zurück zur Übersicht

archiv » kolumne wolfgang behrens (41)
kolumne wolfgang behrens

Elf Regeln soll'n es sein

von Wolfgang Behrens

10. Dezember 2019. Ein zentraler Moment des Theaterlebens, der mir zwangsläufig verschlossen blieb, als ich noch ein Kritiker war, ist das Vorsprechen der Schauspielabsolvent*innen an den Häusern, an die sie engagiert zu werden hoffen. Dabei ist das ein für alle Beteiligten höchst aufregender, weil naturgemäß berufs- und karriereentscheidender Vorgang. Und zugleich ein sehr seltsames Ritual: Eine bis in die Haarspitzen motivierte Bewerberin (oder ein Bewerber) entblößt sich emotional vor einigen wahlweise neugierig, semi-aufmerksam oder eisig blickenden Intendanten-, Hausregisseurs- und Dramaturgengesichtern, die sich am Ende meist ein routiniertes "Danke. Wir melden uns!" abringen.


kolumne wolfgang behrens

"Bitte bevorraten Sie sich!"

von Wolfgang Behrens

29. Oktober 2019. Als ich noch kein Kritiker sondern nur ein Zuschauer war, erlebte ich einmal mit meiner Cousine C.... in Peter Steins "Kirschgarten"-Inszenierung einen Theatermoment, den wir beide fortan zu unseren komischsten zählen sollten. Was allerdings nichts mit Peter Stein oder Tschechow zu tun hatte. Vielmehr trug sich zu, dass C.... und ich, die wir als Student*innen auf den billigen Plätzen saßen, vor der Pause zwei freie Sitze in der ersten Reihe erspäht hatten, die wir nun am Beginn des dritten Aktes einzunehmen trachteten.


kolumne wolfgang behrens

Ehret den Esel!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Oktober 2019. Es gibt eine Frage, die mich zeit meines Theaterlebens verfolgt – und zwar unabhängig davon, ob ich gerade Zuschauer, Kritiker oder Dramaturg war. Ich kann diese Frage noch so oft zu beantworten versuchen, sie kommt immer wieder, lässt sich nicht abschütteln und zielt permanent ins Innerste des eigenen Theaterverständnisses. Sie wird gern von Leuten gestellt, die man auf Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten trifft, also zu Gelegenheiten, bei denen man lästigerweise über den gleichfalls ins Theater vernarrten Freundes- und Kollegenkreis hinauszuschauen gezwungen ist. Besonders häufig kommt die Frage übrigens von Musiker*innen und von Teilnehmer*innen an Publikumsdiskussionen. Sie lautet: Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht? (Die Musiker*innen pflegen dann stets anzufügen, dass sie doch schließlich auch laut spielten, wenn ein "forte" in der Partitur stehe, und bei einem "ritardando" nicht beschleunigten.)


kolumne wolfgang behrens

Silbriger Dramaturgenglanz

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. Mai 2019. Als ich noch ein Kritiker war, hielt sich mein Beliebtheitsgrad unter Theaterleuten sicherlich in Grenzen – man war ja schließlich ein Kritiker und als solcher ein Feind des Theaters –, aber ich stand zumindest unter keinem Legitimationsdruck. Wenn ich erwähnte, welcher Profession ich nachging, hatten die Menschen in der Regel so ungefähr eine Ahnung, was ich tue.


kolumne wolfgang behrens

"Ignaz, hast du den bestellt?“

von Wolfgang Behrens

9. April 2019. Vor fünf Wochen erschien an dieser Stelle eine Kolumne, die von störenden Zwischenrufern im Theater handelte (und auch von den – wenngleich signifikant selteneren – Zwischenruferinnen). Auf der nach oben offenen Störungsskala ist mit ihnen allerdings noch lange kein Spitzenwert erreicht, denn es gibt noch die zwar raren, aber umso eindrücklicheren Störer, die handfest ins Geschehen eingreifen, indem sie uneingeladen in den Bühnenbereich eindringen: sozusagen die (aus Sportveranstaltungen sattsam bekannten) Flitzer des Theaters.


kolumne wolfgang behrens

"Dem kommt's gleich!"

von Wolfgang Behrens

5. März 2019. Vor fünf Wochen bedachte ich an dieser Stelle diejenigen mit leisem, aber insistierendem Spott, die das Theaterparkett nicht zuletzt dafür nutzen, beharrlich ihr Störpotential zu entfalten. Was ich den damals getadelten Herrschaften jedoch zugute halten muss, ist, dass sie ohne Arg handeln: Es käme ihnen gar nicht in den Sinn, dass das Knisterpapierchen, welches sie von der ersehnten Pastille abstreifen, auch noch im dritten Rang hörbar sein könnte; und ihr Parfüm haben sie schon zehn Sekunden nach dem Auftrag nicht mehr selbst wahrnehmen können, weswegen sie reinsten Gewissens noch einmal ordentlich nachgelegt haben.


kolumne wolfgang behrens

Ssssssst oder 'S große Rascheln und Röcheln

von Wolfgang Behrens

29. Januar 2019. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es nicht statthaft sei, Texte oder gar Kolumnen über die Verspätungen und Servicepannen der Deutschen Bahn zu verfassen, da diese ein viel zu wohlfeiles Opfer darstelle. Schade eigentlich, denn als zwischen Berlin und Wiesbaden pendelnde dramaturgische Schienenexistenz hätte ich da viel zu erzählen. Ähnlich verhält es sich wohl mit Texten über das hustende, röchelnde, raschelnde Publikum bei Veranstaltungen der Hochkultur. Auch das ist ein überaus dankbares Spottobjekt, und wirklich jeder kennt diese Geschichten: "Und just in dem Moment, als Harnoncourt den Taktstock zum Einsatz hob, klingelte ein Handy." Oder: "Und dann hat eine Oma (#PoliticallyIncorrect, I know) hinter mir an der leisesten Stelle ein Bonbon ausgepackt …" Wobei mir einfällt – ja, das muss ich erzählen: Gerade neulich hat eine Oma hinter mir an der leisesten Stelle ein Bonbon ausgepackt, und zwar so quälend langsam, als gälte es, die Vorfreude auf die gaumenbefeuchtende Leckerei so lange wie möglich auszukosten – als plötzlich eine tiefe Greisenstimme in Zimmerlautstärke dazwischenfuhr: "Kannste mir auch eins geben?"


kolumne wolfgang behrens

Die Kritikerfalle

von Wolfgang Behrens

11. Dezember 2018. Man darf sich den Kritiker nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Macht ja auch keiner. Christine Dössel – immerhin selbst Kritikerin – beschrieb ihn vor ein paar Jahren als "ein bisschen gebeugt, gram und miesmuffelig." Und das war noch freundlich ausgedrückt, denn die meisten vermuten hinter dem Kritiker einen durch und durch bösen Menschen, der sich zu seinem Platz im Parkett, Reihe 6, Mitte einzig mit dem Ziel schleppt, eine in wochenlanger Mühsal geprobte Theaterarbeit im Handstreich zu erledigen.


kolumne wolfgang behrens

Best never rest

von Wolfgang Behrens

23. Oktober 2018. Ich bin in meinem Leben schon vielen hässlichen Sätzen begegnet. "Best never rest" ist natürlich einer von ihnen, oder "Wenn der Bratmaxe grillt, fängt die Stimmung an", oder auch: "Alles wird gut." Der Schriftsteller Max Goldt hat es sogar einmal unternommen, den hässlichsten Satz der deutschen Sprache zu küren. Ich will die Spannung nicht unnötig steigern und zitiere ihn hier sogleich: "In schonungslos verknappter Sprache bringt er die alltägliche Gewalt auf die Bühne und liefert so eine radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation."


kolumne wolfgang behrens

Güldener Grenztest

von Wolfgang Behrens

18. September 2018. Jetzt ist tatsächlich einmal etwas passiert! In mein beschauliches Wiesbadener Dramaturgen-Dasein ist ein goldener Erdoğan hineingeplatzt. Über Nacht stand er plötzlich da – die Macher der Biennale, die von meinem Theater ausgerichtet wird, hatten ihn aufstellen lassen, ohne dass die allermeisten Theatermitarbeiter (darunter auch ich) vorher auch nur irgendetwas davon geahnt hätten. Und es trat ein, wovon Dramaturgen eigentlich träumen: Nicht nur die hiesige Zeitung und der Lokalteil des überregionalen Organs berichteten – nein, von den "heute"-Nachrichten bis zur "New York Times" diskutierte man über diese Erdoğan-Statue, die über Nacht wie ein Ufo auf dem Wiesbadener Platz der deutschen Einheit gelandet war und wie der Monolith in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" bestaunt wurde.


kolumne wolfgang behrens

Selber Kälber

von Wolfgang Behrens

19. Juni 2018. Als ich noch ein Kritiker war, dachte ich, die schärfsten Kritiker des Theaters seien die Kritiker. Und vielleicht stimmt das ja auch, je nachdem, was man unter dem Begriff "scharf" subsumieren möchte. Die eine oder andere scharfsinnige Beobachtung schleicht sich schon ab und an in eine Kritik ein; und wer unter Schärfe die Bereitschaft zum Verriss versteht, wird natürlich auch hie und da in Kritiken fündig.


kolumne wolfgang behrens

Großes kündigt sich an

von Wolfgang Behrens

16. Mai 2018. Als ich noch ein Kritiker und sogar noch Redakteur bei nachtkritik.de war, ließ Kay Voges, Intendant des Schauspiels Dortmund, einmal anfragen, ob er nicht auf einen Plausch in der Redaktion vorbeikommen könne. Nach der allfälligen Auskunft, dass es keine nachtkritik.de-Redaktion gebe (also nicht als konkreten Ort in Gestalt eines eigenen Büros – die Redaktionstreffen finden bis heute in den privaten Wohnungen statt), verabredete man ein Gespräch auf neutralem Terrain. Während einer Redaktionssitzung legten wir fest, wer von uns diesen Termin wahrnehmen solle. Das Los fiel auf mich.


kolumne wolfgang behrens

Gruppenkunde

von Wolfgang Behrens

3. April 2018. Man kann Kritiker*innen in drei Gruppen einteilen:

1) In die Gruppe derer, die geliebt werden wollen,

2) in die Gruppe derer, die gehasst werden wollen, und

3) in die Gruppe derer, denen es egal ist, ob sie geliebt oder gehasst werden.

Die meisten Kritiker*innen werden wohl behaupten, zur dritten Gruppe zu gehören – eine Blitzumfrage unter einem (in Zahlen: 1) befreundeten Kritiker ergab sogar 100 Prozent, wobei der Umfang der Stichprobe vielleicht nicht optimal gewählt war. Ich behaupte jedoch, dass alle jene, die sich selbst der Gruppe 3 zuordnen, lügen, weswegen sich streng genommen alle Kritiker*innen in die ersten beiden Gruppen aufteilen lassen.


kolumne wolfgang behrens

Das Gift des Derrida

von Wolfgang Behrens

28. Februar 2018. Und dann war da noch jene Regisseurin, die die Pressereferentin des freien Produktionshauses nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltete, weil in einer großen Zeitung eine schlechte Kritik erschienen war. "Das hätte nicht passieren dürfen", soll sie sinngemäß – wenn auch mit viel derberen Worten – gesagt haben. Warum der Kritiker nicht richtig instruiert worden sei. Warum sie, die Pressereferentin, ihm, dem Kritiker, nicht erklärt habe, wie alles gemeint sei und was er hätte schreiben müssen.


kolumne wolfgang behrens

Fantastisch!

von Wolfgang Behrens

23. Januar 2018. Wer kennt das nicht? Die Saaltüren werden geschlossen, das Licht im Zuschauerraum erlischt, der Vorhang öffnet sich, die Temperatur beginnt merklich zu steigen (weil das Theater seine Stammklientel auf Wärmelevel halten muss), noch merklicher wird die Luft dicker – und plötzlich wird der Kopf schwer. Man ist gewillt, ihn oben zu halten – Konzentration! Konzentration! – was hat der Schauspieler da vorne noch eben gesagt? "Das Leben nennt der Derwisch eine Reise" – ach ja, kenne ich, das ist …, jaja, ich bin voll dabei, wie war das, das hat doch auch der … – doch da!, ein Zucken durch den gesamten Oberkörper, und schon schnellt der längst niedergesunkene Kopf von der Brust zurück in die Höhe. Sekundenschlaf. Mitten in der Aufführung weggenickt. Peinlich!


kolumne wolfgang behrens

Regelwerk der Komik

von Wolfgang Behrens

5. Dezember 2017. Wenn man am Theater etwas Lustiges spielt, sollte man die Kritiker*innen unbedingt so weit als möglich auseinander setzen. Denn weniges ist dem Kritikermenschen peinlicher als vor beziehungsweise neben oder hinter Kolleg*innen zu lachen, wenn diese nicht lachen. Oft reicht schon ein einziger nicht lachender Kritiker aus, um einen unabsehbaren Domino-Effekt auszulösen: Was? Herr S. lacht nicht? Oha, da lache ich mal besser auch nicht, sonst denkt Herr S. am Ende gar, ich sei so ein dummer verkicherter Typ, der schon laut losgackert, wenn einer auf einer Spermaspur ausrutscht. Frau L. lacht sowieso nicht, wenn ich nicht lache, und am Ende sitzt da ein kompakt unlustiger Kritiker*innenblock, der konzentriert nach vorne starrt und alles unsagbar albern findet, während sich das Publikum wie Bolle amüsiert.


kolumne wolfgang behrens

Das einsame Lachen des Dramaturgen

von Wolfgang Behrens

7. November 2017. Als ich noch ein Kritiker war, habe ich einmal auf bösartige Weise einen Dramaturgen bloßgestellt. Eigentlich war es gar kein richtiger Dramaturg, sondern ein Autor, aber der Autor hatte im bewussten Fall eine genuin dramaturgische Aufgabe übernommen: Er hatte aus Bertolt Brechts Romanfragment "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" eine Bühnenfassung erstellt. Nun war es nicht etwa so, dass ich den zum Dramaturgen gewordenen Autor deswegen schalt, weil er seinen Job schlecht gemacht hätte. Nein, infam, wie ich war (ich war ja Kritiker!), zerrte ich ihn dort ins Rampenlicht, wo er sich mit Recht im Schutze der Anonymität wähnen durfte: im Publikum.


kolumne wolfgang behrens

Plötzlich Dramaturg

von Wolfgang Behrens

3. Oktober 2017. In den 1990er Jahren war die gesamte überregionale Theaterkritik von alten Männern besetzt, die gnadenlos ihre ästhetischen Vorlieben aus den 1970er Jahren hochschrieben und alles andere gründlich vernichteten. Die gesamte überregionale Theaterkritik? Nein! Einen unbeugsamen Jungkritiker gab es damals, der sich nicht schrecken ließ und gegen die herrschende Alt-Herren-Meinung Regisseure wie Frank Castorf und Einar Schleef als die neuen Großkünstler feierte.


kolumne wolfgang behrens

Ende mit Schrecken

von Wolfgang Behrens

27. Juni 2017. Und es wird sein Heulen und Zähneklappern, und die Volksbühne wird nicht mehr sein, das Berliner Ensemble wird nicht mehr sein, und ihr werdet abseits sitzen vom Tische der Kunst und hinausgeworfen sein in die äußerste Finsternis. Und ihr werdet euch mit Wildfremden in den Armen liegen, tanzen und feiern bis tief in die Nacht und Lebewohl sagen. Ich aber werde nicht dabei sein. Ich werde zu Hause sitzen und Castorf und Dercon, Peymann und Reese gute Männer sein lassen, denn ich weiß, wie es ist, von einem Theater Abschied zu nehmen. Es ist schrecklich.


kolumne wolfgang behrens

Mordwaffe Buch

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. Mai 2017. Meine erste Intendanz endete 1990. Diejenige Intendanz nämlich, die mich geprägt, die mich zum Zuschauer gemacht hat. Diejenige Intendanz, während derer ich erstmals das Theater als wesentliches Welterkenntnisinstrument kennengelernt habe. Es war das die Intendanz von Günther Rühle in Frankfurt, die nur eine weltgeschichtliche Nanosekunde währte – fünf Jahre, da können Castorf, Peymann und Wolfgang Bordel nur müde lachen.


kolumne wolfgang behrens

Muss da nicht ein Buh her?

von Wolfgang Behrens

18. April 2017. Seit einigen Wochen erst ist Oliver Mears im Amt, doch der neue Intendant des Royal Opera House Covent Garden hat schon eine wichtige Botschaft an das Publikum. Im Telegraph und in einigen anderen englischen Medien konnte man sie vernehmen: "Oliver Mears said ticketholders should applaud even if a performance is not to their liking. It is simply a question of manners." [Oliver Mears sagte, Zuschauer sollten auch dann applaudieren, wenn ihnen die Aufführung nicht gefallen hat. Es sei schlicht eine Frage des Benehmens.] Und vor allem sollten die Zuschauer nicht buhen.


kolumne wolfgang behrens

Die große Verarsche

von Wolfgang Behrens

14. März 2017. Langsam, da die Macht des Faktischen obsiegt, beruhigen sich die Gemüter wieder – der Streit, der sich um die Neubesetzung der Intendanz an der Berliner Volksbühne entsponnen hat, tritt nun in seine präfinale Phase. Und vielleicht ist das ein guter Moment, um noch einmal eine Gruppe in den Blick zu nehmen, die während dieses epischen Kampfes komplett in Vergessenheit geraten ist. Denn es gibt ja nicht nur diejenigen, die auch fürderhin in der Volksbühne mit Frank Castorf ihrer provinziellen Anarcho-Sentimentalität frönen wollen, und diejenigen, die meinen, dass Castorfs Zeit jetzt einfach mal vorbei sei. Es gibt auch noch die, die glauben, dass Castorfs Zeit eigentlich nie hätte sein dürfen.


kolumne wolfgang behrens

"Diese Kolumne ist enorm!"

von Wolfgang Behrens

7. Februar 2017. Als ich noch ein Zuschauer, ein Leser und sogar noch ein Student war, da belustigten sich ein Freund und ich regelmäßig an der Beobachtung, dass auf der Rückseite eines jeden Suhrkamp-Taschenbuches ein paar Sätze von Günter Blöcker abgedruckt waren, die sinngemäß aussagten: "Dieses Buch ist enorm! Ein ganz großes Meisterwerk!" Wir stellten uns feixend Günter Blöcker vor, wie er irgendwo in einer Literaten-Mansarde hockte und en gros solche Phrasen für die Klappentexte produzierte, und zugleich lachten wir über die Lektoren, die solche Sätze aus irgendwelchen Kritiken herausfischten.


kolumne wolfgang behrens

Warum nicht im Theater?

von Wolfgang Behrens

13. Dezember 2016. Als ich noch ein Zuschauer war, lauschte ich einmal einer Podiumsdiskussion in der Berliner Akademie der Künste, bei der sich verschiedene Musiker über die Lehrbarkeit ihres Metiers austauschten. Der Komponist Frank Michael Beyer erzählte damals, er habe einmal einen Kompositionsschüler gehabt, der mit leuchtenden Augen zu ihm gekommen sei und verkündet habe: "Herr Beyer, ich möchte ein Stück für Schlagzeug komponieren. Ja, für Schlagzeug! Aber es soll ein besonderes Stück sein, denn es soll gar nicht wie Schlagzeug klingen." Beyer will darauf geantwortet haben: "Na, dann schreiben Sie doch erst einmal ein Stück für Schlagzeug, das so klingt wie Schlagzeug!"


kolumne wolfgang behrens

Ob das mal stimmt!

von Wolfgang Behrens

1. November 2016. Als ich noch ein Zuschauer war, erzählte mir einmal ein Pianist, warum er seine Konzertkarriere aufgegeben habe. Ein Freund von ihm habe nämlich ein Konzert aus Krankheitsgründen kurzfristig absagen müssen, was freilich den für dieses Rezital vorgesehenen Zeitungskritiker nicht beirrte. Zwei Tage später erschien also eine ausführliche Kritik des ausgefallenen Konzerts. Ich muss zugeben, dass mir das durchaus Respekt vor der Fantasie des Kritikers abnötigt – den Pianisten indes, der mir diese Anekdote erzählte, ließ es am Konzertbetrieb verzweifeln.


kolumne wolfgang behrens

Und was ist mit mir?!

von Wolfgang Behrens

23. September 2016. Vor einer Woche hat der Berliner Noch-Kulturstaatssekretär Tim Renner in einem Interview mit der taz die eigentliche Kernkompetenz benannt, die zur Berufung eines Nachfolgers von Frank Castorf im Amt des Volksbühnen-Intendanten geführt hat: Der Kandidat musste Christoph Schlingensief persönlich gekannt und mit diesem gearbeitet haben, und zwar möglichst früh. Am besten noch vor Frank Castorf! Wie Tim Renner darauf kam, dass eben dieses Kriterium für Chris Dercon spreche – weil dieser angeblich "bereits vor Frank Castorf mit Christoph Schlingensief inszeniert und ihm eine Plattform geboten" habe – wird allerdings sein Geheimnis bleiben.


kolumne wolfgang behrens

Die Regisseurin hat den Zuschauer nicht verstanden

von Wolfgang Behrens

21. Juni 2016. Und dann wollte mir Andrea Breth so richtig wehtun. Gerade noch war eine Dramaturgin eingeschritten und hatte gesagt: "Ich glaube, das ist ein Missverständnis, er hat doch etwas Anderes gemeint." Die Breth aber sendete ein paar Blitze in meine Richtung und giftete: "Nein, kein Missverständnis! Wir haben einander schon ganz gut verstanden." Ich versuchte, mit einem grimmigen Lächeln zu antworten, es kam aber wohl nur ein jämmerliches Grinsen dabei heraus. So ein Mist! Ich hatte doch recht, verdammt nochmal! Aber gefühlt blieb Andrea Breth Siegerin. Irgendwie hatte sie mich klassisch ausgekontert.


kolumne wolfgang behrens

Die Angst des Fußballfans vorm Theater

von Wolfgang Behrens

10. Mai 2016. In einer Woche wird Jürgen Klopp seine Liverpooler ins Europa-Cup-Endspiel gegen den FC Sevilla führen, und unter normalen Umständen würde ich da am Fernseher kleben, eine Flasche Bier in der Hand, und laut "Trust in Klopp" brüllen. Tatsächlich aber werde ich irgendeine Vorstellung des Theatertreffens abhocken. Anderthalb Wochen später ist dann das Champions-League-Endspiel, anstatt jedoch, wie es natürlich wäre, Atletico in einer Fußball-Kneipe die Daumen gegen den Erzfeind Real zu drücken, werde ich in der "Zauberberg"-Premiere am Deutschen Theater sitzen, um danach die Nachtkritik zu schreiben. Ehrlich gesagt, ich verstehe die UEFA nicht: Wie kann sie diese wichtigen Spiele parallel zum Theatertreffen und zu einer großen Theaterpremiere legen? Und wie soll das, bitteschön, erst während der Europameisterschaft werden?


kolumne wolfgang behrens

Wittgensteins Enkel

von Wolfgang Behrens

5. April 2016. Seit ich kein Zuschauer mehr bin, sitze ich im Theater auf anderen Plätzen. Na klar, die Presseabteilungen verfrachten einen Kritiker naturgemäß nicht in die letzte Reihe unterm Rang, wo man nix hört, und auch nicht auf den äußersten Seitenrang oder hinter eine Säule, wo man nix sieht. Ob die Plätze damit besser geworden sind, steht dahin. Denn jetzt sitze ich meist zusammen mit anderen Kritiker*innen in so einer Art Schlechte-Laune-Block. Es stimmt zwar nicht, dass alle Kritiker*innen grundsätzlich schlecht gelaunt sind – fast jeder*r für sich genommen ist ganz zauberhaft (mit zwei, drei Ausnahmen) –, aber jede*r glaubt natürlich, die anderen seien schlecht gelaunt, und das steckt dann an. Am Ende sind doch wieder alle schlecht gelaunt, womit die Prämisse des vorigen Satzes widerlegt wäre.


kolumne wolfgang behrens

Danke für die Wahlkampfhilfe!

von Wolfgang Behrens

1. März 2016. Kann sich noch jemand an Frank Schwalba-Hoth erinnern? Als ich noch nicht einmal ein Zuschauer war – jedenfalls noch kein Theaterzuschauer –, war das einer meiner Helden. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens hatte der Mann einen kultverdächtigen Doppelnamen. Und zweitens hatte Schwalba-Hoth 1983 einen ebenso kultverdächtigen Blut-Anschlag verübt: Er, der damals für die Grünen im hessischen Landtag saß, hatte sich bei einem Empfang für US-Kommandeure auf Paul S. Williams, General des V. US-Korps, gestürzt und ihn mit Blut bespritzt, das er sich vorher selbst abgezapft hatte. Das löste in der Öffentlichkeit enorme Abscheu und bei meinen Klassenkameraden und mir große Bewunderung aus: Zum einen war das Ganze albern genug, um unser spätkindliches Kicherbedürfnis zu befeuern. Zum anderen aber hatte die Aktion immerhin einen so revoluzzerhaften Anstrich, dass sich auch unsere frühpubertären Fantasien darin wiederfinden konnten.


kolumne wolfgang behrens

"Wir sind doch nicht im Puff!"

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. Januar 2016. Natürlich hasse ich Claus Peymann. Wie auch nicht? Er weiß ja selbst, dass er der Antipode des relevanten zeitgenössischen Theaters ist, das hochzuhalten der Theaterkritik ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste aufgegeben ist. Ruft Claus Peymann einen Kritiker an – ja, das kommt vor! –, dann meldet er sich schon mal mit den Worten: "Hier spricht der Todfeind!" Da Peymann zudem der Ansicht ist, Kritiker seien grundsätzlich dämlich, bleibt mir auch gar nichts Anderes übrig, als ihn zu hassen.


kolumne wolfgang behrens

Heiner Müller aber schmunzelt

von Wolfgang Behrens

Berlin, 8. Dezember 2015. In drei Wochen, am 30. Dezember 2015, wird Heiner Müller 20 Jahre tot sein. Doch richtig tot ist er ja Gott sei Dank noch nicht, denn er lebt natürlich weiter in den Anekdoten derer, die jedwede ihrer Äußerungen mit den Worten einleiten: "Der Heiner hat einmal gesagt ...". Als ich noch ein Zuschauer war und Müller noch lebte, da gab es nämlich als ständige scharwenzelnde Begleiterscheinung um den Dramatiker herum eine kleine Traube von Leuten, die gebannt an seinen Lippen hingen.


kolumne wolfgang behrens

Livrierte Halbgötter

von Wolfgang Behrens

10. November 2015. Kann sich noch jemand an Christian Diaz erinnern? An jenen Billeteur, der vor gut zwei Jahren während eines Theaterkongresses der Weltöffentlichkeit ins Bewusstsein rief, dass der Publikumsdienst am Wiener Burgtheater längst outgesourct ist – und zwar an eine Firma mit zumindest zweifelhaftem Leumund. Christian Diaz wurde in der Folge rausgeschmissen, ein paar Monate später wurde dann auch Burgintendant Matthias Hartmann geschasst (wenn ich mich recht erinnere, aus anderen Gründen) – und über den Fall Diaz wuchs Gras.


kolumne wolfgang behrens

Nackt unter AfDlern

von Wolfgang Behrens

6. Oktober 2015. Annegret Waters aus Bernkastel-Kues hat in einem Leserbrief an den Trierischen Volksfreund (26.9.2015) ein interessantes Rechtfertigungs-Kriterium für Nacktheit auf der Bühne benannt. Sie sei, sagt Frau Waters, "beileibe nicht prüde", der Auftritt nackter Schauspieler – wie er jüngst in Trier zu erleben war – "muss aber nicht sein. Hatten wir schon mal vor Jahren bei König Lear, aber der war ja auch schwachsinnig!" Na klar: Schwachsinn und Nacktheit, das leuchtet unmittelbar ein. Geistig Gesunde hingegen lassen ihre Klamotten besser an.


kolumne wolfgang behrens

Ein – – – was???

von Wolfgang Behrens

1. September 2015. Immer mal wieder kocht es hoch. Immer mal wieder erregt sich jemand darüber, dass es auf nachtkritik.de Kommentare von Menschen zu lesen gibt, die anonym bleiben. Für manche ist die Anonymität sogar der Wesenskern von nachtkritik.de – erst in der letzten Woche etwa konnte man in einem Berliner Stadtmagazin nachlesen, nachtkritik.de sei ein "Portal, auf dem anonyme Schreiber gerne alles Mögliche und Unmögliche mutmaßen."


kolumne wolfgang behrens

Ufos auf Domstufen

von Wolfgang Behrens

29. Juli 2015. Gestehen wir es rundheraus: Der Kritiker freut sich auf das Sommerloch. Nach einer anstrengenden Saison lechzt er förmlich nach einer Theaterpause. Als ich noch ein Zuschauer war, war das freilich anders. Wie ein Süchtiger auf Entzug taumelte man im Sommer dahin auf der Suche nach einem ästhetischen Kick. Weil aber die Salzburger Festspiele zu teuer und überhaupt zu exklusiv waren und weil man bei den Bayreuther Festspielen länger auf eine Karte warten musste, als man überhaupt Zeitspannen zu überschauen in der Lage war, stocherte man orientierungslos im Sommertheater-Angebot seiner Region oder seines Urlaubsorts herum. Und im schlimmsten Fall tappte man hinein in die Fallen, die das Sommertheater stellt.


kolumne wolfgang behrens

Suchanfrage "Regie-Rabauke"

von Wolfgang Behrens

23. Juni 2015. Das Beste am Norden ist seine Gerichtsbarkeit. Denn in Pasewalk – einem 10.000-Seelen Städtchen in Vorpommern – hat ein Amtsgericht einen Mitarbeiter des Nordkuriers zu 1.000 Euro Strafe verurteilt. Der Journalist hatte einen Jäger als "Rabauken" bezeichnet, nur weil der ein totes Reh an der Anhänger-Kupplung seines Fahrzeugs über die Bundesstraße geschleift hatte. Vonseiten des Jägers ein alltägliches Kavaliers-Delikt also, vonseiten des Nordkurier-Manns hingegen eine ungeheuerliche Entgleisung.


kolumne wolfgang behrens

Missversteht euch!

von Wolfgang Behrens

19. Mai 2015. Ich gehe ja übrigens nicht mehr zu den Publikumsgesprächen beim Theatertreffen. Ich möchte nicht sehen, wie Kritiker*innen als Moderatoren oder Juroren den Kuschelkurs fahren ("Für mich war das die beste Aufführung des Festivals – wie sehen Sie das als Regisseur?") oder wie sie – schlimmer noch – den Produktionsdramaturgen spielen ("Ich habe die Aufführung als ganz große Metapher für die ausgebrannte Gesellschaft gelesen. Liege ich da richtig?"). Ich möchte nicht hören, wie Schauspieler*innen wie Fußballer antworten ("Wie haben Sie die Rolle angelegt?" "Also ich hab' die Rolle einfach so gespielt! Ich hab' da nicht groß nachgedacht ..."), und ich möchte nicht erleben, wie sich Regisseur*innen als nette Menschen präsentieren ("Man hätte das auch ganz anders inszenieren können, aber ich hab's halt so gemacht."). Ich muss und will nicht dabeisein, wenn sich das Theater in seiner ganzen betriebsnudeligen Harmlosigkeit offenbart.


kolumne wolfgang behrens

Kampf ums Theater

von Wolfgang Behrens

14. April 2015. Als ich noch ein Zuschauer war, bedeutete das Theater noch etwas. Und weil das Theater noch etwas bedeutete, trieb man auch einigen Aufwand, um hineinzukommen. Oder war es umgekehrt? Weil man einigen Aufwand trieb, um ins Theater hineinzukommen, bedeutete es damals noch etwas?


kolumne wolfgang behrens

Wie ich einmal für Barbara Brecht-Schall aufstand

von Wolfgang Behrens

10. März 2015. Ich habe keine Ahnung, was die Brecht-Erben damals geritten hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten – wie sie's in solchen Fällen doch nun mal zu tun pflegen – die Aufführungsrechte verweigert. Es hätte dann jedenfalls eine Prügelei weniger gegeben, und ich hätte mir nicht von der Zeitschrift Theater der Zeit nachsagen lassen müssen, mich über "freien Umgang mit Text und Publikum" zu empören.


kolumne wolfgang behrens

Sie merken's nicht mal!

von Wolfgang Behrens

3. Februar 2015. Als ich noch ein Zuschauer war, da hasste ich die Kritiker. Nicht alle, aber doch viele von ihnen. Denn sie waren alt, und sie schrieben nicht über das Theater, das ich sah. Das heißt, natürlich schrieben sie über das Theater, das ich sah, aber sie sahen es nicht. Was sie sahen, diese Herren Iden, Henrichs und Stadelmaier (die Ältesten unter uns werden sich ihrer noch entsinnen, etwa dann, wenn sie morgens die Frankfurter Allgemeine aufschlagen), das war ihre Erinnerung an Aufführungen, die sie vor langer, langer Zeit gesehen hatten. Für das großartige, fantastische, bewegende, aufregende, bewunderungswürdige, grundstürzende, einfach nur geile Theater, das gerade hier – HIER! – und jetzt – JETZT! – stattfand, hatten sie kein Auge und kein Ohr.


zurück zur Übersicht