die Gefahr hin, dass die Diskussion jetzt vielleicht etwas akademisch klingen mag: Ich verstehe Ihre Unterscheidung zwischen Schrift und Buchdruck, denke aber, dass zu viel in die Grauzonen zwischen beide fällt (was die Gefahr jedes Schwarzweißgemäldes ist). Den Anfang der Schriftgesellschaft sehe ich bereits in der Antike, genauer bei Platon (dem Schriftkritiker), an genau dem Punkt, da er seine Philosophenstadt, die im Grunde eine Schriftstadt ist und die er als Tragödie bezeichnet, den Tragöden gegenüber stellt. Die Erfindung des Buchdrucks, die gewisse Techniken, die zuvor schon durch klösterliche Kopistenarbeit erlegt wurden, nunmehr technisiert, scheint mir demgegenüber der eher weniger bedeutende kulturelle Bruch (ohne daraus eine empirische Diskussion über Bücher, die mangels Schulunterricht noch nicht gelesen werden können, vom Zaun zu brechen; und ohne die Bedeutung für die herausgehobene Stellung der kirchlichen Institutionen dabei in Abrede stellen zu wollen). Insofern könnte man Platon als ersten Theoretiker der Buchdruckkultur ebensogut annehmen. Versteht man ihn nur als Protagonisten in der verfügbaren Geistesgeschichtsschreibung, der als erster den bewußten und gezielten Umgang mit vervielfältigbarer Schrift, mit ihren Stärken und führ ihn bekanntlich enorm bedauernswerten Schwächen, geübt hat.

Zugleich möchte ich den Begriff der Mediengesellschaft insofern etwas problematisieren, als von einer massenmedialen Gesellschaft m.E. schon zu einem Zeitpunkt zu sprechen ist, da Flugblätter und Zeitungen einem nunmehr weitgehend lesefähigen Massenpublikum zur Verfügung standen, d.h. etwa Anfang des 19.Jahrhunderts (Historiker mögen Genaueres dazu sagen können). Dieser Kulturform gegenüber erscheinen andere, uns als „Massenmedien“ bekannte Publikumsorgane wie Radio und Fernsehen nur als relativ unbedeutende Verschiebungen. Dieser massenmedialen (Zeitungs- Radio-, Fernseh-) Gesellschaft, die auch die Gesellschaftsform des noch bestehenden Stadttheaters prägte, stellt sich die Netzgesellschaft insofern als neue Form gegenüber, als jetzt all die Prozeduren und Rahmenbedingungen der Erzeugung von Dokumenten (wie Klaus Kusanowsky sie sehr überzeugend darstellt) abgelöst werden durch eine andere Kulturform, wie sie auf nachtkritik etwa am überschaubaren Bereich der Kunst- oder Theaterkritik sichtbar wird. Es erodieren Formen des (kritischen) Expertentums, des „fertigen“ Text-Dokumentes, des autoritären Autors, der materiellen Gebundenheit von Texten (etwa an Zeitungen oder Bücher), der Verbindlichen, des (idealiter) identisch Wiederholbaren, eventuell des Begriffs der Identität insgesamt zugunsten von verflüssigten Formen, in denen Texte eingebunden sind in Diskussionen, sich quer verlinken, zitiert, (teilweise) kopiert, auf wechselnde Trägermedien verschickt werden. Was als „Werk“ heute noch in Buchhandlungen käuflich zu erwerben ist, hat sich auf dem Musik- und Filmsektor bereits massiv verschoben hin zu dieser neuen Kulturform. Zugleich verändert sich das Verhältnis von Produzent und Rezipient, das von diesen dokumentartigen Formen vorausgesetzt bzw. schon in der Schule im Umgang mit dem Lehrbuch eingeübt wurde, hin zu einer partizipativen Form, in der „Experten“ vielleicht noch eine besondere Reputation genießen, die durch Verlinkung, Verweis oder namentliche Nennung sichtbar wird; in der die Experten aber keinesfalls mehr die grundlegende Differenz behaupten können, die ein „Autor“ im emphatischen Sinne, ein Produzent, ein Künstler, ein Politiker noch vor einigen Jahrzehnten hatte: als monolithischer Sender eines dokumentartigen Inhalts, der von „den andern“ diskutiert, kritisiert und problematisiert, nicht aber verändert werden konnte.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist vermutlich Aufgabe, die Begriffe „Schriftgesellschaft“ und „Buchdruckgesellchaft“ abzulösen durch einen anderen (vielleicht „Dokumentgesellschaft“ ?), zugleich den etwas schummerigen Begriff der Mediengesellschaft einerseits in einen solchen der Massenmediengesellschaftgesellschaft ( im Sinne einer Gesellschaft, in denen Medien ein Massenpublikum herstellen / konnten?) und einer Netzgesellschaft aufzuspalten. Wobei die Netzgesellschaft eine solche ist, die weder das Werk ins Zentrum stellt, noch den Urheber, noch den passiven Rezipienten, sondern (wie es in der Diskussion rund um die sich verändernden Bedingungen der Massenökonomie der Fall ist) den Prosumenten, dessen Produzieren und Konsumieren sich unauflöslich ineinander verschränkt, der als Kommentator zwischen Leser und Schreiber steht, der zugleich im politischen Raum weder einfach regierter Bürger noch politischer Regent ist, sondern politisch partizipierender Bürger, der die notwendigen Produktionsmittel (anders als zu Zeiten der Druckerpressen, Tonstudios, Plattenpressen, Filmkopieranstalten, Filmstudios, Bundestagsdrucksachen u.s.w.) jederzeit zur Hand hat, jederzeit bearbeiten, kopieren, oder mit eigenen Nicht-mehr-Werken konfrontieren kann. An jedem Rechner. Oder an jeden Smartphone.

Für Stadttheater leitet sich darauf m.E. nicht einfach die Aufgabe ab, ein partizipatives Mitmachtheater zu organisieren, um mit den oberflächenformalen (Seh-)Gewohnheiten der Zeit zu schwimmen. Vielmehr sehe ich eine (mögliche) Funktion von Theater in einer Netzgesellschaft, eben diese Gesellschaft durch Reflexion herauszufordern und auf sich selbst zurück zu werfen. Anders gesagt: In der Beobachtung der Gesellschaft als Netzgesellschaft die Beobachter dieser Beobachtung, die an der Beobachtung mehr oder minder aktiv mitwirken, dazu zu bringen, die Form der Netzgesellschaft, in der sie sich (meine Beobachtung) befinden, als eine Netzgesellschaft zu beobachten, ihre Verästelungen, Implikationen, insbesondere ihre Bedrohungen aber auch Chancen als solche beobachten zu können – und in ihr zu agieren. Anstatt in einer Publikumshaltung zu verbleiben und nicht mitzubekommen, was gerade geschieht, weil es der Beobachtung entkommt.
Ulf Schmidt , 02. August 2011 - 17:06 Uhr
4. Zukunft des Stadttheaters II: anekdotische Ergänzung
Nachtrag zu dem letzten, leider schon sehr langen Kommentar:
Vielleicht als anekdotische Ergänzung dazu eine Beobachtung bei der letzten Dokumenta: Waren zuvor Besucher aufgefordert, sich kontemplativ oder mit anderen Besuchern diskursiv zu den Werken zu verhalten, so ließ sich bei der letzten Dokumenta (sic!) beobachten, dass die Besucher keinesfalls mehr passiv vor den Werken verharrten, sondern mithilfe von Handy und Digitalkameras Bilder von Bildern und Objekten machten, die sie in der Folge vielleicht nicht zu individualisierten Dokumentas im Netz machten, aber doch zu ihren je eigenen Ausstellungen und Kunstsammlungen. Als handele es sich um musikalische und filmische „Raubkopien“ werden die Besucher zu „Urhebern“ von Kunst-Mesh-Ups, die sich hinterher auf flickr, bei der nächsten Dokumenta vermutlich auf Facebook, G+ und wo auch immer finden, geshared, kommentiert und geliked werden. Das Publikum tritt damit (zum großen Unbehagen eines Anhängers der alten Kulturtechnik der Betrachtung von Kunstwerken) damit in einen Zwischenraum ein zwischen Kunstwerkproduzenten und Kunstwerkrezipienten. Sind diese Fotos Kunst? Dokumentieren sie Kunst? Dokumentieren sie die Anwesenheit des Rezipienten auf der Dokumenta? Wird das Netz zu einer Dokumenta 2.0? Mir gelingt darauf noch keine sichere Antwort.
Ulf Schmidt , 02. August 2011 - 17:17 Uhr
5. Zukunft des Stadttheaters II: Rückzug aus dem massenmediale Gewebe konstruierter Wirklichkeit
@2 Wohin die Praxis geht oder gehen sollte? Das oberflächenformale Inventar ist sicherlich vorhanden, darin ist Matthias von Hartz nicht zu wiedersprechen. Die Menge an Experimenten, die in Teilen sich von der Tradition absetzen, sie befragen, kritisch ausstellen oder anderen versuchen, lässt sich vermutlich an vielen Häusern und noch mehr freien Spielstätten sehen. Was fehlt, ist die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Funktion in der Gesellschaft und einer daraus abzuleitenden bewussten Neuformierung. Als die - bei Ivan Nagel sehr schön nachzulesende - Aufbruchsstimmung der 70er Jahre die Schaubühne möglich machte, gründete diese sich mit dem Ziel, Neues radikal zu versuchen, in Frage zu stellen, was an Stadttheatern vorfindlich ist. Und das mit scharfem Blick auf die umgebende Gesellschaft. Ein "Leuchtturmtheater" im Sinne von von Hartz allein kann heute nicht mit dieser Aufgabe befrachtet werden. Viwelmehr ist diese Neuerfindung für alle Häuser nötig, die sich den klammen Fingern der Stadtkämmerer entziehen und in ihrer Stadt und im Web Funktion und Relevanz haben wollen. Jenseits der Auseinandersetzung mit oder Wiederholung von Details, die schon Presse, Funk und Fernsehen adressieren und auseinandergenommen haben. Was ist Theater in einer noch massenmedialen und schon Netzgesellschaft? Das ist Arbeit. Die zu beginnen, ist höchste Zeit. In meinem Blog tue ich den mir möglichen Teil seit zwei Jahren. Es heißt vor allem, sich einen Schritt zurückzuziehen aus dem massenmedialen Gewebe der "Wirklichkeit", dieses zugleich mit zu bedenken und jenseits von Einzelteilen einen Zusammenhang zu erkennen, der sich als Gesellschaft verstehen lässt. Vielleicht gelingts mit dem nächsten "Stück" ein Stück weiter.
Ulf Schmidt , 02. August 2011 - 17:33 Uhr
6. Zukunft des Stadttheaters II: Linktipp
Hier ist ein aktueller Artikel zum Thema Stadttheater:
http://www.suite101.de/content/arbeitsbuch-zum-stadttheater-heart-of-the-city-a119738
Melanie , 02. August 2011 - 19:22 Uhr
7. Zukunft des Stadttheaters II: handfeste Probleme
dieser diskurs ist wahrlich hochinteressant und er muß geführt werden! derzeit lassen sich jedoch auch andere, ganz handfeste probleme an deutschen stadttheatern ausmachen, die es ebenso wert sind benannt zu werden:
die künstlergagen sind in weiten teilen nur noch prekär zu nennen!
(1000.-€ für eine regie am staatstheater!!!!)_ ernsthaft passiert!!!
studierte bühnenbildnerInnen arbeiten für praktikumsgeld oder in festanstellung ( nicht als assistentInnen )für NV solo mindestsatz und fertigen dabei 6 komplette bühnen und kostümbilder in einer spielzeit!- 14 stunden am tag!!!
hochschulabgänger arbeiten gratis..der gesamte "mittelbau" erodiert dramatisch!
schauspielmusiken werden mit "spesen" abgetan und einige theater versuchen zudem noch die GEMA zu umgehen!
junge schauspielerInnen werden zu mindestgage engagiert und pünktlich zur anstehenden gehaltserhöhung entlassen..um wiederum durch hochschulabgänger ersetzt zu werden!
schauspielerInnen, die auf die "unkündbarkeit" zukommen, werden entlassen..auch alleinstehende mütter!...oder sie werden nach der kündigung zu schlechteren konditionen und mit zweijahresvertrag wieder eingestellt!
fahrt und wohnkosten für gastregisseure werden oft nicht mehr übernommen!
regisseure und bühnenbildner arbeiten gratis.."um ins geschäft zu kommen"
sie müssen auch zwingend einen knaller landen und vermeintlich das rad neu erfinden..sonst ist ihre halbwertzeit sehr begrenzt!
letztlich sind die werkverträge oftmals jedoch so gestaltet, dass man durchaus von "scheinselbständig" und in jedem falle von "weisungsgebunden" sprechen kann!!

einige theater gehen ohnehin davon aus, dass regie und bühne keine kunst, sondern eine dienstleistung ist..und die gäste müssen auf ihre schmale gage auch noch 19% umsatzsteuer abführen!!
dies alles und noch viel mehr...2011
und die einschläge kommen näher
rudimental , 03. August 2011 - 10:44 Uhr
8. Zukunft des Stadttheaters II: noch ein Linktipp
, 03. August 2011 - 11:28 Uhr
9. Zukunft des Stadttheaters II: keine Kritik
Naja, mit Verlaub, eine "Kritik zu den Texten" des TdZ-Arbeitsbuches zum Stadttheater ist der Text den Steffen Kassel da veröffentlicht hat nicht. Bestenfalls ist es eine Zusammenfassung der Hauptthesen und Gedanken der Autoren, die in in diesem "Arbeitsbuch" versammelt sind.
kolja , 03. August 2011 - 11:40 Uhr
10. Zukunft des Stadttheaters II: näher an der Wirklichkeit
@ rudimental
Na herzlich willkommen in der freien Wirtschaft. Das Stadttheater scheint ja tatsächlich näher an der Wirklichkeit zu sein, als man gemeinhin glaubt. Vielleicht sollten die Künstler eher das thematisieren als sich ständig neu- oder wegzuerfinden.
Stefan , 03. August 2011 - 11:56 Uhr
11. Zukunft des Stadttheaters II: Bekenntnis zum Tragischen
...ich werde das jetzt nicht alles lesen, denn es raubt mir zuviel Lebenszeit, aber, ich empfehle eine neue Ernsthaftigkeit und ein unbedingtes Bekenntniss zum Tragischen.
martin baucks , 03. August 2011 - 15:39 Uhr
12. Zukunft des Stadttheaters II: Forderung
...außerdem verlange ich, dass es kein staatliches oder städtisches Theater mehr gibt, dass weniger als DREIßIG Schauspieler fest engagiert hat...
martin baucks , 03. August 2011 - 18:36 Uhr
13. Zukunft des Stadttheaters II: wie meinen Sie das?
@ Ulf Schmidt/ 5.: Meinen Sie damit eine "Politisierung" des Theaters? Diskussionen anregen? Änderungsmöglichkeiten aufzeigen o.Ä.?
, 04. August 2011 - 10:45 Uhr
14. Zukunft des Stadttheaters II: gemeint ist eben nicht die Wiederholung auf dem Theater
@13 - unter anderem etwas, das mit "Politisierung" angesprochen aber missverständlich ausgedrückt ist, ja. Gemeint ist damit eben nicht, die bereits massenmediale und netzöffentliche Skandalisierungsmaschinerie von Missständen mit den gleichen Inhalten "noch mal" ins Theater zu bringen. Vom Theater ist zu erwarten, den Dingen auf den Grund zu gehen. Oder darunter. Heißt: Diese oder jene Entscheidung von Angela Merkel oder anderen "Machthabern" ist weniger interessant, als vielleicht die Frage zu stellen, was oder wie denn eigentlich ein Kanzler (im Gegensatz zu den noch immer bühnenpräsenten Königen der Vergangenheit) beschaffen ist. Wir verstehen ganz gut, was Könige gewesen sein könnten - Königsdramen haben es uns gezeigt. Was mich wundert ist (um mir vielleicht ein wenig Plattheit zu erlauben), dass es in einem nunmehr jahrzehntelang demokratischen Staat so weit ich sehe keine Gattung von "Kanzlerdramen" gibt. Ich hatte dazu vor zwei Jahren einen Text geschrieben, den ich hier gerne verlinke: Das Politische zurück ins Theater.http://postdramatiker.de/wp-content/uploads/2010/01/DasPolitischeZurueckInsTheater.pdf
Ulf Schmidt , 04. August 2011 - 11:52 Uhr
15. Zukunft des Stadttheaters II: umfassende Fragen
@ Ulf Schmidt. Danke für den Hinweis auf Ihren Text. Sehr interessant, soweit ich es verstanden habe. Eigentlich sollte Ihnen die nachtkritik-Redaktion die Chance geben, Ihre Vision eines heutigen Theaters zu zeichnen - in einem weiteren Aufsatz. Mich würde interessieren, was Sie, würden Sie ein Theater oder eine Kultureinrichtung leiten oder wie man es auch immer nennen will, machen würden. Selbst Texte schreiben? Allein, im Kollektiv?. Mit den Künstlern, die es aufführen? Würden Sie Stückaufträge mit den genannten Vorgaben vergeben? Wenn, an wen? Ganz einfach: Wie würde Ihre künstlichere Vision aussehen. Das sind umfassende Fragen. Und sicher auch nicht für einen kurzen Kommentar geeignet.
, 04. August 2011 - 15:36 Uhr
16. Zukunft des Stadttheaters II: die alte Theatereigenschaft Langsamkeit
@ Ulf Schmidt. Bin seit 2001 sowohl in Stadttheater als auch freier Szene als Regisseur, Gelegenheitsautor und Verlegenheitsdramaturg unterwegs und kann alles unterschreiben! Stadttheater als müde gewordene Fabrik der immergleichen alten Werkstücke, die man halt nur immer wie neu aussehen lassen muss. Freie Szene als sich langsam müde spielende Fabrik permanenten Sofortneuseinmüssens. Frage mich schon länger, wo der Weg dazwischen liegt und wie wir aus den unsäglichen Dichotomien von "frei"/"stadt-", "post-"/"dramatisch" herauskommen und jeweils beides zugleich (einfach spielerisch?) sein können. Die selbst im Stadttheater immer prekärer werdenden Arbeitsbedingungen, wie rudimental sie schildert, kenne ich auch aus eigener leidvoller Erfahrung. Was Folgendes angeht: "Die Repräsentanten der Netzgesellschaft fühlen sich im Theater nicht zuhause – ebenso wenig wie die Theater das Netz als Spielraum für sich entdecken." Genau das zu ändern, dafür brennt mein Herz. Bin selbst mit der Computerisierung aufgewachsen, versuche den Wandel sowohl schriftstellerisch, als auch in meiner Stückauswahl beizukommen - soweit ich meinen Kopf durchgesetzt kriege in dem von rudimental schon erwähnten "weisungsgebundenen" Freiberuflertum. Habe mich einmal auch essayistisch mit der Frage nach der "Wahrheit der Kunst im Zeitalter des Digitalen" auseinanderzusetzen versucht, dies aber von der eher abstrakt-philosophischen Seite. Und weiß (!), dass das Theater für mich halben Computernerd durchaus eine Heimat ist. Nur eben bisher noch viel zu selten. Und eben aus Macherperspektive. Und manchmal ist man der Kämpfe - obwohl die heiße Phase wohl erst noch bevorsteht - jetzt schon ein bisschen müde. Immerhin: Ich glaube, wir "vernetzten" und "sowohl-frei-als-auch-Stadtheater-Macher" werden immer mehr. Nur wird's bei der historisch niedrigen Geburtenrate wohl recht lange dauern, bis der Generationenwechsel sich vollzogen hat. Und er wird wohl für alle Seiten recht schmerzhaft abgehen. Immerhin leben wir in der historisch einmaligen Situation, dass einerseits mehr Generationen zusammenleben, sich andererseits aber zugleich in völligst voneinander verschiedenen Lebenswelten bewegen. Mir graut jetzt schon vor dem Anteil meiner erworbenen Lebens-Erfahrung / meines Wissens, den mein Sohn in dreißig Jahren obsolet finden wird. Immerhin, bei all meinem Herzblut, das "neue Stadttheater" mit aufzubauen, sollten wir eine alte Theatereigenschaft nicht opfern: die Langsamkeit. Institutionell ist die heute zwar oftmals tödlich. Aber künstlerisch ist sie in der Regel notwendig und fruchtbar. Denn die Gesellschaft kommentieren, die Beobachtung beobachten kann man nur, wenn man auch Distanz wahrt zu den zeitgenössischen Umgangsformen. Wie kann das Theater es schaffen, den Anschluss zu behalten und trotzdem sich und dem Publikum Zeit zu lassen? Was genau bedeutet es heute, als Genosse seiner Zeit die Themen seiner Zeit mit unzeitgenössischen Mitteln zu bearbeiten, wie Alain Badiou das einmal formuliert hat? Nun, zumindest ein paar persönliche Ausschlusskriterien kann ich nennen: Nicht wie viele (kleinere) Stadttheater den immergleichen Stücke- und Spielhaltungskanon aus den 60er Jahren durchzunudeln. Aber auch nicht, wie die freie Szene, krampfhaft nur auf die wieder nächste Innovationen (das ist die Sprache der "Kreativwirtschaft"!) aus zu sein. Also warum sich wirklich nicht daran abzuarbeiten versuchen, was ein "Kanzlerdrama" heute, wo der, der die Macht hat, nichts damit macht, dennoch sein könnte. Also, lieber Ulf Schmidt, ich jedenfalls bin dabei! www.popp-art.com
Steffen&Lars Popp , 04. August 2011 - 17:57 Uhr
17. Zukunft des Stadttheaters II: Link zu Debattenbeitrag
M. v. Hartz auf Deutschlandradio Kultur: http://www.dradio.de/aodflash/...stream=3&/ (7.8., 10.08 Uhr)
, 07. August 2011 - 12:07 Uhr
18. Zukunft des Stadttheaters II: Glückwünsche
Zum 80. Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche für Peter Fitz!
Fan , 08. August 2011 - 08:36 Uhr
19. Zukunft des Stadttheaters II: Künstler spielen nicht für einen Hungerlohn
Immer nur Klagen und Verbesserungswünsche beim deutschen Modell des Stadttheaters. Aber nur aufgrund der Subventionen ist ein solch aufwendiges Theater überhaupt möglich. In England ist, so Zadek, das Theater zwangsweise wesentlich marktorientierter und kommerzieller ausgerichtet, da die staatlichen Zuwendungen fehlen. Das Ergebnis: kürzere Proben, sparsame Bühnenbilder und oberflächliche Inszenierungen, die auf den raschen Publikumserfolg abzielen. Ich möchte nicht wissen, wie viel Geld in Thalbachs „Dickicht der Städte“ allein für das bombastische Bühnenbild verschlungen wurde. Gewiss, Peymanns Omas, die in Scharen strömen und einen Teil des Stammpublikums ausmachen, werden dieses Broadway-Gefühl genossen haben.
Matthias von Hartz sagte im gestrigen Radiointerview, dass in Deutschland für Häuser gezahlt werde und in anderen Ländern für Künstler. Richtig, aber die subventionierten Häuser verteilen das Geld weiter, unter anderem auch an die Künstler. So sind in Deutschland kleine Fürstentümer entstanden, aber selbst das Regime Castorf war nach der Machtergreifung der Volksbühne immer von seinem Ensemble abhängig. Und die Künstler spielen nicht für einen Hungerlohn.
Flohbär , 08. August 2011 - 10:56 Uhr
20. Zukunft des Stadttheaters II: was der Markt regelt
Das mit dem Hungerlohn kommt wohl darauf an, in welcher Liga man spielt, also ob an der Volksbühne oder in Memmingen. Gerade wo die öffentlichen Haushalte knapp sind, fließt das Wenigste aus den Steuergeldern tatsächlich ins künstlerische Personal oder in die Produktion. Das Meiste von dem Wenigen wird dort von Verwaltung und Technik, die ja Verdi-basierte Verträge haben, aufgefressen. Dennoch ist dem zuzustimmen, dass es (gerade jetzt mehr denn je) einer Einrichtung bedarf, die feste Gelder der öffentlichen Hand an sich bindet. Ohne geht Kunst bekanntlich sowieso nicht und die Durchschnitts-Gagen in der freien Szene liegen noch etwas unter denen des Stadttheaters. Deshalb sollte man den gelegentlichen Rufen, das Stadttheater völlig zu zerschlagen und nur noch nach dem Modell der freien Szene zu fahren, gesundes Misstrauen entgegenbringen. Denn dann hätten wir wirklich anglikanische Verhältnisse. Die Folge wäre zwar vielleicht potentiell mehr künstlerische Freiheit, aber auch mehr Markt - und mehr Prekarisierung. Es braucht also weiterhin Häuser, die fest von der öffentlichen Hand getragen werden und sich Ensembles leisten können. Nur noch "Projekte" kann die Lösung wohl nicht sein. Schon jetzt geht in der freien Szene seehr viel Zeit für die notwendigen Antragsverfahren drauf. Und bei den aktuellen Subventionstrends würden die wenigen freien Häuser dann wohl auch bald "Allianz"- oder "Commerzbank"-Theater heißen. Also Stadtheater, ja - aber eben "befreiter" als das heutige. Wo die wirklichen Bürgerthemen der Stadt behandelt werden. Wo nicht nur der Bildungsbürger sich mit Seinesgleichen trifft und für die Jugend mehr geboten ist, als das jeweilige Abiturthemastück. Wo keine gutsherrliche Allmacht eines (meist männlichen) Intendanten jegliches Andersdenken oder -machen im Keim erstickt. Wo Künstler und Technik/Verwaltung auf Augenhöhe agieren (die schlechteren Arbeitsbedingung der ersteren korrespondieren oft mit vermehrtem elitärem Naserümpfen der zweiten). Vieles wäre hier noch zu ergänzen. Aber dieser ganze Diskurs kann eigentlich nur dann überhaupt Früchte tragen, wenn er nicht nur von den Theatermachern, sondern auch von deren "besserer Hälfte", den Zuschauern, vehement mitgeführt wird. Und zwar, um die Realpolitik mal für einen Moment aussen vor zu lassen, im Konjunktiv: Welches Theater sollten wir eigentlich wollen?
Steffen&Lars Popp , 08. August 2011 - 18:31 Uhr
21. Zukunft des Stadttheaters II: Willkommen
Willkommen in den Compagnies, die... tagtäglich kreativ überleben.. müssen. Franco-Italo-Spanische Verhältnissen halt. Wir schaffen es seit Jahrhundert, Ihr werdet es auch können. Kein Zweifel. Alles Gute. Nathalie
Nathalie Desrousseaux , 08. August 2011 - 19:00 Uhr
22. Zukunft des Stadttheaters II: Fleisch essen, Holz riechen
A)Wenn ich das beim Überfliegen richtig verstanden habe, geht es Ulf Schmidt darum, die neue Netzgesellschaft zum Thema neuer Stücke zu machen. Aber wo ist das Problem? Es wird natürlich findige Schreiber in Mengen geben, denen das Kunststückchen gelingt. Aber ein der sich wandelnden Gegenwart hinternach dann sich anwandelnder Theatertext macht vielleicht eine neue Sternschnuppe am Dramatikerhimmel, aber noch lange kein neues Theater. Das Beispiel Königsdrama passt in einem anderen Sinn ganz gut: Es war ja wohl nicht nur das Thema (bei dem Wort wird mir sowieso schlecht, weil ich an Schulaufsatz denken muss), sondern auch die Form, die dem Thema entsprach. Königsdramen treten eben auch mit der dem Stoff entsprechenden majestätischen Wucht auf. Doch welcher Dramatiker heutzutage hat schon Zeit, Ruhe, Muße, in seinen Werken der altehrwürdigen Verquickung von Inhalt und Form auch nur annähernd gerecht zu werden?
B) Was den Wandel betrifft, den das Stadt- und Staatstheater durchlaufen sollte, habe ich hier einen Zehn-Punkte-Plan für die (leider zunächst unbezahlte) Revolution:
1. Computer abschalten.
2. Menschen begegnen.
3. Fleisch essen.
4. Stadt- und Staatstheater (gewaltfrei!) einnehmen.
5. Kulturspekulanten überrumpeln & rauswerfen(hochkant!)
6. Innere und äußere Hochglanzfassaden entfernen.
7. Tief durchatmen.
8. Bühnenböden schrubben.
9. Holz riechen.
10. Theater machen.

Wilfried Happel , 15. August 2011 - 18:04 Uhr

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