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archiv » Theatertreffen 2010 (12)
Theatertreffen 2010

"Dieser Schauspieler kniet, er spricht mit seinem kleinen Sohn, wie ein Bauchredner macht er das, und das Söhnchen auf dem Schoß ist ein Stofftier, ein Bär. Der Mann ist verzweifelt. Er erzählt dem Kind vom Wasser, dem Bach, an dem er kniet. Er nimmt die Hochgeschwindigkeit aus seinem Spiel.

Er ist sehr verletzlich, schmal, ruhig und jung.

Es ist eine stille, poetische Szene, aber jäh und heftig nagt etwas in mir (dem Zuschauer), denn ich verstehe auf einmal, dass ich Zeuge der Vorbereitung eines Selbstmordes geworden bin. Das ist äußerst berührend. Dieser Schauspieler heißt Paul Herwig und ist ab jetzt der Träger des diesjährigen Alfred-Kerr-Preises.

Gegoogelt ist Paul Herwig nicht wirklich ein total ganz junger Mann und weit entfernt davon, ein Anfänger zu sein. Die Liste seiner spielerischen Unternehmungen, viele beim Film und Fernsehen, ist beeindruckend und er hat auch schon Preise bekommen. Trotzdem habe ich ihn zum ersten Mal auf einer Bühne gesehen (mea culpa) und ich habe mich schon sehr sehr gefreut darüber, wie er das gespielt hat, den Pinneberg in Falladas "Kleiner Mann - was nun?", und dass ich ihn gleich beim ersten Mal so toll und anrührend erleben konnte.

Er kann so schnell und so agil sein, er wirkt so unverschämt jung. Seine Mutter brüllt er an, sein "Lämmchen" himmelt er an, und der Anblick seines Söhnchens macht ihn stumm vor Zärtlichkeit.
Er schwebt immer irgendwie in der Luft, auch wenn er schwer geschlagen ist. Ja, und er lässt mich ins Innere sehen, in seines, in Pinnebergs - und damit auch in mein eigenes. Und das ist der Kern und die Sache, und ohne sie bin ich verloren, nicht nur als Juror.

Denn die anderen glücklichen Momente in diesen 14 Tagen, außer denen, die Paul Herwig mir schenkte - bei ihm ging das über drei Stunden - kamen auch genau aus diesem Punkt. Schauspieler ließen mich in ihr Inneres blicken, doch genau das ist die Sache der superpräsenten Regisseure dieses Theatertreffens nicht. Sie scheuen Identifikatorisches wie der Teufel das Weihwasser. Ihr Element ist Comedy, Chor und Kabarett. Und das nimmt mir als Juror oft die Möglichkeit, junge Schauspieler gerecht zu beurteilen. Zumal sie angehalten zu sein scheinen, ihre darstellerischen Ausdrucksmittel eher am deutschen Vorabendprogramm zu orientieren als, sagen wir, an denen von Fritz Kortner oder ihrer eigenen Fantasie.

Aber nun habe ich Paul Herwig entdeckt und ihn für diesen Preis vorschlagen können, und das versöhnt mich dann doch mit manchem. Also ich gratuliere dir, Paul. Sehr von Herzen.
P. S. Noch eine kleine Anregung: Liebe Festspielleitung, verzichtet auf den Etikettenschwindel. Das waren nicht die zehn besten oder bemerkenswertesten Inszenierungen, bestenfalls die Top Ten. Und so solltet Ihr es auch nennen."

 


Theatertreffen 2010

Misstrauen gegen den Text

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Mai 2010. Wie antwortet Kunst auf die Krise? Hat das Theater noch Antworten auf die Fragen dieser Zeit, auf die selbst Politiker keine Antworten mehr geben können? Die Schlussdebatte des Theatertreffens war schnell bei den letzten Dingen angelangt. Bei der Frage, inwieweit das Theater den Zeitgenossen Zuflucht, Trost zubieten hat, ob es die klaffenden Sinnlöcher schließen, den zerrupften, vom Kapitalismus verdinglichten Subjekten wieder neues Leben oder gar eine Seele einhauchen, oder sie am Ende gar von dem Schicksal zu erlösen vermag, als zersplittertes Subjekt nur noch im Kollektiv zu einem Restindividuum sich aufrappeln zu können.


Theatertreffen 2010

Unbehagliches, Herzzerreißendes und eine Erkenntnis

Berlin, 24. Mai 2010. Wenn sich Iris Laufenberg, die Leiterin des Theatertreffens, folgendermaßen zitieren lässt: "In diesem Jahr gab es weder Tops noch Flops beim Theatertreffen, sondern eine Polyphonie der Stimmen" -, dann klingt das schon fast wie das Eingeständnis, dass das Festival halt so vor sich hingeplätschert sei. War dem wirklich so? Wir jedenfalls halten dem Plätschern zwölf Momente entgegen, an die wir uns erinnern werden, im Guten wie im Schlechten. Eine Liste, die fortgeschrieben werden darf.


Theatertreffen 2010

Die Gummihandschuhe der Distanzierung

von Georg Kasch

Berlin, 22. Mai 2010. Am Ende war's ein juristischer Schachzug, der den sich ohnehin abzeichnenden Favoriten zum Sieg verhalf: Etwa fünf Minuten vor Ende des "Preiskampfs" im Haus der Berliner Festspiele, live von 3sat übertragen, fragte Schriftstellerin Juli Zeh ihre Mitjuroren nach ihrer Zweitwahl. Sowohl Tobi Müller als auch Christopher Schmidt konnten sich da für die von Zeh in den Ring geworfenen Schauspieler Annette Paulmann und Paul Herwig erwärmen und ihre Leistung in Luk Percevals Fallada-Adaption "Kleiner Mann, was nun?" Selbst Burkhart Klaußner, der lange trotzig und störrisch auf seinem Erstvotum beharrte, schien zum Schluss noch einzuknicken.


Theatertreffen 2010

Die Welt ist Dreck

von Elena Philipp

Berlin, 21. Mai 2010. Es ist gewählt. Doch dazu später, denn bevor die Preise des Stückemarkts beim Theatertreffen 2010 verliehen werden, wird auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele als letzter Stückemarkt-Beitrag zunächst noch Claudia Grehns "Ernte" gezeigt, szenisch eingerichtet von Lisa Nielebock.


Theatertreffen 2010

Nur die Seegurke ist unsterblich

von Georg Kasch

Berlin, 17. Mai 2010. Die Hölle, das sind immer wir selbst - und der Fernseher. Schwarz, elegant und ausladend steht er in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele, überträgt irgendwann die Bilder vom Nebenschauplatz Toilette in "Ewig gärt". Und nimmt am Ende die zappelnden Seelen der zersplatterten Kleinfamilie in sich auf. Eine Geschlossene Gesellschaft - mit Big-Brother-Standleitung zu den Prime-Time-Bildschirmen.


Theatertreffen 2010

Wunschlos unglücklich und finster funkelnd

von Esther Slevogt

Berlin, 12. Mai 2010. Auf dem enormen Plastikballen, der in der Kassenhalle wie eine Rettungsinsel aus dem flächendeckend verteilten Schotter ragt, macht sich bald brachenübliche Jungdramatik-Tristesse breit: eine Handvoll junger Leute mit Problemen - einer hat einen schlaganfallgelähmten Vater im Rollstuhl zu versorgen, eine andere viel zu früh ein Kind gekriegt, das sie nun nicht lieben kann. Wieder eine andere lässt junge Männer zusammenschlagen, wenn sie von ihnen nicht die geforderte Aufmerksamkeit (und den dazugehörigen Sex) bekommt. Eines ihrer Opfer kommt dabei ums Leben.


Theatertreffen 2010

Rollenfach: Welt

von Nicolas Stemann

Berlin, 9. Mai 2010. Liebe Margit, verehrte Damen und Herren,

die Jury hat mit der Entscheidung, den diesjährigen Berliner Theaterpreis an Margit Bendokat zu verleihen, eine großartige Wahl getroffen.

Wer sonst sollte diesen Preis bekommen?

Wer, wenn nicht eine so tolle Schauspielerin wie Margit Bendokat, die das Theater der letzten Jahre und Jahrzehnte auf so zentrale Art mitgestaltet hat? Und wenn man sich ihre Vita anguckt, all die wichtigen Rollen, Inszenierungen und die schier endlose Liste von Namen legendärer Theaterkünstler, mit denen sie beruflich und zum Teil auch privat verbunden war, dann gewinnt man den Eindruck, sie habe als Schauspielerin die Umsetzung der wichtigsten Theatervisionen der letzten Jahre und Jahrzehnte nicht nur geprägt, sondern geradezu ermöglicht.

Dafür kann man durchaus schon mal einen Preis springen lassen.


Theatertreffen 2010

Mädchen aus Ostberlin

von Esther Slevogt

Berlin, 9. Mai 2010. Dimiter Gotscheff sagt es mit Jimmy Hendrix: "Der Ton muss im Raum hängen bleiben." Und das tut er definitiv, wenn diese Schauspielerin spricht, die heute im Deutschen Theater in Berlin mit dem Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet wurde: Margit Bendokat, eine der markantesten Schauspielerinnen des deutschsprachigen Theaters, lange verkannt, manchmal fast schon vergessen. Und bei jedem Comeback, wie man so was heutzutage nennt, auf absoluter Augenhöhe mit der Gegenwart.


Theatertreffen 2010

Der deutschfranzösische Theaterweg ist keine Einbahnstraße

Berlin, 7. Mai 2010. Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang hielt die Rede zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens 2010:


Theatertreffen 2010

Theatertreffen 2010

vom 7. bis 24. Mai 2010


Theatertreffen 2010

Theaterschafe im Wolfspelz

von Elena Philipp

Berlin, 7. Mai 2010. Das Theatertreffen feiert die Krise. 2009 war schließlich das erste Jahr, in dem das träge Medium Theater auf die kapitalistische Misere reagieren konnte und dies auch weidlich tat. "Verteufelt oft geht es um Armut und ein aus dem Ökonomischen ins Moralische führendes Elend", bringt Juror Wolfgang Höbel die zehn eingeladenen Inszenierungen im Programmbuch auf einen Nenner. Nur gut, dass "die Lust am Spiel und am Weitermachen die Menschen antreibt. Und ihnen den Aufbruch ermöglicht aus dem Schmodder von Verfall und Depression". Der Jury ist dies Grund für eine frohe Botschaft: "Fürchtet euch nicht!"


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