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Kolumne: Als ob!

31. Januar 2023. Vor ein paar Tagen fiel mir ein Buch von Régis Debray mit dem Titel "Lob der Grenzen" in die Hände. Der Philosoph und einstige Kampfgefährte Ernesto Guevaras verteidigt darin die Grenze als Garant dafür, dass überhaupt etwas Gestalt annehmen kann. Interessanter als seine Ausführungen ist das Entstehungsjahr des Textes, er beruht auf einem Seminar aus dem Jahr 2010. Vor dreizehn Jahren konnte Debray mit seiner These noch provozieren und überraschen, denn der Zeitgeist wollte damals – zumindest im Westen – nicht viel von der Grenze wissen. Die Globalisierung galt als Naturgewalt, der Universalismus als Pfad zu einer immer gerechteren Ordnung und der Wirtschaftsliberalismus als Allheilmittel für kränkelnde Märkte.


Kolumne: Als ob!

29. November 2022. Vor kurzem äußerte sich eine Reihe prominenter Theatermacher zum Klimaaktivismus. In ihrer Erklärung heißt es: "Seit Wochen stemmt sich die 'Letzte Generation' mit Straßenblockaden und anderen Aktionen gegen das kollektive Versagen. Die Reaktion in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit: Hohn, Hetze und Diffamierung der Proteste." Und weiter: "Wir sagen: Ziviler gewaltfreier Widerstand gegen die Klimanotlage ist legitim und notwendig und verdient unsere solidarische Unterstützung." Etwas irritierend klingt das für mich, ist der Aktivismus doch nicht auf Solidarität angewiesen. Im Gegenteil. Sollte sich eine Mehrheit mit ihnen solidarisch erklären, bräuchte man die Aktivisten nicht mehr. Aktivismus will und soll ja vor allem eins: die (scheinbare) Ordnung stören oder – mit Claus Peymann gesprochen – "Reißnagel im Arsch der Mächtigen" sein.


Kolumne: Als ob!

18. Oktober 2022. Vor einigen Wochen habe ich das Buch "Die Altenrepublik" gelesen. Der Autor Stefan Schulz beschreibt darin die vielfältigen Probleme und Konflikte, die mit der demographischen Entwicklung einhergehen. Eine gesellschaftliche Herausforderung vergleichbar mit dem Kampf gegen die Erderwärmung stehe uns bevor. Es geht bei dem Thema um weitaus mehr als Rente und Pflege. Auch das Theater wird von der Alterung nicht verschont bleiben, seltsamerweise spielt sie in den Debatten aber kaum eine Rolle. Dabei kann man viele Konflikte auf sie zurückführen oder zumindest vor ihrem Hintergrund betrachten. So etwa die Diskussion um das Schauspielhaus Zürich, das zuletzt in mehreren Medien harscher Kritik ausgesetzt war. Der Vorwurf lautet, die Leitung vergraule mit ihrem (identitäts)politischen Programm das angestammte Publikum und komme dessen ästhetisch konservativen Wünschen nicht nach. Ähnlich lautete die Argumentation vor kurzem bereits in Dortmund und Bochum. 


Kolumne: Als ob!

3. September 2022. Am Mittwoch sorgte das Kunstfest Weimar für Kopfschütteln in den Redaktionen. Die Pressestelle schickte eine Gegendarstellung zur Kritik eines Journalisten des Deutschlandfunks. In der Goethe-Stadt war man pikiert darüber, dass mein Kollege Thilo Sauer die Produktion Animate als "nicht 'state of the art'" bezeichnet hatte – für das Festival nichts anderes als eine "Fehldarstellung". Am Ende einer ausführlichen Erläuterung stand für Regisseur Chris Salter zweifelsfrei fest, dass der Einsatz der verwendeten Technologien "nicht nur technologisch, sondern auch künstlerisch auf dem neuesten Stand der Technik" sei. Um dieser Tatsache noch etwas mehr Gewicht zu verleihen, kündigten die Künstler an, rechtliche Schritte gegen den Deutschlandfunk zu prüfen.


Kolumne: Als ob!

14. Juni 2022. Ein Merkmal, an dem sich die Veränderung theatraler Ästhetiken beobachten lässt, ist das Näheverhältnis zum Publikum. Eines der bekanntesten Mittel für dessen Regulierung ist das Geschlossenhalten oder Öffnen der vierten Wand. Ist diese erste gefallen, können einzelne Zuschauer direkt angespielt werden, können die Performer das Parkett entern oder das Publikum sogar auf die Bühne bitten.


Kolumne: Als ob!

3. Mai 2022. Am Freitag erschien auf der Website des Magazins Emma ein Offener Brief, der – mit Verspätung, denn er hatte da bereits seine Politik geändert – Bundeskanzler Scholz in seiner Zurückhaltung in Sachen Waffenlieferungen an die Ukraine bestärkte. Zu den Erstunterzeichnern zählen Initiatorin Alice Schwarzer, Franziska Walser, Lars Eidinger und Edgar Selge. Letzter konkretisierte den Brief in einem Interview mit dem Tagesspiegel: "Ich finde, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für diesen Offenen Brief, weil es im Moment eine Eskalation in der Rhetorik gibt in der öffentlichen Diskussion, die beendet werden muss. Wir fokussieren uns hier unausgesetzt auf Waffenlieferungen statt auf Waffenstillstand.“ Kurz zuvor hatte sich schon Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung irritiert gezeigt von der "Selbstgewissheit, mit der in Deutschland die moralisch entrüsteten Ankläger gegen eine reflektiert und zurückhaltend verfahrende Bundesregierung auftreten“.


Kolumne: Als ob!

15. März 2022. Die Produktion "Haus der Hunde" des Kyiver Dakh Theater entstand während der Maidan-Proteste. Vor fünf Jahren sah ich eine Vorstellung beim Heidelberger Stückemarkt. Das Ensemble vegetierte in einem Käfig. Draußen patrouillierten Wärter, sie brüllten Befehle durch die Gitterstäbe: "Essen! Schlafen! Arbeiten! Tanzen!" Nach der Pause wechselten Publikum und Ensemble die Plätze. Plötzlich saßen wir im Käfig und die Wärter verhöhnten uns, forderten uns auf, zu singen: "Wer seid ihr? Habt ihr ein Lied, das alle können? Habt ihr keine Hymne?" Natürlich haben wir nicht Einigkeit und Recht und Freiheit gesungen, wir schwiegen beklommen – und befremdet. Das ukrainische Theater, wie es sich hier präsentierte, unterschied sich deutlich von dem, was man auf unseren Bühnen zu sehen bekommt. Keine Spur von Ironie war da zu erkennen. Das Pathos war ungebrochen, die Welt düster. 


Kolumne: Als ob!

2. Februar 2022. Nicht nur das Feuilleton, auch die Hauptstadtpolitik streitet derzeit über Poesie. Angestoßen wurde die Diskussion um Sinn oder Unsinn einer Parlamentspoetin von einem Text, den die Autor/innen Mithu Sanyal, Dmitrij Kapitelman und Simone Buchholz in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten. Er fängt mit einer Aufzählung der großen Herausforderungen unserer Zeit an: "Wie bauen wir Brücken, wie heilen wir die Risse in unserer Gesellschaft, wie lassen wir alle, die in Deutschland leben, an der Gestaltung unserer Demokratie teilhaben, wie brechen wir unbrauchbar gewordene Strukturen auf, weil sie nur einem geringen Teil der Bevölkerung nutzen, allen anderen aber schaden, und wie machen wir – daraus folgend – nicht nur die Mitte Europas, sondern am besten den ganzen Kontinent zu einem friedlicheren, gerechteren, klimarettenden Ort?"


Kolumne: Als ob!

7. Dezember 2021. Letzte Woche las ich den Bericht meines Kollegen Falk Schreiber über das Hamburger Nordwind-Festival. Zur Eröffnung erzählte ein nackter Andreas Constantinou davon, wie sein verstorbener Vater unter der Homosexualität des Sohns gelitten habe. Später feierte Mable Preach mit und für Freunde eine Art intersektionale Drag-Party. In früheren Jahrgängen reüssierten bei Nordwind die dänisch-österreichischen Performer von SIGNA, auch Vegard Vinge und Inge Müller gaben sich die Ehre. Vom einstigen Skandinavien-Schwerpunkt ist das Festival inzwischen abgerückt, mittlerweile habe es die klassischen Kampnagel-Themen verinnerlicht: "Postmigration, Postkolonialismus, Queerness".


Kolumne: Als ob!

Brauchen wir noch Schauspieler?

von Michael Wolf

19. Oktober 2021. Ich machte mir Sorgen um den Mann auf der Bühne. Während der Einlass lief, saß Édouard Louis an einem kleinen Tisch, tippte auf seiner Computertastatur, raufte sich die Haare, rang um Worte. Der französische Starintellektuelle tat so als ob, als würde er hier gerade den Text schreiben, den er gleich vortragen würde. Er spielte Theater. Aber konnte er das denn? Louis ist schließlich Schriftsteller, kein Schauspieler.


Kolumne: Als ob!

Linke auf Abwegen

von Michael Wolf

7. September 2021. Der Dramaturg und Publizist Bernd Stegemann hat sein zweites Buch in diesem Jahr veröffentlicht. Auf Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, in dem er die Identitätspolitik kritisierte, und zahlreiche Artikel, in denen er die Identitätspolitik kritisierte, folgt nun "im Vorfeld der Bundestagswahl" (Verlagsankündigung) der Essay Wutkultur, in dem Stegemann die Identitätspolitik kritisiert. Auf Seite 86 betitelt er die bevorzugte Textgattung ihrer Anhänger spöttelnd als "One-Trick-Pony": "'Ich bin wütend' wird zum Ausgangspunkt des immer gleichen Textes, der gegen eine vermeintliche Übermacht anbrüllt." Vermutlich war Stegemann die Ironie dieses Satzes nicht bewusst. Humor ist seine Sache nicht, dafür ist die Lage scheinbar zu ernst. 


Kolumne: Als ob!

Gleichung ohne Unbekannte

von Michael Wolf

1. Juni 2021. "Wieder mal ein Mann!", schreibt Sabine im Kommentarthread unter der Meldung über den Gewinn des Hans-Gratzer-Stipendiums. Ein Offener Brief beklagt das Fehlen schwarzer Autoren auf der Longlist des Leipziger Buchpreises. Für den renommierten Turner-Preis sind in diesem Jahr ausschließlich Kollektive nominiert. Die Kulturstiftung des Bundes hat die Klimabilanz von Kulturinstitutionen berechnen lassen. Gut möglich, dass Förderungen in Zukunft an die Einhaltung von Emissionsgrenzen gebunden werden.


Kolumne: Als ob!

Die Pandemie kann Poesie

von Michael Wolf

13. April 2021. Ich habe beruflich und privat viel mit Sprache zu tun. Daher wurde ich hellhörig, als der CDU-Vorsitzende Armin Laschet kürzlich einen neuen Begriff zu prägen versuchte. Wann immer ein Mikrophon in der Nähe stand, forderte er einen "Brücken-Lockdown". Das Wort tönt etwas schief in meinen Ohren, ermöglicht eine Brücke doch Mobilität, anstatt sie einzuschränken. Zudem mag sie sich zwar absperren lassen, dann aber würde man eher von einem Brücken-Shutdown sprechen. Der Shutdown jedoch wurde, zu Anfang der Pandemie noch in aller Munde, vom Lockdown verdrängt, womöglich weil das Wort so hart klingt, an Schüsse erinnert. Die Brücke soll wohl Zuversicht und Verbindlichkeit transportieren, man denke an die "Berliner Luftbrücke".


Kolumne: Als ob!

Schriftsteller und Bittsteller

von Michael Wolf

2. März 2021. Zunächst eine Anekdote: Claus Peymann probte am Burgtheater Peter Handkes Stück "Die Fahrt im Einbaum", als er auf eine verhängnisvolle Regieanweisung stieß: Ein Huhn überquert rückwärts die Bühne. Peymann beauftragte also seinen damaligen Assistenten Philip Tiedemann damit, das Unmögliche zu schaffen, nämlich ein Huhn zu besorgen, das eben das kann: rückwärts laufen. Als Tiedemann ohne Huhn zurückkehrte, soll Peymann einen Tobsuchtsanfall bekommen und die Proben für zwei Tage unterbrochen haben. Zur Premiere gab es dann tatsächlich ein zumindest scheinbar rückwärts laufendes Huhn zu sehen, das mit langem Szenenapplaus bedacht worden sei. Peter Handke hatte diesen Auftritt als Letzter erwartet, das Huhn sei nur eine Metapher gewesen, erklärte er später. Sein Regisseur aber hatte ihn beim Wort genommen.


Kolumne: Als ob!

Macht die Türen zu!

von Michael Wolf

19. Januar 2021. Theater versteht und legitimiert sich gerne als offener Raum des Austauschs, der gesellschaftlichen Teilhabe und des demokratischen Miteinanders. Diese soziale Dimension des Theaters halte ich für völlig überschätzt, nur selten sage ich mehr als "Guten Abend" zu meinem Sitznachbarn. Auch die politische Wirksamkeit des Theaters zweifle ich an, mehr noch aber diese paradoxe Vorstellung eines offenen Raums. Denn muss so ein richtiger Raum nicht schon aus geometrischen Gründen begrenzt sein? Und wenn nicht, wie sieht ein offener Raum dann aus? Wie viele Wände müssen da eingerissen werden? Ist es nur die vierte Wand, oder sind es zwei, um Begegnungen von beiden Seiten zu ermöglichen? Oder, um niemanden auszuschließen, sogar gleich alle?


Kolumne: Als ob!

Vielleicht mal beten

von Michael Wolf

1. Dezember 2020. Vor kurzem habe ich "Gott" gesehen, die TV-Adaption des Stücks von Ferdinand von Schirach (am Theater uraufgeführt in Berlin und Düsseldorf). Ich halte den Film für solide Fernsehunterhaltung, gestört hat mich nur der Titel. Denn es geht hier natürlich kein bisschen um Gott, sondern um die Frage, wie man die Tatsache des Todes gesellschaftlich am besten managt. Folgerichtig ist der Text als Gerichtsdrama angelegt. Das ist das Erfolgsrezept des Autors. Schirach bricht die ganz großen Themen auf ihre juristische Ebene herunter, leitet einen so gleichsam an einem schützenden Geländer entlang immerhin in Sichtweite existenzieller Abgründe. Und das ganz ohne transzendenten Schwindel, jeder Zweifel erübrigt sich hier, sicher führen die Argumente zum Ziel, am Schluss einer 90-minütigen Erörterung ist die Antwort auf eine weitere Frage nach Sein oder Nichtsein auch schon wieder geklärt.


Kolumne: Als ob!

Oops, ein Dialog!

von Michael Wolf

20. Oktober 2020. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Merkur beschreibt der Kunsthistoriker Jan von Brevern, wie die Gattungen verschwanden. Bis ins 19. Jahrhundert bildeten sie die alles entscheidenden Kategorien in der Bildenden Kunst, sie bestimmten Technik und Format ebenso wie den sozialen Verwendungszusammenhang und das Prestige der Werke.


Kolumne: Als ob!

Rohöl tropft von den Fingern

von Michael Wolf

23. Juni 2020. Am Wochenende habe ich den Bewerb um den Bachmannpreis verfolgt. Einer der (unprämierten) Texte lässt mich seither nicht los: Levin Westermanns "und dann". Es ist ein Klageruf, eine Aufzählung dessen, was der Erzähler von seinem Platz auf einem Rattanstuhl im Wintergarten aus beobachtet: eine Katze, deren Nachwuchs "human entfernt" wurde, ein eingesperrter Pfau, ein brennender Regenwald, ein namenloser Präsident in der Zeitung, der unschwer als Donald Trump zu erkennen ist: "seit 2015 stiehlt er die zeit / er schuldet mir: zeit".


Kolumne: Als ob!

Früher war alles

von Michael Wolf

19. Mai 2020. Die Theater sind verwaist, die Diskussion, was in ihnen bestenfalls gespielt würde, reißt deswegen aber nicht ab. Im Gegenteil, der Shutdown läutete die Stunde der Theoretiker ein. Sie füllen nun die Bühnen mit ihren Vorstellungen. Aus Mangel an Kunst kritisiere ich also heute deren Visionäre, beispielhaft an drei typischen Akteuren.


Kolumne: Als ob!

I love you, but I’ve chosen Ausgangssperre

von Michael Wolf

7. April 2020. Auf Twitter entdeckte ich den Fußballkommentator Robby Hunke, der – in Ermangelung seines Sports – nun Ereignisse des Alltags kommentiert. Wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen. Wahrscheinlich ist die Saison gelaufen, aber es kommt ganz sicher eine neue. Künstler, Kritiker und Zuschauer sind nun angehalten, sich fit zu halten. Dafür ist kein Theater vonnöten, wissen wir doch: Die ganze Welt ist eine Bühne. Das Skript können wir den Ausgangsbeschränkungen entnehmen, so etwa der Verordnung zur Änderung der Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin.


Kolumne: Als ob!

Beethoven was black

von Michael Wolf

3. März 2020. Beethoven war schwarz. En passant, in einem Nebensatz, behauptet das die Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann in einem Text für das Wiener Burgtheater. Ich bin kein großer Klassik-Kenner, war dennoch hochgradig irritiert und fing sogleich an, zu googeln. Dass Beethoven schwarz gewesen sein soll, hatten vor allem afro-amerikanische Künstler und Bürgerrechtler immer wieder behauptet, unter anderen Malcolm X. Die Beweislage ist aber recht dünn.


Kolumne: Als ob!

Sei lieber nicht du selbst

von Michael Wolf

28. Januar 2020. Der Schauspieler Lars Eidinger zog kürzlich einen Shitstorm auf sich. Zur Bewerbung einer von ihm designten Tasche hatte er sich in einer abgetragenen Jacke vor Schlafplätzen von Obdachlosen fotografieren lassen. Die Reaktionen reichten von "geschmacklos" über "zynisch" bis "schlicht dumm". Im Interview mit der SZ verteidigte sich Eidinger denn auch mit stupender Einfältigkeit. Vor den Schlafsäcken der Obdachlosen hätte er sich nur ablichten lassen, weil die eben auf seinem Heimweg lägen und mit der Jacke laufe er immer rum, ist halt sein Look.


Kolumne: Als ob!

Zuschauer ist kein Ausbildungsberuf

von Michael Wolf

3. Dezember 2019. "Kritiker sollten sich nicht zu sehr für Theater interessieren. Es schadet mehr, als dass es nützt." Ein erfolgreicher Kollege hat das einmal zu mir gesagt. Je länger ich als Kritiker arbeite, umso klüger finde ich diesen Rat. Natürlich muss ein Rezensent "Bescheid wissen", er braucht "Seherfahrung", er muss kontextualisieren und argumentieren können. Und doch ist er am Ende des Tages nur ein informierter Zuschauer, der Ihnen von seinem Erlebnis eines Theaterabends berichtet. Es ist nicht förderlich, wenn Kritiker zu stark die Perspektive der Produzenten einnehmen. Sie sollten nicht auf Premierenpartys über das Buffet herfallen. Und sie sollten auch nicht zu sehr vom Kunstwerk her denken, davon, was da oben ist oder sein könnte, sondern was unten im Saal ankommt. Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet.


Kolumne: Als ob!

Spielmacher gesucht

von Michael Wolf

23. Oktober 2019. Es gibt viele Argumente gegen Adaptionen: Sie dienen als Publikumsköder, setzen nur auf Wiedererkennung eines prominenten Originals, versperren jungen Dramatikern den Zugang zu großen Bühnen und so weiter. All das stimmt, ist aber noch kein Grund, sie mittels einer Quote für Gegenwartsdramatik von den Bühnen zu verbannen, wie es die Lektoren des Fischer Theater Verlags kürzlich rührend hilflos in der FAZ vorschlugen. Anstatt ihr Produkt attraktiv zu bewerben, fordern sie die Einführung der Planwirtschaft, ein ästhetisches Argument gegen Adaptionen bleiben sie schuldig.


Kolumne: Als ob!

Seht her, ein Arschloch!

von Michael Wolf

24. September 2019. Bei manchen Theaterabenden ahne ich schon vor dem Besuch, dass ich sie für schwach befinden werde. Für diese Fälle habe ich eine Regel. Ich schreibe keine Kritiken über diese Inszenierungen und überlasse das lieber meinen Kollegen. Von meiner Zurückhaltung profitieren alle Beteiligten: die Künstler, die Leser, ich selbst.


Kolumne: Als ob!

Mehr Kunst wagen

von Michael Wolf

25. Juni 2019. Am letzten Donnerstag las ich kurz hintereinander zwei Interviews: René Pollesch sprach mit dem Freitag, Jens Harzer mit der Neuen Zürcher Zeitung. Beide sind sie gefeierte Theatermacher auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, und doch könnte man meinen, sie wären in völlig anderen Branchen tätig. Polleschs Lieblingsvokabeln: "Arbeit", "Arbeitsweise", "Arbeitspraxis". Das Wort Kunst nimmt er nicht ein mal in den Mund. Jens Harzer hingegen nennt seinen verstorbenen Kollegen Gert Voss einen "Theatergott", spricht vom Spielen als "Nichteinverständniserklärung mit der Welt", von Verwandlung als einem "emanzipatorischen Akt", vom "Urgefühl Angst".


Kolumne: Als ob!

Der Kanon? Die Kanon? No Kanon!

von Michael Wolf

24. April 2019. Auf der Bühne haben sie zerfledderte Reclamhefte aufgebahrt. Requisiteure legen Blumenkränze vor ihnen nieder. Ihr süßer Duft klebt im Raum. Die Inspizientin läutet ein Glöckchen und der Intendant, gefolgt von pausbäckigen Hospitanten, zieht an den Klassikern vorbei und liest mit belegter Stimme die Titel vor. Mit jedem Namen blasen Bühnentechniker dichte Schwalle von Nebel über die Szene. Und – Horcht! – im Parkett schmettern die Dramaturgen ihr Glaubensbekenntnis.


Kolumne: Als ob!

Rechtschaffene Rituale

Von Michael Wolf

19. März 2019. Letzte Woche haben die Kulturminister der deutschen Bundesländer verkündet, dass sie das Grundgesetz weiterhin super finden. In einer Abschlusserklärung "bekennen" sie sich dazu, "die kulturelle Vielfalt einer freien und offenen und demokratischen Gesellschaft zum zentralen Maßstab ihrer Entscheidungen zu machen". Ich finde es gut, dass unsere Minister die freiheitlich demokratische Grundordnung nicht angreifen wollen, hätte dergleichen aber auch nicht erwartet. Woher rührt der Bekenntniszwang? Ich glaube, die Damen und Herren Kulturpolitiker bedienen einen Trend.


Kolumne: Als ob!

Böses Foul von Macbeth!

von Michael Wolf

19. Februar 2019. Auch Kritiker haben Vorbilder. Meine heißen aber nicht Alfred Kerr oder Gerhard Stadelmaier, sondern Sabine Töpperwien und Manni Breuckmann. Die beiden werden einige von Ihnen aus der legendären ARD-Schlusskonferenz der Fußball Bundesliga kennen. Als Kind hing ich jeden Samstag am Radio und hoffte auf ihren Ruf: "Tor in Dortmund!"


Kolumne: Als ob!

Macht mal Pause!

von Michael Wolf

15. Januar 2019. Oft höre ich, man solle Regisseure nicht mehr als Genies betrachten. Diese Forderung mag berechtigt sein, aber sie geht an den Produktionsbedingungen des Theaters weit vorbei. Nicht wenige Regisseure inszenieren 4 bis 6 Arbeiten im Jahr. Schon aus zeitlichen Gründen müssen die Musen ihnen da unter die Arme greifen. Ohne Hilfe von oben ist so ein Pensum gar nicht zu schaffen.


Kolumne: Als ob!

Bekennt euch!

von Michael Wolf

27. November 2018. Ich bin in einem Dorf im Sauerland aufgewachsen. Es gab nicht viel zu tun. In der Grundschule kickte ich einen Ball gegen das Garagentor. In der Realschule auch. Als Gymnasiast war ich dabei betrunken. Ein Stadttheater betrat ich zum ersten Mal mit siebzehn Jahren. Bis dahin kannte ich mich nur mit zwei Inszenierungen aus: mit dem Gottesdienst und NDR-Aufzeichnungen des Ohnsorg-Theaters. Diese Erfahrungen prägen mich bis heute.


Kolumne: Als ob!

Nie wieder Langeweile

von Michael Wolf

9. Oktober 2018. Theater ist ein Glücksspiel. Als Zuschauer gehen wir Abend für Abend Risiken ein. Selbst hochkarätig besetzte Premieren treffen mitunter nicht unseren Geschmack. Mir selbst war oft nach den ersten zehn Minuten bereits klar, dass mich das Bühnengeschehen auch für den Rest der Aufführung nicht mehr interessieren würde.


Kolumne: Als ob!

Dann lieber wildpinkeln

von Michael Wolf

6. September 2018. Treue Leser dieser Kolumne ahnten es sicher schon: Mein Steckenpferd ist die Hygiene. Ich habe keine Angst vor Krankheiten, vielmehr verstehe ich Reinlichkeit als ästhetische Herausforderung. Mit dieser Haltung stehe ich nicht allein am Pissoir. Immer wieder ist zu hören, dass Zuschauer am Programm ihres Theaters nicht viel auszusetzen hätten. Unzufrieden seien sie hingegen mit den langen Schlangen vor den Bedürfnisanstalten, ihrem Zustand. Werfen wir also einen kritischen Blick in die Herrentoiletten einiger Berliner Theaterhäuser.


Kolumne: Als ob!

Fette Beute in Sicht

von Michael Wolf

6. Juni 2018. Theater muss unbedingt politisch sein. Warum, weiß ich auch nicht. Ist halt so. Wenn ein Theater es politisch richtig krachen lassen will, engagiert es Philipp Ruchs Zentrum für politische Schönheit. Wenn ein Theater es nur ein kleines bisschen krachen lassen will, lädt es Jean Peters' Peng-Kollektiv ein.


Kolumne: Als ob!

Elfriede for president

von Michael Wolf

24. April 2018. Vor kurzem ist mir aufgefallen, welche politische Entscheidung mein Leben am stärksten geprägt hat: das Dosenpfand. Ohne Jürgen Trittin käme ich nie auf die Idee, mein leeres Wegbier neben einen Mülleimer zu stellen, statt es hineinzuwerfen.


Kolumne: Als ob!

Kuscheln mit der Community

von Michael Wolf

21. März 2018. Meine erste Theatererfahrung hatte ich als dritter Hirte beim Krippenspiel. Ich war noch zu klein, mir den Text zu merken. Mein Part bestand darin, hin und wieder auf den Bauch eines Stofflamms zu drücken, woraufhin es "Mäh" machte. Die Kirchengemeinde liebte mich blasphemisch. Ich bekam mehr Applaus als Jesus.


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Unbespielte Herzen

von Michael Wolf

6. Februar 2018. Man sieht es dem grimmigen Blick auf dem Foto nicht an, aber ich bin ein sentimentaler Typ. Meine schönsten Momente im Theater waren jene, in denen ich mich berühren ließ. Ich erinnere mich auch viele Jahre später noch genau: an den Ruf "Ich hänge am Leben" in einer der letzten Inszenierungen von Jürgen Gosch; an den hoffnungslosen Blicktausch am Schluss einer Ostermeier-Inszenierung, in dessen Verlauf sich ein Paar so verzweifelt liebte wie hasste; wie zärtlich und verwirrt ein Besucher die Haare einer SIGNA-Performerin streichelte ...


Kolumne: Als ob!

Fairness ist keine Kunst

von Michael Wolf

9. Januar 2018. Wenn Sie diesen Text lesen, kennen Sie Theater wahrscheinlich aus dem Parkett. Sie sind ein Zuschauer, kein Theatermacher. Die interessierten sich nämlich nicht besonders für Theater, sofern es nicht ihr eigenes ist. Unter erfolgreichen Regisseuren etwa gilt es als schick, die Inszenierungen ihrer Kollegen zu ignorieren. Wenn Theaterschaffende sich doch mal zusammentun, um grundsätzlich zu sprechen oder Forderungen zu formulieren, dann geht es ihnen nicht um das Theater, das Sie kennen: Die Kunst, also das auf der Bühne. Es geht ihnen um den Betrieb. So auch, als der Deutsche Bühnenverein die Schriftstellerin Sibylle Berg einlud, um sich von ihr die Leviten lesen zu lassen.


Kolumne: Als ob!

Ein stummer Schrei nach Liebe

von Michael Wolf

28. November 2017. Ein gefürchteter Journalist hat meinen Beruf folgendermaßen beschrieben: "Ein Kritiker ist ein Zeitungsmann, dessen Mädchen mit einem Schauspieler oder Regisseur durchgebrannt ist." Bei mir trifft das nicht zu. Bei mir war es ein Zimmermann. Bevor Sie fragen: Ich habe es ausprobiert, aber Türrahmen lassen sich nur schwer kritisieren.


Kolumne: Als ob!

Der kleine, dumme Zuschauer

von Michael Wolf

24. Oktober 2017. Im Journalismus gilt das Gebot, sich klar auszudrücken. Mindestanforderung an eine Kolumne ist zum Beispiel, dass die Leser nach der Lektüre verstanden haben, was drin stand. Gleiches gilt für Aufsätze in der Schule, für berufliche E-Mails und Post-Its am Kühlschrank. Nicht aber für das Theater. Sehr oft lese ich mir Beschreibungen von Inszenierungen durch und habe danach keine Ahnung, worum es konkret gehen soll. Der Vorschau-Text auf Internetseiten oder in Spielzeit-Heften hat eine eigenartige Rhetorik herausgebildet.


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