Es wird weiter gemistet

von Dirk Pilz

Wien, 14. Oktober 2014. Karin Bergmann, interimistisch eingesetzte Burgdirektorin, bleibt bis 2019 die Chefin am Haus. Gut, aber warum dann das ganze peinliche Theater? Wieso wird in gezielter Indiskretion erst eine Liste angeblich heiß gehandelter Kandidaten an die Öffentlichkeit lanciert, wenn das einzige Ziel dieser intriganten Schamlosigkeit augenscheinlich darin bestand, bei den Genannten Dementis einzuholen, damit am End' bittschön alles so bleibt, wie es war?

karinbergmann intendantin 280 burgtheater uDas offizielle Burgtheaterfoto von Intendantin
Karin Bergmann  © Burgtheater
Wenn es den verantwortlichen Herren und Damen politischerseits weder um Aufhellung vergangener noch gegenwärtiger Verstrickungen, Verfehlungen und Verfilzungen geht, sondern einzig darum, den Sumpf weiter zu bewirtschaften, weil andernfalls womöglich derart viel Arges ans Licht käm', dass es nicht hinreichte, einen Burgtheaterdirektor samt Vizechefin wegzuschaffen, sondern die Sumpfmitmacher in den Etagen darüber und darunter auch fortgeschickt gehörten? Das wär' was. Das gäb' eine Sumpfausheberei. Wer will das schon. Wer will schon zu tief in den Augiasstall hineinkriechen, wenn man befürchten muss, dass unter dem Mist das ganze schöne Burgtheater verschütt' ging. In Wien will man das nicht. In Wien will man sich sein Burgtheater von keinen Ausmistern mies machen lassen.

Gelingt das schier Undenkbare?

Karin Bergmann bleibt also Burgtheaterdirektorin. Sie wurde es nach dem Abgang von Matthias Hartmann interimistisch bis 2016, jetzt schenkt man ihr eine volle Vertragslaufzeit. Die Logik dieser Entscheidung lautet: Bergmann kennt das Haus gut, sie wird es also gut durch die derzeitig heftigen Stürme lancieren. Die Botschaft ist auch: egal, wie viel sie wusste, wie viel sie mitmachte oder mitbeschwieg, egal, inwiefern es sich um justiziable Vorgänge handelt – wichtig ist vor allem, dass sie jenes System kennt, das die Burg in die Krise geritten hat. Aufklärungsarbeit, die den strippenziehenden Politikern gefährlich werden könnte, muss von derlei wie auch immer Vergangenheitsbeteiligten nicht befürchtet werden.

Ärger drohte allenfalls von Leuten, die mit Distanz und ohne burgstallwärmende Voreingenommenheit den Sumpf zu betrachten vermögen. Schon allein deshalb konnte Wilfried Schulz, Intendant am Staatstheater Dresden und bis zuletzt häufig als neuer Burgchef gehandelt, es nicht werden. Noch mehr Scherereien können sie in Wien nicht gebrauchen.

Also versucht man sich in einer Kunst, deren Gelingen bislang noch nirgends bewiesen wurde: der Kunst, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu manövrieren. Vielleicht gelingt derlei an der Burg, es ist an diesem Haus ja das schier Undenkbare möglich. Vielleicht macht dieser kühne Versuch, die Vergangenheit zu deckeln auch große Schule. Vielleicht eröffnen sich hier gänzlich neue Wege, wie mit unschöner Vergangenheit umzugehen wäre. Als die DDR untergegangen war, dies nur als Beispiel, hat man die einstigen Sumpfbewirtschafter aus den höheren Funktionärfluren nicht gebeten, die Abwicklung des SED-Staates zu managen. Wahrscheinlich war das falsch, es hätten viele Fehler vermieden werden können, niemand kannte schließlich die DDR besser als diese.

Das ist ein schiefer, provokanter Vergleich? Ja, ich weiß. Aber soll unsereiner wirklich ernst nehmen, wie es in Wien bei der Direktionswahl und Vergangenheitsaufarbeitung vonstatten geht? Soll man wirklich glauben, hier wurde in ehrlicher Müh' nach einer Lösung gesucht, bei der es nicht um Kalmieren und Weiterfilzen geht? Man muss sehr gutgläubig, wenn nicht naiv sein, derlei zu glauben. Man müsste annehmen, dass es dem für die Burgtheaterdirektionsbesetzung hauptverantwortlichen Kulturminister Josef Ostermayer tatsächlich um Aufklärung ginge. Dass dies auch Bergmann ein dringliches Bedürfnis wäre. Das Burgtheater, sagte sie nach ihrer Ernennung zur Chefin, solle künftig ein Theater "für die Welt von morgen" sein. Sie meint das ernst: die Zustände und Umstände der Umgänge mit diesen Zuständen am Burgtheater als Modell für die Welt von morgen. Gott bewahre, dass sie recht hat.

Tragikomisches Drama

Dabei, das sei unterstrichen, ist Karin Bergmann trotz aller Verwicklungen wahrscheinlich eine gute Intendantin, mit auffallend großem Rückhalt im Ensemble, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungswillen. Die politischen Entscheidungsträger scheinen aber – auch das gehört zu den Wiener Unglaublichkeiten – sich selbst nicht über den Weg zu trauen, wenn man einerseits Bergmann einen Vertrag bis 2019 gibt, andererseits aber sofort hinzusetzt, dass es 2017 eine neue Ausschreibung geben soll, um die Bergmann-Nachfolge rechtzeitig regeln zu können. Was für eine Demütigung für Bergmann, ihr in den Vertrag zu schreiben, dass sie nur eine Übergangslösung ist, bis in fünf Jahren die wirklich erstklassigen IntendantInnen zur Verfügung stehen. Was für eine Wiener Welt, in denen die Postenschieberei und das Politgeschäftemachen sich wichtiger macht als das Theater, um das es geht.

Aber gut, die Burg hat jetzt immerhin wieder eine ordentlich mit Vertrag versehene Chefin, zudem die erste Burgtheaterdirektorin überhaupt. Die erste Amtshandlung von Bergmann sollte die dringende Bitte an alle lebenden Dramatikerinnen und Dramatiker sein, das Burg-Geschehen in ein tragikomisches Drama umzuschöpfen. Wir freuen uns auf die Ergebnisse.

 

Zur Chronik der Burgtheaterkrise hier entlang.

Vorspiel des Dramas um das Burgtheater war die Protestrede des Burgtheaterbilleteurs auf dem Jubiläumskongress "Von welchem Theater träumen wir" im Oktober 2013, den Karin Bergmann im Auftrag von Matthias Hartmann kuratierte. Auf dem berühmten Video weist sie Billeteur Christian Diaz von der Bühne.

 

 

 

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