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Residenztheater München

Pasolinis Höllengang

von Willlibald Spatz

München, 22. März 2019. Der erste Buh-Ruf kommt nach etwa 15 Minuten beim vierten Totschlag. Eigentlich ist es die vierte Variante des einen Totschlags, bei dem Pier Paolo Pasolini ums Leben kam. Die offizielle Version des Geschehens geht so: In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 fährt Pasolini mit einem einem jungen Mann an den Strand von Ostia. Sie bekommen Streit, und der Junge erschlägt Pasolini brutal. Der Verdächtige Pino Pelosi gesteht schnell und wird verurteilt. Natürlich gibt es in dieser Geschichte zu viele Ungereimtheiten – es muss anders gewesen sein, Pelosi war viel zu schwach um den athletischen Pasolini dermaßen zu verunstalten. Außerdem war der linke Filmregisseur und Autor Pasolini zu vielen Leuten im von Arbeiterstreiks und Studentenunruhen erschütterten Italien der Democrazia Cristiana unangenehm, er eckte zu stark an, er musste aus dem Weg geräumt werden.


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Von einem der einzog, das Feiern zu lehren

von Anna Landefeld

München, 15. März 2019. Dabei war doch alles im Reinen. Alles, das heißt die Welt, in der der Thebaner-König Pentheus herrscht und die zusammengesetzt ist aus geometrischen weißen Flächen zu einem leicht erhöhten Bühnenpodest. Eine scharfkantige, eiskalte Insel der Vernunft inmitten von Schwärze. Auf ihr wähnt Pentheus sich sicher und gewiss, dass ein Fürst, der arbeitsam, bescheiden, pflichterfüllend und gottesfürchtig regiert, richtig regiert.


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Geister des Maschinellen

von Maximilian Sippenauer

München, 15. Februar 2019. Neun Tonnen Stahl, hieß es im Vorfeld martialisch, seien für Ulrich Rasches "Elektra" verschweißt worden. Neun Tonnen schwarzer Stahl. Das Bühnenbild eine einzige kolossale Maschine, eine Säule Dunkelheit. Kopf dieses Gitterzylinders ist ein Käfig, der sich hebt und senkt. Darunter gefangen, auf einem meterhohen Schaft, ein gewaltiger Diskus, der sich dreht und verkantet. Auf dieser Scheibe angekettet schreitet ohne Unterlass das Ensemble in schwarz und grau, zwei Stunden lang, in monotonem Rasche-Sprech Hofmansthals Sophokles-Nachdichtung in Silben zerkauend. Begleitet von einem bombastischen Soundtrack aus Geigen und Cello, Bass und Trommeln. Wie immer bei Rasche ist auch dieses Stahlgewitter ein fragwürdiges Spektakel der Überwältigung. Denn wie immer steht und fällt auch diese Inszenierung mit der Frage: Wie gut korrespondieren Effekt und Inhalt?


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Ein Leben auf Minigolfkurs

von Maximilian Sippenauer

München, 25. Januar 2019. Kein Sport bringt den Westen so gut auf den Punkt wie Golf. Instinktstarke Männer, die Halme englischen Rasens in die Brise werfen, um zu spüren, woher der Wind bläst, das Gefälle des Grüns studieren wie die Topographie von Aktienkursen, sich von ihren Lakaien das passende Holz oder Eisen reichen lassen, um dann eiskalt einzulochen. Was symbolisierte den Hyperindividualismus, dieses neoliberale Macher-Machotum, darin der Kampf des Egos allein im Bestehen seiner eigenen Zweifel, im Willen zum Gewinn besteht, besser? Auch, weil diese Golfwelt eine exklusive ist. Denn die Mitte der Gesellschaft spielt bloß Golfspielen, spielt, ganz biedermännische Farce, die sie ist: Minigolf.


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Wortwolken und Schwefelschwaden

von Petra Hallmayer

München, 19. Januar 2019. Wie zur Einstimmung auf den Abend hält sich Sorin (René Dumont) zum Auftakt eine Pistole an den Kopf, lässt sie sinken, schleppt sich müde auf einer Krücke zu drei Stühlen und legt sich darauf nieder. In einer langen Pantomime verfolgt der Lehrer Medwedenko als gekrümmte zittrig tölpelhafte Witzfigur die vor ihm fliehende Mascha mit einer Blume, ehe die Anderen sukzessive hereinkommen.


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Dostojewski im Drehschwindel

von Maximilian Sippenauer

München, 14. Dezember 2018. Dostojewskijs "Der Spieler" wirkt wie gemacht für unsere Zeit. Erzählt die Geschichte einer russischen Gesellschaft, die im deutschen Roulettenburg noch den letzten Rubel verzockt, doch von der zerstörerischen Gier nach Geld. Illustriert einfach wie klar an der Hybris des Roulette-Spiels. Ist das nicht Europa im Endstadium seiner eigenen Dekadenz? Dazu dieser gehässig tratschige Hauslehrer, dieser wandelnde Minderwertigkeitskomplex, der so gerne mit denen oben mal mitmischte, dem es aber nie so recht gelingen will. Riecht das nicht verdächtig nach einem dieser Oberstudienräte mit AfD-Parteibuch, die sich bei aller Systemkritik am Ende doch nur mit dumpfem Nationalismen behelfen, über den verlogenen Franzmann, den kratzfüßigen Polen, den geizigen Juden schimpfen? Das alles steckt sicher drin im Stoff des "Spielers". Das alles will uns Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung zeigen. Und trotzdem will der Funke nicht so recht überspringen.


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Wütendes Klopfen an der Wand

von Anna Landefeld

München, 24. November 2018. Am Ende liegt er da, im Hof, in einer Blutlache. Tot wie schon seine Vorgängerin. In den Suizid getrieben von seinen Nachbarn. Oder von seinem eigenen Wahnsinn. Oder ist er gar in ein Geisterhaus geraten? In einen Übergang ins Jenseits, ein als Styx getarntes Mietshaus? So genau lässt sich das nicht sagen. Blanka Rádóczys Inszenierung von "Der Mieter" im Münchner Marstall ist so offen erzählt, dass es schwer fällt, dem Protagonisten auf seinem Leidensweg zu folgen.


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Für immer auf der Bühne oder "Draußen ist der Tohohood"

von Sabine Leucht

München, 16. November 2018. Ein leerer Sessel steht in einem leeren Raum. Über ihm senkt sich ein breiter Trichter herab, aus dem Kunstschnee rieselt. Weiße Flocken vor schwarzem Hintergrund tanzen im kalten Licht, bevor Hamm und Clov die Bühne des Münchner Residenztheaters betreten und ihr ewiges "Endspiel" beginnen, das keinen Sieger und keinen Verlierer kennt, seit es Samuel Beckett 1956 fertiggestellt hat. Der hat dem immobilen und blinden Herrn einen Rollstuhl und dem hinkenden, aber zur Dauerbewegung verdammten Diener eine Leiter vorgeschrieben, auf die Clov immer wieder aufs Neue klettert, um Hamm zu berichten, wie es außerhalb der Zufluchtsstätte aussieht, die sie nach dem Ende von allem bewohnen. Keine Menschen gibt es mehr, keine Sonne, keine Pralinen, kein Beruhigungsmittel und keine Särge. Nichts. So weit O-Ton Beckett.


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So herrlich unerträglich

von Anna Landefeld

München, 19. Oktober 2018. Etwas Lustiges also zum Schluss. Man könnte es auch anspruchsvoller sehen und behaupten: Martin Kušejs letzte Inszenierung am Münchner Residenztheater verhandelt das Theater an sich. Zugegeben, vielleicht in seiner unbekümmertsten Ausprägung. So hat sich der scheidende Intendant ausgerechnet Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" ausgesucht, die rauf und runter gespielte Theater-Meta-Boulevardeske. Kušej verzichtet auf raffinierte Regiekonzepte. Was sollten die auch bringen, ohnehin lädt "Der nackte Wahnsinn" nicht zum gepflegten Assoziieren und Philosophieren ein, erst recht nicht zur Dekonstruktion, denn das macht Frayns Tür-auf-Tür-zu-Maschinerie schon schön von alleine – und Kušej lässt Text und Ensemble gewähren.


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Wie ein Zootier

von Petra Hallmayer

München, 29. September 2018. Schon die Besetzungsliste macht klar, dass wir hier keine einfache Übertragung von Kleists Novelle auf die Bühne sehen werden. Nicht Gustav und Toni sind im Programmheft verzeichnet, sondern Heinrich und Henriette. Robert Borgmanns Inszenierung von "Die Verlobung in St. Domingo" überblendet den Doppelselbstmord von Kleist und Henriette Vogel am Kleinen Wannsee 1811 mit der im selben Jahr erschienen Erzählung. Darin sucht der Schweizer Gustav in den Wirren des Sklavenaufstandes im heutigen Haiti Zuflucht im Haus eines Schwarzen. Congo Hoango, "ein fürchterlicher alter Neger", wie Kleist schreibt, benutzt seine Ziehtochter, die "Mestize" Toni, als Lockvogel, um Weiße zu massakrieren. Gustav und Toni verlieben sich ineinander, doch weil er eine List von ihr missdeutet, unfähig ist, ihr vorbehaltlos zu vertrauen, endet die Beziehung tödlich.


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Freiheit, Gleichheit, Blutrausch

von Anna Landefeld

München, 27. September 2018. Zu Beginn also gleich einmal das Ende. Alle sind sie vereint: Attentäterin und Opfer samt Entourage, die am liebsten hysterisch losschreien würde. Doch noch regt sich hier keiner, alle sind sie gefangen in einem lebenden Bild nach einem Gemälde des Malers Jean-Joseph Weerts mit dem Titel "Marat ermordet! 13. Juli 1793, acht Uhr abends".

Und ganz so, als wäre der Lauf der Geschichte und ihr Ende sowieso unaufhaltbar, lungert teilnahmslos abseits des Geschehens der Regisseur dieser Groteske: Marquis de Sade ist in Tina Laniks Inszenierung von Peter Weiss' "Marat/Sade" am Münchner Residenztheater ein Prachtstück von einem leidenden Individuum des postfaktischen Zeitalters: Insasse einer psychiatrischen Anstalt, vor lauter Freiheit erst gelangweilt, dann melancholisch und darüber schließlich mächtig an Körpergewicht zugelegt. Die Politiker reden sowieso alle nur irres Zeug – keine Lust, das zu entschlüsseln. Aber wenn man also schon gezwungen sei in dieser Welt zu leben, dann könne man irgendwie doch nicht anders, als sich zu ihr zu verhalten. Einerseits. Andererseits.


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Pestbeule in der Hose

von Maximilian Sippenauer

München, 29. Juni 2018. Die Geschichte von Don Juan ist die eines Unverbesserlichen. Und Geschichten von Unverbesserlichen beginnen am besten mit Gesten des Trotzes: Da steht also Doña Elvira, gespielt von Bibiana Beglau, rosaplüschtraurig wie ein sterbender Flamingo und hält sich die Hände schützend vor die nackte Brust. Um sie herum hüpfen Gatte Juan und Diener, venezianische Masken auf dem Kopf, bereit für frischere Abenteuer. Juan will seine Frau nicht belügen. Er verlässt sie aus nur einem Grund. Sie erregt ihn nicht mehr. Endlich lässt Elvira die Arme fallen und Juan zwickt ihr prompt in den Busen.


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Mord im Dunkeln

von Christian Muggenthaler

München, 17. Mai 2018. "Puh!", sagt der Marquis von Posa, nachdem er seine Bitte um Gedankenfreiheit an den König gebracht hat, puh, das immerhin wäre geschafft. In der gut vier Stunden "Don Karlos", die Residenztheaterchef Martin Kušej seinem Münchner Publikum gönnt, ist Posas Rede eine der rhetorischen Spitzen, die aus einem Meer von manischer Dunkelheit und oft gewaltiger Stille hervorragt. Die Totenstille, die im Spanien König Philipps II. dräut und allenthalben beklagt wird, dieser Staatsstillstand hat sich phasenweise auch der Bühne bemächtigt, erzeugt eine bewusste, gewollte, exemplarische Lähmung, lässt Friedrich Schillers ganze dichte, dichterische, schicksalsschwangere Schwere sich ausbreiten.


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Vor dem Auftritt

von Petra Hallmayer

München, 5. Mai 2018. Im April 1935 zogen Passanten die völlig unterkühlte Liesl Karlstadt aus der Isar. Zu ihrer Schwester hatte sie gesagt, sie müsse zum Arzt. Stattdessen stürzte sie sich ins Wasser. In der Klinik, in die man sie einlieferte, diagnostizierten die Psychiater schwere Depressionen und eine bipolare Störung. Schon seit Jahren war die Frau, die alle zum Lachen brachte, von Selbstmordgedanken heimgesucht worden.


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Das Un(be)greifbare der Geschichte

von Tim Slagman

München, 3. März 2018. Erschüttert hätten ihn die "Erzählungen aus Kolyma", sagt der 1984 geborene Regisseur Timofej Kuljabin. Sein russischer Landsmann Warlam Schalamow (1907–1982) beschreibt darin, wie er über lange, eiskalte Jahre das stalinistische Lagersystem im Norden Sibiriens erfuhr. Wie das Unmenschliche zum Alltag, der Gewaltexzess zur Gewohnheit wird. Erschütternd sei nicht, was den Toten widerfahren ist – erschütternd sei, was das dauernde Hungern und Sterben und Frieren mit den vorerst noch Weiterlebenden macht. Kein Problem bestünde darin, vom Morden zu erzählen. Doch wie erzählt man von Abstumpfung?


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Die Wahrheit im Aquarium

von Willibald Spatz

München, 24. Februar 2018. Das Stück der Stunde. Aber war Henrik Ibsens "Der Volksfeind" seit 1883, dem Jahr, in dem er uraufgeführt wurde, eigentlich irgendwann einmal nicht das Stück der Stunde? Und wahrscheinlich wird man auch nach weiteren 135 Jahren immer noch davon sprechen.


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Außen Revolution, innen Provokation

von Philipp Bovermann

München, 22. Februar 2018. Man will bloß nicht dieser eine Pechvogel sein, den es trifft, wenn der nackte Mann durch die Zuschauerreihen klettert. Dieser hier ist sogar ein Zitat, was die Sache zugleich lustiger und schrecklicher macht.


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Sex mit Puppen

von Sabine Leucht

München, 13. Januar 2018. Dieses frischgebackene Liebespaar ist bereits in die Jahre gekommen. Die Falten in seinem Gesicht korrespondieren aufs Trefflichste mit denen des graublauen Vorhangs im Münchner Cuvilliéstheater. Ihr blutroter, vergrämter Mund passt farblich gut in die Fürstenloge, aus der sie ihre Verwunderung über den Ort kundgibt, an den er sie gebracht hat. In Patrice Chéreaus legendärer Inszenierung von Marivaux' 1744 verfasster Komödie "Der Streit" standen die Fürstin Hermiane und ihr prinzlicher Gatte in spe im Urwald vor einem finsteren Schloss. An diesem Abend findet der Menschenversuch, den der Prinz seiner Holden gleich vorführen will, in einer nüchtern weißen Mischung aus Kampfplatz und anatomischem Theater statt.


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Spiel mir den Dreckskerl

von Thomas Rothschild

München, 9. Dezember 2017. "Sadistisch, mitleidlos, grausam, abwertend, unmoralisch, primitiv, kaltschnäuzig, räuberisch, schikanierend, entmenschlichend." Die Rede ist im Gutachten des Psychiaters Lance Dodes nicht von Richard III, sondern von Donald Trump. Soviel zur Aktualität von Shakespeare (1564-1616). Aber ist damit alles gesagt, was uns der Elisabethaner über Trump mitzuteilen hat?


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Amoklauf bei Karrieristens

von Petra Hallmayer

München, 20. Oktober 2017. Sie sind jung und ehrgeizig, zynisch, verbittert und desillusioniert. Für die Journalisten eines New Yorker Magazins, die sich in Branden Jacobs-Jenkins Stück "Gloria" bekriegen, sind Inhalte völlig irrelevant. Sie lästern hundsgemein übereinander und den naiven eifrigen Praktikanten (Christian Erdt), kommentieren höhnisch die Niederlagen anderer, schimpfen über den blöden Faktencheck für "eine beschissene Story in einem Scheißmagazin" und auf die alten Säcke, die ihnen den Weg nach oben versperren, wo sie schnurstracks mit ein bisschen Networking und ein paar Mausclicks hin wollen.


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Panisches Vergnügen

von Philipp Bovermann

München, 1. Oktober 2017. Die Verhältnisse sind unklar. Auf offener Straße schlachten sie Pferde, um ihr Fleisch zu verkaufen. Keiner weiß, wie es morgen weitergehen soll. Und dennoch könne man, so wird es am Ende des Abends ein Wissenschaftler sagen, wie bei einem Schlangenei durch die dünne Schale schon das vollständig ausgebildete Reptil sehen.


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Tür auf, Tür zu

von Shirin Sojitrawalla

München, 23. September 2017. Das herrschaftliche Haus, in dem der Naturwissenschaftler Pawel und die Seinen bei Gorki hausen, sieht im Münchner Residenztheater aus wie ein baufälliger Elfenbeinturm. Ein in die Jahre gekommenes Wolkenkuckucksheim: stockfleckig, abgewohnt, lädiert. Die Wände sind übersät mit gelben Klebezetteln, Bildern und Skizzen, links wird die Entwicklung des Homo Sapiens zitiert, rechts da Vincis Menschenbild. Ganz oben steht undeutlich das Wort "Mensch" wie ein Versprechen unter der Decke. Das ist nur folgerichtig, geht es in diesem Stück doch allenthalben um den Menschen, den neuen und den alten. Den Menschen als angeblich zur Vernunft und Utopie begabtem Wesen.


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Kabale und Stiege

von Petra Hallmayer

München, 29. Juni 2017. Links und rechts führen Stufen auf der Bühne zu einem Treppenabsatz, von dem von Holzwänden verdeckt weitere Treppen abgehen. Mateja Koležnik hat Molières Komödie um den Heuchler Tartuffe, der sich bei dem reichen Orgon einnistet, in ein raffiniert konstruiertes Treppenhaus verlegt, ein Ort der zufälligen Begegnungen und heimlichen Aussprachen.


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Glücksschule mit Clowns

von Sabine Leucht

München, 1. Juni 2017. Lila ist die Farbe der Buße, der Bischöfe, des Hinduismus und der Zweideutigkeit. Nur so zum Beispiel. Und dass Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier (aussage)kräftige Farben favorisiert, mag ein weiterer Grund dafür sein, dass die fünf Schauspieler und drei Schauspielerinnen in der Münchner Inszenierung von Joël Pommerats "Kreise / Visionen" satt-violette Mäntel und Hosen tragen. Ihre blass geschminkten Gesichter indes werden von weißen Haarsträhnen umrahmt, die sich um immense Oberkopf-Brachen herum zausen. Regisseurin Tina Lanik geht es clownesk an und mit groß ausgestellten Gesten – auch dort, wo die Akteure für Einzelaktionen Perücken (und Jacken) ablegen –, wohingegen es der französische Autor mit dem Hintergründigen hat, das sein Geheimnis erst allmählich und nie ganz entblättert.


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Untergang im Glitzerkleid

von Sabine Leucht

München, 7. Mai 2017. Für den Bruchteil einer Sekunde schiebt sie sich rückwärts ins Bild. Ganz weit hinten, bevor die Türrahmenflucht dem Zuschauerblick entschwindet, hat man Phädra kurz gesehen. Dann flackert im mittleren Rahmen ein Schatten auf. Und schließlich ist sie da – in dem dunklen Raum voller offener Ausgänge, den Annette Murschetz auf die Bühne des Münchner Residenztheaters gebaut hat: Bibiana Beglau, sich ein mächtiges Stück Stoff vor ihre ölglänzende Nacktheit haltend, während sich ihre goldenen Stiefel geräuschvoll durch ein Meer von Eisschollen und -Splittern pflügen.


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Du holde Kunst

von Willibald Spatz

München, 5. Mai 2017. Zweifellos ist das Setting einigermaßen grotesk: Fünf Personen gesetzten Alters treffen sich in einer über Airbnb angemieteten Wohnung. Sie kommen getrennt, sie gehen getrennt, sie wissen nichts voneinander außer ihren Namen. Dabei geht es um nichts Sexuelles, um nichts Schändliches –– sie kommen zusammen, um Wagner zu hören. Alle seine Opern haben sie durch, nur „"Lohengrin“" fehlt noch. An jedem Abend ein Akt. Drei letzte Abende werden sie also noch gemeinsam verbringen und dann für immer getrennte Wege gehen. Doch, wenig überraschend, sie kommen über die Musik ins Reden und stellen fest, dass sie mehr gemeinsam haben als ihre Wagner-Liebe. Sie sind alle irgendwie vom Leben geprellt worden, schrecklich einsam und suchen nun Zuflucht in der Kunst.


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Die Leiber zerschmettern

von Willibald Spatz

München, 27. April 2017. In Heiner Müllers "Mauser" geht es viel ums Töten und getötet werden. Wer andere umbringt, wird zwangsläufig selbst umgebracht, weil er irgendwann seinen Wert verloren hat – ein ständiger Kreislauf, von dessen Unterbrechung erst mal nicht die Rede ist. Revolutionär A will als Henker zurücktreten, nachdem er seinen Vorgänger hat hinrichten lassen. Die Partei lehnt seine Bitte ab. Da wird er zum lustvoll Mordenden – und soll am Ende seiner eigenen Auslöschung zustimmen.


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Führt nur Krieg, ihr blöden Sterblichen

von Tim Slagman

München, 10.März 2017. Es gibt nichts zu entschlüsseln in Jean-Paul Sartres Bearbeitung von Euripides Tragödie – und weil zwischen der Antike, dem Frankreich nach dem Algerienkrieg und der Gegenwart der Mensch immer noch des Menschen Wolf geblieben ist, bietet sich der Stoff nach wie vor an mit einer Dringlichkeit, die mit Händen zu greifen ist.


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Der Schmerz ist echt

von Willibald Spatz

München, 28. Januar 2017. Je kaputter die Lage, desto mehr Aufwand muss man treiben, um sich selbst zu belügen und sich einzureden, alles sei in Ordnung. Als grandios gescheitert kann man die Schauspielerfamilie Tyrone bezeichnen. Die beiden Söhne haben nicht ansatzweise eine Perspektive und eigentlich schon abgeschlossen mit ihrer verkorksten Zukunft. Den Generationenkonflikt befeuert, dass auch die Eltern ihre Existenzen als komplett verhunzt betrachten, sich aber weigern, das vor den Söhnen einzugestehen.


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Die Lanzen tanzen

von Tim Slagman

München, 13. Januar 2017. Wie Pferde dampfen sie, diese Männer, die einen Kreis bilden aus blutverschmierten Leibern. So sehen die Gewinner der Schlacht aus. Bald werden sie sich ungelenk ihre Sakkos überstreifen, einen dünnen Hauch von Zivilisation anlegen, die Lüge, sie lebten in einer vermittelten, verwalteten, strukturierten, ja irgendwie in Ordnung befindlichen Welt. Doch das Blut klebt ihnen noch in Gesicht und Haaren, es mag eine vage Erinnerung wachrufen an Jürgen Goschs geradezu legendäre, blutige "Macbeth"-Variante in Düsseldorf, so wie sich hier viele Referenzen finden – die Hexen könnten sich ihr wallendes, gesichtsverdeckendes weißes Haar beim fernöstlichen Geisterfilm geborgt haben, zum Beispiel. Doch Andreas Kriegenburgs Shakespeare-Inszenierung am Münchner Residenztheater steht insgesamt nicht im Zeichen des Zitatenspiels, sondern hier geht es um Reduktion: Kriegenburg zeigt einen Mikrokosmos kargster Ausstattung, getaucht in rot und schwarz, unmittelbar gewaltvoll, auch erotisch und sicherlich ganz und gar nicht in Ordnung, sondern immer schon gekippt.


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Ihr letzter Schrei

von Tim Slagman

München, 10. Dezember 2016. Die Häscher Kreons, sie sehen aus wie Orwell'sche Panzerknacker oder wie die grauen Herren von Momo mit schwarzer Schlafmaske. Ein popkulturelles Konglomerat irgendwelcher dystopischer Faschismen stellen sie wohl dar, und das geht in dieser Inszenierung noch als avantgardistisches Element durch. Hans Neuenfels, der ja bekanntlich ein großer Drastiker sein kann und ein zupackender, mutiger Interpret von Texten, hat in seiner ersten Premiere nach dem Lebenswerk-"Faust"eine bemerkenswert bildschwache Ästhetik gewählt, in der zwei Götter-Statuen über das Geschehen ebenso wachen wie der Schriftzug "Der Krieg ist vorbei. Das Lied der Vögel könnte beginnen" auf zartblauer Mauer. Davor eine Sitztruhe, Schränke, ein Altar, der auch als Museumsbank dient.


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Willkommen ganz unten

von Sabine Leucht

München, 22. Oktober 2016. Die übermannshohen Lettern, die in verwaschener Kreideschrift auf der Rückwand der nackten schwarzen Bühne prangen, beginnen am Schluss zu leuchten. "HOPE" steht da wie zum Hohn auf eine Geschichte, die bekanntlich nicht gut ausgeht. Doch halt! Schwingt sich Elisabeth nicht gerade ziemlich behände auf die Neonlampe, die auf ihre Leiche herabgefahren ist, und schaukelt mit ihr in die Aufführungsdämmerung?


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Alle sitzen im gleichen Käfig

von Shirin Sojitrawalla

München, 24. September 2016. Beim Schlussapplaus ereignet sich, was man den Abend lang vermisste: Christian Erdt, der in der Rolle des Hugo seinen Einstand am Residenztheater gibt, vollführt sachte eine angedeutete Umarmung mit seinem Intendanten und Regisseur Martin Kušej. Der Schauspieler strahlt kurz hinauf, der Intendant strahlt kurz hinunter, und auf einmal ist alles da: Bewunderung, Freundschaft, Zweifel, Anerkennung, Liebe, Angst, Vater und Sohn. Also alles das, was Jean-Paul Sartre auch der Beziehung zwischen seinen beiden Protagonisten Hugo und Hoederer im 1948 uraufgeführten Stück eingeschrieben hat, was sich an diesem Abend im Cuvilliés-Theater aber so gut wie nicht zeigt.


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Der kommende Laufstand

von Sabine Leucht

München, 23. September 2016. Als "aufsehenerregend" war sie vom Haus bereits angekündigt, die Eröffnungsinszenierung des Münchner Residenztheaters, vor deren antizipierter Größe der Intendant nobel auf den zweiten Spielzeittag und die kleinere Bühne auswich. Vor seine eigene Auseinandersetzung mit Sartres "Die schmutzigen Hände" hat Martin Kušej also Schillers "Räuber" in der Regie von Ulrich Rasche gesetzt. Und vieles deutet darauf hin, dass ihm damit ein Coup gelungen ist wie vor drei Jahren mit Gotscheffs Zement, ja geradezu ein Coup de Force, denn nicht nur das Bühnenbild, an dem eine vermutlich erlesene Mannschaft von Technikern ein Jahr lang gearbeitet hat, sondern auch der Aufmarsch von zwei Dutzend skandierenden, singenden, musizierenden und marschierenden Menschen ist gigantisch.


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Böse Bank

von Cornelia Fiedler

München, 30. Juni 2016. Als das große Feuer ausbricht in Alabama, rauscht ein Historienfilm auf Speed auf uns herab: Eine schnelle Kamerafahrt führt hinein in die in Games-Optik animierten, schwarzweißen Baumwollfelder, dann züngeln Flammen in Orange von hinten durch das Bild. Flackernde Filmfetzen schieben sich übereinander: Katrin Röver mit Zöpfchen und riesigen panischen Augen, Männer mit Hemd und Hosenträgern, die hektisch Wasserkübel weiterreichen – jede Menge Overacting in Stummfilm-Manier, mehrfach geschichtet von Videokünstler Sebastien Dupouey.


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Kein Fluchtweg aus dem Salon der Selbstgerechten

von Petra Hallmayer

München, 4. Juni 2016. "Wer bin ich? Was will das besagen: Die Welt? (...) Wer hat mich in das Ganze hineingenarrt und lässt mich nun da stehen?", fragt eine Stimme aus dem Off, während Iwanow taumelnd umherirrt, ehe er eine Pistole ergreift und verschwindet. Kurz danach sehen wir ihn allein im Dämmerlicht sitzen und halblaut die nämlichen Sätze Søren Kierkegaards lesen. Mit einem düsteren Vorspiel eröffnet Martin Kušej seine Inszenierung von Tschechows frühem Drama "Iwanow" um einen gescheiterten Intellektuellen, der seine Ideale verfehlt hat und in bleigrauer Schwermut gestrandet ist.


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Die Vergangenheit will nicht ruhen

von Petra Hallmayer

München, 13. Mai 2016. "Gespenster ... Doch nicht von Menschen. Gespenster von Affen ... Sie sterben nur langsam, weil sie Gras fressen und hie und da einen Bissen Brot bekommen. Das Allerschlimmste aber, sie haben keine Kraft mehr die Zehntausende von Leichen zu begraben. Deïr es Zor, das ist ein ungeheurer Abort des Todes ...", erklärt ein Hauptmann in Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh". Mit einem höllenfinsteren Kapitel der Geschichte, dem von der Türkei bis heute geleugneten Genozid an den Armeniern, befasst sich Nuran David Calis in seiner gleichnamigen Inszenierung. Von der Romanvorlage entfernte sich diese im Verlauf der Proben allerdings zunehmend, und so hat er kurz vor der Premiere den Untertitel "Über Identität, Trauma und Tabu nach Motiven von Franz Werfel" hinzugefügt.


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"Fickificki, Angela ist doof"

von Sabine Leucht

München, 8. April 2016. Die vermeintliche Trotteligkeit seines Švejk entdeckt Aurel Manthei erst nach der Pause. Auf der Suche nach seinem Regiment ist er zum zweiten Mal im gleichen Ort gelandet und geht nun an der Hand eines "Mütterchens", als das Valery Tscheplanowa mit langen, in einem goldenen String endenden Beinen über die Bühne des Residenztheaters marschiert – soweit ihr das die für Castorf-Frauen obligatorischen Highheels erlauben.


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Die Angst, dein ständiger Begleiter

von Willibald Spatz

München, 5. März 2016. Man wird hier nicht arg belästigt mit zwanghaften Aktualisierungen, man kann hier das Miller'sche Original in vollen Zügen genießen, wobei man immer wieder deutlich eine große Lust am Spektakel spürt. Die Handlung setzt ja ein, nachdem ganz Entscheidendes schon passiert ist: der nächtliche Tanz der Mädchen im Wald von Salem. Tina Lanik kann der Versuchung nicht widerstehen, das auch noch zu zeigen. Stumm sitzen die Mädchen am Bühnenrand, dann beginnen sie sich ihre Kleider aufzuknöpfen. Kurzer Black. Sie kotzen. Nächster Black. Blut vor dem Mund, Feuer lodert im Hintergrund – schönste Horrorfilmschlachthausstimmung.


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Brisante Fragen im boulevardesken Gewand

von Petra Hallmayer

München, 4. Februar 2016. Er ist ein typischer Amerikaner, zielbewusst, geld- und erfolgsorientiert. Amir hat seine Träume wahr gemacht. Er hat einen Job in einer renommierten Anwaltskanzlei, eine schöne Frau und eine tolle Wohnung. Eigentlich heißt Amir Kapoor ja Amir Abdullah. Aber karrieretechnisch ist der Name ein Hindernis. Darum hat er ihn abgelegt. Die Chancen für einen islamischen Pakistani sind im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach 9/11 nun mal begrenzt.
Während Amir sich vom Islam distanziert, schwärmt seine Frau Emily für die muslimische Kultur. Gemeinsam mit seinem Neffen, der am Ende zu einem fantatischen Muslim mutiert, drängt sie ihren Mann dazu, sich für einen Imam einzusetzen – mit fatalen Folgen.


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Was bin ich? Ein Arschloch!

von Cornelia Fiedler

München, 10. Januar 2016. Kleine Flugzeuge und graue Längsstreifen zieren Otto Meiers Morgenrock – mit diesem Stoff gewordenen Abgesang auf den Jugendtraum vom Fliegen erzählt Kostümbildnerin Cátia Palminha eigentlich schon die ganze Geschichte des Antihelden aus Franz Xaver Kroetz' "Mensch Meier": Fabrikarbeiter Otto lebt mit Frau Martha und dem pubertierenden Sohn Ludwig auf engstem, weiß beschrankwandetem Raum in München Giesing. Von der weiten Welt und vom Ruhm träumt er nur noch manchmal ganz leise, wenn er nachts an seinem Modellflugzeug bastelt. Norman Hacker singt dabei ein paar Takte Über den Wolken und es wirkt nicht einmal peinlich oder abgeschmackt, so bitter zärtlich klingt das.


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Geier lassen ihre Federn

von Willibald Spatz

München, 12. Dezember 2015. Es lastet große Erwartung auf dieser Premiere: Das Stück wurde 1968 im Residenztheater uraufgeführt, Heiner Müller wurde dadurch in Westdeutschland bekannt. Jetzt ist er 20 Jahre tot, und Ivan Panteleev inszeniert das Stück wieder am Residenztheater, zwar nur im Cuvilliéstheater, einer Nebenspielstätte. Panteleev war wiederum als Dramaturg, Stückautor und Regisseur eines Dokumentarfilms über ihn eng mit Dimiter Gotscheff verbunden, von dem neben anderen wegweisenden Müller-Inszenierungen auch zwei wichtige des "Philoktet" stammen.


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Willkommen, Fremde, in der Gegenwart

von Tim Slagman

München, 6. Dezember 2015. Im Hintergrund, wie passend, sitzen die Schreibtischtäter. In Einheitsbreigeschäftsanzügen diskutieren sie um den langen Tisch herum unhörbar über etwas, das mit Aufnahme oder Integration zu tun haben muss. Immerhin prangt auf einem Riesentransparent über ihnen das Wort "Welcome" wie Willkommenskultur, von der angesichts Franz Grillparzers Stück um Abstoßung und Fremdheit wohl kaum die Rede sein kann. Genauso wenig wie hier und heute in dieser Republik, erzählt uns die Inszenierung von Anne Lenk: Denn warum sonst sollte Medea mit ihrer Amme Gora einen Einbürgerungstest studieren? Was anderes als einen Kommentar zur Zeitgeschichte sollte das Überstreichen des Buchstaben "L" darstellen, das aus dem Wort "Welcome" ein "We come" macht?


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Jugend als Scharnier

von Sabine Leucht

München, 22. Oktober 2015. Die 17-jährige Nancy ist die symbolischste Figur in John Cassavetes' Film "Opening Night". Sie taucht auf, um zu sterben, nicht ohne zuvor ihre grenzenlose Liebe zur großen Schauspielerin Myrtle Gordon an die Frau gebracht zu haben. Sie, die noch die Durchlässigkeit der Jugend hat, diese Gefühle "so nah an der Oberfläche", wird – mit ihrem Autogramm praktisch noch in der Hand – vor Myrtles Augen überfahren. "Wie ein nasser Sack" heißt es in Bernhard Mikeskas und Lothar Kittsteins Bühnenversion des Filmes über eine aus dem Ruder laufende Broadway-Inszenierung, in der Cassavetes und seine Frau Gena Rowlands selbst ein Theaterpaar spielten, das inszenierte Ohrfeigen sich zu echten Verletzungen auswachsen ließ und völliges Von-der-Rolle-Sein zu einem Bühnenerfolg. Der Film über die Allgegenwart des Sich-Verstellens in Beziehungen und über Myrtles Angst, nach einem Erfolg mit der Rolle einer alternden, ungeliebten Frau endgültig ins Menopausen-Fach zu rutschen, hat schon etliche Theaterregisseure inspiriert.


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Tatort Theben

von Michael Stadler

München, 17. Oktober 2015. Es ist schon sehr angenehm, wenn eine Inszenierung gerade mal neunzig Minuten dauert. Nicht nur für den Nachtkritiker, der zu einer halbwegs anständigen Zeit ins Bett kommt, sondern für das Publikum insgesamt, das nach Aufführungsende noch Zeit hat, einen trinken zu gehen oder sonst was mit der noch jungen Nacht anzufangen, vielleicht ja über das eigene Dasein nachzudenken. Schließlich ist "König Ödipus" ein Selbstfindungs-Stück schlechthin, bringt Tieferliegendes, gar allgemein Unbewusstes an die Oberfläche (ach, Ödipuskomplex!) im Laufe eines schmerzhaften Erkenntnisprozesses, der auch im alten Reclam-Heft nicht länger als 60 Seiten dauert.


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Träum dich schuldig

von Petra Hallmayer

München, 26. September 2015. Die Vorwürfe der Ermittlerin sind erschütternd: "Anstiftung. Vergewaltigung. Sodomie. Mord." Allein: Nichts davon hat wirklich stattgefunden. So hat der Angeklagte Sims auch keinerlei Schuldbewusstsein. Jennifer Haleys Stück "Die Netzwelt", das unter Regie von Amélie Niermeyer im Cuvilliéstheater seine deutsche Erstaufführung feierte, entführt in eine nicht mehr ferne Zukunft. In einem sinnlich erfahrbaren virtuellen Wunderland kann sich jeder von seinen körperlichen Fesseln befreien und fremde Identitäten annehmen. Der unter dem Decknamen "Papa" agierende Sims hat das "Refugium" eingerichtet, einen Paradiesgarten, in dem Menschen sich ihren finstersten Begierden hingeben dürfen, sexuelle Beziehungen mit Kindern eingehen und diese zerstückeln. Pädophilie, erklärt Papa, sei unheilbar, und durch seine Domain schütze er reale Mädchen und Jungen vor Missbrauch. Mit seinem Geschäftsmodell biete er ein fantastisches Versprechen: "Die Möglichkeit eines Lebens jenseits aller Konsequenzen."


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Persönlichkeiten im Fluss

von Sabine Leucht

München, 25. September 2015. Mit schweren Schritten kommt er die düstere Treppe herab, die die gesamte Bühnenbreite des Residenztheaters ausfüllt. Bestürzung im Gesicht, den struppigen Lorbeerkranz hinter dem Rücken versteckt. Dann bricht er heulend über ihm zusammen und bedeckt sich und ihn mit seinem Mantel. Da kann Shenja Lacher noch so oft fragen: "Ist es ein Traum?" Er spielt hier weniger einen ungehorsamen Träumer als einen vom Gehorsamszwang Traumatisierten.


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Hamlet, dein Zaudern ist Luxus!

von Sabine Leucht

München, 5. Juli 2015. "Zeit", sagt Michele Cuciuffo, "Zeit ist Luxus". Er sagt es mit der Stimme der Bühnenreinigungskraft am Residenztheater, während Simon Werdelis, der für Ana Zirners "Frei Willig Arbeiten" einen Jungunternehmer und App-Entwickler interviewt hat, gerade aus einer Begriffsverwirrung herauszufinden versucht: "Freizeit? Heißt Freizeit, dass man wirklich frei hat? Oder dass ich mache, was ich will?" Ja, wie ist das eigentlich für einen, der frei(willig) arbeitet und nichts lieber tut als das?


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Lustige Orgie auf der Seelenmüllhalde

von Petra Hallmayer

München, 3. Juli 2015. Sie wolle einfach einmal die Wahrheit sagen, erklärt Violet irgendwann, was gemeinhin nur ein Vorwand ist, ungeniert die allergemeinsten Gemeinheiten auszusprechen, anderen das Messer mitten ins Herz zu rammen. Am Ende des Abends sind auch die letzten tröstlichen Illusionen im Hause Weston zertrümmert.


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Weltreiche, in Münchner Hotelzimmern zerfetzt

von Tim Slagman

München, 12. Juni 2015. Im Hotel begibt man sich in ein Zwischenreich, weder hier noch richtig dort, ein Nicht-Ort für den Transit. Im Hotel steht die Zeit still. Im Hotel hat immer irgendwer Sex. Thomas Dannemann beginnt die Geschichte dieser großen, reicheverzehrenden Leidenschaft zwischen Antonius und Cleopatra mit einer Bettszene im Hotel.


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Bring mir den Kopf von Frank Castorf!

von Petra Hallmayer

München, 22. Mai 2015. Es dauert nicht allzu lange, bis in Oliver Frljić' erster Inszenierung in München Schüsse knallen. Dabei führt diese nicht in den Balkankrieg, sondern in den deutschen Theaterbetrieb. Dort wird ein fiktives Alter Ego des Regisseurs (Franz Pätzold) von drei unerträglich arroganten, grässlich oberschlauen Herren (Leonard Hohm, Jörg Lichtenstein, Alfred Kleinheinz) engagiert, ehe die Szene in einem Blutbad explodiert, in eine Folge von Hinrichtungen mündet. Am Ende des einem Verhör gleichenden Vorstellungsgesprächs mäht der Bosnier das Herrentrio, das sich nacheinander Schilder mit den Namen deutscher Dichter und Denker und schließlich der Regiestars Frank Castorf, René Pollesch und Martin Kušej umhängt, nieder.


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Das Leben ist nicht weitergegangen

von Sabine Leucht

München, 11. April 2015. Das Konzert danach ist fast Pflicht für Premierenbesucher, denn bevor Laibach die Bühne des Residenztheaters mit elektromusikalischem Bombast und Pixeln füllen, die sich zu dramatischen Landschaften oder zum Skelett einer kippenden Galeere fügen, zeigt Milo Rau noch einen Film: Darin sieht man die Gesichter der Schauspieler, die eben schon im benachbarten Marstall zugleich in Fleisch und Blut wie auf Screens zu beschauen waren. Per Konserve bauen sie nun eine Brücke zur Kultband, die gerne mit der dunklen Seite der Macht kokettiert. "Deutsche! Europäer!", rufen diese talking heads markig. "Europa muss deutsch sein, oder es wird nicht sein!" Dazu passt, dass die slowenischen Gäste von Laibach kurz darauf die erste Strophe der deutschen Nationalhymne verfremden. Die Sätze docken auch an die Aufführung davor an, in der es fünffach um Kriegs- und Entwurzelungserfahrungen ging, fünffach um den Verlust des Vaters und vieler anderer Lieben – und eben um fünf unterschiedlich gebeutelte Europäer.


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Grün ist keine Hoffnung

von Sabine Leucht

München, 25. März 2015. Die eine Kernaussage des Stückes kommt vom Arzt Chebutykin und betrifft das Glück, das wir nie haben, sondern nur suchen können und das – sehr frei gesprochen – immer da ist, wo wir nicht sind. Die andere hat Stefan Hageneier auf die Bühne des Residenztheaters gestellt, wo etliche Bäume in großen Plastikbottichen auf mehrstufig aufeinandergestapelten Holz-Paletten wachsen – und wo nur ganz vorn am Bühnenrand ein kleines Fleckchen Erde freigelassen wurde. Irina macht sich anfangs daran zu schaffen. In Gummistiefeln und frischem weiß-rosa Outfit. An ihrem Namenstag, für den Valerie Pachner der jüngsten von Tschechows "Drei Schwestern" noch den mädchenhaften Elan und die Aufbruchsstimmung mitgibt, die einer Zwanzigjährigen gut stehen.


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Die Passion des Torquato Tasso Superstar

von Petra Hallmayer

München, 20. Februar 2015. Auf der halbrunden Bühne, die den Saal des Residenztheaters widerspiegelt und fortsetzt, tritt Torquato Tasso vor, um uns sein Werk zu präsentieren. "Euch zu gefallen", erklärt er, "war mein höchster Wunsch". Die Figur des Herzogs von Ferrara, der bei Goethe für Tassos Unterhalt sorgt, hat Philipp Preuss gestrichen. Die mächtige Instanz, von deren Gunst und Geld der Dichter abhängt, das sind bei ihm die Zuschauer.


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Krepieren muss die Welt!

von Michael Stadler

München, 15. Januar 2015. Ein bisschen Viech kann nie schaden, erst recht im Theater des Frank Castorf nicht. Einen wie Baal, der auf seiner hemmungslosen Glückssuche beständig säuft, frisst und die Weiber, sogar seine wahre Liebe, Ekart, verschleißt, kann man getrost als Schwein bezeichnen. Also ist gleich mal ein Schwein auf der Bühne, ein lebloses, von Franz Pätzold als Ekart getragen. Neben ihm spricht Aurel Manthei als Baal beruhigend textgetreu einen Ausschnitt aus dem Stück, bevor der Vietnam-Krieg als zweite Linie in den Prolog hineingesampelt wird. Andrea Wenzl macht als Perücken-Blondine das Eingangs-Trio perfekt, um sich im Lauf eines nicht unbedingt klar verständlichen Sprechfeuers als würdiger Neuzugang im Céline-erprobten Castorf-Team des Residenztheaters zu erweisen. Tempo, Exzess, aber bitte sofort.


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Von einem, der auszog, das Ausbeuten zu lernen

von Tim Slagman

München, 14. November 2014. Ein Wald aus giftgelben Kreuzen, zum Glück nur ein Lichtbild, fällt auf diesen armen, bleichen Kerl in der Mitte der Bühne. Dann läuten die "Hell's Bells" von AC/DC den Einmarsch des "Mageren" ein, auf seinem Gitarrenkoffer trägt dieser Teufel in Priestergestalt auch ein Kreuz, freilich ein umgedrehtes, das Signum des Satans. Starke Zeichen sind das allesamt, die aber bloße Verdopplungen der szenischen Situation und der Funktion der Figuren darin darstellen.


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Die Revolution ist ein exotischer Schmetterling

von Cornelia Fiedler

München, 10. Oktober 2014. Die Frage, ob die Welt verrückt ist, oder der Einzelne, der darin nicht klar kommt, scheint eindeutig beantwortet. Schließlich ist der Revolutionär Karl in der Psychiatrie gelandet, während die Mehrheit frei herum läuft und allen möglichen Unsinn erzählen darf: Etwa dass die Regierung dem Volke diene, dass sozial sei 'was Arbeit schafft' – zum Beispiel die örtliche Giftgasfabrik –, oder dass man sich nur ruhig verhalten müsse, dann würde bald alles besser.


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Liebe Liebe!

von Petra Hallmayer

München, 18. September 2014.Sie ersparen einander nichts. In Edward Albees Ehegruselschocker von 1962 "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" benutzt ein älteres Paar ein jüngeres als Publikum für seine Schaukämpfe. Spätabends finden sich Nick und Honey zu einem Absacker im Haus des Geschichtsdozenten George und seiner Frau Martha, der Tochter des Collegerektors, ein, wo sie in deren garstige Rituale hineingezogen werden. Ungeniert verhöhnt und demütigt Martha ihren Mann, der ihre Ambitionen nicht realisiert hat und es ihr nicht minder brutal heimzahlt.


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Facetten des rastlosen Wahnsinns

von Lea Kosch

München, 5. Juli 2014. Es war ein kühnes Vorhaben. Dass es das werden würde, konnte allerdings keiner voraussehen. Als am Freitag um 18.00 Uhr im Marstalltheater das Licht erlosch für die erste der sechs Premieren an diesem Wochenende, ertönte exakt im selben Moment in Brasilien der Startpfiff für das Viertelfinale der Fußball-WM Deutschland gegen Frankreich. Umso überraschender: Der Marstall war fast bis auf den letzten Platz besetzt. Offenbar gibt es in München noch genügend Menschen, die ein Theaterfestival dem Sportspektakel vorziehen oder zumindest bereit sind, zugunsten der Kunst einmal darauf zu verzichten.


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Das entleerte Leben

von Tim Slagman

München, 3. Juli 2014. Es ist tatsächlich ein Mensch auf der Bühne. Am Flügel sitzt Carsten Meyer, Keyboarder und DJ, Künstlername "Erobique", aber an diesem Abend ist er derjenige, der mit Abstand die wenigsten Verrenkungen macht. Herbert Fritsch, ein Experte für grelle Zeichen und schrille Töne, hat aus der Goldoni-Bearbeitung seiner Dramaturgin Sabrina Zwach "Frivole Sommerfrische in möglicherweise drei Liebes-Akten" in seiner zweiten Inszenierung am Münchner Residenztheater (nach dem Revisor) ein Beinahe-Musical gemacht. Er leistet sich einen heftigen Flirt mit dem Genre, das Gefühle in große Gesten komprimiert und Klänge beschwört, wenn Wörter zu leer scheinen.


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Gretchen im Verlies

von Willibald Spatz

München, 27. Juni 2014. Spröde, zäh und hart ist Johan Simons' Brückenschlag zum benachbarten Haus, dem von Martin Kušej geleiteten Residenztheater, geraten, und von einer gewissen Wucht. Im Resi sind Faust-Wochen. Der erste Teil kam eben unter der Regie Kušejs heraus, in der kommenden Woche folgen sieben Premieren junger Regisseure, die den zweiten Teil umkreisen. Und dazwischen Jelineks von ihr so genanntes Sekundär-Drama, das "kläffend neben den Klassikern herlaufen" soll. Sie prognostizierte ihr Scheitern gleich selbst, und zwar weil "ich das Originaldrama nicht verstehe und dann was total Falsches dazuschreibe."


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Vrooom!

von Isabel Winklbauer

München, 5. Juni 2014. Crash, Boom, Bang – so könnte man Martin Kušejs "Faust" untertiteln. Es fließt Blut in Strömen, ein Haus explodiert, es gibt Geballer und Gekokse. Wer Vieles bringt, wird manchem etwas bringen! Kein Effekt fehlt, von der Sexorgie bis zum Schlachtmesser. Trotzdem hat die Inszenierung einen unwiderstehlichen, eigentümlichen Sog. Sie ist auf der Höhe der Zeit, wenn auch auf der abgefuckten Seite unserer Ära. Sie transportiert Gier und Maßlosigkeit als düsteren Comic.


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Aus der Heimat rausgerissen

von Petra Hallmayer

München, 10. April 2014. Die Mörder treten nicht auf. Im Gegensatz zu den meisten der NSU-Stücke, die allerorten die Bühnen erobern, richtet die Regisseurin Christine Umpfenbach im Marstall das Scheinwerferlicht nicht auf das Zwickauer Neonazi-Trio. Sie lenkt den Blick auf die Opfer, darauf, was ihren Angehörigen angetan wurde in den qualvollen Jahren bis zur Aufdeckung der rechtsradikalen Motive der Mordserie, die zehn Menschen das Leben kostete.


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Im Wenn-Modus

von Sabine Leucht

München, 2. April 2014. Die einzige Überraschung des Abends kommt ganz am Schluss. Da entert der Intendant mit einer "Residenztheatertorte" die Bühne und überreicht sie Hans-Michael Rehberg, weil der für die Titelrolle in Harold Pinters "Der Hausmeister" nicht nur an den Ort zurückgekehrt ist, an dem er vor sechsunddreißig Jahren Bayerischer Staatsschauspieler wurde, sondern am Premierentag auch noch seinen sechsundsiebzigsten Geburtstag feierte. Martin Kusej freute sich – und durfte es guten Gewissens. Hat er doch nun mit einer Inszenierung von Andrea Breth den dritten Regiealtmeister-Import im Repertoire. Die Abende der ersten beiden (Castorf, Gotscheff) reisen demnächst zum Theatertreffen nach Berlin.


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Biedermann und Bollywood

von Petra Hallmayer

München, 21. Februar 2014. Neben mit Blumengirlanden geschmückten Götterbildern steht ein Fernseher. Das Heim der Maskes, durch das Luise im Sari huscht, ist mit bescheidenem Wohlstand ausstaffiert. Zum Auftakt ihrer Adaption der ersten drei Teile von Carl Sternheims Maske-Tetralogie aus dem Zyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" entführen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner im Residenztheater nach Indien.


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Ein mutiges Reh und Blicke zum Steinerweichen

von Sabine Leucht

München, 18. Januar 2014. Der Star des Abends trägt Sockenhalter zu Pumps und ein Unterhemd in dänischen Kinderklamottenfarben. Und er trägt seine Gitarre. Ian Fisher ist nicht nur der Narr in Amélie Niermeyers Münchner Inszenierung von "Was ihr wollt". Er rührt auch als Musiker und Sänger im Alleingang deren sehnsuchtsvollen Grundton an: Mit Textzeilen aus Shakespeare-Sonetten, Neil-Young-Schmelz und der Entspanntheit des Folk-Barden ist der Singer-Songwriter aus Missouri Herzschrittmacher und Pulsmesser der Kreuz- und Quer-Verliebten im Stück. Von ihm leihen sich die nach einem Schiffsunglück an die Küste Illyriens gespülte Viola und später ihr Bruder Sebastian den gleichen grün-rot-karierten Pulli nebst Hose (worauf Fisher aufs Neueinkleiden verzichtet) – und wie er auf etliche Demütigungen nur mit leichtem Augenverdrehen reagiert, ist hinreißend. Jede Wette, dass dieser kleine, lächerlich gewandete Mann es ist, dem hier die meisten Zuschauerherzen zufliegen.


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Die Finsternis der Moderne

von Hartmut Krug

München, 31. Oktober 2013. Wieder erhebt sich auf der Bühne eines dieser verschachtelten hölzernen Brettergerüste, das mit einem Wirrwarr von unterschiedlich großen Räumen die Spiel- und Anspielungsmöglichkeiten für eine Frank-Castorf-Inszenierung bietet. Zeitlos, ortlos, hässlich und praktisch zugleich, – und die Drehbühne dreht sich mit ihm. Überm Eingang prangt der hoffnungsfrohe Spruch "Liberté, Egalité, Fraternité", dessen Form und Schriftzug allerdings an einen anderen Spruch gemahnt, der vor einem nationalsozialistischen Vernichtungslager hing.


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Die Insel der Gerächten

von Isabel Winklbauer

München, 20. Oktober 2013. William Shakespeares Alterswerk "Der Sturm" verursacht seit je Bauchschmerzen. Zu fantastisch ist das Märchen um den entmachteten, rachedurstigen Fürsten Prospero, der seinen Feinden dann doch großherzig vergibt und seine wichtigsten Bezugspersonen in die Freiheit entlässt. Einen realistischeren Verlauf spielt man im Geiste aber auch nicht gern durch. Mord, Totschlag, gebrochene Herzen und Prosperos ewige Isolation wären einfach zu deprimierend. Dennoch entscheidet sich der isländische Regisseur Gísli Örn Gardarsson für diese zweite Möglichkeit: Sein "Sturm" am Münchner Residenztheater endet böse.


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Reality-Grusel-TV

von Petra Hallmayer

München, 10. Oktober 2013. "Det wollt ick nich!", erklärt Frau John. Doch da ist längst nichts mehr zu retten und wiedergutzumachen, treibt die Tragödie schon unaufhaltsam ihrem finsteren Ende entgegen. Düsternis liegt von Beginn an über Yannis Houvardas' Inszenierung. Durch eine Bühnenbodenluke kriechen die verschatteten Figuren wie Gespenster herauf, die Putzfrau John, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, und das über seine Schwangerschaft verzweifelte polnische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka.


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Mit dem Rücken zur Wand

von Steffen Becker

München, 14. September 2013. Scherenschnitte, ein Mann wird von einer Axt getroffen, waberndes Blut-Rot als Hintergrund. Was sich als Cover von Thriller-Bestsellern gut machen würde, verspricht zu Beginn der "Orest"-Aufführung am Münchner Residenztheater deren populäre Ingredienzen. Es geht um familiäre Abgründe, Machtmissbrauch, Sex, den moralischen Verfall einer Gesellschaft – kulminierend in einem Exzess von Gewalt.


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Prinzip Dosentelefon

von Michael Stadler

München, 13. Juli 2013. Und es ist Sommer. Draußen sitzen sie, der Mann und die Frau, an einem Tisch im Freien, und spielen ein Spiel, bei dem er, der Mann, Fragen stellen darf und - typisch Mann? – erst mal wissen will, wie das denn bei ihr war: das erste Mal. Die Frau lenkt erst ab und antwortet dann bereitwillig. So hat Peter Handke es geschrieben. In seinem 2012 bei den Wiener Festwochen von Luc Bondy uraufgeführten Stück "Die schönen Tage von Aranjuez" (hier die Nachtkritik von der Uraufführungs-Inszenierung) fühlt er den Beziehungen auf den hohlen Zahn, und wenn er sich auch nicht auf der Höhe des modernen Geschlechterdiskurses bewegt, schnörkelt sich seine Sprache doch so feinnervig ins Hirn und schweift das Paar so symbolträchtig ab – besonders der Mann, der sich an einen Aufenthalt in Aranjuez erinnert und den Einstieg aus Schillers "Don Carlos" auch zu zitieren weiß –, dass man das Stück durchaus mit einigem Genuss zu Ende liest.


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Verzweiflungslandschaft nach Büchner

von Petra Hallmayer

München, 23. Juni 2013. Das Fest ist vorbei. Keine Hoffnung, nirgends. "After the wedding" überschreibt Calixto Bieito den Auftakt seines Büchner-Abends "Leonce und Lena. Dunkle Nacht der Seele", der die Geschichte des Prinzen von Popo und die Prinzessin von Pipi vom Ende her beginnt.


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Auf Puppen kann man bauen

von Sabine Leucht

München, 8. Juni 2013. Giacometti! Das ist der erste Gedanke! Und der zweite, dass der überlange, dürre Kerl, der dem Stiller da über die Schulter schaut, so gar nicht aussieht wie die stämmigen, erdverhafteten Figuren, die man aus "Woyzeck on the Highveld" oder "Faustus in Africa" kennt. Aber die Handspring Puppet Company ist eben nicht nur eine der spannendsten, sondern auch eine der flexibelsten Figurentheatergruppen der Welt: Das zeigt etwa der auch kommerzielle Erfolg, den die Südafrikaner und ihre lebensgroßen Pferde mit der Produktion "War Horse" haben, die im Oktober in Deutschland zu sehen sein wird (unter dem Titel "Gefährten" im Berliner Theater des Westens).


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Sittenbilder einer Umbruchzeit

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 23. Mai 2013. Eine einsame Literaturgröße in Kroatien, sonst überall auf der Welt eher verlassen von den Lesern oder Theaterbesuchern. Gar schon einmal ein Stück von Miroslav Krleža (1893-1981) gesehen auf einer deutschsprachigen Bühne? Eben, jetzt heißt es Nachsitzen im Wiener Volkstheater, bei den Wiener Festwochen.


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Der Pfuh-Effekt

von Michael Stadler

München, 17. März 2013. Es ist kein "pfui" und auch kein "puh", das der Tod ausstößt, wenn er die Zeit, nachdem sie ihn beim Menschen vertreten hat, aus ihrem Dienst entlässt und sein Regiment wieder übernimmt. Wenn er dann da sitzt, die Hände im Schoß, ein bisserl einsam ist und bereit für die Ewigkeit. Nein, er sagt "na endlich" und dann "pfuh", spinnt die alte Mutter Linde ihre Geschichte weiter und amüsiert sich königlich. Was für eine Pointe: "pfuh"! Ihr Mann Otto lacht mit, während Nachbarin Edith probehalber auch mal "pfuh" sagt. Ediths Lover, der Sepp, findet das alles auch komisch, aber im Sinne von "traurig". Und dann fällt den Vier nichts weiter zum Zeitvertreib ein. Der Prolog ist zu Ende, und das Stück geht richtig los: "räuber.schuldengenital" von Ewald Palmetshofer.


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Kalt war der Weg durch's Feuer

von Sabine Leucht

München, 5. Mai 2013. Ihn interessiere, schrieb Heiner Müller 1973, an dieser Geschichte "das Feuer, nicht die Asche. Ich wäre froh, wenn 'Zement' begriffen würde als Beitrag gegen die politische Weltverschmutzung durch antisowjetische Propaganda; die Darstellung der Kämpfe und Mühen von gestern als eine Ermutigung im heutigen Klassenkampf". Diese Möglichkeit auch nur einzuräumen, fällt schon bei der Lektüre des selten gespielten Stückes schwer.


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Die mit dem Raben tanzen

von Willibald Spatz

München, 1. März 2013. Es ist witzlos, manche Dinge zu parodieren, weil sie an sich schon eine gewisse Lächerlichkeit mit sich bringen. Deshalb sind sie auch zart und leicht zu treffen. Heavy Metal zum Beispiel oder das ganze Gruselgenre. Wie einfach ist es, sich darüber lustig zu machen. Dabei fängt der Spaß erst an, wenn man sich aufrichtig darauf einlässt.


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In der Gummizelle der Konventionen

von Steffen Becker

München, 23. Februar 2013. Eine Zeit lang waren Comic-Karten in Mode, die den Satzanfang  "Liebe ist ..." mit banalen Halbsätzen beantworteten: "... gemeinsam Geschirr zu spülen". So simpel ist es natürlich nicht. Denn Liebe ist vor allem Quell mannigfachen Leids. So zumindest erscheint sie in der Inszenierung von "Kabale und Liebe" am Münchner Residenztheater.


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Bayerns babylonische Hure

von Petra Hallmayer

München, 25. Januar 2013. Rückblickend, schreibt sie ihren Memoiren, erscheine ihr, "diese ganze, wunderbare Epoche meines Lebens wie ein toller Fastnachtsspuk." Ganz Europa bestaunte fassungslos die königlich-bayerische Posse, die ein alternder Monarch und eine falsche Spanierin am Vorabend der bürgerlichen Revolution in München inszenierten. Als die Tänzerin Lola Montez ließ sich eine irische Schwindlerin von Ludwig I. die Füße küssen. Ihre Auftritte waren skandalös und legendär. Sie ohrfeigte Männer ungeniert, verhöhnte Polizisten und ignorierte das Rauchverbot auf den Straßen, bis es abgeschafft wurde.


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Das Haar in der Suppe

von Sabine Leucht

München, 3. Januar 2013. Zum Schlussapplaus zieht er sie beide zu sich her: Der große Mann des neuen Residenztheaters die großen Damen einer verblichenen Ära. Eine öffentliche Umarmung des Intendanten Martin Kušej mit den Schauspielerinnen Sibylle Canonica und Cornelia Froboess mag noch so spontanen Ursprungs sein, und herzlich und persönlich obendrein, sie besitzt immer etwas Demonstratives. Umso mehr, als es das erste Mal ist, dass der Regisseur Kušej mit den zwei Publikumslieblingen aus der Zeit seines Vorgängers Dieter Dorn gearbeitet hat. Und die Geste zudem vergrößert wird von der Vorgeschichte dieser Premiere, die nach zweimaliger Verschiebung am 15. Dezember abgebrochen werden musste, weil Cornelia Froboess mit Grandezza gerade noch einen Schwächeanfall vor den Augen des Publikums verbergen konnte.


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Es geschah aus Liebe

von Willibald Spatz

München, 22. Dezember 2012. Jetzt also endlich in München. Seit einiger Zeit hört man hier bereits, dass der Schauspieler Herbert Fritsch, wenn er Regie führt, ungeheure Dinge anstellt. Er lasse sein Publikum Theater mit neuen Augen sehen, indem er es lachen und mit diesem Lachen in Abgründe blicken lässt. Nun also "Der Revisor", ein Stück, das an sich schon eine witzige Vorlage ist. Und tatsächlich bekommt man das, was Gogol einst niedergeschrieben hat, mit einigen Strichen zumindest als Text geliefert.


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Knall. Peng. Tot.

von Petra Hallmayer

München, 16. November 2012. Es konnte jeden jederzeit treffen, an der Tankstelle, beim Rasenmähen, beim Einkaufen. 2002 versetzten John Allen Muhammad und Lee Boyd Malvo, die wahllos Menschen erschossen, Amerika wochenlang in Panik und entfachten ein mediales Dauerfeuerwerk. "Call me God" war auf einer Tarotkarte zu lesen, die sie nach einem Mord zurückließen. So lautet auch der Titel einer ehrgeizigen deutsch-italienischen Koproduktion, die nun im Marstall Premiere feierte.


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Ein Höhlengrab für die Zukunft

von Sabine Leucht

München, 26. Oktober 2012. Fast alle Figuren in Ibsens "Hedda Gabler" sind Vampire. Richter Brack würde vieles tun, um die erotische Leerstelle zwischen den Eheleuten Tesman für sich zu nutzen. Erpressung ist da wirklich das kleinste Problem. Jørgen Tesmans Tante Julle sieht überall Todkranke und Gebärende; die Enden und Anfänge des Lebens umkreist sie wie ein Geier. Tesmans Heil hängt an der Erforschung eines fürchterlichen Nischenthemas im mittelalterlichen Brabant. Das Heil von Thea Elvsted liegt darin, Ejlert Løvborg zu Werk und Würden zu verhelfen. Und nur Hedda, der das Forschen und Helfen nicht liegt, ist dauernd auf der Suche nach dem, was das Leben sein könnte, was mutig wäre, "eine Tat!" Bloß, dass sie sie nie selbst begehen könnte, denn: Begabt ist sie allein für die Langeweile.


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Achtung, Achtung: Sex ist Gewalt!

von Sabine Leucht

München, 20. Oktober 2012. Patrick Steinwidder ist noch jung. Mit Schnitzlers "Reigen" aber hat er mehr Erfahrung als manch alter Regie-Hase. 2006 war er als Dramaturg an einer rein weiblichen "Reigen"-Fortschreibung des Kärntner Vitus-Theaters beteiligt, die die Kronen-Zeitung "hinreißend komisch" fand. Und an der Royal Academy of Dramatic Art in London bewarb er sich mit einer Szene aus dem "erotischen" Skandalstück. Steinwidder wurde genommen – und inszenierte den "Reigen" als Abschlussarbeit endlich selbst – und ganz.


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Fifty Shades of Shakespeare

von Steffen Becker

München, 2. Oktober 2012. Eine Frau zu taxieren wie ein Objekt, sie zu begehren und zu gewinnen wie eine Trophäe – geht nicht mehr, ist nicht mal post-gender und trotzdem fest in den Köpfen. Als Frau einen Mann bloßstellen, sich mit ihm messen wie die anderen Jungs – total gendergerecht, eigentlich selbstverständlich und tatsächlich fast unmöglich. Die komplizierte Gemengelage der Rollenzuweisungen muss ein Stück über Liebe im 16. Jahrhundert als kaum aktualisierbaren Klassiker erscheinen lassen.


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Ich und du, Müllers Kuh

von Petra Hallmayer

München, 21. Juli 2012. Auf der fast kahlen Bühne im Marstall gibt ein Autor und Regisseur (Götz Schulte) seinen Darstellerinnen Anweisungen und führt uns in die Geschichte ein: Die Schauspielerin Elisabet Vogler ist mitten in einer "Elektra"-Aufführung verstummt. Sie weigert sich zu sprechen, ihren Mann und ihren Sohn zu sehen und wird fortan von der Krankenschwester Alma betreut, mit der sie in ein einsames Sommerhaus zieht.


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Monströsalt

von Sabine Leucht

München, 17. Juni 2012. Schwarze Säulen, rampennah aneinander gedrängt. Nichts passt zwischen sie als ein paar Streifen Licht. Dazu düstere Gitarrenklänge, über denen eine hohe Frauenstimme schwebt.
Wow!
Diesem Anfang wohnt ein Versprechen inne, wenn auch nicht unbedingt jenes, dass jetzt gleich Shakespeares "Sommernachtstraum" beginne. Aber das hat man ja zumindest schon in der lokalen Presse gelesen, dass Michael Thalheimer einer ist, der das Düstere und Kaputte aus den Stoffen hervorlockt, dem das Beliebige zuwider ist und die Tragödie nah. Das merkt man auch gleich, denn vor der Wand aus Säulen hastet jemand entlang, der offenbar verzweifelt nach einem Ausweg sucht aus der Geschichte, in die er da geraten ist.


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Alles Attrappe, auch die Sehnsuchtalt

von Sabine Leucht

München, 22. Mai 2012. Gleich zu Beginn schnarcht einer im Parkett. Doch das Dienstmädchen Dunjascha, das auf der Vorderbühne noch damit beschäftigt ist, fett Haarspray und Makeup aufzutragen, bittet dessen Nachbarn, ihn zu wecken. Und - Ei der Daus! - er gehört doch glatt zur Inszenierung, die im Münchner Residenztheater über Tschechows "Kirschgarten" herfällt wie eine Horde hungriger Hunde über ein Gemüseomelett: Mit Hochdruck und wild entschlossen, aber ohne rechten Plan, ob der Schmaus auch verdaubar ist.


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Der komische Horror der Reproduktion

von Michael Stadler

München, 12. Mai 2012. Wäre ja schön, wenn das mit den Kindern ein Kinderspiel wäre, locker, flockig, poppig, ein bisserl wie so ein Performance-Abend, bei dem auch gesungen wird. So Lieder wie "Chew your bubblegum". Kau' deinen Kaugummi, das klingt doch drollig. Wer kaut und pustet, kann Blasen machen. Aber leider steigt die Verzweiflung bei Eltern wie Kinderlosen immer wieder hoch, ähnlich einem mit Helium gefüllten Luftballon. So wenig Luft, so viel Druck. Man könnte platzen und tut es nicht, vielleicht auch, weil es – was für ein Trost! – den anderen bestimmt genauso geht. In Online-Foren bietet sich den Kinderkriegern die Möglichkeit zum Austausch über den täglichen Nahkampf mit sich und dem Nachwuchs. Hier kann man alles durchkauen. Wortbläschen machen.


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Trostfrei quälend

von Petra Hallmayer

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München, 17. März 2012. Nichts löst heftigere Entrüstungsstürme aus als sexuelle Gewalt gegen Kinder. Die hasserfüllte Empörung über die Täter, in die eigene ungerächte Ohnmachtserfahrungen und sadistische Impulse einfließen, vereint Professoren und Raubmörder. Franz Xaver Kroetz' Stück "Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind", das Anne Lenk nun im Cuvilliéstheater inszenierte, begnügt sich nicht mit den reflexartigen Abscheureaktionen. Es hat auch nichts gemein mit den fernsehvertrauten Missbrauchsdramen – und das ist gut so.


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alt

Gib mir mehr Theater!

von Michael Stadler

München, 3. März 2012. Wer dem Theaterzuschauer die Lust am Schauen madig machen will, der benutze halbdurchsichtige Spiegel, die den Blick auf die Bühne je nach Beleuchtung ermöglichen oder verweigern und auf den Betrachter zurückwerfen können. Im Marstall, dem Resi-Nebenschauplatz fürs Experimentelle, wo sich zuletzt die freie Truppe von Showcase Beat le Mot austobte, hat Annette Murschetz einen Guckkasten moderner Neon-Peep-Show-Art errichtet. Alle vier Seiten sind von Spiegelglas begrenzt, davor sitzt das Publikum. Das erinnert an die Verhörkammern des FBI. Oder die Vorzimmer zu jenen Räumen, wo Hinrichtungen stattfinden. Und irgendwie hat dieser Seh-Raum auch etwas von einem merkwürdig quadratischen Laufsteg, auf dem bald verkorkste Lebensmodelle vorgeführt werden. Mit Blackouts zerstückelt Kusej den Handlungsfluss im Inneren des Guckkastens in zahlreiche Einzelszenen. Immer wieder geht innen das Neonlicht aus und im Zuschauerraum an, man sieht sich selbst und die anderen auf ihren Bänken sitzen, indes drinnen die Protagonisten sich für die nächste Szene neu positionieren.


Residenztheater München

altVibrierende Staubwedel für kastrierte Emotionen

von Sabine Leucht

München, 26. Februar 2011. Uff, was fängt man bloß mit diesem Abend an? Barbara Weber, ihres Zeichens eher ironische Vorführerin von Figuren und Darstellungsmechanismen als Identifikationsnudel, hat ihn angerührt. Nach einem Rezept von Sarah Ruhl, das in den USA 2010 für mehrere Tony Awards nominiert wurde.


Residenztheater München

altIm Kabinett des Dr. Charivari

von Steffen Becker

München, 11. Februar 2012. Vor dem Marstall kann man sich einfühlen in die Leiden von Kafkas Landvermesser K. im Angesicht des nahen und doch unerreichbaren Schloss. Das Residenztheater München hat dem Kollektiv Showcase Beat Le Mot einen Spielort für seine Performance "The Happy Ending of Franz Kafka's Castle" zur Verfügung gestellt. Die vierköpfige Truppe (verstärkt durch Mitglieder des Resi-Ensembles) lässt ihr Publikum bei eisigen Temperaturen erst mal vor dessen Toren zittern.


Residenztheater München

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Die Rückseite der Form

von Sabine Leucht

München, 14. Januar 2012. Dieser Abend hat auf so offenkundige Weise eine Seele, dass er den Zuschauer schachmatt setzt, noch bevor er richtig begonnen hat. Denn da ist Pippo Delbono, der Autor, Schauspieler und Regisseur aus Ligurien, der "Erpressung" am Münchner Residenztheater inszeniert hat und uns aus dem Off erzählt, dass er erstmals in einer eigenen Inszenierung nicht mitspielen werde. Tut er aber doch. Delbono ist anwesend! Nicht nur, wenn sein Gesicht riesengroß auf einer Leinwand erscheint und wir erfahren, wie sehr der Umgang mit "dem Anderen" sein Leben erschüttert und bereichert hat. Zum Beispiel mit den Deutschen, die immer alles in Frage stellen ("auch die Schauspieler") oder mit dem taubstummen Bobò, der fünfzig Jahre seines Lebens in einer offenbar rückständigen Psychiatrie verbracht hat und für Delbono ein unverzichtbarer Bühnenpartner geworden ist.


Residenztheater München

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Tödliches Dreieck

von Michael Stadler

München, 21. Dezember 2011. Die Geometrie der Gefühle ist bekanntermaßen simpel und einsichtig: Während es beim Dreieck kompliziert wird, steht der Kreis für Harmonie. Nur findet der Blick am Runden keinen Halt. Es gibt keine Stabilität an der nach Außen gewölbten Oberfläche eines hochragenden, schwarzen Zylinders, der als eine Art Geheimnis-Silo flächendeckend auf der Bühne des Residenztheaters steht. Irgendetwas verbirgt sich in seinem Inneren, die Wissbegierde kratzt am Äußeren.


Residenztheater München

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Gebrochen weiß

von Steffen Becker

München, 18. Dezember 2011. Am Anfang werden die Figuren vorgestellt, während sie die Wände des Blech-kahlen Bühnenraums streichen: Elizabeth und Henry Law haben einen Sohn, der auf der Suche nach seinem Vater in Australien Gabrielle York findet und mit ihr Gabriel zeugt – kurz bevor er aufgrund seines Todes doch nicht herausfindet, was Fotos von vergewaltigten Jungs mit ihnen beiden zu tun haben.


Residenztheater München

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Zuckersüßes Arbeiterblut

von Petra Hallmayer

München, 2. Dezember 2011. "Woher denn anders", meinte der "Candide"-Bewunderer Schopenhauer, "hat Dante den Stoff zu seiner Hölle genommen als aus dieser unserer wirklichen Welt?" – ein Satz, den Voltaire aufs Anschaulichste illustriert hatte.


Residenztheater München

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Schlag den Speer!

von Steffen Becker

München, 30. Oktober 2011. Die Ankündigung war zweifelsfrei ein Coup. Martin Kušej, neuer Intendant am Münchner Residenztheater, krempelt das Haus radikal um und lädt sich als Sinnbild mit Frank Castorf den bekanntesten deutschen Theaterrevoluzzer ein. Castorf! Inszeniert Horváth! Zum ersten Mal! In München – wo sein erstes Engagement vor 20 Jahren einen Skandal provozierte.


Residenztheater München

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Bundesrepublikanisches Pandämonium

von Petra Hallmayer

München, den 9. Oktober 2011. Keiner kommt hier weg. Eigentlich wollten sie nur möglichst schnell in München landen, doch dann hat ein isländischer Vulkan rücksichtslos Lavaasche in die Luft gespuckt. Weil die von Wohlstandsbürgern als große Göttin und gute Mama angebetete Natur sich um den Menschen einfach nicht schert, sitzen sie am Flughafen fest: eine Horde verwöhnter erwachsener Kinder, die ihr Recht auf ein bequem planbares schlangenfreies Leben einklagen.


Residenztheater München

altFatal fehlender Charme

von Michael Stadler

München, 7. Oktober 2011. Vor den Vorhang im Rokoko des Cuvilliéstheaters, ins Scheinwerferhalbrund treten vier Männer in durchsichtigen, blutig rot verschmierten Plastik-Metzgerkitteln. Darunter sind sie nackt. Ihre Köpfe zieren Hirschgeweihe. Im Chor tragen sie vor, wie man einen Hirsch ausweidet. Sie geben sich erschrocken, dann wieder entschlossen, wenn es ans Eingemachte geht. Die vier Männer sind die unheilvoll clownesken Vorboten dieses Abends. Der Vorhang geht auf. Das Schlachtfest kann beginnen.


Residenztheater München

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Blicke wie gestraffte Seile

von Sabine Leucht

München, 6. Oktober 2011. Ein Mann wie ein Windstoß, sein Weg von Theaterblut besudelt; ein Stücke-Energetisierer und unerschrockener In-Abgründe-Blicker. So weit das von ihm selbst und der Münchner Presse verbreitete Vor-Urteil: Nun ist Martin Kušej Intendant des Residenztheaters, wie das Bayerische Staatsschauspiel künftig nur noch heißt, und beginnt den großen Premierenreigen zur Spielzeiteröffnung mit Arthur Schnitzlers "Das weite Land". Das von seinem Vorgänger Dieter Dorn gut drei Jahrzehnte lang textnahe, oft monumentale oder verspielte Inszenierungen gewöhnte Publikum wurde zuvor mit Slogans wie "Neue Kraft für Katastrophen" oder "Krise heißt Höhepunkt" auf den Ernstfall vorbereitet. Nun ist er da, jedoch anders als erwartet.


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