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kolumne esther slevogt

Mit der Wünschelrute

von Esther Slevogt

21. November 2019. Die Frage, wie die flüchtige Theaterkunst der Nachwelt überliefert werden könnte, tauchte neulich wieder einmal auf Twitter auf, als die Medienwissenschaftlerin und Ex-Piratin Tina Lorenz auf Defizite in der Debatte verwies und zu Protokoll gab, wie viel weiter als die Theater hier beispielsweise Museen seien. Dabei ist das Thema so alt wie das Theater selbst. Nicht nur Mimen beklagen schon lange, dass die Nachwelt ihrer ephemeren Kunst keine Kränze flicht; dass sich diese Kunst nur im Moment ereignet und kaum Spuren in der Zeit hinterlässt. Die Erfindung von Film und Fotografie stellte im 20. Jahrhundert eine Weile eine Lösung des Problems in Aussicht. Beispielsweise hat Bertolt Brecht schon sehr früh diese Medien genutzt, um seine Inszenierungen zu dokumentieren, ja in Modellbüchern geradezu zu zementieren.


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Die doch immer dagewesen sind

von Esther Slevogt

15. Oktober 2019. Es ist in diesen Wochen viel von der Deutschen Einheit die Rede. Das dreißigste Jubiläum des sogenannten Mauerfalls naht. Am 2. und 3. Oktober wurde unter der Überschrift "Mut verbindet" in Kiel bereits der 29. Tag der Deutschen Einheit begangen, die per 3. Oktober 1990 in Kraft getreten ist. Es gab also Volksfest, Sonntagsreden und "Einheitsbuddeln". Ja: Einheitsbuddeln. Damit war eine bundesweite Baumpflanzaktion gemeint, um Klimaschutz und Deutsche Einheit zu verbinden. Zwar sollen im Zuge der Aktion insgesamt über 90.000 Bäume gespendet bzw. gepflanzt worden sein. Das deutsche Klima ist trotzdem mieser denn je.


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Böse Buzzwords

von Esther Slevogt

17. September 2019. Wer schon mal bei einem Popkonzert war, bei dem die Stars ihr Publikum flüsternd aufgeheizt hätten, bitte melden. Denn normal ist eher, dass die Stars ihr Publikum brüllend, tobend und aufreizend adressieren. Selbst in meinem bürgerlichen Heldenleben war das bisher so. Denn so macht das auch der Kasper im Kasperletheater, wenn er mit der Pritsche drohend sein Publikum mit dem Ruf hinter sich zu versammeln sucht: "Seid ihr alle da!?" That’s Entertainment.


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Das Star-Bakterium

von Esther Slevogt

8. Mai 2019. Ich war immer gegen eine Frauenquote, weil ich stets peinlich berührt dachte: ich will doch nichts geschenkt bekommen, bloß weil ich eine Frau bin. "Ja", sagte meine Freundin B. eines Tages. "Aber du möchtest auch nichts weggenommen bekommen deshalb." B. ist eine hochkarätige Wissenschaftlerin und leitet ein renommiertes Forschungsinstitut. "Obwohl ich eine Frau bin und Kinder habe", sagt sie immer.


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Am eigenen Hintern anknüpfen

von Esther Slevogt

26. März 2019. Meine Kolumne möchte ich heute dem Architekten Selman Selmanagić widmen, der schon seit langem zu den Sternen am Himmel meines bürgerlichen Heldenlebens zählt: Selmanagić, der von 1950 bis 1970 die Abteilung Architektur der Kunsthochschule Weißensee in Ostberlin geleitet hat. Und im Jahr 1932 in Dessau von seinem Lehrer Mies van der Rohe das Bauhauszertifikat mit der Nummer 100 erhielt, das ihm sein bestandenes Architekturexamen bescheinigte. Doch nicht das diesjährige Bauhausjubiläum ist mein Motiv, an Selmanagić zu erinnern, sondern dass Selmanagić für mich eine Art Utopie verkörpert: die Utopie eines Europa nämlich, das sich nicht allein aus der Perspektive des Westens definiert, sondern auch die Geschichte Osteuropas und des Balkans als Baustein seiner Identität begreift. Und darüber hinaus den europäischen Islam als Teil seines kulturellen Erbes anerkennt.


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Er trägt den Ifflandring!

von Esther Slevogt

17. Februar 2019. "Er trägt den Ifflandring!" herrschte die theaterbegeisterte Großmutter mich an, und zwar in einer Weise, als hätte die Beschwerde des Kindes, das ich damals war, an den Grundfesten ihres Selbstverständnisses gerüttelt. Kerzengrade saß sie auf ihrem Biedermeiersofa, von wo aus wir auf ihren kleinen Schwarzweißfernseher schauten: ein damals schon nicht mehr ganz zeitgemäßes Gerät, das im Wohnzimmer meiner Großmutter trotzdem wie ein futuristischer Fremdkörper wirkte. Lieber wäre ich mit Captain Kirk und Mr. Spock zu den Klingonen aufgebrochen, statt hier nun einen katholischen Priester vollkommen uninteressante Kriminalfälle lösen zu sehen. Aber: Der Schauspieler trug den Ifflandring! Josef Meinrad hieß er, der da so merkwürdig näselnd und mit im Gesicht festgefrorenem Lächeln einen gewissen Pater Brown verkörperte, der der Held der Serie und offenbar auch der Held meiner Großmutter war.


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Meinungstand, abgebrannt

von Esther Slevogt

8. Januar 2019.Ich habe wieder meine Allergie. Meine Meinungsallergie. Das ohrenbetäubende Gemeine auf allen Kanälen hat mich an den Rand des Verstummens gebracht.


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Die Guten sind überall

von Esther Slevogt

14. November 2018. Eigentlich ist das ja eine gute Nachricht: 140 Kultureinrichtungen haben allein in Berlin die "Erklärung der Vielen" unterschrieben. Auch in Hamburg, Dresden und Düsseldorf haben unterschiedlichste Kultureinrichtungen sich dieser Kampagne angeschlossen: von großen Leuchtturmhäusern wie Staatstheater und Museen bis hin zu kleinsten Kulturvereinen, Galerien und Stadtteilinitiativen. Das Redaktionsmailpostfach quillt über mit Erklärungen und Statements, seit am symbolträchtigen 9. November die Kampagne der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.


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Schwarze Löcher der Aufmerksamkeit

von Esther Slevogt

2. Oktober 2018. Lokaljournalisten, das waren auch einmal Figuren aus dem bürgerlichen Heldenleben. Sie stellten Öffentlichkeit für das unmittelbar Benachbarte her, schauten Lokalpolitikern auf die Finger, untersuchten örtliche Skandale, schrieben über Missstände im Kreiskrankenhaus, Wohltätigkeitsbasare, Sport- und Schützenfeste oder Kulturveranstaltungen vor Ort. Konzerte des Kirchenchors zum Beispiel, und Aufführungen des örtlichen Theaters natürlich auch. Auf den Anzeigenseiten der Lokalblätter gab es Werbung lokaler Geschäftsleute und zwischendurch standen Todes- und Familienanzeigen.


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Im Krisengebiet

von Esther Slevogt

31. Mai 2018. Manchmal reibe ich mir die Augen in meinem bürgerlichen Heldenleben. Bei der Lektüre der aktuellen Ausgabe des berühmten Investigativ-Magazins DER SPIEGEL zum Beispiel. Hat man dort doch ungeheuerliche Vorgänge am Schauspiel Köln aufgedeckt. Machtmissbrauch, Mobbing, ja, sogar Zerstörung von Requisiten!


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Der bequeme Weg

von Esther Slevogt

10. April 2018. Seit einiger Zeit teile ich mein bürgerliches Heldenleben mit einem Obdachlosen. Meist kommt er erst abends, um sich hier im Durchgang zum Nachbarhof in die immer gleiche Ecke zu kauern. Der Durchgang hat den Luxus, dass er beheizt ist und seine Türen sich schließen lassen. Der Mann ist eher jung als alt, schaut freundlich, fast kindlich aus seinen erschreckten Augen. Oft sitzt er auch mitten am Tag einfach da, raucht, trinkt und grüßt freundlich, wenn ich an ihm vorbei zu den Fahrradständern hinterm Haus gehe. Meist lässt sich die Dauer seines Aufenthalts in diesem Durchgang an der Zahl der Kippen, an leeren Flaschen und Essensresten ablesen, die er um sich verteilt hat.


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Die vereinigte Fußgängerzone

von Esther Slevogt

7. März 2018. Die Geschichte der sogenannten deutschen Einheit ist auch so eine Geschichte aus dem bürgerlichen Heldenleben. Zumindest, wenn man sie (und ihren aktuellen Zustand) ganz sternheimsch liest: als Folge von Verdrängung und Kleingeist, die das Personal der Sternheim-Stücke stets so deformieren, dass man über sie lachen würde, wenn sie und ihre Geschichten nicht so zum Weinen wären.


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Werte Freiheit

von Esther Slevogt

30. Januar 2018. Dass Kunst eine Waffe ist, hat schon Friedrich Wolf gewusst, ein (im Gegensatz zu dem von ihm geprägten Satz "Kunst ist Waffe!") inzwischen ziemlich in Vergessenheit geratener Dramatiker, Schriftsteller, Arzt und Kommunist, der nach dem Zweiten Weltkrieg auch der erste Botschafter der frisch gegründeten DDR in der frisch gegründeten Volksrepublik Polen gewesen ist. Denn der Satz "Kunst ist Waffe", von Wolf 1928 in einer berühmten Rede auf dem Gründungskongress des Arbeitertheaterbundes in Berlin geprägt, gilt noch immer. Allerdings nicht in der agitatorischen Holzhammermanier, in der er so gerne benutzt wird, sondern eher als subtiles wie subversives Manipulationsinstrument.


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Schokomänner und andere braune Hohlkörper

von Esther Slevogt

12. Dezember 2017. Wahrscheinlich haben sie längst davon gehört. Ich bin in diesem Jahr zum erstem Mal darauf gestoßen: auf den Kampf gegen die Islamisierung des Schokoladenweihnachtsmanns. Und zwar vor einigen Wochen, als ich plötzlich durch die sozialen Netzwerke das immer gleiche Foto geistern sah, das Tausende besorgter Bürger*innen in ihren jeweiligen Supermärkten aufgenommen haben wollten, um einen Skandal zu dokumentieren. Auf dem Foto ausschnitthaft zu sehen: Weihnachtsmänner aus Schokolade in einem Supermarktregal, die aber auf dem Preisschild nicht mehr als Weihnachtsmänner ausgewiesen sind. Sondern als "Jahresendfiguren", zweineununddreißig das Stück.


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Ich sehe nicht fern, aber

von Esther Slevogt

15. November 2017. Zu den Medienlandschaften, durch welche vor noch nicht allzu langer Zeit die Bürger*innen lustwandelten und sich als Mitglieder einer demokratischen Öffentlichkeit fühlen konnten, hat dereinst auch das Fernsehen gehört. Viele werden jetzt wahrscheinlich augenblicklich einwenden: es gehört noch immer dazu. Ich persönlich muss dem entgegensetzen: es ist sicher sieben Jahre her, dass mein Fernsehgerät seinen Geist aufgab und seitdem kein neues mehr angeschafft wurde. Immer dachte ich: ach, ich warte noch mal die nächste technische Entwicklung ab.


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Gefährliche Gesprächsverweigerung

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Oktober 2017. Eigentlich kann es für die AfD doch gar nicht besser laufen. Kaum hebt eine*r ihrer Repräsentant*innen irgendwo sein Haupt, kann sie oder er mit maximaler Medienaufmerksamkeit rechnen. Denn auf die mediale Empörungsmaschine ist Verlass. Wer sie zuverlässig mit immer neuem, empörungsfähigem Material beliefert, spart viel Geld für Werbekampagnen.


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Deutsche Geschichte als Baukasten

von Esther Slevogt

Berlin, 7. Juni 2017. Das kitschige Ding war ja schon vom Tisch und man hatte aufgeatmet. So ein peinliches Denkmal braucht schließlich kein Mensch. Nun ist es wieder da. Kurz vor dem vergangenen Wochenende passierte der Beschluss dafür doch noch das Parlament. In einer Sitzung, die erst in den frühen Morgenstunden endete (in deren Verlauf auch der sogenannte Majestätsbeleidigungsparagraf abgeschafft) und eben das Einheitsdenkmal beschlossen wurde: Eine gülden schimmernde, megalomane Wippe, die die Choreografin Sasha Waltz im Verbund mit dem Stuttgarter Event-Agenten Johannes Milla erdachte, wird also in naher Zukunft vor der wieder aufgebauten Schlossattrappe am Ende der Straße Unter den Linden zu finden sein. Das deutsche Geschichts-Disneyland in Berlins Mitte ist dann um eine Attraktion reicher.


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Arzt am Leibe der Zeit

von Esther Slevogt

27. April 2017. Es ist natürlich längst überfällig, an dieser Stelle einmal auf den Urheber des Titels dieser Kolumne, auf Carl Sternheim zu verweisen. "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" – das ist ja eigentlich die Klammer für diverse Dramen Sternheims, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und gemeinhin als Komödien bezeichnet werden. In Wahrheit jedoch handelt es sich um Tragödien: Tragödien des Kleingeists, der verkrampften Aufstiegshoffnung und der Gier des (wilhelminischen) Bürgertums. Bürger, die in ihrer brutalen Genusssucht und Gefühlsunfähigkeit jämmerliche wie gefährliche Figuren abgeben.


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Der Frühling unseres Missvergnügens

von Esther Slevogt

22. März 2017. Der Frühling, das ist im Grunde natürlich eine Urangelegenheit aus dem bürgerlichen Heldenleben. Denn kaum sind Flüsse und Bäche (im hiesigen Brandenburg auch die Seen) vom Eise befreit durch des Frühlings holden, belebenden Blick, da grünt im Tal auch schon das bürgerliche Hoffnungsglück. Da flattert wieder das blaue Band durch die Lüfte, wie aktuell Martin Schulz über der SPD.


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Die Welt als GIF und Verstellung

von Esther Slevogt

Berlin, 14. Februar 2017. Richtig aufgefallen ist die Sache im vergangenen Sommer, als mich durch die digitalen Kanäle plötzlich verstärkt sternübersäte Fotos von Leuten mit Hasengesichtern oder zierlichen Mauseöhrchen und Nagerstupsnäschen erreichten. Bald fand ich selbst Gefallen daran, mein Gesicht in die Smartphone-Kamera zu halten und mich in ein Alice-in-Wonderland-lookalike Kaninchen zu verwandeln, rosa Herzen als Sprechblasen auszustoßen, mir digitale Blumenkränze aufzusetzen oder Videoschnipsel zu produzieren, in denen ich als Manga-Figur mit verzerrter Stimme wiedergeboren werde.


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Weil ihr es wert seid

von Esther Slevogt

Berlin, 10. Januar 2017. Dass ich das noch erleben darf, in meinem bürgerlichen Heldenleben! In einer Stadt geht dieser Tage einer der spektakulärsten und schönsten Bauten der letzten Jahre ans öffentliche Netz, und es ist kein Büro- und Luxuswohnungsturm, der sich in schwindelerregende Höhen windet, kein güldener Tower, keine Shoppingmall, mit der zum x-ten Mal den üblichen verdächtigen globalen Marken eine glitzernde Lokalumrandung gegönnt wurde. Vielmehr handelt es sich um einen Ort, der schon fast anachronistisch schien in unseren Zeiten, in denen man lieber Theater schließen oder abreißen will (siehe Düsseldorf, siehe die Berliner Ku'dammbühnen) statt neue Orte des öffentlichen Kunstgenusses zu eröffnen: einen Bau, den man im Wesentlichen nur betritt, um dort friedlich einem Konzert zu lauschen. Oder ist da doch noch mehr?


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Ein digitaler Raum, was sonst?

von Esther Slevogt

8. November 2016. Unsere Theater verstehen sich gerne als die letzten Schauplätze bürgerlicher Öffentlichkeit, die noch nicht von marktorientiertem Denken geprägt und von Wirtschaftsinteressen privatisiert worden sind. Unter diesem Denken hören Orte nämlich auf, öffentlich zu sein; nur merkt man es manchmal nicht gleich. Privatinteressen (und nichts anderes sind Wirtschaftsinteressen) drohen inzwischen alles platt zu machen, was nicht unmittelbar monetarisierbar ist beziehungsweise einer Monetarisierung im Wege steht. Auch staatliche Einflusssphären werden unter diesem Druck zunehmend aufgeweicht.


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Aus dem Alltag einer Theaterabgrenzungsbeauftragten

von Esther Slevogt

5. Oktober 2016. Ja, früher war auch das Kritikerleben noch über- und vor allem durchschaubar. Beziehungsweise das Kritikerinnenleben. Denn da waren zumindest die Grundlagen klar. Zum Beispiel, dass der Typ da auf der Bühne mit dem Totenschädel in der Hand nicht wirklich ein verwirrter dänischer Prinz, sondern Schauspieler XY war. Dass ich aber für die nächsten zwei, drei oder wie viele Stunden auch immer einfach einen dänischen Prinzen in ihm sehen würde. Und auch glauben würde, dass es sich bei dem Schädel in seiner Hand nicht um ein Plastikteil aus der Requisite, sondern um den sterblichen Überrest eines früheren Hofnarren handelt, der von zwei Totengräbern, die sich gerade ebenfalls auf der Bühne befanden, soeben beim Ausheben eines neuen Grabes wieder zu Tage befördert wurde.


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Der Toaster ist schuld!

von Esther Slevogt

28. Juni 2016. Das hatte doch mal was, dieses bürgerliche Repräsentationssystem. Man wählt jemanden, der etwas besser kann oder weiß als man selber und vertraut dann darauf, dass der oder die einigermaßen so denkt und handelt wie man selbst. Natürlich nicht ganz genau: Immerhin ist diese*r Repräsentant*in Ergebnis der Vielen, die ihn oder sie gewählt haben und die ebenfalls darauf vertrauen, dass ihre Interessen berücksichtigt werden. Doch dieses Vertrauen ist offenbar weg.


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Das große Eintauchen

von Esther Slevogt

Berlin, 24. Mai 2016. In der letzten Zeit wird im Theaterwesen viel mit einem neuen Wort gewedelt, das eigentlich so neu nicht ist. "Immersion" ist das Wort, es bedeutet ungefähr so viel wie Einbettung oder Eintauchen. Und es ist anscheinend ein neues Zauberwort. Sogar auf dem Netzkongress "Republica" (der bisher nicht durch besonderes Kunstinteresse aufgefallen ist) hat man sich in diesem Jahr dieses neuen Trends angenommen und die "Performersion" erfunden: ein Programm, das die "Immersion" mit der "Performance" amalgamiert und das als Kontakthof für Leute aus der künstlerischen Praxis, Theoretiker und digitale Forscher*innen und Technologieentwickler*innen gedacht war.


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Im Dunstkreis des Herrn Erdoğan

von Esther Slevogt

12. April 2016. Nein, ich werde nicht über Jan Böhmermann schreiben. Weil ich wirklich sauer bin, dass dieser Fernsehklugscheißer, den ich für seine Varoufake-Aktion noch bewundert habe, nun ausgerechnet einem schlimmen Autokraten wie Herrn Erdoğan einen derartigen Auftritt, derartige Medienpräsenz und Meinungsmacht verschafft. Auch wenn wahrlich peinlich bleibt, dass Staatsoberhäupter sich überhaupt mit derlei Angelegenheiten befassen.


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Wer war das? NIEMAND!

von Esther Slevogt

8. März 2016. Das ist ja eine Frage, die sich angesichts all der aktuell medial geschürten Hysterien in unserer zerfallenden bürgerlichen Öffentlichkeit immer mal wieder stellt: Wie kann von etwas berichtet, über etwas kritisch geschrieben werden, ohne dass es gleich über die Gebühr aufgeblasen und dem Phänomen damit eine mediale Superpräsenz verschafft wird? Wie vermeidet man, zum Kollaborateur oder Entwicklungshelfer in Sachen Prominenz eigentlich verurteilenswerter Angelegenheiten zu werden, denen man medial jedoch erst die Plattform für ihren großen Auftritt bereitet?


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Archiv für Extremisten

von Esther Slevogt

Berlin, 2. Februar 2016. In gewisser Weise ist der höfliche Dschihadist mit dem Mittelscheitel vielleicht auch ein verhinderter Bürger, der von einem Heldenleben träumt. Wie er da so mit seinem Konfirmandenanzug vor die Kamera tritt und Deutschland droht: "Entscheidet sich das deutsche Volk für den Krieg, hat es sein eigenes Urteil gefällt", spricht er freundlich aber bestimmt wie zu einem ungezogenen Kind, dem ungezogenen Kind Deutschland. Es geht um Deutschlands Beteiligung an Nato-Einsätzen in Afghanistan, damals, im Jahr 2009. Hinter dem jungen Mann glüht rot eine Art Theatervorhang.


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Mit der Pumpgun

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Januar 2016. Eigentlich bin ich mit den Tatortkritikern nie einer Meinung. Finden sie eine Folge gut, bin ich garantiert beim Gucken eingeschlafen. Wird kübelweise Häme ausgegossen, war ich bis zum letzten Moment gespannt und habe mich gut unterhalten gefühlt. Der spät-ibsenianische Polizeiruf am vergangenen Sonntag zum Beispiel, der auch in die Tatort-Family gehört. Die Kritik ist ergriffen. Ich schlief schon nach einer Viertelstunde ein. Weil mich der ganze verquälte Psychokram vom Mörder, der endlich als Mörder bestraft werden will, die Willy-Brandt-Frisur von Matthias Brandt und das Christoph-Waltz-Getue von Karl Markovics nicht die Bohne interessierten. Und ich das Menschenbild dahinter eher ätzend fand. Immer diese wilden jungen Frauen, die dann vergewaltigt und ermordet werden. Rape Culture auf öffentlich-rechtlich.


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Gespräche über Bäume

von Esther Slevogt

Berlin, 24. November 2015. Wahrscheinlich ist das auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben: dass man in Zeiten wie diesen den Rat der alten Meister sucht. Von Bertolt Brecht zum Beispiel, der, als seine eigenen Zeiten immer radikaler wurden, auch von der Kunst Parteinahme gefordert hat. Der fand, ein Gespräch über Bäume beispielsweise könne ein Verbrechen sein, weil es das Schweigen über so viele Untaten einschließen würde. Zwischen 1933 und 1938 war das, als dieses berühmte Gedicht "An die Nachgeborenen" entstand, aus dem die berühmte Zeile von den berühmten Bäumen stammt. In diesen Jahren war Brecht schon im Exil. Geflohen aus einem Land, in dem sein Leben und das seiner Familie nicht mehr sicher war. Aus diesem Land.


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Im Meinungstsunami

von Esther Slevogt

20. Oktober 2015. Heute bin ich wieder dran mit der Kolumne. Ich muss jetzt also irgendetwas meinen. Dabei ist das Meinen eigentlich uninteressant. Oder zumindest selten sachdienlich. Dem Meinungstsunami, der die Welt täglich unter sich begräbt, kann man ja kaum noch entkommen. Aber verstehen wir die Welt deswegen besser? Eher doch nicht. Der eine meint, dass man die Bundeskanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik aufhängen sollte. Der nächste meint, eine OB-Kandidatin abstechen zu dürfen, für – ja, wofür eigentlich? Für unsere Kinder oder so. Wieder ein anderer meint, er hätte irgendetwas zu sagen. Ich ja leider manchmal auch.


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Ab in den Plüschsessel!

von Esther Slevogt

15. September 2015. Letzthin wurde von Leserinnen und Lesern ja immer mal wieder Unzufriedenheit mit dem Kolumnenwesen auf nachtkritik.de zum Ausdruck gebracht. Mangelhafter, krampfhafter Humor wurde uns vorgeworfen, laue politische Milchmädchenrechnungen, und überhaupt: dass wir zu viel Senf zu vielen Themen dazugeben würden, von denen wir keine Ahnung hätten. Ja, wir geben es zu, wir sind nur eine Theaterseite. Aber der aktuelle Zustand dieser Welt kann einen schon ziemlich wuschig machen. Da reißt es uns eben doch gelegentlich aus dem Plüschsessel heraus. Man will sich einmischen. Irgendwie raus aus der Blase. Theater, päh! Wer kann in diesen Zeiten noch einfach ins Theater gehen?


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Agentur für Landesverrat

von Esther Slevogt

11. August 2015. Die Ermittlungen gegen netzpolitik.org wurden also eingestellt. War auch an der Zeit. Ein peinliches Schauspiel, das unsere Demokratie da abgeliefert hat. Und dann auch noch dieser so genannte Justizminister! Oder der Verfassungsschutzpräsident! Trotzdem: irgendwie auch naiv von unserem Harald Range, dem nun entlassenen Generalbundesanwalt. Dass der wirklich dachte, er kommt damit durch. Ich meine, wo heute das ganze Ding mit der Autorität analog doch überhaupt nicht mehr funktioniert. Schon bei vergleichsweise niedrig hängenden Veranstaltungen wie einem Elternabend kann sich der Lehrer (oder wahlweise die Lehrerin) schon nicht mehr gegen die Elternmeute durchsetzen. Schüler überwachen Lehrer mit der Handycam und stellen die Ergebnisse ins Netz. Alte Autoritätsstrukturen sind doch längst so massiv unterwandert, dass heutzutage die Autoritäten die wahren Loser sind. Und nur auf Staatsebene soll diese Nummer noch funktionieren?


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Lieber gefälschte Katzenvideos

von Esther Slevogt

7. Juli 2015. So eine Kolumne ist im Grunde auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben. Damals, als es noch etwas Besonderes war, eine Meinung zu haben, und Journalisten und Journalistinnen mit dieser Meinung (und den dazugehörigen Publikationsorganen) jede Menge Follower generierten – auch wenn das damals noch gar nicht "Follower" hieß. Damals, als der Kolumnist (Kolumnistinnen waren ja rar, sehr rar) noch so etwas wie das role model des aufgeklärten Bürgers war.


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Worum geht's hier eigentlich?

von Esther Slevogt

9. Juni 2015. Bürger, das klingt ja immer ein bisschen albern. Die Karikatur scheint da schon mitgedacht. Die Beschränktheit. Und der Minderwertigkeitskomplex. Dabei ist das Bürgersein ein echtes Erfolgsmodell. Eines, für das Menschen von anderswo ihr Leben riskieren, zum Beispiel, wenn sie in überfüllte Schlauchboote gepfercht von Afrika aus übers Mittelmeer zu kommen versuchen: weil sie Bürger werden wollen, in Europa. Um irgendwann vielleicht in diesem Europa in einem Häuschen sitzen zu können mit einigermaßen Geld, Frieden (zumindest keinem Krieg), ausreichend zu essen und Feierabend. Das ist für die Allermeisten auf dieser Welt eine Utopie.


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Die Kunst des Post-Volkes

von Esther Slevogt

5. Mai 2015. Besuchen wir die Volksbühne, solange sie noch steht. "Verkauft" steht jetzt über dem massigen Bau am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. In den in zwei Jahren ein neuer Intendant einziehen soll. Nach fünfundzwanzig Jahren. Eigentlich ein normaler Vorgang. Nicht mal Helmut Kohl ist solange Kanzler aller Deutschen gewesen, wie Frank Castorf Intendant der Berliner Volksbühne.


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Je suis Stürmähr

von Esther Slevogt

31. März 2015. Kleines Gedankenspiel: Man stelle sich vor, im Februar 1933 hätten ein paar Inglorious Basterds eine Redaktionssitzung des "Stürmer" in Nürnberg überfallen und dort jeden umgebracht, der ihnen vor die Knarre kam. Zumindest retrospektiv, also aus der Sicht von heute, würde man angesichts der vom "Stürmer" in Umlauf gebrachten antisemitischen Hetzkarikaturen die Tat sicher mit einer gewissen Milde beurteilen. Selbst, wenn man Gewalttaten dieser brutalen Art sonst niemals billigen würde: Ziemlich wahrscheinlich würde man die "Basterds" sogar längst dafür feiern, auch ohne ein ausgewiesener Tarantino-Fan zu sein. Aber damals, also 1933, hätten die Leute gewiss den Mord an harmlosen Zeichnern und Zeitungsmenschen ebenso ruchlos und feige gefunden, wie wir den Mord an den Charlie-Hebdo-Zeichnern. Ist er ja auch. Ganz davon abgesehen, dass dieses Attentat in jenen Jahren auch gar nicht nötig war, um die Deutschen zum kollektiven Bekenntnis "Je suis Stürmähr", "Ich bin Der Stürmer" zu bewegen. Sie waren es längst.


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Missverständnis Liebe

von Esther Slevogt

24. Februar 2015. Ins Theater gehen, das war ja mal was. Ich denke nur daran, wie mein eigener erster Theaterbesuch zelebriert worden ist: Das pubertierende Kind in eine Samtbluse der Mutter gesteckt und mit dem Schauspielführer in der Hand vor der heimischen Bücherwand fotografiert. (Man traut sich kaum noch, das so aufzuschreiben). "Minna von Barnhelm" stand bevor, und ihre Zofe Franziska wurde von Ilse Ritter gespielt, in den 1970er Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus. An die Inszenierung kann ich mich kaum erinnern. Nur das Tellheims Diener Just dauernd die Treppe herunterfiel und dies mit der bewunderungswürdigen Präzision eines Stuntmans absolvierte. Die Stimmung im Theater war festlich, der Piccolo in der Pause Teil des Theaterrituals. Betreutes Trinken unter mütterlicher Aufsicht.


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