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archiv » Theatertreffen 2012 (16)
Theatertreffen 2012

alt"Der Volksfeind, der hat was!"

von Esther Slevogt

Berlin, 20. Mai 2012. Zum Schluss natürlich die Frage: wozu das Ganze? Da trat die Rentnerin ans Mikro, um der Jury zu danken, dass sie nur noch so schlechte Stücke auswählen würde. Früher, ja, da habe man für den Mai schon gar keine Opernkarten mehr bestellt, um das Geld voll in Karten für das Theatertreffen zu investieren. Jetzt sei das Geld in der Haushaltskasse knapp. Aber das Treffen lohne eh nicht mehr.


Theatertreffen 2012

altUnterm Brennglas

von Georg Kasch

Berlin, 19. Mai 2012. Irgendwie hat es der aktuelle Theatertreffen-Jahrgang mit dem Glaskasten-Blick. Eben noch Hate Radio und Before Your Very Eyes, jetzt "Platonov" aus Wien: Keine Scheibe, sondern die vierte Wand trennt das Publikum vom Landhaus der Generalswitwe Anna Petrovna, ein hyperrealistisches Jahrhundertwende-Wunderwerk Monika Pormales. Selbst die Scheuerleisten im Haus wirken abgewetzt, an den Türen blättert die Farbe, die Tapete wellt sich dezent und trägt Wasserflecke. Ein Interieur, abgewirtschaftet wie die Gesellschaft in Anton Tschechows frühem Dramenfragment.


Theatertreffen 2012

altAuf Never Ending Tour

von Wolfgang Behrens

Berlin, 17. Mai 2012. Nun sind sie wieder ein Jahr älter geworden seit der Premiere im April 2011. Auch wenn man noch keine der bisherigen Vorstellungen von Gob Squads "Before Your Very Eyes" gesehen hat, meint man das zu merken: Faustijn, Zoë, Ineke, Martha, Jeanne, Spencer und Gust sind nun keine 8- bis 14-jährigen Kinder mehr, sondern 9- bis 15-jährige. Der Abstand zu den 2009 aufgenommenen ersten Videoaufnahmen, mit denen die Kinder in der Aufführung konfrontiert werden, ist größer geworden, und es ist nicht mehr lange hin, dann wird man einige von ihnen nicht mehr Kinder nennen.


Theatertreffen 2012

Der hippe Sound der Vernichtung

von Simone Kaempf

Berlin, 16. Mai 2012. Es geht doch noch auf der kurzen Länge! Für ein echtes Aha-Erlebnis sorgt die bei diesem Theatertreffen mit zwei Stunden im Vergleich knapp bemessene Rekonstruktion einer Radioshow, die 1994 in Ruanda stattfand. Fernab jeder falschen Theaterhaftigkeit schaut man in ein glaskastenartiges Sendestudio, in dem zwei Männer, eine Frau und ein DJ miteinander sprechen, Zuhörer zuschalten, die Nachrichten vom Tage nicht nur verlesen, sondern kommentieren. Und wie hier einer das Wort vom anderen übernimmt, immer wieder die Lücke findet, um Häme, Hass und schließlich auch Morddrohungen zu verkünden, ist ein Lehrstück darüber, wie Propaganda funktioniert.


Theatertreffen 2012

altEin bisschen Spaß

von Wolfgang Behrens

Berlin, 15. Mai 2012. Es war die Inszenierung, die keiner auf dem Zettel hatte. Man schaute vor drei Monaten auf die Liste der zum Theatertreffen eingeladenen Produktionen, nickte das meiste ab, runzelte vielleicht zweimal die Stirn, um dann zu stutzen: "Ein Volksfeind" aus Bonn? Was war das noch mal? Die schnelle Recherche auf nachtkritik.de führte ins Leere: keine Nachtkritik vorhanden, sorry, haben wir verpasst! Da hat uns die Jury wirklich auf dem falschen Fuß erwischt.


Theatertreffen 2012

Veraltete Tonträger

von Georg Kasch

Berlin, 14. Mai 2012. Die Welt ist schlecht, wir wissen es, die Dramatiker wissen's auch, und weil die Fakten ohnehin klar sind, kommt es vor allem darauf an, wie sie gesagt werden. Magdalena Fertacz etwa jagt in "Kalibans Tod" die moralische Verkommenheit des Westens zusammen mit ein bisschen Kunstschelte durch den Fleischwolf: Da wird "Der Schwarze, der seinen Sohn verschlang" vom "Guten" aus Haiti geholt und zusammen mit dem "Gewöhnlichen Menschen" in eine Galerie gesperrt. Menschen rufen an und zwingen den "Schwarzen", Dinge zu tun, während der "Gewöhnliche Mensch" halb bewusst, halb unbewusst (schließlich versucht er, durch symbolische Gaben das Lebend es anderen zu retten) auf dessen Herz wartet für eine Transplantation.


Theatertreffen 2012

Euphorions langer Flug

von Christian Rakow

Berlin, 12. Mai 2012. "Oh Gott, achteinhalb Stunden Theater?", schüttelt die Angestellte im Café um die Ecke den Kopf. Sie sagt es mit leicht slawischem Akzent. Und der ältere Herr greift nach seinem Becher Kaffee und erklärt: "Das ist 'Faust', das urdeutsche Drama!" Man möchte meinen, einen solchen Satz kann man nur mit urdeutscher Inbrunst sagen. Aber er sagt es eher urgebildet und mild. Nun ist Nicolas Stemann natürlich kein Regisseur für Urdeutsches oder sonstiges Uriges. Bei ihm kommen Schauspieler eher mit Reclam-Heftchen in der Hand auf die Bühne. Woll'n doch mal schauen, ob dieser Urklassiker noch etwas in unserer Zeit verloren hat. So geht das bei ihm.


Theatertreffen 2012

Warum politisches Theater eine idiotische Zeitverschwendung ist

von Dennis Kelly

Berlin, 10. Mai 2012. Ich habe 2004 ein Stück mit dem Titel "Osama der Held" geschrieben. Ich war böse, nicht nur über die Rolle die mein Land im Irakkrieg spielte, sondern auch darüber, wie dieses Land im Ganzen so genannten "war on terror" agierte. Aber vielleicht widerte mich vor allem der beschämende Mangel an Weitsicht in den britischen Medien an. Es wurde damals als fast schon ketzerisch angesehen, wenn man andeutete, dass diese erschreckende Form des Terrorismus irgendetwas wie einen Grund oder eine Begründung hätte, dass dieser Terrorismus eine gemeinsame DNS mit jeder Form von Terrorismus dieses Planeten teilen könnte – von der IRA zum ANC, von der Boston Tea Party bis zur Französischen Revolution – und dass es möglicherweise eine verständliche Wurzel, einen nachvollziehbaren Auslöser geben könnte.


Theatertreffen 2012

alt"Im Krieg und in Berlin ist alles erlaubt"

von Eva Biringer

Berlin, 11. Mai 2012. Niedergerissen, überfallen, geplündert, verwüstet, zerstört werden muss die Stadt. Als Waffe dient das ewige Zitat vom Zitat, das kulturelle Sampling und Sekundärquellen-Hopping, mal gesungen, mal gebeatboxt. Wortlawinen, die umherkullern wie die kleinen bunten Pillen im fiktiven Technoclub "Der Maulwurf". Aufploppende Referenzsysteme und Metaebenen wie Kapitalismuskritik und Theodizeeproblem inbegriffen, allerdings mehr als Fußnote denn als Fließtext. Jonas Jagow, Protagonist des gleichnamigen Stückes von Michel Decar, das beim Stückemarkt des Theatertreffens als einer von sechs ausgewählten Beiträgen läuft, hastet kurzatmig durch ein eklektizistisches Abziehbild von Berlin. Mal erinnert das an Thomas Melles Sickster, mal an Elfriede Jelineks Sprachungetüme.


Theatertreffen 2012

Rückschau mit Kinderaugenalt

von Simone Kaempf

Berlin, 10. Mai 2012. Die Idee ist noch jung, und doch wirkt es schon wie Tradition, dass der Stückemarkt des Theatertreffens mit einem Impulsreferat eröffnet wird. Im letzten Jahr sprach der britische Dramatiker Simon Stephens darüber, was er für gutes und starkes Schreiben hält. Dieses Mal hält die Rede wieder ein Brite, Dennis Kelly. Man erinnert sich angesichts dieser Dramatiker sofort daran, dass in Großbritannien zeitgenössische Texte entstehen, die radikaler als anderswo verdeutlichen, wie sich die gesellschaftliche Veränderungen auf das private Zusammenleben auswirken. Und Kelly legte in seiner Rede auch einen Schlenker auf einen weiteren Briten ein, Edward Bond, wie ihn dessen Blick auf Gerechtigkeit nachhaltig beeindruckt habe, eine Gerichtssaal-Gerechtigkeit jenseits einer juristischen Gerechtigkeit wie sie auch das Theater kennt.


Theatertreffen 2012

altSuhlen im Wort- und Aberwitz

von Rudolf Mast

Berlin, 10. Mai 2012. Halbzeit beim Theatertreffen und für das Publikum am ersten und wohl auch letzten Sommertag die erste und fast schon letzte Gelegenheit, sich nach und vor dem Besuch von eingeladenen Inszenierungen, die in ihrer auf unterschiedliche Wiese bemühten Ernsthaftigkeit allenfalls unfreiwillig komisch sind, nach Herzenslust zu amüsieren. Möglich macht das "Die (s)panische Fliege", eine Inszenierung der Berliner Volksbühne in der Regie von Herbert Fritsch.


Theatertreffen 2012

altZu schön

von Eva Biringer

Berlin, 9. Mai 2012. Lieber Theatertreffen-Besucher, ich habe Dich in den vergangenen Tagen schon öfters gesehen. Du bist doch ein Kollektiv! Ich hab mir Dich immer als liberalen, aber doch kritisch-ernsten Theatergänger vorgestellt. Heute, bei "Kill your darlings! Streets of Berladelphia", wirktest Du ausgesprochen entspannt. Nicht ganz unschuldig daran wird das Wetter gewesen sein: Nach Regenschleiern und Tristesse zeigte sich heute zum ersten Mal seit Beginn des Theatertreffens wieder die Sonne. Entsprechend mutete die Stimmung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz wie eine frühsommerliche Picknickgesellschaft an. Es wurde Weißwein getrunken und Flaschenbier, zur stimmigen Parkatmosphäre fehlte nur noch der Einweggrill! Es war, als müsste die Klingel zu Beginn der Vorstellung energischer läuten als sonst, um Dich, liebes Kollektiv, aus der milden Abendsonne ins Innere des Theaters zu bewegen. Im Zuschauerraum flirrte die Luft von Stimmengewirr und stadion-tauglicher Warm-up-Musik und selbst als der Hauptdarsteller schon hinter dem Vorhang vorlugte, sank der Lärmpegel erst allmählich ab.


Theatertreffen 2012

So schöne Gefühle

von Dirk Pilz

7. Mai 2012. Die dritte Premiere des 49. Berliner Theatertreffens, das Gastspiel des "Macbeth" von den Münchner Kammerspielen, wurde vom Publikum mit einigem Beifall für die fünf Schauspieler Katja Bürkle, Benny Claessens, Stefan Merki, Jana Schulz, Kate Strong und mehreren deutlichen Buhs für die Regisseurin Karin Henkel aufgenommen. Ob den Zuschauern die Bühne (ein schlichtes Häuschen auf einem schlichten Podium) und die Musik (vornehmlich saftiger Sound, zuweilen auch leises Dräuen) gefiel, ließ sich nicht ermitteln. Vermutlich werden sie weder größeren Ärger noch heftige Zustimmung ausgelöst haben. Auch die teilweise schrill bunten, vor allem aber kunstblutverschmierten Kostüme hinterließen keine erkennbaren Reaktionen.


Theatertreffen 2012

altTo be continued

von Christian Rakow

Berlin, 5. Mai 2012. Um 4:10 Uhr, nach etwas mehr als 12 Stunden Spieldauer (wie angekündigt), durfte ich mir also das imaginäre Finisher-Shirt überziehen. Als einer von rund fünfzig verbliebenen Stellungskriegern auf den Rängen des kleinen Prater-Saals der Volksbühne. Im Schweiße unseres Angesichts können wir bezeugen, dass dieser "John Gabriel Borkman" von Vegard Vinge und Ida Müller ein Ende hat. Auch wenn da auf dem Videoschirm "to be continued" steht.


Theatertreffen 2012

altJenseits der Hilfeschrei-Einfühlung

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. Mai 2012. Es ist auch unter neuer Leitung vieles beim Alten geblieben bei der Eröffnung des nunmehr 49. Theatertreffens. Der Kickerkasten in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele ist noch da (wenn auch vom Büffet vorerst an die Seite gedrängt), und wie seit einigen Jahren üblich verkaufen junge Damen mit Bauchläden nutzenfreie tt-Fanartikel, die – vermutlich gegen die Marketing-Intention – eher vereinsmeiernde Provinzialität als Weltläufigkeit ausstrahlen.


Theatertreffen 2012

Berliner Theatertreffen 2012

vom 4. bis 21. Mai 2012 im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Spielorten


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