zurück zur Übersicht

archiv » E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg (9)
E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Da kotzt die Freiheitsstatue

von Christian Muggenthaler

Bamberg, 25. Mai 2018. Sequels gibt's jetzt auch auf der Bühne: Nach der regional und überregional überaus erfolgreichen Uraufführung von Konstantin Küsperts kritischem Kontinent-Konfetti europa verteidigen gibt's jetzt (in Kooperation mit den Ruhrfestspielen) am E.T.A Hoffmann-Theater Bamberg mit "Der Westen" eine Fortsetzung. Wiederum ein Stück von Küspert, komplett identisch gebaut, mit einander assoziativ folgenden Szenen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Weltregion, die so viel Dreck am Stecken hat, dass man sie genüsslich Schicht um Schicht freilegen kann: Szenen wie Stichgrabungen in einen faulen Apfel, oft sehr monologisch angelegt, munter moralisierend und genau an der Nahtstelle, wo Verzweiflung über die Absurditäten der modernen Zivilisation in ungläubiges Gelächter übergeht: Was es nicht alles gibt …


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Aus Traumata wird DNA

von Christian Muggenthaler

Bamberg, 19. Januar 2018. Das Leben setzt sich zusammen aus sich ansammelnden Schichten von Mobiliar. Am Ende der Uraufführung von Bettina Erasmys Stück "Brand" am E.T.A. Hoffmann-Theater Bamberg, als eine (west-)deutsche Familiengeschichte von der Mitte der 50er Jahre bis in die Gegenwart auserzählt ist und Vater Fritz Schüller tot im Lehnstuhl sitzt, sind die Möbel aus Jahrzehnten auf einen übersichtlichen Haufen zusammengeschoben. Oben am Bühnenhimmel hängen als Sehnsuchtsebene immer noch die ewigen Sterne (Bühne: Christina Mrosek). Drunten ist eine unglückliche Familie raketengleich durch die ihr verhängten Zeiten gerast. Auf der zu Beginn so leeren Bühne trug das Ensemble Stück für Stück Möbel herbei, gruppierte sie um von Szene zu Szene. Die Wunden der Schüllers sind zwischen allen diesen Stühlen entstanden.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Liegen, lügen

von Christian Muggenthaler

Bamberg, 8. Oktober 2017. Führt der Mensch eigentlich noch ein eigenständiges Leben, oder hat er nurmehr, wie es in Kathrin Rögglas Stück "Normalverdiener" so schön heißt, eine "Erwerbsbiografie"? Nach der Sichtung der Uraufführung dieses Texts am E.T.A. Hoffmann-Theater in Bamberg verdichtet sich der Eindruck: Die Durchökonomisierung der Lebenswelt und die scheinbar allesverschlingende Macht des Marktes macht vor keinem halt, macht den Menschen in einer manisch wertsteigerungsgesteuerten Umgebung automatisch zum Erzeuger des eigenen Unglücks. Weil er diesen Abläufen, obwohl er das ja eigentlich ohne weiteres könnte, keinen Einhalt gebietet. Es fällt ja doch hier und da vielleicht ein Tröpfchen Wohlstand ab. Das ist der Trick.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Zwischen den Kriegen

von Andreas Thamm

Bamberg, 19. Mai 2017. 1945: Der Krieg ist vorbei. 1990: Jugoslawien zerfällt. 2011: Kroatien tritt der Europäischen Union bei . Der Balkanstaat blickt auf eine Geschichte der Umbrüche zurück. Drei Winter von Tena Štivičić transkribiert, nach guter Tradition, die National- zur Familiengeschichte. In Bamberg ist das Stück in deutscher Erstaufführung zu sehen.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Zwei in einen Apfel verbissen

von Andreas Thamm

Bamberg, 12. Mai 2017. Während Kreon seinen toten Sohn Haimon beweint, läuft draußen, vor den großen Fenstern, eine Frau vorbei. Sie bleibt stehen, zückt ihr Handy und filmt das Geschehen: Die lange Tafel, besudelt mit glitzerndem Blut, ein Blumengesteck in der Mitte, daneben die tote Antigone und wie traumwandelnd Eurydike und Ismene. Wenn sie, die Passantin, nicht weiß, was hier vor sich geht, wird ihr das rätselhaft erscheinen.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Die Raubzüge der Pappenheimer

von Andreas Thamm

Bamberg, 9. Oktober 2016. Wenn es im Herbst 2016 um Europa geht, muss man zuerst einmal Großbritannien rausstreichen. Das funktioniert ganz pragmatisch mit Edding auf Pappe. Fünf Schauspieler fuchteln auf engem Raum mit improvisiert wirkenden Requisiten, im Chor verkünden sie, worum es hier heute geht: "Europa verteidigen." So heißt das Stück von Konstantin Küspert, eine Uraufführung. Es ist Küsperts zweite Arbeit für das Bamberger E.T.A. Hoffmann-Theater nach Rechtes Denken vor etwa einem Jahr.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Im Geistesblitzkrieg

von Andreas Thamm

Bamberg, 18. März 2016. Da liegt er, der Prinz von Homburg, ein romantischer Held auf einem Matratzenlager. Um ihn herum: Lavalampen, Uschi-Obermaier-Poster, eine halbe Tischtennisplatte. Er träumt von Ruhm und seiner Liebe, der Prinzessin Natalie. Der Hofstaat, in voller preußischer Uniform, ist auch da. Die Offiziere erscheinen im Fenster wie die Puppen eines Kasperletheaters. Der Kurfürst lässt dem Prinzen einen Lorbeerkranz aufsetzen, Natalie verliert ihren Handschuh.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Wo das Laster regiert

von Andreas Thamm

Bamberg, 22. Januar 2016. Noch ist alles ruhig. Eine zum Publikum hin geöffnete Box aus groben Brettern, eine Wand aus eben solchen. Dahinter Bahnen aus giftgrünem Gummi, beschrieben mit kaum lesbarer Handschrift. Medardus (Stefan Hartmann) stürmt durch den Kunststoff auf die ebenerdige Bühne, ein Kapuzinermönch in einer Kutte in Telekom-Magenta. Er würde gerne eine Rede halten, wird unterbrochen von Pater Cyrillus (Alexander Tröger), der ein massives Holzkreuz schultert. Medardus verkriecht sich in die Kiste, flennt den Rosenkranz, vom mächtigen Sound einer Kirchenorgel beschallt. Cyrillus schwenkt das Weihrauchfass.


E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg

Der Mensch ist des Menschen Bierbruder

von Rupprecht Podszun

Bamberg, 18. Oktober 2015. Diese Frau hat Drive: Hochgewachsen, schlanke Statur, rote Haare, so steht Sibylle Broll-Pape inmitten der sich vor dem Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters drängelnden Zuschauer und redet und diskutiert, und in Sekundenschnelle begreift jeder: Hier passiert etwas. Die oberfränkische 70.000 Einwohner-Stadt Bamberg nahm Abschied von Rainer Lewandowski, der das Theater mit großer Fangemeinde seit 1989 geführt hatte. Doch statt sich nach einer solchen Ära vorsichtig in die Zukunft zu tasten, wurde mit Broll-Pape eine energische Theatermacherin geholt, die zuvor seit 1991 das Bochumer Prinzregenttheater geprägt hatte. Sie mag die kleinen Erdbeben, die Theater auslösen kann.


zurück zur Übersicht