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archiv » Sommerfestival Kampnagel Hamburg (23)
Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Der Asphalt spricht

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. August 2019. "Mitten in der Stadt gibt es ein Gefahrengebiet, in dem die Leute sich nicht dingfest machen lassen – Eine exotische, unheimliche, gefährliche Welt – Ein gefährdender Sammelpunkt von Gemeinschädlichkeit aller Art", heißt es auf der Tonspur. Das Hamburger Gängeviertel ist gemeint, einst auch "Verbrecherquartier" genannt. Ein Massenwohnviertel für (Hafen-)Arbeiter, mit lichtlosen Hinterhöfen und schmalen Gassen, die so dicht bebaut waren, dass durch viele nicht einmal ein Handwagen passte. Das innerstädtisch gelegene Gängeviertel war Hochburg der Kommunistischen Partei, war bis Ende des 19. Jahrhunderts das eigentliche Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg, und nicht zuletzt war es Standort des verruchten Kellerlokals "Palette", dem Hubert Fichte 1968 ein literarisches Denkmal setzte.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Isn't it ironic

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. August 2019. Das Internationale Sommerfestival Hamburg ist treu. Mit bestimmten Künstlern arbeitet man auf Kampnagel kontinuierlich zusammen, so dass von Jahr zu Jahr eine Art temporäres Repertoire entsteht, Stücke, die in Zusammenhang zueinander stehen und die so einen Kontrapunkt zur Beliebigkeit des Festivalzirkus herstellen. Immer wieder dabei ist zum Beispiel der eklektizistische HipHop-Musiker Josh Dolgin aka Socalled. Der Kanadier gibt regelmäßig Sommerfestival-Konzerte, inszeniert aber auch seit 2014 ein fortlaufendes Handpuppen-Musical namens "The Season" in Hamburg.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Kopf ab, Emanzipation!

von Falk Schreiber

Hamburg, 7. August 2019. Das Bassiani ist einer der Gründe, weswegen die georgische Hauptstadt Tiflis seit einigen Jahren als Mekka des Nightlife gilt: ein Technoclub in einem ungenutzten Schwimmbad nahe des Hauptbahnhofs, der einerseits mit ausgesuchten Resident DJs an den aktuellen Stand elektronischer Musik andockt, andererseits hinreichend subkulturelle Credibility mitbringt. Ein Geheimtipp ist das Bassiani längst nicht mehr, schon vor drei Jahren bezeichnete der Guardian den Club als "the closest thing to Berghain (…) outside of Berlin", wobei sich der legendäre Status tatsächlich nur durch eigene Anschauung überprüfen ließe – im Bassiani herrscht strenges Foto- und Filmverbot. Nicht ohne Grund: Das georgische Nachtleben ist eine Keimzelle der Opposition gegen die konservative Politik des Landes, da ist es sinnvoll, wenn man nicht nachweislich als Clubgänger identifizierbar ist.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Ein Mann auf einem Stuhl

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. August 2018. Bis ins bürgerliche Lager hält sich die Legende, dass das Deutsche Reich eigentlich ein ganz umgängliches Kolonialreich gewesen sei. Überhaupt habe es nur wenige Kolonien gegeben, denen man vor allem die Zivilisation gebracht und sich ansonsten ordentlich aufgeführt habe. Dem steht allerdings entgegen, dass die Deutschen ab 1903 die Herero und Nama (aus Südafrika nach Norden gezogene Khoi) in einem (seit 2015 vom deutschen Auswärtigen Amt als solchem anerkannten) Völkermord nahezu ausrotteten – das heutige Namibia ist nicht das Kolonialparadies, als das es im 21. Jahrhundert touristisch vermarktet wird, es ist ein Friedhof, über den sich blutige Spuren der deutschen Herrschaft ziehen.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Das fiese Heinzelmännchen

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. August 2018. Sweet Dreams are made of this: Christian Bakalov steht auf einer mit Plüschtieren und Tischtennisbällen übersäten Bühne, ein Windstoß zerzaust ihm das Haar, eine milchige Flüssigkeit ergießt sich über den Performer. Und dann zieht er zwei Pistolen. So werden süße Alpträume gemacht, Alpträume, bei denen selbst große Bären weinen.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Hana redet nicht so viel

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. August 2018. Cuckoo Electronics Co, Ltd. ist ein koreanischer Hersteller von Kleinelektronik, im Bereich der Reiskocher der lokale Marktführer noch vor Weltkonzernen wie Samsung. Als er in den Nullerjahren Korea in Richtung Niederlande verlassen habe, erzählt der Musiker und Performancekünstler Jaha Koo, habe er drei Dinge mitgebracht: ein wenig Kleidung. Einen Laptop. "And a Cuckoo." Der Performer strahlt, er hat das gemacht, was Migranten häufig machen: sich ein wenig Heimat in die Ferne geholt, Heimat in kulinarischer Form. "Hast du schon gegessen?", begrüßt man einander in Korea, "Hallo".


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Umzug in die Hafen-City

von Katrin Ullmann

Hamburg, 9. August 2018. Es gibt Momente im Leben, da wäre man gern ein Kronkorken. Irgendwo unter einem Barhocker würde man liegen oder auch gern festgeklemmt in dem schmalen Spalt zwischen Fußboden und Tresen. Man würde sich naturgemäß still verhalten, würde den mehr oder weniger konsistenten Gesprächsfetzen der Barhockersitzer lauschen. Je nach Bar würde man annehmbare Musik hören, mal ein Stühle rücken, mal ein Stolpern. Man könnte auch einfach einschlafen. Keiner würde es bemerken, keinen würde es stören. Vielleicht würde man auch auf dem weiten Meer treiben. Willenlos und herrlich allein. Das Dasein als Kronkorken erscheint einem durchaus erstrebenswert. Das klingt unglaubwürdig? Es ist wahr.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Ein Mädchen fällt von der Sonne

von Katrin Ullmann

8. August 2018, Hamburg. Menschen mit Rollkoffern eilen vorüber, ein dickliches Paar steht zögernd vor der Frittenbude, Mädchen in Sommerkleidern stupsen einander kichernd in die Seite, ein paar Meter weiter spielen zwei alte Männer mit gesenkten Köpfen Schach. Ein Mülleimer ist der Tisch für ihr Spielbrett. Tauben flattern vorbei, die Sonne schiebt sich in Richtung Horizont. Mittendrin steht ein Junge im Ringelpulli. Oskar. Ungewöhnlich ruhig steht er da.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Schwarzes Rauschen

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. August 2017. Die Welt ist ein schöner Ort. Am Rande des Blickfelds stehen ein paar Neubauten, ansonsten sieht man Felder, Wiesen, Wald. Und eine sengende Sonne, nach deren Versinken die elektronische Kommunikation anhebt, ein tastendes Gesprächsgerüst: "Wow." "Really?" "Thank you." "Fair enough."


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Die große Verweigerung

von Falk Schreiber

Hamburg, 10. August 2017.  Was für ein Raum. Ein dreistöckiges Gebäude hat sich Tania Bruguera in die riesige Kampnagel-Vorhalle bauen lassen, eine zylinderförmige, mit Tüchern verhüllte Stahlskulptur, von deren Rängen die Zuschauer in einen Bühnenschlund hinabblicken, als Theaterraum dem shakespeareschen Globe nicht unähnlich, wenn man davon absieht, dass "Endgame", die erste Theaterarbeit der kubanischen Künstlerin Bruguera, eben keinen Bühnenraum besitzt.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Alles aus Nichts

von Michael Laages

Hamburg, 11. August 2016. Aus der "Brauerei der Riesen" stammt der Bierkasten, auf dem "Gouyasse" steht. Er ist vor allem leer und eher leicht; und auch darum ist der Herkunftsort das Riesigste an ihm. Eine Artistin stemmt den gelben Kasten in die Höhe, als wöge er drei Zentner, mit den Füßen balanciert sie ihn; und schließlich greift sie ihn sogar mit den Zähnen... wow! Da ist "The greatest Show on Earth" fast schon am Ende; zu Beginn hatte das Mitglied der sehr speziellen Artistenfamilie "La Fortunada" auch schon einen Hocker "bespielt", auf dem (in der Phantasie jedenfalls) ein zu dressierendes Tier saß, vielleicht ein Seehund, womöglich aber auch ein Tiger – den Kopf jedenfalls legte die Fake-Artistin auf den leeren Hocker, als lauerte da der Rachen eines ziemlich wilden Tieres.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Las Vegas zieht auch Puppen an

von Hartmut Krug

Hamburg, 14. August 2015. Dieses Bauchrednertreffen beginnt gleich mit tieferer Bedeutung. Vor einer gestreiften Showgardine schwenken sich 34 Stühle über die offene leere Bühne, und dazwischen stehen acht der neun Spieler im Halbdunkel in Wartestimmung beieinander. Sie reden leise miteinander, sie rauchen oder hantieren mit ihren Puppen. Die meist als Material irgendwo abgelegt oder ausgestellt sind. Nur ein Puppenspieler hantiert mit seiner Puppe, belebt sie, übt mit ihr, spielt mit ihr, beherrscht sie. Wir erkennen gleich in dieser wie beiläufig wirkenden ersten Szene, dass es um die schwierige Beziehung zwischen den Subjekten, den Spielern, und ihren Objekten gehen wird. Also um das, was seit alters her von Spielern, Dichtern und Denkern in der Beziehung zwischen Puppenspieler und Puppen gesucht wird: Die psychologischen Abgründe, die Persönlichkeitsverschiebungen, um das bewusste wie unbewusste Spiel mit ihnen.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Monumente der Einsamkeit

von Alexander Kohlmann

Hamburg, 6. August 2015. Eine Frau liegt unter einem riesigen Bettlaken in der Mitte der Bühne, leere Flaschen stehen drum herum, Kerzen flackern. Es ist finstere Nacht, die Stunden, in denen jene Dämonen kommen, die die Helden der Popmusik immer wieder besungen haben.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

In der Eventbude

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. August 2015. Die Diskussion um die Castorf-Nachfolge an der Berliner Volksbühne schenkte dem deutschsprachigen Theater ein neues Feindbild: den Kurator. Der Kurator, das ist jemand, der Theater häppchenweise verabreicht, durchdacht, handwerklich untadelig, aber eben kulinarisch. State of the art, entertaining, teuer, unpolitisch, vor allem: gerne US-amerikanischen Ursprungs. Theater als "Eventbude" (Claus Peymann). So etwas will man hier nicht haben, und in die Kritik an einer befürchteten neoliberalen Umformung der Volksbühne durch den designierten Theaterchef, den Londoner Ausstellungsmacher Chris Dercon, mischte sich schnell ein unangenehmer kulturchauvinistischer Unterton.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Chaos & Naivität

von Falk Schreiber

Hamburg, 22. August 2014. Das Reich der Zeichen ist ein Irrgarten. Oder: ein unübersichtliches Knäuel von Verweisen, bei denen man nicht einmal im Ansatz versteht, auf was sie sich beziehen – bis man nur noch Lärm wahrnimmt, Lärm und Dunkelheit. Willkommen bei "Noise and Darkness", dem neuen Stück der japanischen Radikaltheatergruppe Miss Revolutionary Idol Berserker beim Internationalen Sommerfestival Hamburg.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Alle wollen Chilly

von Falk Schreiber

Hamburg, 6. August 2014. Praktisch alle deutschsprachigen Theater rissen sich darum, etwas mit Chilly Gonzales zu machen, erzählt András Siebold, künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals Hamburg. Ob die Geschichte stimmt oder nicht: Gonzales, 1970 unter dem Namen Jason Charles Beck in Kanada geboren und mittlerweile in Köln heimisch, ist das perfekte Theaterfutter, ein Grenzgänger zwischen begnadetem Rampensautum, klassischer Virtuosität und clubgestählter Coolness, der mühelos zwischen Lecture, Comedy, HipHop und E-Musik zu wechseln weiß. Allerdings ist Gonzales auch ein reizender Querkopf, der sich ungern an ein Projekt binden lässt – weswegen alle Versuche, sein Talent fürs Theater nutzbar zu machen, scheiterten.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps

von Falk Schreiber

Hamburg, 18. August 2012. Vor einigen Jahren verlieh sich Hamburg selbst den Titel "Wachsende Stadt". Das war reines Stadtmarketing, kein Gedanke steckte da hinter, nur die Vorstellung, dass es erstrebenswert sei, wenn die Stadt in absehbarer Zeit auf zwei Millionen Einwohner anwachsen würde. Und Hamburg wächst. Die zwei Millionen sind noch lange nicht erreicht, wenn man aber jetzt schon sieht, wie Mietpreise explodieren und der Verkehr kollabiert, schwant einem: Wachstum um des Wachstums willen ist vielleicht nicht wirklich der Weisheit letzter Schluss.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

"Bin Laden, komm her, schmeiß eine Bombe"

von Nikolaus Stenitzer

Hamburg, 16. August 2012. Während eines No Border-Camps wurde das Schwabinggrad Ballett seinerzeit gegründet – als "eine Kapelle für antizyklische Umzüge zur Unterstützung umstürzlerischer Aktivitäten", wie es Mitbegründerin Bernadette La Hengst formulierte. Für das Kampnagel-Sommerfest hat die Gruppe ihre Zelte in St. Pauli aufgeschlagen.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Geister im Museum

von Falk Schreiber

Hamburg, 11. August 2012. Und am Ende liegt man in einem riesigen Museumssaal, unter Hans Makarts monumentalem Gemälde "Der Einzug Karls V. in Antwerpen" (1878). Man schließt die Augen, man fühlt die Schwere des eigenen Körpers, leise dämmert man ein paar Sekunden weg. Während um einen herum der normale Betrieb der Hamburger Kunsthalle weiterläuft.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Schauen Sie nur

von Simone Kaempf

Hamburg, 9. August 2012. Tor zur Welt, Wachstumsmotor, führend als Warenumschlagsplatz, so soll der Hamburger Hafen sein. Zumindest im Jargon der Marketingexperten. Mittlerweile ist auch das ökologisch optimierte Wohn- und Arbeitsquartier Hafencity mehr als zur Hälfte fertiggestellt. An der Elbphilharmonie wird weitergebaut, trotz Kostenexplosion. Höher, weiter, schneller geht gut hier. Und doch sind die Zeiten noch nicht vorbei, dass ein Hafenbesuch ein verlangsamtes, verschlafenes Sonntagsgefühl verbreitete.


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Termiten überall

von Katrin Ullmann

Hamburg, 24. August 2011. Alles fehlt: Raum, Körperlichkeit, Mimik, Handlung, Dramaturgie. Anstelle einer erzählten Geschichte fliegen zahllose Gedanken, anstelle schauspielerischer Interaktion sind da zwei ruhig nebeneinanderstehende Darsteller, anstelle einer Bühne stapeln sich zwei Europaletten vor einer bunten Lichterkette und einem leeren, abgedunkelten Raum.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Älter als Gott

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. August. 2010. "Jede Fahrt mit einem Boot ist möglicherweise die letzte." Kaum ist man vertrauensvoll in das Ruderboot des Hamburger Kanu Clubs eingestiegen, kaum hat man sich zurechtgesetzt und sich ein wenig an das sanfte Schaukeln gewöhnt, kaum hat man den jungen, kräftigen Ruderer gemustert und gemutmaßt, dass dies wohl nicht seine erste Bootsfahrt sein mag, kaum hat man ein wenig Sicherheit gewonnen, schon hört man diesen einen, ersten Satz. Eine warme, freundliche Stimme (Thomas Kuegel) spricht ihn. Harmlos. Und doch bedeutungsvoll.


Sommerfestival Kampnagel Hamburg

Es war der Spatz und nicht die Taube

von Katrin Ullmann

Hamburg, 14. August 2008. "Sommer! In diesem Sommer auch in Hamburg". Das versprechen grellpinkfarbene Plakate in U-Bahnhöfen und am Straßenrand und meinen damit das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel. Matthias von Hartz hat die künstlerische Leitung inne und internationale Künstler aus Tanz, Musik, Theater eingeladen. Drei Wochen lang will von Hartz "Kunst der Weltklasse" präsentieren.


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