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archiv » Deutsches Theater Berlin (195)
Deutsches Theater Berlin

Maskenspiele in der Puppenstube

von Christian Rakow

Berlin, 12. November 2018. In "vielen Berliner Theaterköpfen" lebt noch die Erinnerung an "die legendäre Schaubühnen-Inszenierung von Peter Stein". So sagt es der Dramaturg John von Düffel in dem Podcast, den das Deutsche Theater dieser Arbeit beistellt. Und dann kommt er auf den originellen Ansatz dieser DT-Inszenierung zu sprechen: Die Besetzung der drei Schwestern mit männlichen Darstellern sei eine "Verfremdung", die einen dazu bringe, die Motive und Texte Tschechows "noch einmal neu zu hören".


Deutsches Theater Berlin

Stereotyp und Schimmer

von Elena Philipp

Berlin, 11. November 2018. Was macht der denn da? Der Mann im Security-Outfit klinkt ins Leere, dreht an etwas Rundem, reibt seine Hände – ah: er wäscht sie, und dann bereitet er sich pantomimisch einen Riesenpott Tee. Peter Kurth pfeift wie ein Wasserkessel und rührt – "lulululu" – in der Tasse. In gemächlichem Tempo illustriert er mit komischer Stoik, wie "öde und endlos" die Nächte als Wachmann im Brennpunkt-Objekt 95 sind. "Glasscherben im Objekt 95" ist eine von fünf Kurzgeschichten aus Clemens Meyers Erzählband "Die stillen Trabanten", die Armin Petras in den Kammerspielen des DT Berlin uraufgeführt hat – in disparat inszenierten Szenen, die der Vorlage unterschiedlich nahe kommen.


Deutsches Theater Berlin

Kitzeln am Wahnsinn

von Simone Kaempf

Berlin, 19. Oktober 2018. Am Ende kommt Sebastian Hartmann seinem Publikum doch noch entgegen: Zur Verbeugung mit den zehn Schauspielern ganz nach vorne an die Rampe und damit ins hellste Scheinwerferlicht. Das war zuvor drei Stunden lang abgedimmt bis auf ein Minimum. Stattdessen Dunkelheit, fahles Halbdunkel wie in nächtlicher Dämmerstunde, wabernde Nebelschwaden, durch die sich Lichtstrahlen bohren wie die göttliche Erleuchtung in mittelalterlicher sakraler Malerei. Dazu dissonante Orgeltöne, die einen in die Magengrube treffen.


Deutsches Theater Berlin

Besinnungsloses Grundeinkommen

von Simone Kaempf

Berlin, 28. September 2018. Der Aufwand, das Material für diesen Theaterabend zusammenzutragen, ist schon mal rekordverdächtig. Vor einem Jahr trafen Wissenschaftler und Bürger im Deutschen Theater erstmals zusammen, um ein Zukunfts-Szenario für die nächsten zehn Jahren zu entwickeln inklusive eines spekulativen Super-Crashs im Jahr 2026. Weitere Workshoptage folgten, dokumentiert auf der Projektwebsite welchezukunft.org. Auf dieser Basis entstand der Text für "Let them eat money". Und für die Abschlusskonferenz im Jahr 2020, dann im fertig gestellten Humboldtforum, sind konkrete Überlegungen angekündigt, wie man eine drohende Katastrophe aufhalten könnte.


Deutsches Theater Berlin

Verblassende Kaskaden

von Christian Rakow

Berlin, 14. September 2018. Dass die beiden zusammenfinden würden, war auch nicht zu erwarten: Thomas Bernhard und Thom Luz. Bernhard, der Autor mit der Füllfederramme, der zu Lebzeiten praktisch alles in Grund und Boden schrieb: Österreich natürlich, dieses Land voller "gemeiner Nazis und stupider Katholiken", oder die "Alten Meister" wie den "schrecklichen Ur- und Vor-Nazi" Dürer, oder Heidegger, diesen "lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer" und "Voralpenschwachdenker", oder den "miserablen" Komponisten Bruckner mit seinem "chaotisch-wilden, auch noch im hohen Alter religiös-pubertären Notenrausch".


Deutsches Theater Berlin

Lasst sie den Prinzen auch noch spielen!

von Gabi Hift

Berlin, 8. September 2018. Sophie Rois und René Pollesch debütieren am Deutschen Theater Berlin. Wie wird das werden? Wird es zusammenpassen? Schon erklingt der "Einmarsch der Torreros", bekannt aus "Carmen" und "Tom und Jerry", aber es dauert noch gute zehn Minuten bis Sophie Rois mit dem Aufschrei "Oh mein Gott! Ich bin so müde!" auftritt und sich aufs Bett wirft.


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Sind so kleine Blüten

von Frauke Adrians

Berlin, 12. Mai 2018. Theater besucht Gipfel, um Gipfeltheater zu machen? Warum nicht. Anfang Juli 2017 schickte Regisseur Gernot Grünewald drei Berliner Schauspieler für vier Tage zum G20-Gipfel nach Hamburg, auf dass sie vorausgewählte Beteiligte – Durchschnitts-Demonstranten, eine Attac-Aktivistin, einen Autonomen aus der Roten Flora – begleiteten und sich ein eigenes Bild machten. Das wäre eine ebenso schöne Aufgabe für Journalisten gewesen. Die Probleme, die das kleine Ensemble bei der Aus- und Verwertung des gewonnenen Materials hatte, sind denn auch erkennbar ganz ähnliche wie die des Reporters auf Sendung: Man kann zu viel wollen und zugleich zu wenig.


Deutsches Theater Berlin

Die Lampen leuchten, der Tag ist aus
// Würstchenparade

von Sascha Ehlert

Berlin, 29. April 2018. Die prägenden und einprägsamsten Momente dieses Theaterabends? Der Anfang und das Ende. Was Stephan Kimmig und ein kompaktes Schauspiel-Ensemble dazwischen darboten, um Elfriede Jelineks deftige 80 Seiten umfassendes Stück zur Lage der Welt nach Trump in ein gut verdauliches Menü zu packen, war leider ein etwas zäher Brei. Dabei schafft es der Abend zwar das schrille Assoziationsgewitter der Vorlage auf die Bühne zu hieven, allerdings – nur mit Abstrichen.


Deutsches Theater Berlin

Die andere Geburt

von Eva Biringer

Berlin, 5. April 2018. Wenn Sie die Nase voll haben vom Feminismus, hören Sie jetzt besser auf zu lesen. Derzeit haben ja viele das Gefühl, man durchpflüge den gesamten abendländischen Kulturkanon, auf den Spuren eines Patriarchats, das es zu vernichten gilt. 1996 hat es das antike Drama erwischt; da schrieb die DDR-Ikone Christa Wolf den Medea-Mythos um. Gemeinhin kennt man ihn so: Medea flieht mit dem Argonauten Jason aus ihrer Heimat Kolchis, kurz nachdem sie ihren eigenen Bruder getötet hat. Weit kommt das Paar nicht, sondern strandet als Flüchtlinge in Korinth. Dort verliebt sich Jason in die Tochter des Königs, woraufhin Medea der Konkurrentin ein vergiftetes Kleid schenkt und anschließend die eigenen Kinder tötet.


Deutsches Theater Berlin

Viel Spaß bei Eurem Untergang!

von Georg Kasch

Berlin, 16. März 2018. Ein Staat steht Kopf. In die Tiefe zieht sich die Wand, bedruckt mit Wolkenkratzern, die ihre Dächer Richtung Boden strecken. Sie bleibt auch dann noch stehen, als die Drehbühne mit ihren verschiedenen Spielorten längst abgeräumt ist und nur noch Fragmente übrig sind. Vielleicht, weil eine der Konstanten in den gut 400 Jahren, von denen "Rom" erzählt, ist, dass immer Chaos herrscht – Bürgerkrieg, Aufruhr, Machtkampf.


Deutsches Theater Berlin

Egal wann

von Michael Wolf

Berlin, 23. Februar 2018. Die Erwartungen sind hoch. Mit ihrer letzten Arbeit am Deutschen Theater hat Regisseurin Daniela Löffner ihren bislang größten Erfolg gefeiert. Väter und Söhne nach Iwan Turgenjew wurde 2016 zum Theatertreffen eingeladen. Nun wieder ein großes Ensemblestück und ein russischer Klassiker: Maxim Gorkis "Sommergäste". Eine Gesellschaft aus Wohlhabenden und Intellektuellen verbringt die Ferien auf dem Land. Im Idyll verlieben, betrügen und verachten sie sich um die Wette. Vor allem aber leiden sie an dumpfer Leere. Sehnsucht plagt sie. Nach einem anderen Leben, einem mit Sinn. Gorki schrieb das Stück 1905, nur ein Jahr bevor in Russland die Revolution vorerst scheiterte, und zwölf Jahre bevor sie tatsächlich über die Weltbühne ging. Es ist das Porträt einer Klasse, die bereits ahnt, dass ihre Zeit abgelaufen ist, die sich selbst zerfleischt aus Verachtung für die eigene Nutzlosigkeit.


Deutsches Theater Berlin

Hopsa!

von Elena Philipp

Berlin, 19. Januar 2018. Dublin brennt! Feuer, Schwefelflammen, dichter Rauch. Im Flackern roter Bühnenportal-Neonröhren zählt Linda Pöppel, lässig im Leder-Look, lächelnd Lamentables auf: Galopp von Hufen. Kommandos und Kanonen. Sterbende, die schreien. Tote, die wiederauferstehen. Pandämonium, Apokalypse, Weltenbrand! Macht aber nix. Falls Dublin mal von der Erde verschwände, erklärt Szenen später ein Joyce-Zitat Pöppels glattkalte Verbindlichkeit, könne man's doch anhand seines "Ulysses" rekonstruieren. Selbstsicher formulierte der Autor so die Poetik seines welterschaffenden Totalromans. Alltagsprall, ideensatt und fleischeslustig ist er, elegant und gewitzt. Ein pochend-monströser Sprachkörper, bekanntlich handlungsarm: die Fährnisse des modernen Menschen in 18 Kapiteln. Ein Tag im Leben des Leopold Bloom, 38 Jahre alter Anzeigenakquisiteur und kultivierter Allerweltskerl. Wie bringt man so was auf die Bühne? Sebastian Hartmann, prosaerprobt, wagt's am Deutschen Theater Berlin.


Deutsches Theater Berlin

Wo bist du dann?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 12. Januar 2018. Der Fichte ist in die Bedeutungslosigkeit gesunken. Er ist jetzt eine die und als solche ein Baum, der vor einem spießigen Einfamilienhaus die unoriginellen Gewaltfantasien seines kleinbürgerlichen Eigentümers weckt ("Das Haus ist zu klein, der Baum ist hässlich"). Das Programmheft zur Roland-Schimmelpfennig-Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters trägt noch ein Johann-Gottlieb-Fichte-Zitat: "Das Ich setzt das Nicht-Ich als beschränkt durch das Ich. Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich."


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Die Verzweiflung ganz unten

von Georg Kasch

Berlin, 21. Dezember 2017. Was ist das für eine Type! Bisschen schmal geraten, große Augen zwischen den knochigen Schultern, noch größere Klappe. Einer, der sich an den Ecken rumdrückt, einer, dessen Frustfalten sich tief um den traurig farblosen Oberlippenbart gefressen haben. Einer, der irgendwie immer im Weg steht – und aus dessen Blick Angst, Sehnsucht, gelegentlich auch Hoffnung stieren.


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Toter Engel der Geschichte

von Christian Rakow

Berlin, 3. Dezember 2017. Schon wieder stirbt jemand an vergiftetem Tee. Gestern schon in den Zofen von Jean Genet, heute im "Missverständnis" von Albert Camus. Es ist das Existenzialismus-Wochenende des Deutschen Theaters. Nur dass man bei Regisseur Jürgen Kruse natürlich nicht ganz sicher sein kann, ob den armen Camus-Protagonisten Jan nun eigentlich der Tee umgebracht hat, oder doch der reichlich herumstehende Wein. Aus der Teetasse fließt ihm jedenfalls Kunstblut über den Kopf.


Deutsches Theater Berlin

Der inneren Nacktheit auf der Spur

von Gabi Hift

Berlin, 2. Dezember 2017. Heilig, heilig, heilig – heilig ist der Mord. Heilig die Zerstörung der Moral. Heilig das reine Böse. "Die Zofen, das geht doch immer", sagt einer bevor es losgeht. Wirklich? Packt uns der Rausch der Revolte noch, wenn wir verbotene Handlungen auf der Bühne sehen? Stehen wir nicht eher verständnislos vor den Texten der Existentialisten, die direkt nach dem Krieg die Freiheit des Menschen durch einen "Acte gratuit" ihrer Figuren demonstrieren wollten, durch eine grundlose Gewalttat? Denen das reine Böse um des Bösen Willen als das Gute galt?


Deutsches Theater Berlin

Von nun an ging's bergab

von Michael Wolf

Berlin, 17. November 2017. Da steht der Lehrer in seinem Rollkragenpullover (Ist das orange? Ist das Schlamm? Ist das überhaupt eine Farbe?). Dazu trägt er eine abscheuliche abscheuliche Bügelfaltenhose. (Man muss das Wort wirklich zwei mal schreiben.) Keine fünf Minuten sind vergangen, und schon möchte der Kritiker am liebsten die Kostümbildnerin Carolin Schogs packen und schütteln. Denn stilistisch ist der Mann von Beginn an nicht zu retten. Dabei geht es doch um seinen Untergang. Der soll doch erst später kommen!


Deutsches Theater Berlin

Nehmt's wie ein Mann und verschwindet!

von Elena Philipp

Berlin, 20. Oktober 2017. Das Leben in der heutigen Gesellschaft? Ein einziger Stumpfsinn. Nichts von Interesse. Was bliebe aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen anderes übrig als "die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten"? Männer vernichten? Das sitzt. Oder? Was uns das "SCUM Manifesto" von Valerie Solanas – ein radikal-rotziger feministischer Text von satirischer Schärfe – fünfzig Jahre nach seiner Entstehung noch zu sagen hat, testet das bewährte Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Mit einem rein männlichen Schauspielaufgebot. Und Songs von Christiane Rösinger mit Andreas Spechtl.


Deutsches Theater Berlin

Ulrich Matthes zeigt die Pommesgabel

von Anne Peter

Berlin, 27. September 2017. Das allerdings hat Seltenheitswert: wie Uli Matthes im eng anliegenden Goldpaillettenglamourfummel in die Knie sackt, unter weiß getürmten Afro-Locken "Suicide is painless" ins Mikro röhrt und die Finger rockstarlike nach den Fans im Parkett ausstreckt! Der Unterhaltsamkeitsfaktor schnellt umgehend in die Höhe. Es ist das verspielt intensive Finale von Dušan David Pařízeks "Amerika" am Deutschen Theater, nach Kafkas Romanfragment "Der Verschollene".


Deutsches Theater Berlin

Fashion oder Fascho?

von Simone Kaempf

Berlin, 20. September 2017. Ein Polit-Populist verspricht mehr Jobs, plädiert für bessere Wirtschaftsbeziehungen zu Russland und mehr Geld für die eigenen Streitkräfte. Seine Partei stellt ihn tatsächlich als Kandidat auf, erfolgreich. Triumphierend zieht er ins Weiße Haus ein und bringt es fertig, allen Versprechungen zum Trotz am Ende ein paar Banker und Industrielle noch reicher zu machen und den Rest der Gesellschaft noch ärmer. Würde man den Namen Buzz Windrip in Sinclair Lewis' Roman "It Can't Happen Here", also "Bei uns ist das nicht möglich", durch Donald Trump ersetzen, würde streckenweise gar nicht auffallen, dass die Geschichte eine Fiktion aus dem Jahr 1936 ist.


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Leben als Dennoch

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 21. Mai 2017. Am Ende hat Frieder sich doch umgebracht. Aber da gab es das Auerhaus schon nicht mehr, das Abitur hatte der württembergischen Schüler-WG, die Bov Bjerg in seinem Roman "Auerhaus" beschreibt, schon ein sozusagen natürliches Ende gesetzt. Trotzdem wird es Leute geben, die das so einordnen wie Cäcilia die Scheidung ihrer Eltern: "Ihre Ehe ist gescheitert."- "Wie kann die das denn so sagen? Die waren 20 Jahre lang verheiratet, und dann haben sie sich eben scheiden lassen", braust der Erzähler von "Auerhaus" auf.


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Immer noch verboten

von Hartmut Krug

Berlin, 12. Mai 2017. Dieser Theaterabend beginnt mit Erklärungen und Texten, die dem Zuschauer andeuten, was ihm der ferne Text von Racine vielleicht sagen könnte. Auf die Bühnenrückwand werden Texte über Affekte projiziert. Schließlich untersucht Jean Racines 1677 in Paris uraufgeführte "Phädra" die Ehrbegriffe seiner höfischen Gesellschaft. Dabei arbeitet er sich an Haltungen und Empfindungen wie Schuld, Scham und moralischer Kraft ab. Schiller, der 1805 die in gereimten Alexandrinern gehaltene Tragödie von Racine in reimlose Blankverse übersetzt hat, schrieb: "Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden: / Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist / Des falschen Anstands prunkende Gebärden / Verschmäht der Sinn, der nur das Wahre preist." Auch Lessing kritisierte Racine: "Die edelsten Worte sind eben deswegen, weil sie die edelsten sind, fast niemals zugleich diejenigen, die uns in der Geschwindigkeit, und besonders im Affecte, zuerst beyfallen. Sie verrathen die vorhergegangene Überlegung, verwandeln die Helden in Declamatores, und stören dadurch die Illusion."


Deutsches Theater Berlin

Loriot in der Spiegelphase

von Georg Kasch

Berlin, 22. April 2017. Wo ist der Hügel? Also jener Erdhaufen, in dem Winnie anfangs bis zur Hüfte, später bis zum Hals steckt und der ikonografisch geworden ist für Samuel Becketts "Glückliche Tage"? Sonst ist doch alles da, die Zahnbürste, der Sonnenschirm, die Spieluhr, der Revolver, hervorgeholt aus den Untiefen einer Sack genannten Tasche. Warum also fehlt gerade der Hügel?


Deutsches Theater Berlin

.... und der universale Niemand lacht

von Christian Rakow

Berlin, 25. März 2017. Der Regisseur Dušan David Pařízek stellt mit Vorliebe Overhead-Projektoren auf die Bühne. Ein Markenzeichen. Es steht für die handwerkliche, betont unverkleidete Grundnote seines Theaters: Eine kleine Folie, vom Schauspieler selbst aufgelegt, gilt hier tausendmal mehr als hundert fette HD-Videos.


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Schattenspiel mit Dämonen und Schauspielern

von Michael Wolf

Berlin, 17. März 2017. Vor Kurzem präsentierte Kanzlerkandidat Martin Schulz die Zielgruppe seines Wahlkampfs: hart arbeitende Menschen. Die Kollegen von Spiegel bis Anne Will fragten sich daraufhin, ob Deutschland überhaupt ein Gerechtigkeitsproblem hat. Den Zahlen nach gilt im Großen und Ganzen der berühmte Satz der Kanzlerin: "Deutschland geht es gut." Keineswegs selbstverständlich also, abstiegsbedrohte Arbeitnehmer ins Zentrum des Interesses zu rücken. Trotzdem hat im Deutschen Theater Berlin Bastian Kraft nun Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" auf die Bühne gebracht.


Deutsches Theater Berlin

Hä?...I wish I understood

von Simone Kaempf

Berlin, 26. Februar 2017. Zur Wut gehört im Leben genügend Vernunft, auf dass man sie nicht an seinen Mitmenschen auslässt. Was nicht immer gelingt. Um das umgekehrte Prinzip geht es Elfriede Jelinek: In ihrem gleichnamigen Textkonvolut dreht sie den Spieß gehörig um. Wut? Los, raus damit, Zorn auch, Liebe, Gottesliebe auch, und damit landet man auch ganz schnell beim Gotteshass. Denn kein Satz, keine Haltung, kein Gefühl, das sich in ihrem Text nicht irgendwann ins Gegenteil verkehrt, Jelinek at its best. Alles temporeich mit klagendem Furor verwoben, ein nicht abbrechender Strom. Aus dem plötzlich wieder irrlichternd helle Momente herausragen an Maß, Vernunft und Bedachtheit.


Deutsches Theater Berlin

Nicht totzukriegen

von Frauke Adrians

Berlin, 24. Februar 2017. Nicht mal das mit dem Sterben kriegen sie hin. Die Trauergemeinde aus Müttern und Töchtern, Söhnen und zweifelhaften Vätern in ihren schweren schwarzen Gründerzeit-Kostümen klatscht sich erleichtert die Friedhofserde von den Händen, denn der verlorene Sohn ist auferstanden, wenn auch bloß als Gespenst. Lachen und klatschen, und dann kann alles wieder von vorn beginnen, in alle Ewigkeit.


Deutsches Theater Berlin

Ich bin der Herr? Mein Gott!

von Dirk Pilz

Berlin, 21. Januar 2017. Gott ist ein Kuschelmonsterchen in Weißfell, wer hätte das gedacht. Er hat ein Schaf dabei, kein Lamm, es läuft davon, und Gott stürzt. Agnus Dei, das war einmal.


Deutsches Theater Berlin

... weil wir ihm nicht vergeben

von Michael Wolf

Berlin, 20. Januar 2017. Bernd Moss ist ein charmanter Gastgeber. Aufmerksam drückt er mir ein Glas Sekt in die Hand. "Der mit den Drehungen!", schäkert Moss mit ein paar Damen. "Ich hoffe, der reicht auch." Der richtige Sekt, der mit den Drehungen, geht zur Neige. Den Theatersekt, schnödes Mineralwasser, verschmäht das Publikum. Logisch. Ein kleiner Schwips vor dem zweiten Klingeln ist nur vernünftig. Da braucht es gar keinen Verweis auf Dionysos – bekanntlich zugleich Gott des Rausches und des Theaters. Jeder Pollesch-Abend sollte mit einem Sternburg-Export auf den Treppen der Volksbühne beginnen. Bei Castorf rate ich zu einem Viertel Riesling und den restlichen drei Vierteln in der tiefen Innentasche, für Vegard Vinge gilt: Wodka-Bull für die Dame, Lockstedter für den Herrn. (Da müssen Sie durch.)


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Erinnern wir uns an vorgestern

von Christian Rakow

Berlin, 16. Dezember 2016. Ein guter Rat von Mutter zu Tochter: Lach Dir ja keinen zu gutaussehenden Kerl an. "Der Charakter ist sowieso das Wichtigste … bei einem Mann." Schmunzeln im Publikum, Anja Schneiders Kunstpause hat gesessen. Bei einer Frau, so will sie bedeuten, kann's gern anders herum laufen. Hauptsache adrett, Mädel!


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Diagnose Islamismus

von Michael Wolf

Berlin, 11. Dezember 2016. Im Programmheft steht, man könne an diesem Abend einem Islamisten bei seiner Radikalisierung zusehen. Im Programmheft steht auch, das Stück verurteile und entschuldige nicht, und dass der Abend die Frage nach Gott in unserer säkularen Gesellschaft stelle. Die Erwartungen sind dementsprechend hoch: Vielleicht verstehe ich durch das Stück tatsächlich ein bisschen besser, warum sich Muslime radikalisieren? Vielleicht kapiere ich endlich, warum Menschen den religiösen Zwang der westlichen Freiheit vorziehen? Vielleicht ertappe ich mich sogar bei dem Gedanken, dass der Eiferer mir etwas voraus hat? Um es abzukürzen. Die Antworten lauten Nein, nein und nein. (Sie können die Lektüre hier auch abbrechen. Schauen Sie doch lieber einen BBC-Film von Adam Curtis an.)


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Weltkasperletheater

von Simone Kaempf

Berlin, 27. November 2016. Den blutdürstigen Revolutionär Jean Paul Marat sah man natürlich schon großbühnenformatig in der Badewanne sterben. Allerdings ist das lange her, mehr als 15 Jahre im benachbarten Berliner Ensemble, von Philip Tiedemann inszeniert. Martin Wuttke als Marat zappelte, dass das Wasser nur so spritzte. Irrenhaus-Naturalismus auch sonst auf der Bühne, alles wie ein Sargnagel für das Stück über Jean Paul Marat und Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade, die so unterschiedlichen Protagonisten der französischen Revolution.


Deutsches Theater Berlin

Tuscheln, Klatschen, Raushauen

von Christian Rakow

Berlin, 12. November 2016. In silbernen Ganzkörperanzügen entern die Soldaten um Frontmann Johann Fatzer die Bühne. In Outfits vom anderen Stern, passend zu einer Mission, die keine geringe ist: die Reise hinab in die Mondlandschaften des Ersten Weltkriegs an den Vorabend der Novemberrevolution in Deutschland.


Deutsches Theater Berlin

"Wo ist denn der Humanismus hin?"

von Sophie Diesselhorst

24. Oktober 2016. Am Ende ist sie die (Berliner) Mauer, die weiße Plane, mit der die schmale Spielfläche in den Kammerspielen des Deutschen Theaters ab Szene zwei nach hinten abgehängt war und über die manchmal Videobilder flimmerten. Sabine Waibel erzählt ziemlich umständlich von einem David-Bowie-Konzert im Jahr 1987, natürlich auf der Westseite, und wie der Wind of Change Bowies Versprechen We can be heroes just for one day in Klangfetzen auch auf die Ostseite geblasen habe.


Deutsches Theater Berlin

Rich Kids mit Reclam-Heft

von Michael Wolf

Berlin, 14. Oktober 2016. Iphigenie ist ein Miststück. Das steht so nicht bei Goethe. Er war Optimist. Seine Version des Mythos zeigt die Befreiung des Menschen vom Schicksal und seine Hinwendung zu einer weltlichen Ordnung. Mit Iphigenie kommt das Menschengeschlecht zu sich. Goethes Klassiker zu inszenieren heißt: ein Menschenbild entwerfen. Und bei Ivan Panteleev ist der Mensch ein Miststück.


Deutsches Theater Berlin

Sonderling der letzten Stunde

von Christian Rakow

Berlin, 23. September 2016. Was für ein Spielzeitauftakt am Deutschen Theater Berlin! Sacht und fast unbemerkt schleicht der Pianist Daniele Pintaudi seitlich zur Rampe und gibt uns mit weichem italienischen Akzent einen kleinen Zeitstrahl der Kulturgeschichte: "Vom ersten Menschen, der einen Stein als Werkzeug ergriff, bis zum kunstvollen Steinschmied: 500.000 Jahre // Vom kunstvollen Steinschmied bis zum ersten Eisenschmied: 50.000 Jahre. // Vom ersten Eisenschmied bis zum Lokomotivführer: 5.000 Jahre. // Vom Lokomotivführer bis zum Überschalldüsenjäger: 130 Jahre. Und so weiter, und so weiter."


Deutsches Theater Berlin

Planet Freundin

von Simone Kaempf

Berlin, 25. Juni 2016. Kürbisse oder Nicht-Kürbisse? Was scherzhaft die große Hamlet'sche Menschen-Daseinsfrage karikiert, gewinnt an diesem Abend zerstörerische Energie. Eine Energie, die sich aus der Schizophrenie einer Freundschaft speist, aus deren Vertrautheit wie Feindschaftspotential, dem schwierigen Verhältnis von Realität und Illusion.


Deutsches Theater Berlin

Man geht nicht, wenn man liebt

von André Mumot

Berlin, 25. Juni 2016. Links, am Bühnenrand, gleich neben dem Flugzeugwrack, steht eine Orgel. Keine große natürlich, und elektrisch ist sie, aber schon als das Publikum den schummrig abgedunkelten Raum betritt und sich seine Plätze sucht, wird auf ihr gespielt. Der Organist begleitet in gemessenem Tempo den Einzug der Gemeinde. Man ist sich noch nicht sicher zu Beginn, aber der erste Eindruck täuscht keineswegs: Es wird sich etwas ungewohnt Weihevolles abspielen in den kommenden anderthalb Stunden.


Deutsches Theater Berlin

Das Leben ist ein Schlachthaus

von Hartmut Krug

Berlin, 12. Mai 2016. Der Roman ist berühmt, aber heute wohl nicht wirklich viel gelesen. Die Geschichte von Franz Biberkopf, der nach vier Jahren aus dem Gefängnis kommt, wo er gesessen hat, weil er aus Eifersucht seine Freundin erschlug, und nun bei seinem Versuch scheitert, im Großstadtmoloch Berlin ein ordentliches Leben zu führen, die kennt man vor allem durch Fassbinders Film. In Berlin hat sich das Theater seit 1999 immerhin gleich drei Mal an Döblins Roman versucht. Ben Becker spielte den Biberkopf 1999 am Maxim Gorki Theater, in einer Fassung von Oliver Reese und einer Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg. Frank Castorf hat seine Zürcher Inszenierung des Romans 2005 im Skelett des Palasts der Republik gezeigt, während Volker Lösch ihn 2009 an der Schaubühne mit Knackis als Sozialreportage zu aktualisieren versuchte.


Deutsches Theater Berlin

Eine Ampulle europäische Endzeitstimmung, bitte!

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 22. April 2016. Das Krankenhausbett. Es ist weg. Auch die treibhausverglasungsartige Himmelsdecke, sie liegt auf dem Boden. Steven Scharfs Kopf hat noch ein Loch hineingeschlagen, als er sich aufrecht stehend unterwarf. Und nun steht er weiter da unter nackten Neonröhren. Die Himmelstreppe, die aussieht wie ein Minbar, geht noch viel höher als vorher geahnt. Aber ihre Stufen sind aus Papier, das hat François (Scharf) vorher schon gemerkt, als er sie einmal versuchsweise betrat.


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Keiner tanzt mit Hiob

von Christian Rakow

Berlin, 31. März 2016. "Mama", sagt der kleine Menuchim, der sonst nichts sagt, weil er stumpf und verkrüppelt in diese Welt gepurzelt ist gleich einem Ast vom morschen Stamm. Er sagt "Mama", und in den Ohren seiner Mutter und für Joseph Roths Erzähler klingt es so: Dieses "eine Wort der Missgeburt war erhaben wie eine Offenbarung, mächtig wie ein Donner, warm wie die Liebe, gnädig wie der Himmel, weit wie die Erde, fruchtbar wie ein Acker, süß wie eine süße Frucht."


Deutsches Theater Berlin

Spieler in den Booten

von Michael Wolf

Berlin, 5. März 2016. "Das hat mir besser gefallen, als das meiste, was hier gespielt wird." Mein Sitznachbar zur Rechten nickt anerkennend Richtung Bühne. "Also hat es Ihnen besser gefallen als Abende von Ivan Panteleev, Stephan Kimmig oder Jan Bosse?", wollte ich ihn noch fragen, aber da verschwand er schon in der Menge. Ich frage immer meine Sitznachbarn nach ihrer Meinung, wenn ich befürchte, einen Verriss schreiben zu müssen. Denn auch wenn Sie es nicht glauben: Kritiker schreiben nicht gerne Verrisse. Man macht sich damit weder Freunde noch Freude – besonders nicht, wenn ein junger Regisseur den Abend inszeniert hat. Aber so-tun-als-ob will ich auch nicht. Also los.


Deutsches Theater Berlin

Wie peinlich!

von Michael Wolf

Berlin, 13. Februar 2016. Kafkas Figuren merken es sofort: Irgendetwas stimmt nicht in ihrem Zuhause. Andreas Kriegenburg hat vier Kästen übereinander stapeln lassen: darin biedere Interieurs, lindgründe Sofas, Bücher-Attrappen. Eigentlich alles so wie es sein soll. Nur: Die Zimmer haben Schlagseite. Es gibt hier nicht einen rechten Winkel. Komisch, aber so ist das bei Kafka nun mal – und zwar im zweifachen Sinne. Zunächst sind Kafkas Welten meist undurchsichtig, unheimlich, ver-rückt. Selbst ein B-Movie-Science-Fiction-Porno von Helge Schneider böte weniger Überraschungen, als die verborgene Mechanik der Texte dieses Versicherungsangestellten. Zudem sind nicht wenige von ihnen Fragment geblieben. Sie hören einfach auf, sind irrational im mathematischen Sinne – nicht ohne einen beunruhigenden Rest teilbar. Sie bewahren das Geheimnis einer Fremdheit, deren Ursprung nicht zu verorten ist.


Deutsches Theater Berlin

Digitale Überlebens-Übungen

von Sascha Ehlert

Berlin, 8. Februar 2016. Der Herr der Fliegen meets Minecraft? Oh my! Also ein postmodern zerlaufender Abend, an dem alles durcheinander geht und man ohne Gamer-Wissen chancenlos im Nichts-Verstehen versinkt? Nein, eigentlich nicht. Was Robert Lehniger hier gemeinsam mit den Darstellern des Jungen Deutschen Theaters inszeniert, ist im Kern gar nicht so verspielt oder verspult, wie man, je nach Standpunkt, hoffen beziehungsweise fürchten könnte.


Deutsches Theater Berlin

Der Bürger als Smombie

von Christian Rakow

Berlin, 17. Januar 2015. Das Programmheft, das am Deutschen Theater eigentlich immer lesenswert ist, aber selten etwas mit den Inszenierungen zu tun hat, dringt dieses Mal ganz nah an die Gedankenwelt dieses Theaterabends. "In Labiche surrten keine Dämonen", heißt es dort in einem Essay des Schriftstellers Urs Widmer, der den Dramatiker Eugène Labiche als ebenso beispielhaften wie symptomatischen Stückefabrikanten der großbürgerlichen Ära nach 1850 in Frankreich vorstellt (und abkanzelt). Keine Dämonen, das heißt: Labiche kennt zwar Marotten und Verschlagenheit des Bürgers, aber echte Abgründe, zumal die Abgründe der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, von denen er zehrt, sind ihm fremd, so Widmer.


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Suche nach verlorenen Lebensregeln

von Hartmut Krug

Berlin, 12. Dezember 2015. "Mein Gott, diese Hitze" seufzt die Bedienstete Fenitschka, ihr Baby vom Gutsbesitzer im Tragegurt vor dem Bauch. Sie zieht sich die Schuhe und ihre dicke Strumpfhose aus und greift zum Sonnenöl. Das Dienstmädchen Dunjascha, das mit dem Wäscheständer hantiert, ist ohnehin mit superkurzem Röckchen luftig angezogen und schwärmt mit erotischer Offenheit vom neuen Verwalter. Wenn Arkadi, der erwachsene Sohn des Hauses mit bestandenem Examen und dem Studienfreund Jewgeni aus St. Petersburg heimkommt, bringt er frische Luft und Bewegung, aber auch Konflikte in die Idylle.


Deutsches Theater Berlin

Fiebrige, falsche Leidenschaft

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 4. Dezember 2015. "Bye-bye, Mister Norwegian Pie" singt Christine Linde (Tabea Bettin) zum Abschied und unterbricht das starre Melancholical, in dem die Eheleute Helmer gefangen sind, noch einmal kurz mit ihrem skurrilen Auftreten – das sowieso das einzig Erfrischende an diesem kurzen Abend gewesen ist. Denn allein Bettin findet zu einem Ton, der Armin Petras' Ibsen-Überschreibung irgendwie erträglich macht: Sie fertigt ihren Text mit kühler Nonchalance ab. Zugegebenermaßen sehr viel schwieriger ist das vor allem für Katrin Wichmann als Nora, die in Stefan Puchers Inszenierung zwischen heißer Authentizitätssehnsucht und kalter Authentizitätssehnsuchtsironisierung hin- und herhetzt.


Deutsches Theater Berlin

Leichter Hauch von Paranoia

von Christian Rakow

Berlin, 12. November 2015. Salopp und schlunzgewitzt (wie sonst!) kommt Jürgen Kuttner mit Sonnenbrille und Hawaiihemd eingangs zum Publikum vor und kredenzt sein Intro wie einen Cocktail am Pool: "Was hat euch eigentlich hier her gebracht?" Aber weil Kuttner schon leise zu den folgenden Gerichtsprozessen überleitet, in denen viel gefragt und wenig auf Antworten gewartet wird, muss niemand aus den Zuschauerreihen das Wort ergreifen.


Deutsches Theater Berlin

Unterm künstlichen Tannenbaum

von Simone Kaempf

Berlin, 23. Oktober 2015. Wenn man glaubt, ein Theaterstück bestens zu kennen, ja schon unzählige Male auf der Bühne gesehen zu haben, kann es sich nur um ein Wohnzimmerdrama handeln. Eines, das zur besten Abendessen-Zeit spielt. Ein Paar hat ein anderes eingeladen. Oder ein Paar sitzt abends da, und erst klingelt ein Fremder an der Tür, dann die Geliebte, dann der Jugendfreund, der in die Gastgeberin verliebt ist. Oder die Mutter ist soeben eingetroffen, um die Weihnachtsfeiertage mit der Tochter zu verbringen. Oder es findet sich gleich alles darin, wie in Roland Schimmelpfennigs vor einigen Monaten in Stockholm uraufgeführtem Stück "Wintersonnenwende".


Deutsches Theater Berlin

Es muss gestorben sein

von Anne Peter

Berlin, 18. Oktober 2015. 100 Sekunden sind verdammt wenig Zeit, um zu erzählen, warum jemand freiwillig in den Tod geht. Immer wieder fährt die strenge Stimme aus dem Megaphon die vier Schauspieler an, wenn sie nicht schnell genug auf den Lebensendpunkt kommen. Da wäre zum Beispiel Mohamed Bouazizi, der sich selbst verbrannte und damit den Arabischen Frühling auslöste. Oder Holger Meins, der gegen das "Schweinesystem" anhungerte und bei 33 kg verstarb. Oder Johanna von Orléans, die an Gottes Seite in die Schlacht zog. Oder der Weißrusse, der nach Tschernobyl in die kontaminierten Gebiete ging, um zu beweisen, dass der Kernreaktor doch ein Segen sei. Und Fatma Al Neijar, die 9 Kinder und 40 Enkel hinterließ und sagte: "Vielleicht ist mein Tod nützlicher, als mein Leben hätte sein können."


Deutsches Theater Berlin

Im Namen des Volkes

von Dirk Pilz

Berlin, 3. Oktober 2015. Folgendes ist von der Berliner Verhandlung zu berichten: Der Angeklagte ward freigesprochen, die Sitzung nach zwei Stunden geschlossen, das Publikum "mit Dank" aus seiner "Pflicht entlassen". Und wie ging's drüben in Frankfurt aus, wo derselbe Fall zeitgleich zur Entscheidung vorgelegt wurde?


Deutsches Theater Berlin

Der Dämmerungskönig

von Christian Rakow

Berlin, 30. September 2015. Eine jede Kunst kommt an den Punkt, an dem sie sich ihrer elementaren Mittel besinnt. An den Punkt, an dem nicht mehr in Rede steht, was – sagen wir – ein Gemälde darstellt, sondern was seine Darstellungsmöglichkeit überhaupt ist. Man denke an die Befreiung der Linie von der Gegenständlichkeit bei Kandinsky oder an die Befreiung der Farbe bei Mondrian. Die Beispiele der nichtillustrativen, auf basale Formenverhältnisse abzielenden Kunst sind Legion.


Deutsches Theater Berlin

Wenn es hell in der Birne wird

von Wolfgang Behrens

Berlin, 3. September 2015. Die größte Zumutung hat man bereits nach gut 20 Minuten hinter sich – und damit vielleicht auch den interessantesten Teil des Abends. Kaum hat man den drei Performern gegenüber Platz genommen, die mit Akten und Laptop an schlichten Konferenztischen sitzen, da stellen die Schauspieler Moritz Grove und Özlem Cosen schon die Frage: "Wie viele Juden sind denn heute Abend gekommen? Können die bitte mal aufzeigen?" Sofort entsteht eine mulmige Stimmung. Warum soll man sich hier bekennen?


Deutsches Theater Berlin

Wer kichert da im Lehm?

von Wolfgang Behrens

Berlin, 30. August 2015. Ach, Nathan! Leicht hast Du's ja eben nicht. Immer wenn das Theatervolk das Weltgewissen drückt, dann holt es Dich aus der Mottenkiste. Nach den New Yorker Anschlägen von 2001 etwa hatte Claus Peymann – ein Beispiel nur – nichts Eiligeres zu tun, als Dich schnellstmöglich in den Spielplan des Berliner Ensembles zu heben. Das aufgeklärte Publikum indes zuckt meist müde mit den Schultern und nickt Dich bildungsbeflissen ab. Und das alles, obwohl schon früh ein furchtbarer Verdacht im Raum stand. Denn schon Dein Schöpfer schrieb: "Es kann wohl sein, dass mein 'Nathan' im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme."


Deutsches Theater Berlin

Gutestuer in bunten Leggins

von Katharina Röben

Berlin, 20. Mai 2015. Wie aus dem Lehrbuch für Actionfilme: Nebelschwaden ziehen auf, die Kegel zweier Taschenlampen durchschneiden die Dunkelheit lichtschwertergleich. Der treibende Rhythmus des Basses beschleunigt ihre Eile bei der Suche nach dem einen kostbaren Schatz. Weißes Styropor-Popcorn regnet von der Decke herab, die Einbrecher waten durch das Meer aus Füllmaterial und dann endlich – der Maskierte hält das diamantenbesetzte Ei in den Händen. Verblüfft von seiner Schönheit hält er inne, das Licht der Taschenlampe reflektiert und findet sich in tausend kleinen Lichtpunkten an den Wänden wieder. Discokugeleffekt. Einsatz der Geigen. Hach, wie ist das schön!


Deutsches Theater Berlin

Zirkusdampfer der Selbstverbrennung

von Matthias Weigel

Berlin, 17. Mai 2015. Es sind Ausraster, die in die Geschichte eingehen. Worum es dabei geht, ist völlig Wurst. Schauspieler Ole Lagerpusch explodiert in einem einzigen langen Crescendo im Pingpong mit Sebastian Grünewald und Harald Baumgartner über die Streitfrage, ob es jetzt der Kreditnehmer oder der Kreditgeber ist, der eine Sicherheit braucht. Im Gebrüll geht es um das große Latinum, Steinewerfen in Frankfurt mit Joschka, wüste Beschimpfungen fallen, dazu unzählige verzagte Versuche, die Satzreihenfolge korrekt aufzusagen, sensationelle Situationskomik und lustvoll-verschwenderische Exaltiertheiten. Fast unmerklich geht es nach solchen Intermezzi wieder zurück zu Molières "Der Geizige", am Deutschen Theater Berlin von Martin Laberenz inszeniert, und Cléante hat den Kredit eingefädelt, den er braucht, um heimlich seine angebetete Élise zu ehelichen – um sie somit dem eigenen Vater, dem Geizigen, wegzuschnappen.


Deutsches Theater Berlin

Mit müder Macht

von Hartmut Krug

Berlin, 30. April 2015. Müde sind sie alle am spanischen Hof. Still ist es hier und leer. Von den rund 20 Personen bei Schiller sind in Stephan Kimmigs "Don Carlos"-Inszenierung acht übrig geblieben. Und Domingo und Herzog Alba, die Erfüllungsgehilfen des Königs Philipp, sind nichts als Fingerzeige in ihrer schon äußerlich eindimensionalen Klischeehaftigkeit. Philipp agiert hier weniger, als dass er reagiert, denkt und leidet. Dieser Einsame verwaltet das Bestehende mit müder Macht, und alle um ihn herum sind vor allem mit sich, ihren Ängsten und Träumen beschäftigt.


Deutsches Theater Berlin

Leiden am Passivitäts-Komplex

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. April 2015. Der jüngste der fünf Geschwister ist der erste, der nicht aus dem vermaledeiten Krieg zurückkommt. Als diese Nachricht die Familie per Feldpost erreicht, bricht die Mutter als erste die Schockstarre, indem sie anfängt, Benjamins Mythos zu stricken: "Ungeschickt lässt grüßen", so entsinnt sie sich, wie er als Knirps in einer Schulvorführung auf der Bühne nähen musste und sich aus Nervosität dauernd stach.


Deutsches Theater Berlin

Packt die Feuerzeuge ein!

von Eva Biringer

Berlin, 29. März 2015. Im Licht eines Feuerzeugs ziehen sich zwei aus. Sonst ist es dunkel. Irgendwann sind sie nackt, ausnahmsweise nicht aus Provokation, sondern aus Dringlichkeit. Ein Moment echter Intimität – geht doch! Meistens geht es jedoch nicht in Christopher Rüpings Inszenierung von "Romeo und Julia" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Zum einen liegt das daran, dass sie zu viel auf einmal will: alternative Enden, Splitter statt erzählerischer Stringenz, rückwärts laufende Chronologien. Viel bedauerlicher ist jedoch, dass die Inszenierung ihr Thema nicht ernst nimmt.


Deutsches Theater Berlin

In den Fängen des Mensch-Getüms

von Nikolaus Merck

Berlin, 19. März 2015. Was ist das da auf der Bühne? Ein Schacht bis zum Ende der Welt? Eine endlose U-Bahn-Unterführung, in der die Räuber aufs Edelste holzvertäfelt hausen? Oder einfach jener sprichwörtliche Tunnel mit Licht am Ende? Alles zusammen oder nichts von all dem? Foul is fair and fair is foul, alles geht und nichts ist gewiss?


Deutsches Theater Berlin

"Man kann das nicht beschreiben, wie das passiert ..."

von Matthias Weigel

Berlin, 5. März 2015. 30-jährige Großstädter fühlen sich nicht lebendig, sondern irgendwie unecht und in einer Plastikwelt. Hilfe kommt unter anderem von einer Stimme aus einer anderen Galaxie, einem Gott, einem Delphin oder einem bunten Muster: Von diesen Mächten werden die verirrten Großstadtseelen zum Impuls, zu ihrer Mitte, ihrem blauen Punkt geführt. Und nachdem sie durch die Hölle gegangen sind, können sie sich am Ende in einer innigen Umarmung dem Tod hingeben und in eine andere Galaxie entschweben.


Deutsches Theater Berlin

Säugetiere in der Unterwasserwelt

von Christian Rakow

Berlin, 27. Februar 2015. Im Spätsommer ihres Schaffens wird die unvergleichliche Schauspielerin Margit Bendokat noch zum echten Musicalstar. Immer leicht widerstrebend, immer nah am Sprechgesang, eckig, kratzig – so erlebte man sie schon letzte Saison als eine Art sinistere Lady Gaga im Besuch der alten Dame. Jetzt legt sie in "Was ihr wollt" als formstrenger Narr ihr reibungsreiches Organ über die Indie-Akkorde, die Masha Qrella (E-Gitarre) und Michael Mühlhaus (Keyboarder, u.a. bei Blumfeld und Kante) in den Raum verströmen: "Herbei, herbei, dich ruf ich, Tod, lass mich in die Kiste schauen. / Hinfort, hinfort, in Atemnot, ein Mädchen hat mich umgehauen."


Deutsches Theater Berlin

Was will die Welt von mir?

von Dirk Pilz

Berlin, 15. Januar 2015. Dea Loher hat sich ein neues Drama ausgedacht und "Gaunerstück" genannt. Die Figuren heißen Maria, Jesus Maria, Madame Bonafide, Porno-Otto und Herr Wunder. Ja, wirklich.


Deutsches Theater Berlin

Eine Flussfahrt, die ist lustig

von André Mumot

Berlin, 14 Dezember 2014. "Ups", sagt Kathleen Morgeneyer. Beinahe wäre sie nämlich auf einer der Bananenschalen ausgerutscht, die am Bühnenrand liegen. Ach – aber selbst wenn! Gestört hätte das gewiss keinen. Gut, Kathleen Morgeneyer vielleicht, aber womöglich nicht mal die. Lachen muss sie bloß, so wie die Darsteller oft an diesem Abend kaum das Prusten unterdrücken können. Nachdem sie angekaute Pizzareste in die ersten Reihen geschmissen haben zum Beispiel. Oder nachdem sich Alexander Khuon versprochen hat. Da grinst er dann sehr schelmisch und lacht noch ein bisschen, und im Publikum stimmen alle froh und glücklich mit ein. Überhaupt herrscht 'ne Bombenstimmung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.


Deutsches Theater Berlin

Auf der Mitte-Couch

von Wolfgang Behrens

Berlin, 12. Dezember 2014. Ein Gesprächsfetzen vom Ende der Pause, aus der Reihe hinter mir: "Es würde mich schon interessieren, wie viel Prozent des Publikums erkennen, dass das da alles Sofas sind auf der Bühne. Und, ja, auch wie viele sich wohl darüber Gedanken machen, was das bedeuten könnte." Hm, denke ich, also ehrlich gesagt: Dass diese kubistische Skulptur von Florian Lösche, die da turmhoch in der Mitte der Drehbühne emporragt, nur aus schwarzen Ledersofas besteht, das haben, glaube ich, alle, wirklich alle mitgekriegt. Aber sollte man sich darüber allzu viele Gedanken machen?


Deutsches Theater Berlin

Der große Aufsauger

von Matthias Weigel

Berlin, 29. November 2014. Habe ich geschlafen? War ich wirklich im Theater? War überhaupt irgendwas? Dieser "Baal" am Deutschen Theater in der Regie von Stefan Pucher irritiert auf sehr besondere Weise: in zwei endlosen Stunden wird da ein einziges Vakuum erschaffen, dass man sich über die Leere nur wundert.


Deutsches Theater Berlin

Wer ist hier verrückt?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 26. November 2014. Ein letzter Schluck Rotwein, ein letzter bereits ironischer Kuss in die Luft, an deren Veratmung die nunmehr Ex-Gattin gerade noch beteiligt war. Dann geht das Licht aus, und Steven Scharf sitzt im Dunkeln. Befreiend fürs Publikum, das die vergangenen zwei Stunden im Dunkeln verbracht hat, wäre, wenn nun die Fantastischen Vier Jetzt ist sie weg rappten.


Deutsches Theater Berlin

Repression, Schuld, Vergessen

von Simone Kaempf

Berlin, 14. November 2014. Im wirklich schönen Schlussbild dieses Abends blitzt so etwas wie eine Utopie auf. Der Vorhang auf der Rückwand reißt auf und eine opulente goldbraune Wüstenlandschaftstapete ist zu sehen, auf der eine Straße bis weit an den Horizont führt. Als wurde da eine schnurgerade Schneise durch eine Steppenlandschaft geschlagen, ein Weg, der in die unendliche Ferne reicht.


Deutsches Theater Berlin

Die DDR im Herzen

von Georg Kasch

Berlin, 7. November 2014. "Wer jetzt aufhört zu ficken, sollte aufhörn zu rauchen trinken essen arbeiten autofahrn spraydosen benutzen lackfarbe plastik radios kinos menschen", schrieb Ronald M. Schernikau zu Beginn der AIDS-Krise. Nicht nur darin war er auf tragische Weise konsequent: Wenige Jahre später war er tot, mit 31. Und bald danach ziemlich vergessen im Taumel der Wiedervereinigung. Dabei hat er in seiner aphorismenhaften Diktion Dinge formuliert, die einen heute merkwürdig anfahren: "Wer die buntheit des westens will, wird die verzweiflung des westens kriegen" zum Beispiel.


Deutsches Theater Berlin

Der Hirnwütige beim Flirt

von Matthias Weigel

Berlin, 3. Oktober 2014. Klatsch, klatsch – klatsch, klatsch. Fleisch auf Fleisch, Gemächt auf Bauch. Klatsch, klatsch. Der nackte Woyzeck hüpft herum und schüttelt wild sein Becken. "Pipi los!" schreit er, es klatscht, aber kein Pipi will kommen.


Deutsches Theater Berlin

Wer hat uns verraten?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 11. September 2014. Na klar kommt Jürgen Kuttner irgendwann auf die Bühne gehüpft wie ein Flummi mit Sprungfeder und macht Ansagen, bringt auf den Punkt, worum es hier geht. Das ist schließlich Tradition in den Inszenierungen des Regieduos Kühnel / Kuttner. Allerdings passiert es an diesem Abend im Deutschen Theater erstaunlich spät, und Kuttner räumt auch erstaunlich bald wieder die Bühne für Cindy und Bert, die per Video aus der Popkulturgeschichte zugeschaltet werden und mit grotesk gelangweilten Mienen ihr Black Sabbath-Cover Der Hund von Baskerville trällern.


Deutsches Theater Berlin

Auf dem Gipfel des Wäschebergs

von Eva Biringer

Berlin, 14. Juni 2014. Viel ist jetzt wieder die Rede vom Sinn und Unsinn der Dramatikerförderung. Warum neu produzieren, wenn genug Altes da ist? Till Briegleb, Alleinjuror der diesjährigen Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin, überführt das Prinzip Nachhaltigkeit in den Theaterbetrieb. Anstatt wie in den vergangenen Jahren Schreibaufträge an Nachwuchsautoren zu vergeben, las sich Briegleb vorab durch die Stückauswahl seiner Vorgänger. Die von ihm als noch immer spielenswert erachteten Stücke, vier an der Zahl, wurden bei der Langen Nacht der Autoren als Werkstattinszenierungen gezeigt. Über die Dehnbarkeit des Begriffs Werkstattinszenierung: eine Annäherung in drei Schritten.


Deutsches Theater Berlin

Vom Lechzen nach Liebe und Geld

von Nikolaus Merck

Berlin, 16. Mai 2014. Am Anfang gibt es Apfelschnitze und ein altspanisches Schlaflied. Am Ende liegt ein einsamer Revolver auf dem Stuhl. Der Revolver ist aus der Requisite, das Lied von Emanuel Geibel. Aber eigentlich tut das nichts zur Sache. Zwischen Apfelschnitz und Revolver indes ereignet sich im Deutschen Theater Beachtliches. Ist das hier wirklich noch dasselbe wohltemperierte, wohlmeinende Ensemble, dem man immerzu alles Gute wünscht, aber nie ein Wort, eine Absicht, eine Haltung zu glauben=abzunehmen imstande ist?


Deutsches Theater Berlin

Ein Showprozess

von Christian Rakow

Berlin, 17. April 2014. "I want your love / And I want your revenge / You and me could write a bad romance" – Ich will deine Liebe / Und ich will deine Rache / Wir beide könnten eine schlechte Romanze schreiben. Dass Songs von Lady Gaga so gut auf Friedrich Dürrenmatt passen würden, war bis dato nicht zu vermuten. Aber siehe, das Deutsche Theater Berlin, das in dieser Saison aufgebrochen ist, den Popaspekt der Klassiker aufzuspüren (jüngst etwa mit Stefan Puchers Version der "Elektra" des Sophokles), kehrt das Unvermutete hervor. Glanzvoll, glitzernd: Voilà, der Besuch der Lady Güllen.


Deutsches Theater Berlin

Echte Radikalromantik

von Matthias Weigel

Berlin, 28. März 2014. Es gibt zwei grundverschiedene ästhetische Entwürfe von Theater. Einerseits der Kunst-Diskurs, derzeit dominiert vom Nicht-Verstellen, dem Präsentieren und Zeigen. Die Welt und ihre Themen sollen demnach möglichst direkt und echt ins Theater geholt und diskutiert werden. Dazu gehört, nicht einfach über die künstliche Theatersituation hinwegzugehen, sondern deren Bedingungen mitzureflektieren. Demzufolge wird die politische Kraft des Theaters auch nicht unbedingt in der Äußerung konkreter Forderungen gesehen, als vielmehr in der Sprengkraft bestimmter (offener) Formen, spezieller Akteur-Zuschauer-Konstellationen oder in der Arbeit mit Schauspielern, die unseren Sehgewohnheiten widersprechen.


Deutsches Theater Berlin

Stillleben rasender Naturen

von Esther Slevogt

Berlin, 28. Februar 2014. Es gibt keinen Abgrund, in den die Figuren am Ende stürzen könnten. Sie sind schon von Anfang an ganz unten. Drei Stunden kämpfen sie, als gäbe es einen Weg hinauf. Zur Sonne, zur Freiheit oder so. Ein gigantisches eisernes Rad ragt auf, eine Drehbühne setzt es von Zeit zu Zeit in Bewegung. Eisengerüste fahren aus der Tiefe in die Höhe und wieder hinab. Menschen turnen darauf wie Wildtiere in einem Freigehege. Musik wummert, Bühnennebel wallt. Auf einer Riesenleinwand blenden Videos auf: gespenstische Stillleben von Steinen, Wasser, Sand – tote Natur.


Deutsches Theater Berlin

Warze kehrt heim

von Georg Kasch

Berlin, 22. Februar 2014. Es gibt einen Begriff, der vielleicht nicht gerade zur Versachlichung der gesellschaftlichen Debatte beiträgt, aber doch von schlagender Bildlichkeit ist, wenn es um das herrschende Wirtschaftssystem und seine Folgen geht: Wildwest-Kapitalismus. Vielleicht steht deshalb auf der Bühne der Kammerspiele des Berliner Deutschen Theaters ein Haus, das mit seinen Holzwänden und den leeren Fensterhöhlen aussieht wie das einer Geisterstadt aus jenem Wilden Westen.


Deutsches Theater Berlin

Ibrahim must stay

von Matthias Weigel

Berlin, 9. Februar 2014. Zum Glück gibt es nicht in allen europäischen Ländern direkte Volksabstimmungen wie in der Schweiz. Wer hätte gedacht, dass einem dieser Satz so einfach über die Lippen gehen könnte. Aber spätestens nachdem sich nun die Mehrheit der Schweizer für eine Begrenzung der "Masseneinwanderung" von "Fremden" entschieden hat, macht sich die Befürchtung breit, dass in den meisten europäischen Ländern das Ergebnis ähnlich ausfallen würde. Und natürlich nicht aus lachhaften Beweggründen wie "überlastete Autobahnen" oder "Wohnungsnot", wie sie in puncto Schweiz ernsthaft angeführt wurden.


Deutsches Theater Berlin

Fast Fasching

von Eva Biringer

Berlin, 18. Januar 2014. Rebekka Kricheldorf, Jahrgang 1974, interessiert sich für das, was zum Vorschein kommt, wenn ihre Figuren die erlernten Konventionen ablegen und die Natur über die Zivilisation triumphiert. In ihrem neuen Stück "Alltag und Ekstase", einem Auftragswerk für das Berliner Deutsche Theater, prüft sie die Behauptung, jede Gesellschaft brauche für ihr Fortbestehen den temporären Rausch. Schauplatz ist ein schlichtes, ovales Holzgestell (Bühne: Claudia Kalinski), eine Art Boxring für den Clash der Kulturen.


Deutsches Theater Berlin

Im Schreibtischgebirge

von Esther Slevogt

Berlin, 18. Dezember 2013. Das kann man natürlich so sehen. Damals, in den 1930er Jahren deregulierte die Naziideologie die Beziehungen zwischen den Menschen, zerstörte soziale Bindungen und nistete sich bis in die hintersten Winkel der Seele ein: Um besonders die Jugend zuzurichten für die Ziele des Nazistaats, speziell für den Krieg. Heute, da ist es das Geld und das Versprechen des Alles-immer-Habenkönnens in unserer sprichwörtlich durchökonomisierten Gesellschaft, das vergleichsweise verheerend auf die Seelen junger Menschen wirkt, ihre Seelen kalt macht und Ideale absterben lässt.


Deutsches Theater Berlin

Der unendliche Gang

von Simone Kaempf

Berlin, 13. Dezember 2013. Kleine elektrische Lampen schweben im Bühnenhimmel. Flackernd wie Grablichter hängen sie dort den ganzen Abend über: ewige Lichter für die Toten. Und von den Toten wird sehr viel die Rede sein an diesem Abend, von ihrem Nicht-sein, ihrem Woanders-sein und der nie abreißenden Hoffnung, die Grenze zwischen diesen Welten womöglich zu überwinden.


Deutsches Theater Berlin

Anpassung als Allmachtsgefühl

von Nikolaus Merck

Berlin, 28. November 2013. Es gab starke Momente. Wenn Margit Bendokat mitteilt: "Ich mache gern die Beine breit" (nicht sexuell, sondern sicherheitstechnisch gemeint), und dabei knickst wie eine älter gewordene Angela Merkel. Wenn Christian Grashofs ewiges Spotzen – die Manier, ein Wort mit aufgeblasenen Backen und zugekniffenen Augen im Mund anschwellen zu lassen, dass man denkt: gleich platzt das Gesicht, bis er es förmlich ausspuckt – endlich einmal den Inhalt für die Form findet: "Meine brennende Harnröhre, mein chronischer Gewichtsverlust, meine verminderte Zurechnungsfähigkeit" – und das gespotzt. Klasse. Und wenn Franziska Machens, schulterfrei, high heeled, Lady in glitzerndem Anthrazit, singt. Eine Wucht für sich.


Deutsches Theater Berlin

Die Entschlossenheitsqueen

von Anne Peter

Berlin, 22. November 2013. Was war das für eine Genugtuung, als Tarantinos Django schließlich die ganze Sklavenhalterhorde zum Teufel ballerte. Oder als die "Inglourious Basterds" das mit Nazis vollgestopfte Kino samt Hitler himself abfackelten. Rache ist das Prinzip, das alle Helden der letzten Tarantino-Filme antreibt. Dabei kann sie auf kollektive Großschadenfreude beim Publikum zählen. Weil sie in der Fiktion stattfindet, können wir unseren niederen Instinkten so schön folgenlos nachgeben. Es sage jedenfalls keiner, die gute alte Rache sei heute nicht mehr salonfähig.


Deutsches Theater Berlin

Menschenmomente

von André Mumot

Berlin, 9. November 2013. Echt soll sich alles anfühlen an diesem Abend. Die Tränen zum Beispiel, die Dagmar Manzel im Friedhofswartesaal weint und sich etwas übereilt von den geröteten Wangen wischt – für den Fall, dass doch nicht genug fließen wollen. Und der Kaffee, den sich Ulrich Matthes aus dem Automaten zieht. Auf der Bühne des Deutschen Theaters steht nämlich ein echter Kaffeeautomat, in den echtes Geld reingesteckt wird und aus dem echter Kaffee kommt, den Matthes dann trinkt. Und vom Parkett aus schaut man hinauf zu diesem riesigen Heißgetränkeschrank und denkt: Kein noch so künstliches Requisit könnte requisitenhafter und weniger authentisch wirken als dieser durch und durch authentische Automat.


Deutsches Theater Berlin

Die andere Mutter

von Esther Slevogt

Berlin, 1. September 2013. "Ich bin doch auch nur eine Mutter!" flötet die Zarin alias Katharina Maria Schubert melodramatisch unter ihrer blonden Hollywoodwasserwelle. Das Reich ist in Aufruhr, weil sie einem dubiosen Wunderheiler mit seherischen Gaben und schlechtem Ruf verfallen ist, Rasputin mit Namen. Aber der kann nun mal ihren kranken Sohn per Handauflegung heilen, der sonst an seiner Erbkrankheit sterben müsste. Bluter ist er, ihr "Babyzar" im Matrosenanzug. Er (Moritz Grove) presst lieb den Teddy an die Brust. Auf seiner Mütze steht in kyrillischen Buchstaben "Aurora" geschrieben. So hieß der Kreuzer, welcher der Legende zufolge mit einem Schuss auf das Winterpalais in St. Petersburg die Russische Revolution eingeleitet hat. Am Ende lag deshalb der kleine Zar bekanntlich trotz Rasputin tot in seinem Blut. Erschossen von den Bolschewiken in Jekaterinenburg, mit der ganzen Familie.


Deutsches Theater Berlin

Ein Nero, dem die Harfe fehlt

von André Mumot

Berlin, 30. August 2013. Es ist übrigens Wahlkampf. Man muss manchmal daran erinnern, weil er so unauffällig stattfindet in diesem Jahr. Es ist eben so ein besonders kuscheliger Streuselkuchenwahlkampf ohne Kontroverse und ohne Konflikt, einer so ganz ohne Spannung. Insofern ist es natürlich eine prima Idee, dass das Deutsche Theater zu seiner Spielzeiteröffnung in die Bresche springt und Regisseur Stephan Kimmig mit den ganz großen Themen auffährt: Um die Strukturen der Macht und um die Unterwerfung soll es gehen, um Widerstand und bürgerliches Selbstbild, um Krieg und ferngesteuerte Politiker, um ein kompaktes Stück Gegenwartstheater und um ein klassisches Fragment. Na also: Das sollen sich Merkel und Steinbrück aber doch bitte mal ganz genau anschauen, bevor sie zwei Tage später ihr großes Kanzlerduell versenden. Oder … vielleicht lieber doch nicht.


Deutsches Theater Berlin

Geschlachtete Schwäne

von André Mumot

Berlin, 15. Juni 2013. So furchtbar lang ist sie gar nicht, diese Nacht, aber sie fordert ein Opfer. Unbarmherzig. Es heißt Matthias Naumann, steht auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin und sieht bestürzt aus. Die Zuschauer applaudieren, ja, aber man möchte trotzdem nicht in der Haut des 1977 geborenen Publizisten stecken, der gerade die rücksichtslos dekonstruierte Werkstattaufführung seines ersten Stückes über sich ergehen lassen musste und nun tapfer an einem Lächeln scheitert.


Deutsches Theater Berlin

Auf Leinwandgröße

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 3. Mai 2013. Vor Zeiten, länger oder kürzer sind sie her, musste man nicht weit fahren, um von Recklinghausen aus das unbekannte Wesen Hedda Gabler kennenzulernen – zweimal nach Bochum zum Beispiel oder auch einmal nach Dortmund, und einmal hätte man direkt im Festspielhaus bleiben können. Für eine überflüssige, für eine unfertige Frau, für einen untätigen Menschen hat diese dramatische Person ziemliche Präsenz.


Deutsches Theater Berlin

In der Schablonenfabrik

von Eva Biringer

Berlin, 27. April 2013. Im metaphorischen Sinn ist der Flughafen ein Platzhalter für die Unbehaustheit des modernen Menschen. Die Schauplätze von "Wastwater", dem vielfach ausgezeichneten Drama des britischen Autors Simon Stephens, liegen in unmittelbarer Nähe eines solchen "Nicht-Ortes" (in den Worten des Anthropologen Marc Augé): ein Hotelzimmer, eine Obstwiese und ein Lagerhaus in der Flughafenperipherie. Florian Lösches Bühne ist eine schräg abfallende Startrampe oder Landebahn, je nachdem. Eiskalte Neonröhren sind oft die einzige Lichtquelle. Wenn sie hektisch flackern, donnern Flugzeuge über die Bühne hinweg und erinnern die Menschen unter sich an ihr transitorisches Dasein.


Deutsches Theater Berlin

Roulette auf Vollnarkose

von Christian Rakow

Berlin, 19. April 2013. Also wie muss man sich das wohl vorstellen? Roger Vontobel, noch etwas erschöpft von seiner poppigen Hamlet-Revue, die er unlängst (wenigstens eine Halbzeit lang) im Dresdener Staatsschauspiel abfeuerte, sagt sich: "Puh, schon wieder eine Revue", und lässt sich ganz tief in seinen Regiesessel im Großen Haus des Deutschen Theaters Berlin fallen.


Deutsches Theater Berlin

Im Licht des Schattens

von Christian Rakow

Berlin, 29. März 2013. Was für ein Beginn! Irgendwo hinten, in der tiefen, dunklen Leere des Bühnenraums hocken die Schattengestalten. Im Zuschauersaal aber geht das Licht an, peu à peu, bis der riesige Kronleuchter des Deutschen Theaters gleißend hell ist. Und der Wiener Walzer von Johann Strauß "An der schönen blauen Donau" schunkelt sich herein. Neujahrsklänge am Karfreitag.


Deutsches Theater Berlin

Hochgezüchtete Freiheit

von Georg Kasch

Berlin, 28. März 2013. Wenn ein Stück in der Schlusspointe "Ein charmanter Abend!" gipfelt, dann muss zuvor die Hölle losgewesen sein. So endet nicht nur George Courtelines Einakter "Die Boulingrins", in der ein Schmarotzer statt aufs erwartete Vorzeigepaar auf ein diabolisches Ehegespann trifft, das nicht nur einander, sondern auch dem Gast das Leben zur Hölle macht. So endet auch Andreas Kriegenburgs Spaßinferno "Sklaven" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters: Sieben Hyper-Individualisten und Terrorclowns catwalken auf dem Spiegelboden im glänzend-glitzernden Bühnenkasten herum, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, hinter der Doppeltür auf der Trashhalde aufeinander mit Plastik-Maschinengewehren zu feuern.


Deutsches Theater Berlin

Das Klappern der Erinnerung

von Georg Kasch

Berlin, 28. Februar 2013. Letztlich ist das Alter eine Frage der Haare. Trägt Kurt sie voll und dunkel, bewegen wir uns vor dem Jahr 1970, werden sie heller und fisseliger, nähern wir uns der Wende. Vollglatze heißt: 2001. Das ist markant, eindeutig, hilft bei der Orientierung in einer Geschichte, die derart vor- und zurückspringt wie Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts".


Deutsches Theater Berlin

Wir Voyeure

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. Februar 2013. Zunächst einmal ist da dieses Wort: Randgruppe. Das Wort kann es nur geben, wenn da auch irgendwo eine Mitte ist. Aber wo ist diese Mitte? Die Antwort scheint klar: Wir natürlich, wir sind die Mitte, wer sonst? Wer freilich "wir" sind, das ist dann schon gar nicht mehr so klar. Dieses Wir ist wohl vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es sich selbst für die Mitte hält und sich auch selbst irgendwelche Mehrheitseigenschaften zuschreibt. Weiß zum Beispiel. Oder christlich geprägt. Oder deutschsprachig. Oder nicht-behindert. Durch eine solche Definition der Mitte werden auch die Ränder markiert: Ein Außenseiter – einer, der sich am gesellschaftlichen Rand bewegt – ist man nicht einfach, man wird durch den Definitionsprozess einer Wir-Gruppe dazu gemacht.


Deutsches Theater Berlin

Tücke des Objekts

von Christian Rakow

Berlin, 29. Januar 2013. Weil dort in der Bühnenmitte auf einigen Holzpaletten so ein kleiner weißer Kachelofen steht, mit einem hoch aufragenden Rohr, kann man doch auch ein wenig einheizen. Theaterfeuer quasi. Man nehme ein paar Kohlen, Holz und natürlich Altpapier. Also, warum nicht: Sean O'Caseys Lower-Class-Drama "Juno und der Pfau" von 1924.


Deutsches Theater Berlin

Das Paradies ist lange her

von Simone Kaempf

Berlin, 9. Januar 2013. Dass die Jugendtheater-Sparten, wie etwa auch die Bürgerbühnen, von dem Drang zur Partizipation profitieren, davon, dass das Selberspielen und Selbermachen ungeheuer attraktiv ist, wenn nicht attraktiver als still im Publikum zu sitzen, das merkt man diesem Abend an. Ein Dutzend Jugendliche hat Interviews mit Flüchtlingen geführt, die nicht nur wegen politischer Verfolgung, sondern auch aus anderen Gründen, etwa wegen des Reaktorunglücks von Fukushima, ihr Heimatland verlassen haben. Unter Federführung von Regisseur Tobias Rausch ist ein Text entstanden, die Jugendlichen spielen selbst, und es herrschen auf der Bühne ein Bewegungsdrang, sehr junge Verve und eine vorantreibende Sprache.


Deutsches Theater Berlin

Volkshasser mit Stimmvieh

von André Mumot

Berlin, 13. Dezember 2012. Politikverdrossenheit der Wähler – kennen wir. Und die Wählerverdrossenheit der Politiker ist auch nichts Neues. Der stellvertretende Bild-Chefredakteur Nikolaus Blome hat letztes Jahr ein Buch darüber geschrieben ("Der kleine Wählerhasser") und Shakespeare (vermutlich um 1608 herum) ein Stück. Sein "Coriolanus" hat nichts am Hut mit den Bürgern "da unten". Er ist Kriegsheld und elitärer Demokratieverächter, ein provozierend unzugänglicher Tragödienprotagonist, der nur die großen Gesten gelten lässt und keine Kompromisse, der nicht geschaffen ist für die Realpolitik und damit auch nicht fürs Happy End.


Deutsches Theater Berlin

Die unerträgliche Fratzenhaftigkeit des Seins

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. November 2012. Am Ende des Abends bleibt Margit Bendokat allein vorm sich schließenden Vorhang. Noch einmal schiebt sie in ihrer unverwechselbaren Art fast unbeteiligt die Silben aus sich heraus, als sei der Text, den sie spricht, ihr etwas völlig Fremdes. Und doch ist man ganz bei ihr, denn mit ihrem grellen, alles andere als einschmeichelnden Timbre schneidet sie in die Worte förmlich hinein und hinterlässt beim Zuhörer blutige Ohren.


Deutsches Theater Berlin

Knast als Gesellschaft

von Nikolaus Merck

Berlin, 22. November 2012. Dass Friedrich Schiller den deutschen Fernsehkrimi erfand, ist bekannt. Der frühe Meister des Spannungsplots gab enthüllende Einblicke in Regierungskabinette, die organisierte Bandenkriminalität oder das nationalistische Umstürzlerwesen. Und: Er kümmerte sich als erster um die Mörder. Sein Christian Wolf, der Verbrecher aus verlorener Ehre, erschien 1786 als früher Vertreter einer bald endlosen Reihe von Mördern und Totschlägern, die inzwischen allabendlich deutsche Fernsehapparate bewohnen.


Deutsches Theater Berlin

Divendämmerung

von Georg Kasch

Berlin, 2. November 2012. Diese Stimme ist unverwechselbar. Aus der Tiefe kommt sie, aus der Nacht: "Hallo? Hallo, ist da jemand?" Ein Greisinnenbass, der schaudern macht. Oder lachen. So wie hier, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Jeder Satz, manchmal jedes Wort provoziert ein Kichern. "Mein Gott, eben war ich noch der Mittelpunkt, und jetzt? Haben wohl alle viel zu tun."


Deutsches Theater Berlin

Im Leidsystem verhakt

von Simone Kaempf

Berlin, 26. Oktober 2012. Mehr als ein Dutzend Mal hat Andreas Kriegenburg bereits Dea Lohers Stücke uraufgeführt. Vielleicht hat er ihre Texte erst richtig groß gemacht. Und sie ihn als Regisseur immer wieder herausgefordert. Zum Beispiel, ihren Texten ein optimistisches Weltbild entgegenzusetzen. Zuletzt, in der Inszenierung von Diebe, hat er ihrem Schmerzensreichtum sogar locker-komödiantische Seiten abgewonnen. Jazzig-swingende Töne untermalten den Abend, und es gab ein großes Schaufelrad, das wie ein Mahlwerk die Figuren verschwinden ließ und slapstickhaft wieder ausspuckte.


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Das Spiel um die bürgerlichen Kataströphchen

von Georg Kasch

Berlin, 2. Oktober 2012. Es gibt einen schönen Moment, in dem Corinna Harfouch zu Alexander Khuon sagt: "Die Zweigesichtigkeit des Schriftstellers, viele hätten das so sagen können ... ich muss an Trigorin denken, in der 'Möwe', erinnern Sie sich?" Natürlich spricht die Schriftstellerin Nathalie Oppenheim diese Worte, natürlich sind sie an den Bibliothekar Roland Boulanger gerichtet. Aber die meisten, die in der Premiere von Yasmina Rezas jüngstem Stück "Ihre Version des Spiels" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters sitzen, wissen, dass Harfouch nebenan auf der großen Bühne die Arkadina spielt, Khuon den Trigorin und dass ihr Regisseur dort, Jürgen Gosch, wiederum Reza-Stücken Tiefe verlieh, in Hamburg "Ein spanisches Stück" inszenierte, in Zürich Gott des Gemetzels, am Deutschen Theater "Im Schlitten Arthur Schopenhauers" – letzteres bereits mit Corinna Harfouch. Sie war es auch, die sich Reza ausdrücklich für die neue Uraufführung gewünscht hat.


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Willy ist Gott

von Nikolaus Merck

Berlin, 21. September 2012. Der Mann ist ein Star. Wie er da steht, offenes Hemd, Jacke und Weste locker, die Hände lässig ausgebreitet, bereit zu empfangen, vielleicht auch zu segnen. Hoch steigt die Sonne hinter ihm empor, jubelnd steigt der hymnische Gesang: "Denn immer, immer wieder geht die Sonne auf …".


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Sperrmüll der Geschichte

von Esther Slevogt

Berlin, 9. September 2012. Drei Frauen aus drei Generationen: Großmutter, Mutter und Enkeltochter. In neunzig Minuten verhandeln sie Fragen von Nähe und Ferne, Flucht vor- oder zueinander. Und wie beides manchmal ineinander fallen kann. Sie reden darüber, wie der traumatische Fallout der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch die Biografien derer immer noch prägt, die heute jung sind. Sie beleuchten, was es heißt, als Jüdin in Deutschland zu leben. "Muttersprache Mameloschn" hat die 1985 im damals noch sowjetischen Wolgograd geborene und in Deutschland aufgewachsene Dramatikerin Marianna Salzmann ihr Stück genannt, das nun von Brit Bartkowiak in der Box des Deutschen Theaters uraufgeführt wurde.


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Nur keinen Alarm auslösen!

von Christian Rakow

Berlin, 2. September 2012. Jugendmode, Sommer 2012: Man kann sich seines braven Zuschauerlebens im Parkett nicht mehr sicher sein. Am Donnerstag bei Antú Romero Nunes (Jahrgang 1983) in den Räubern sprang zum dramatischen Höhepunkt neben mir einer der Moor'schen Verschwörer (ein Chorist) aus dem Sessel auf. Heute in Tilmann Köhlers (Jahrgang 1979) Umsetzung von Wajdi Mouawads "Verbrennungen" fiel die Überraschung kleiner, aber nicht geringer aus. Denn die Ausnahmeschauspielerin Maren Eggert ist von vornherein alles andere als eine alltägliche Sitznachbarin, zumal sie hier in einer schlumpigen Kapuzenjacke steckte.


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Mächtige Männer im Rock

von Wolfgang Behrens

Berlin, 31. August 2012. Gleich zu Beginn verkünden es die Zuspielstimmen zweier Kinder: "Der Chor der Ältesten geht ab und kehrt nicht wieder." Was nicht ganz stimmt, er war gar nicht erst da. Der Chor ist nämlich gestrichen. Fast. Denn der Chor als Instanz scheint noch da zu sein. Er sitzt dem unausweichlichen Schicksal gegenüber, das auf der (ansonsten leeren) Bühne von Katja Haß als nach hinten halfpipe-artig steil ansteigende Rampe ins Bild gesetzt ist, gegen die sich herrlich anrennen lässt. Wer da hinauf und das Schicksal bezwingen will, der rutscht unweigerlich wieder herab. Auf der anderen Seite der Halfpipe aber sitzt der Demos, da sitzen wir. Wir sind der Chor.


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Depressionen muss man sich erstmal leisten können

von Matthias Weigel

Berlin, 16. Juni 2012. Eigentlich lautete die Forderung in diesem Jahr ja nicht mehr "Komödie". Im vergangenen Jahr waren beim Wettbewerb der Berliner Autorentheatertage ausdrücklich Stücke dieses Genres erwünscht gewesen. Der diesjährige Alleinjuror Tobi Müller hatte hingegen als Forderung ausgerufen: "Sei nicht du selbst!" Aus den Einsendungen wurden drei Siegerstücke ausgewählt, die in der Langen Nacht der Autoren in Werkstattinszenierungen am Deutschen Theater zu sehen waren. Und das Ergebnis ist komischer, als man es vielleicht vermutet hätte.


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Im Zehneck der Erinnerung

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 21. April 2012. Ein Spiel muss in der Regel vorbereitet werden. Also hantieren die drei Schauspieler Maren Eggert, Hans Löw und Helmut Mooshammer geschäftig auf der Bühne herum und tuscheln wichtig, während das Publikum in die Kammerspiele des Deutschen Theater eintrudelt und seine Plätze sucht.


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alt... und auf der Drehbühne verdorrt die Ernte

von Rudolf Mast

Berlin, 5. April 2012. Derzeit wird mal wieder über das Theater debattiert, leider nur im Zusammenhang mit Geld. Dabei gäbe es durchaus Wichtiges zu diskutieren, wie sich auch Deutschen Theater in Berlin zeigt. Zum Ensemble gehören Schauspieler, mit denen sich die Theaterwelt aus den Angeln heben ließe. Doch in künstlerischer Hinsicht herrscht allzu oft Tristesse.


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altDas Geld als Wille und Vorstellung

von Georg Kasch

Berlin, 24. Februar 2012. "So viel Geld – das ist grotesk", sagt Ljubow Andrejewna, als sie erfährt, dass und für welche Summe Lopachin ihr Gut gekauft hat. Ein Satz, der so nicht bei Anton Tschechow steht. Und auch nicht in der Übersetzung von Thomas Brasch, aber offensichtlich in dessen Bearbeitung des "Kirschgarten", in der alles etwas deutlicher, direkter gesagt wird als gewohnt. Man hat im Deutschen Theater auch ein bisschen den Eindruck, dass Ljubow Andrejewna, deren Gut (nebst berühmtem Kirschgarten) versteigert wird, um die Schulden zu tilgen, Griechenland ist und Lopachin, der neureiche Ex-Bauer, die EU oder Deutschland oder China, so genau geht das natürlich nicht auf, zum Glück.


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alt"Worauf lassen wir uns ein?"

von Rudolf Mast

Berlin, 7. Februar 2012. Aus der Box, der kleinsten Spielstätte des Deutschen Theaters in Berlin, ist eine Uraufführung zu vermelden, deren Titel an ein altes, zugegebenermaßen schlichtes Rätsel erinnert: "Was ist tiefer: Teller, Oder, Tasse?" Aufgeschrieben, erübrigt sich die Antwort, weil sie im Zentrum der Frage steht: die Oder. Die taucht auch in besagtem Titel auf, der zwar nicht das Zeug zum Rätsel hat, aber auf andere Art und Weise rätselhaft ist: "Oder Bruch" lautet er und ist in dieser sinnfreien Schreibweise prätentiös, weil er eine Neuerung behauptet, die sich nicht erfüllt.


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altPyjamas für die Kommunarden

von Rudolf Mast

Berlin, 22. Januar 2012. Der Däne Thomas Vinterberg ist vor allem als Mitbegründer der "Dogma"-Bewegung bekannt, die mit formalen Neuerungen einen zeitgenössischen Realismus schaffen wollte. Niederschlag fand das Vorhaben in Vinterbergs Film "Das Fest", der vermeintlich intakte familiäre Strukturen seziert und die von Gewalt gebildeten Fundamente freilegt. Die kammerspieltaugliche Vorlage trat den Weg durch die Theater an, und auch Vinterberg selbst ist inzwischen dort gelandet.


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altTraumsplitter in der Glaubwürdigkeitsmaschinerie

von Nikolaus Merck

Berlin, 20. Januar 2012. Illyrien war einmal. Im Deutschen Theater steht, wo Jean-Paul Sartre Jugoslawien meinte, ein Labor. Von Florian Lösche aus grauen, allseitig drehbaren Wänden gebaut, wie neulich in Hamburg das Spanien aus Lederwänden für Jette Steckels Don Carlos.


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(K)ein Weg ins Leben

von Hartmut Krug

Berlin, 18. Dezember 2011. Zuerst einmal ist da die Sprache. Eine realistische Kunstsprache, eine Alltagssprache. Knapp, sinnlich spröd. Pointiert, manchmal sinnbildhaft, aber nie zum Klischee gerinnend. Und mit Zwischenräumen, wo die Zeit still steht und die Gedanken ins Heute spazieren. Es ist eine Lust, Georg Seidels Theatertexte zu lesen. Weil da jemand die Welt erfasst mit seinen Fragen und sie bannt mit der Sinnlichkeit seiner Sprache. Kein cooler Fließtext, keine offene Textfläche, sondern Menschentheater. Nicht DDR-Theater, auch wenn der 1990 verstorbene Georg Seidel seine Texte aus den und gegen die Erfahrungen seiner Gesellschaft schrieb. Und die hieß nun einmal DDR. Weshalb Seidels Stücke nach der Wende kaum noch gespielt wurden. Dabei wurzeln seine Parabeln, die sich am realen Realismus rieben, stets in den allgemeinen Fragen jeder Gesellschaft.


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Hirn-Stürmchen in Zettelland

von Anne Peter

Berlin, 8. Dezember 2011. Klar, kann man machen. Man kann Kleists "Käthchen von Heilbronn" hernehmen und den Text, ohne feste Rollenzuweisung und einheitliche Figurenzeichnung, auf eine Hand voll Schauspieler verteilen, die ihn mal einzeln, mal chorisch sprechen und sich von Zeit zu Zeit mit dem Namen des Autors anreden. Man kann auch Briefe von Kleist hineinmixen. Man kann zwischendurch ein bisschen auf Puppenspiel machen, wahlweise mit nostalgischem Retro-Modell oder kugelrunden Pappmaché-Köppen. Man kann die Holunderbuschszene in einem Miniaturtheater mit Miniaturfigürchen nachspielen und zwei Parallelspieler dabei in einigen Metern Höhe vom Schnürboden baumeln lassen. Man kann blecherne Ritterrüstungen in Lebensgröße vor sich hertragen und einander zur Ritterparodie scheppernd auf die Schultern klopfen. Und vielleicht schafft man es sogar, dem Zuschauer mit ein paar Modelleisenbahn-Bäumen auf zwei grasgrün bestreuselten Halbnackt-Körpern ein Wald-Setting zu suggerieren.


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Lizenz zum Austoben

von Matthias Weigel

Berlin, 18. November 2011. Ein Musical, das vom Dreh eines Films handelt, mit dem die "Ein Mann sieht rot"-Action-Reihe fortgesetzt werden soll und der inhaltlich auf Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" basiert. Alles klar?


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Caveman wohnt hier nicht mehr

von Esther Slevogt

Berlin, 13. November 2011. Die Bühne ist wüst und leer, wie man sich die Welt denken könnte, kurz nachdem im Zuge der Schöpfung das erste Chaos geordnet ist. Es folgt ein düsterer Ton, und mit ihm setzt sich die Drehbühne in Bewegung und damit auch sieben Schächte im Bühnenboden. Von oben senkt sich kurz darauf ein langes, gelbes Eisenrohr herab (fast wie ein göttlicher Blitz), taucht tief in einen der Schächte ein und zieht schließlich ein an ihm ängstlich klammerndes Menschlein aus der Bühnentiefe hervor.


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Eine Hölle für die Guten

von Christian Rakow

Berlin, 18. Oktober 2011. Maren Eggert, eine Elektra wie Mantegna sie malen würde: in düsterem Gouvernantenrock, der ihren Teint leicht blässlich färbt. Auf den durchdringenden, weiten Augen leuchtet bisweilen ein zarter Tränenfilm. Es ist ein Schleier der Entrückung. Ihre Lippen sind stets etwas zusammengezogen. Diese Elektra spricht nicht, nein, sie peitscht; sie fasst mit jedem Wort unter die Haut, zieht sie in Schichten ab, so als kenne sie die Menschen nur als niederes Getier. "Hoffentlich gibt es irgendwo auch eine Hölle für die Guten", sagt sie und lacht sardonisch. Das ist ein Bild von einer Elektra! Kalt und groß. Für Momente erstrahlt es hell und zeigt uns eine Welt ganz abseits dieses Abends und erlischt.


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Auf die Spitze getrieben

von Georg Kasch

Berlin, 29. September 2011. Dass die Fliege dreitausend Ansichten eines Dinges hat, auf jedem Auge, sagt Absolut einmal, die blinde Gogo-Tänzerin, und Elisio, der schwarze Einwanderer, kontert: "Stirbt sie deshalb klüger als wir. Oder hat sie nur ein schöneres Panorama." "Mehr als ich sieht sie schon" – solcherart sind die fragilen Pointen in Dea Lohers "Unschuld": bittersüß, durchtrieben ambivalent.


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Das hieße ja denken!

von Dirk Pilz

Berlin, 11. September 2011. Verführt mich! Stürzt mich in Anfechtung! Lasst mich zweifeln! Darum geht es doch, oder?


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Wanderinnen auf blassem Rasen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 9. September 2011. Es beginnt mit Schubert, so wie auch bei Elfriede Jelinek irgendetwas mit Schubert begonnen hat – nur was? Fragt man sich nach dieser Jelinek-Inszenierung von Andreas Kriegenburg. Aber nicht abschweifen. Also: Bei Kriegenburg beginnt es mit Schubert. Maria Schrader übt die ersten Töne der Klavierstimme des Liederzyklus "Winterreise" und bricht jedes Mal, wenn sie sich verspielt, in eine groteske "OhgottOHGOTT!"-Geste aus.


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Das heikle Band

von Anne Peter

Berlin, 11. Juni 2011. Polanski, Kachelmann, Strauss-Kahn – die Öffentlichkeit hat in letzter Zeit recht ausgiebig und mit voyeuristischen, vorurteilsdummen Ausfällen über die Grenze zwischen einvernehmlichem und erzwungenem Sex diskutiert.


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Fischen im Allgemeinmenschlichen

von Christian Rakow

Berlin, 10. Mai 2011. Ins Theater zieht es Tatjana (Natali Seelig) nicht; sie sagt: "Mir geht alles Melodramatische und Wichtigtuerische auf die Nerven. Und all die großen Gefühle der Schauspieler… Mein Gott!" Es muss ein Satz sein, den sich Regisseurin Jette Steckel in ihrem Textbuch doppelt unterstrichen hat. Denn ganz in seinem Sinne eröffnet sie mit weniger Gefühl, mehr Physiologie: Der Mensch ist die Summe seines Gliederspiels, er zappelt. Ferngesteuert schütteln die Gorki'schen Kleinbürger ihre Köpfe. Zu knackigen Industrialbeats.


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Schleichendes Gift der Großherzigkeit

von Elena Philipp

Berlin, 08. April 2011. Riet kann es nicht fassen. Alexander ist auf dem Familienfest an ihr vorbeigelaufen, ohne sie zu begrüßen. Dabei war er mit Lea doch so oft bei ihr, als die beiden noch verheiratet waren ... Zutiefst gekränkt ist die bieder-bodenständige Endfünfzigerin. Leas Mutter Ada, eine elegante Frau mit Perlenohrringen zum türkisgrünen Kostüm, entgegnet, ohne Riet anzusehen: "Es gibt Dinge, die kann man ertragen, und es gibt Dinge, die kann man nicht ertragen."


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Dichtung als mögliche und unmögliche Insel 

von Esther Slevogt

Berlin, 7. April 2011. Ein alter Mann stirbt und wird von den Söhnen in seinem Dreck tot im Sessel gefunden. Es sind zwei ziemlich jämmerliche Gestalten: Eirik, der eine, ist so eine typische, emotional verkümmerte autoritäre Gegenwartsexistenz. Berg, der andere, ein kummerspeckiger Weichling, in dem eine gewalttätige Bombe tickt, die im Laufe des Abends auch hochgehen wird.


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Pomp, Blood and Circumstance

von Dirk Pilz

Berlin, 18. März 2011. Warum im Jahre 2011 auf einer deutschen Bühne die Tragödie "Judith" von Friedrich Hebbel gespielt wird, erfahren wir freundlicherweise gleich zu Beginn. Auf der weißen Rückwand des flachen Bühnenkasten sind allerlei Diabilder zu sehen. Die Herren Gaddafi und Obama. Burka-Frauen und Soldaten. Hubschrauber, Nachrichtensprecher, Guantanamo. Julian Assange und das berühmte Video, in dem US-Soldaten auf eine Gruppe afghanischer Zivilisten schießen. Gotteskrieger und Kriegsherren also, Blutvergießen und der Kampf für eine bessere Welt. Wenn man später vergessen haben wird, warum es all dies Bühnenblut und Gottesrufen, die Kriegs-, Kampf- und Schreiszenen braucht, hilft die Erinnerung an den Beginn. Es gibt ja noch immer Krieg und Gott und blutvergießende Weltverbesserer.


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"Ich will mein 'Nüscht' wiederhaben!"

von Georg Kasch

Berlin, 19. Februar 2011. Aufhören kann ganz schön schwer sein. Manch einer schafft's nie. Nicolas Stemann und sein Team brauchen dafür gute zwei Stunden. "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder" heißt ihre Show. Worum es geht? Um nichts und alles: die Produktion und Abwesenheit von Sinn, außerdem um die Plagen unserer Zeit. Das Aussteigen wollen und doch durchhalten müssen, um Burn-Out und Rücktritt, um Tod und Verklärung, kurz: um die Freiheit des titelgebenden Aufhörens.


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Der Mensch, die Affen

von Esther Slevogt

Berlin, 5. Februar 2011. Nun ist es also passiert! Deutschland, ja, die ganze Erde wird von Affen beherrscht. Und wie konnte es dazu kommen? Die Affen haben DAS BUCH gelesen und einfach akribisch dessen Anleitung zur Abschaffung des Menschen befolgt. Zum Dank wurde DAS BUCH zur neuen heiligen Schrift des Affenvolkes erhoben, sein Autor zur Gottheit, die nun in hohen Lüften thront und nur noch gelegentlich als Orakel befragt werden muss. Dann schwebt der grauhaarige Nickelbrillenträger mit dem auffälligen Schnauzbart auf einem Lehnstuhl aus dem Himmel herab, um den Affen etwas einzuflüstern.


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Zum Kornsuff verdonnert

von Esther Slevogt

Berlin, 20. Januar 2011. "Bin ich denn ein Menschenschinder?" fragt sich der Fabrikant Dreißiger am Ende und sinkt in seinem hellen Sommeroutfit verzweifelt auf die große Treppe nieder. Dabei hat er doch bloß ein guter Mensch zu sein versucht. Aber jetzt stürmt der Mob die Villa und seine Frau klammert sich hysterisch ans Bein des Prokuristen: "Retten Sie meine Kinder!"


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Der blinde Therapeut

von Hartmut Krug

Berlin, 9. Januar 2011. Eine Opernarie füllt den klinisch weißen Raum, dessen weniges Mobiliar das Klischee einer edlen Arztpraxis bebildert. In einer Ecke, unter weißem Laken, kauert Prof. Dr. Matthes Grebenhoeve – schwarz der Anzug und groß, wenn auch irritiert, das Selbstbewusstsein. Wenn er aufspringt und an seine Patientenkartei tritt, beginnt ein großer Erklär- und Verteidigungsmonolog.


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Der Leib eine Schwiele, das Leben ein Kreuz

von Anne Peter

Berlin, 17. Dezember 2010. Es ist nun einmal die Zeit der frommen Sprüche. Doch jenes "Geben ist seliger als nehmen" passt nicht nur wunderbar in die Vorweihnachtszeit, sondern markiert auch treffend die moralische Deutlichkeit, die Dimiter Gotscheff mit seiner Adaption von Aki Kaurismäkis filmischem Kleinod "Der Mann ohne Vergangenheit" von 2002 verfolgt. Bei Almut Zilcher, die die Heilsarmistin Irma spielt, reiht sich der Satz in eine Reihe ähnlich gearteter Bibel-Sprüchlein ein, die Gotscheff seiner Version hinzufügt hat und in der natürlich auch das Kamel, der Reiche und das Nadelöhr nicht fehlen dürfen. Denkbar holzhammermäßig bringt er also die mit diesen frohen Botschaften beabsichtigte Anklage der bösen Ausbeuter unters Publikumsvolk.


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Unter dem Firnis das Tier

von Elena Philipp

Berlin, 16. Dezember 2010. Eine Fünferbande Kinder tobt auf dem Rasenrechteck mit Joe Keller (Jörg Pose), während rundherum das Publikum seine Plätze einnimmt. Das Licht ist golden wie an einem Spätsommertag. Federball, Football, Hula Hoop – heil ist das amerikanische Vorstadtleben, das Roger Vontobel zu Beginn seiner Inszenierung von Arthur Millers "Alle meine Söhne" vorführt. Es sind die paradiesischen Zeiten der Unschuld, in denen die Familie Keller in Eintracht mit ihren Nachbarn lebt. – Rummms, kracht eine Ladung Äpfel aus dem Schnürboden. Der Sündenfall.


Deutsches Theater Berlin

Im Kampf gegen die Wohlstands-Windmühlen

von Georg Kasch

Berlin, 5. Dezember 2010. Ein Versprechen ist dieser goldglänzende Horizont, schimmernd und schillernd, zum Greifen nah. Eine Sackgasse auch, weil er, rein praktisch gesehen, die ohnehin kleine Bühne in der Box des Deutschen Theaters zu einem Nudelbrett verkürzt. Das ewige Glücksversprechen – eine Wegesklemme?


Deutsches Theater Berlin

Eiskalte Hand, mir graut vor dir

von Simone Kaempf

Berlin, 25. November 2010. Helge und Tina, Bernd und Rita, und jetzt also Peter und Petra. Ganz normale kleine Menschenleben, die in den Stücken von Sibylle Berg schon in unterschiedlichen Variationen vorgeführt wurden mit ihren mehr oder minder leidensreichen Leben, in denen es das Schicksal nie gut meint und ihre Gewöhnlichkeit genüsslich zelebriert wird. "Ein Kind im Uterusse schwimmt, es ist zu nix speziell bestimmt", so kam Helge in Bergs schönem "Helges Leben" zur Welt. Und der Satz kann genau so auch für Peter stehen, dem Sibylle Berg in "Nur Nachts" gleich noch ein weibliches Pendant zur Seite gestellt hat.


Deutsches Theater Berlin

Die Stehlampe Mitgefühl

von Georg Kasch

Berlin, 19. November 2010. Eine Katastrophe, dieser Abend – behauptet der erste Satz: Zwei Paare treffen sich zum Essen und stolpern in die Abgründe, die sich nach sechs Jahren Trennung und verschiedenen Lebenswegen auftun. Die einen retteten in Afrika Menschen, die anderen machten in Deutschland Karriere. Beide sind schuldig, auf ihre Weise.


Deutsches Theater Berlin

Peter Pan im Arbeitswahnsinnskreislauf

von Georg Kasch

Berlin, 13. November 2010. Irgendwann hat man es dann selber drauf, das Mantra der schönen neuen Arbeitswelt, die eigentlich nur eine Variante des alten deutschen Nach-oben-Buckeln-und-nach-unten-Tretens ist: "freundlich sein, grüßen, lächeln, nachfragen, zuhören, freundlich sein, grüßen, lächeln, nachfragen, zuhören..." Ole Lagerpuschs Daniel Putkammer knipst dazu ein Lächeln an, irr und süßlich und leicht bekifft. Eine Puppe an langen, aber sicheren Fäden, eine, die funktioniert. Neu ist der eine Tag im Leben eines gebeutelten Angestellten nun wirklich nicht.


Deutsches Theater Berlin

Uhh, ein Raumschiff! Blubb!

von Elena Philipp

Berlin, 7. November 2010. Das Genre des "Dreidimensionalen Live-Hör-Spiels" erlebte seine Premiere 2004 anlässlich eines Bunten Abends am Deutschen Theater Berlin. Stefan Kaminski reanimierte mit "Im Bann des Psychopudels" ein von ihm zu Jugendzeiten entwickeltes Format – die Mischung aus Schauspiel, Hörstück und Geräuschtheater, die in Berlin seitdem Kult ist. Mit kleiner Musiker-Geräusche-Combo und jeder Menge Requisiten aus dem Hörspielstudio adaptiert der 36-jährige Absolvent der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in der Reihe "Kaminski ON AIR" Filme wie "King Kong" oder Wagners kompletten "Ring des Nibelungen" für ein intimes Bühnensetting. In allen Rollen und mit Dutzenden von Stimmen: Stefan Kaminski.


Deutsches Theater Berlin

Vom Häuten der Zwiebel

von Georg Kasch

Berlin, 18. Oktober 2010. Diese Seefahrt, die ist lustig. Weil da einer steuert, der sein Schiff vollkommen im Griff hat. Weil da einer mit jeder Geste, jedem Blick auf der Klaviatur seiner Rolle und der des Publikums spielt wie auf einem leichtgängigen Akkordeon. Weil da jemand seinen selbstmitleidigen, zwischen Größenwahnsinn und seelischem Dauerabsturz taumelnden Bühnencharakter pointiert auf die lächerliche Spitze treibt, ohne ihm seine Glaubwürdigkeit, seine Würde zu nehmen. Paul Schröder spielt den jungen Autor Anfang 30 in Nis-Momme Stockmanns "Kein Schiff wird kommen", der beim Versuch scheitert, schreibend den Markt zu befriedigen (ein "nachhaltiges Drama" soll's sein, über die Wende) und dabei auf sein eigenes Familiendrama stößt.


Deutsches Theater Berlin

Ulrich, Nina und die anderen

von Wolfgang Behrens

Berlin, 15. Oktober 2010. Ein Blick ins Programmheft belehrt einen schon vor Beginn: Das Russland Maxim Gorkis findet hier heute nicht statt. Alles, was an die vorrevolutionäre russische Gesellschaft gemahnen könnte, ist sorgfältig aus dem Rollenverzeichnis gestrichen: der aufwieglerische Pöbel, die Kinderfrau, die Dienstboten, der betrunkene Anarchist, der neureiche Kapitalist - sie dürfen nicht mitspielen. Und auch auf der Bühne köchelt nicht, wie sonst so oft in Inszenierungen der russischen Klassiker, pars pro toto ein Samowar vor sich hin. Übrig bleiben nur: die Kinder der Sonne, von denen der Abend seinen Titel bezieht.


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Aus dem Handbuch für Städtebewohner

von Christian Rakow

Berlin, 8. Oktober 2010. Moment! "Bakunin auf dem Rücksitz"? Müssen wir da noch einmal in die Handbibliothek greifen? Zu den klassischen Schriften des antidoktrinären Kommunismus, nach "Staatlichkeit und Anarchie"? Will Dirk Laucke, der wie kaum ein anderer Gegenwartsdramatiker seit seinem Debüt 2005 von kleinen Solidargemeinschaften zu erzählen wusste, von Menschen, die sich in durchkapitalisierter Zeit ihre sozialen Nischen zu retten suchen, will Laucke dieses Mal mit Bakunin eine anarchotheoretische Tiefenbohrung setzen?


Deutsches Theater Berlin

Spiel mit der traumdunklen Seite der Liebe 

von Simone Kaempf

Berlin, 24. September 2010. An diesem Abend sind die Handwerker die heimlichen Herrscher. Ihnen gehören die erste und die letzte Szene, wenn sie mit possierlichem Dilettantismus den Liebestod von Pyramus und Thisbe spielen. Angeklebte Bärte, zeternde Gesten, wallende Gewänder, das sind ihre Utensilien. Und unter diesem Jux blitzt noch einmal groß auf, was zuvor auf der nächtlichen Verfolgungsjagd kühl variiert wurde: die Momente geglückter Liebe als Spiel der Illusionen und Täuschungen.


Deutsches Theater Berlin

Den Kommunismus mit der Seele suchen

von Esther Slevogt

Berlin, 4. September 2010. Die Idee ist natürlich hübsch, diese Geschichte von Peter Hacks aus der DDR-Produktion in Goethes Weimarer Junozimmer spielen zu lassen. Denn all die edlen und weniger edlen Proletarierfiguren, die Hacks in seinem Drama aus den späten Fünfziger Jahren die Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus verhandeln lässt, sind uns heute wohl ähnlich fern wie die Gestalten aus Goethes Dramen. Auch sind sie in der dargereichten idealisierten Form natürlich nichts als Gespinste eines Dichterhirns.


Deutsches Theater Berlin

Große Göttin Katastrophe

von Dirk Pilz

Berlin, 6. Juni 2010. Aber ein bisschen mehr Theater spielen und weniger Theater behaupten wäre schon möglich gewesen, oder? So nämlich schaut dieser kurze Abend lediglich wie eine hastig hingetupfte Tuschezeichnung aus. Und es ist ja nicht so, dass Jorinde Dröse eine Regisseurin wäre, die sich gänzlich das Erfinden von Bildern, den Einsatz szenischer Phantasie, das Ausformulieren mehrstöckiger Figuren verbieten würde. Vor zwei Jahren zum Beispiel hat sie am Centraltheater Leipzig eine Hamlet-Version ersonnen, die durchaus das hatte, was man gemeinhin Bühnenphantasie und Doppelbödigkeit nennt. Diesmal aber speist sie uns mit Theater-Instant-Ware ab.


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Rap in Spielfilmlänge

von Christian Rakow

Berlin, 6. Mai 2010. Wenn das kein dramaturgischer Salto mortale ist! Nuran David Calis überschreibt "Die Kindermörderin" von Heinrich Leopold Wagner (1776), das Sturm-und-Drang-Trauerspiel um den Missbrauch des Bürgermädchens Eva durch den adligen Leutnant Gröningseck. (Zusammen mit Frank Castorfs jüngster Reanimierung der ähnlich gelagerten Lenz'schen Soldaten erlebt dieser Sittenstoff in Berlin also gerade eine Konjunktur.)


Deutsches Theater Berlin

Schon wieder Stress

von Dirk Pilz

Berlin, 24. April 2010. Schön, wie sie da am Bühnenrand an ihren Basteltischen hocken und sich mit Geräuschen eine Atmosphäre schaffen. Ein Holzpfeifchen, ein Stoffrascheln, ein Uhu-Rufen, und im Waldhalbdunkel sehen wir einen Wolf tanzen. Lichtwechsel, nächste Szene.


Deutsches Theater Berlin

Experimente in der Ein-Mann-Kiste

von Anne Peter

Berlin, 17. April 2010. "Im Gegensatz zum Ausgewogenheitsprinzip sonstiger Gremien, soll die Entscheidung des Alleinjurors der Autorentheatertage radikal subjektiv und persönlich sein". So formuliert das frisch mit DT-Intendant Ulrich Khuon von Hamburg nach Berlin umgezogene Festival selbstbewusst sein Alleinstellungsmerkmal und versucht schon damit dem Eindruck einer objektiven, per Mehrheitsbeschluss abgesicherten Auswahl vorzubeugen. Ein einzelner Juror entscheidet also darüber, welche vier von diesmal 160 eingesandten Stücken in Werkstattinszenierungen bei der "Langen Nacht der Autoren" präsentiert werden, die die Autorentheatertage traditionell beschließt.


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Komm her, du Tod

von Simone Kaempf

Berlin, 26. März 2010. Bei Mord Blut. Eimervoll klatscht es dem Kaplan über den Kopf. Rot glänzt sein Gesicht, das gut sichtbar an der hohen Bühnenrampe leuchtet, die hier wie eine stairway to heaven funktioniert. Eine Zugbrücke in den Tod. Fährt sie wieder hinunter, ist die Leiche weggeschleift, und eine lange Blutspur zieht sich über die Sperrholzfläche nach hinten. Es wird am Ende viel Blut fließen. Bricht der Krieg aus, ergießt sich ein roter Schauer vom Himmel, und der Kampf Burgunds gerät zu einem Sudelbad im irren Hohngelächter, das auf der rostfarbenen Bühne deutliche Farbspuren hinterlässt.


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Operation am offenen Herzen Tschechows

von Christian Rakow

Berlin, 27. Februar 2010. Ihre Morgengymnastik sieht fast wie Animationssport im All-Inclusive-Hotel aus. Der Doktor zählt auf Russisch Schrittfolgen an; und hinter ihm her wogt das Grüppchen Nervenkranker gleich müden Wohlstandsurlaubern: Einen Step nach links, die Ärmchen hoch und vorwärts durch den leeren, klinisch weißen Bühnenraum.


Deutsches Theater Berlin

Das Drama der unemanzipierten Kinder

von Nikolaus Merck

Berlin, 5. Februar 2010. Kabale und Liebe: Bürgermädchen liebt Adligensohn. Bürgervater fürchtet Verwicklungen und Entehrung der Tochter. Adligenvater sieht seinen Einfluss beim Chef, dem Fürsten schwinden, so der Sohn nicht die Mätresse des Fürsten heiratet. Allerhand Kabale, falsche Briefe, Intrigen, seelische Folter, Missverständnisse jeder Art. Am Ende: die Liebenden tot an vergifteter Limonade, die Väter zerrüttet und gestürzt. So etwa. Kabale und Liebe.


Deutsches Theater Berlin

Mamma Medea?

von Nikolaus Merck

Berlin, 17. Januar 2010. Donna McAuliff hat zwei Kinder verloren. Erstickt das Mädchen, vom plötzlichen Kindstod weggerafft der Junge. Oder hat Donna ihre Kinder ermordet? Die Polizei glaubt das und sperrt sie ein. Der Psychiater Dr. Millard glaubt es, seiner Meinung nach hat Donna unter Einfluss eines speziellen Junge-Mütter-Syndroms gemordet, weil sie das Leid der Welt nicht aushält und sich dafür bestrafen muss, zwanghaft. Donnas Mann Martin glaubt es auch, er hat Donna heulen sehen wegen "Erderwärmung, Epidemien, Nordkorea", während das Baby unbeachtet im Winkel lag.


Deutsches Theater Berlin

Da hab' ich gemerkt, dass ich kein Individuum bin

von Elena Philipp

Berlin, 15. Januar 2010. Eine rotierende Mühle hat Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg für die Uraufführung von Dea Lohers "Diebe" im Deutschen Theater eingebaut. Die Figuren stehen mal oben auf dem roh gezimmerten Rad der Fortuna, dann richten sie es sich mit Tisch und Stuhl unten auf der nun zweistöckigen Bühne ein. Manchmal hängen sie verträumt eine Schaukel an einen der Flügel, und wenn sie nicht aufpassen, bekommen sie mit der Mühlradkante einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. Ein Bühnenbild mit reichen Möglichkeiten.


Deutsches Theater Berlin

Bleib der eine, stets entzweite Mensch

von Anne Peter

Berlin, 16. Dezember 2009. Jetzt!, denkt man. Jetzt ist sie echt, diese Johanna. Jetzt scheint dort oben eine Figur mit ihrer ganzen großen, echten Wut zu uns zu sprechen. Eine Wut, die mit der Erkenntnis gewachsen ist und gegen Ende des Theaterabends in jenen berühmten Revolutions-bejahenden Brecht-Satz mündet: "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und / Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind."


Deutsches Theater Berlin

Einübung in Empathie

von Anne Peter

Berlin, 6. Dezember 2009. So richtig schönes Nikolaus-Advents-Theater. Man hätte der alten Dame, der ihr Allein-Sein schon manchmal zu schaffen macht, eine Kerze anzünden wollen. Man hätte mit ihr singen mögen, denn an die Weihnachtslieder hätte sie sich vermutlich trotz Alzheimer erinnert. "Glaube Liebe Hoffnung" ist ein herzwärmender und entsprechend lang beklatschter Abend in der Box des Deutschen Theaters – der mit dem Ersten Brief des Paulus an die Korinther, von dessen berühmtem Dreiwort-Gespann er auszugehen vorgibt, nur peripher zu tun hat.


Deutsches Theater Berlin

Es gibt keinen Kern

von Dirk Pilz

Berlin, 27. November 2009. Aber Jago müsste dann doch auch von einer Frau gespielt werden, oder? Wahrscheinlich ist das jedoch bereits die falsche Frage, denn ob Frau oder Mann – es soll hier ja keine Rolle spielen.


Deutsches Theater Berlin

Inglourious Mätzchens

von Anne Peter

Berlin, 20. November 2009. Anlauf zum Großmonolog. Die Augen ernstgeweitet, die Bewegung bedeutungsschwer verlangsamt, wendet er den Kopf über der steifen Halskrause erst hierhin und dann dorthin. Die Hand streicht auf Taillenhöhe übers Samtwams. Und dann schweben die berühmtesten aller berühmten Theaterzeilen über die Köpfe der Zuschauer. Bernd Moss ist wieder Hamlet – und wieder nur ein bisschen. Zum zweiten Mal in dieser noch jungen DT-Saison bietet er uns einen Hamlet-Bruchteil.


Deutsches Theater Berlin

Pappfigur, Krone der Schöpfung!

von Esther Slevogt

Berlin, 8. November 2009. Ein Bild mit hügeliger und giftgrüner Landschaft, das die hintere Bühnenwand ausfüllt. Irgendwo oben links ein Haus mit vager futuristischer Anmutung. Trotzdem ist der Malstil eher naiv, fast comichaft simpel, und macht die kleinste Bühne des Deutschen Theaters zum begehbaren Bilderbuch für Erwachsene. Wir wollen uns schließlich mit Dietmar Daths modischem Wissenschaftsroman nicht allzusehr mühen müssen, gell? Bald kommen überlebensgroße Aufsteller von Comicfiguren mit herausnehmbaren Gesichtern ins Spiel – da stecken die Schauspieler später ihre Gesichter durch: darunter ein Dachs, ein Wolf, ein Löwe und eine Libelle.


Deutsches Theater Berlin

Wir graben Ihrer Zukunft ein Zuhause

von Esther Slevogt

Berlin, 16. Oktober 2009. Der Anfang ist stark, die Szenerie unübersichtlich. Das fahle Licht Dutzender von Glühbirnen an meterlangen Kabeln dringt durch Nebelschwaden, aus denen sich bald ein junger Mann mit E-Gitarre an die Rampe drängt. Er singt im rauen Sehnsuchtston von der Jagd nach Glück und Ruhm, von der Jagd nach dem Goldenen Vließ. Dann hören wir vom Mord am Griechen Phryxus, der hier auf Kolchis jenes Vließes wegen ermordet wurde. Und bereits nach wenigen intensiven Minuten sind wir beim zweiten Teil von Franz Grillparzers monumentaler Trilogie "Das Goldene Vließ" angelangt.


Deutsches Theater Berlin

Red mit mir!

von Anne Peter

Berlin, 12. Oktober 2009. Man könnte es einen positiven Fall von Kolonisation nennen. Keine Eroberung, keine Unterwerfung, keine feindliche Übernahme. Stattdessen die neugierig fragende Vereinnahmung jenes Großklassikers der westlichen Dramenliteratur, die Besetzung des überforschten Territoriums mit eigener Biographie und Erfahrung, die auch eine Befreiung vom Ballast der Bibliotheken ist.


Deutsches Theater Berlin
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Der Prinz ist gedanklich verreist

von Christian Rakow

Berlin, 25. September 2009. "Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen?", kichert Prinz von Homburg in sich hinein. "Ich, ich, ich, ich." Als narzisstischer Knabe steht er an der Rampe, eingezwängt in die allzu enge Hülle seiner Jugend. "Helft Freunde, helft! Ich bin verrückt."


Deutsches Theater Berlin

Das Fremde trägt jetzt Pilzkopf-Haarschnitt

von Anne Peter

Berlin, 18. September 2009. Am Anfang steht sie, während die Hausherrin schläft, im blauen Halbdunkel an der Rampe und schaut mit stummen Augen im Publikum herum. "Es gibt kein Mitleid", sind ihre ersten Worte – und ihr Credo: in mitleidsloser Umgebung schlägt sie unerbittlich zurück. Immer wieder trägt sie 25 Jahrhunderte alte Weisheiten über die "Kunst des Krieges" aus der Feder des chinesischen Militärstrategen Sunzi vor. Kriegerin, Terroristin, Racheengel und Alptraumfigur.


Deutsches Theater Berlin

Schaut, wie trickreich ich bin!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 17. September 2009. "Es ist unmöglich, anderen das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit zu vermitteln, einer Erfahrung, deren Wahrheit und Bedeutung", heißt es einmal in John von Düffels neu übersetzter und für die Bühne eingerichteter Fassung von Joseph Conrads "Herz der Finsternis". Dies ist die Crux des Buches, eines seiner wichtigsten Anliegen und sein Selbstwiderspruch. Denn natürlich versucht Conrad 150 Seiten lang nichts anderes, als uns eine Erfahrung zu vermitteln: die verstörende Erfahrung des Fremden, des ganz Anderen, des Wilden, die der junge Kapitän Marlow um 1890 bei seiner Reise auf dem Kongo ins Innere des afrikanischen Kontinents macht.


Deutsches Theater Berlin

Tragödie des Verplätscherns

von Esther Slevogt

Berlin, 17. Mai 2009. Zuerst guckt ein Cocktailglas wie eine Kasperlepuppe hinter einem riesigen Bartresen hervor. Kurz darauf erscheint dann auch die dazugehörige Cocktailtrinkerin, eine Frau um die Dreißig, die auf den Namen Jeani hört. Sie scheint wild zum Amüsement entschlossen. Doch irgendwie ist ihr die Gute-Laune-Miene wie ins Gesicht gefräst. Dann kommt noch die blonde Babsi dazu, und beide drehen kreischend vor Wiedersehensglück ein paar hysterische Runden um die Bar, die so hoch ist, dass nur noch die Köpfe dahinter hervorschauen.


Deutsches Theater Berlin

Vernunft und Aberglaube

von Wolfgang Behrens

Berlin, 28. April 2009. Nichts im Mythos ist sicher. Idomeneus zum Beispiel: Homer lässt ihn, den König der Kreter, mit 80 Schiffen am Feldzug der Griechen gegen Troja teilnehmen, wo er Dienst nach Vorschrift tut und in den Debatten der Heerführer durch vornehmes Schweigen glänzt. Zur Belohnung darf er bei Homer sicher nach Hause zurückkehren.


Deutsches Theater Berlin

Der menschliche Faktor

von Petra Kohse

Berlin, 23. April 2009. Es riecht herbstlich an diesem kalten Frühlingsmorgen in Berlin. Die Sonne kommt zuweilen durch, aber im Tiergarten bedeckt feuchtes Laub den Boden, und die rauchenden Obdachlosen auf den Parkbänken haben die Beine in ihren Schlafsäcken vergraben. Ein Katzensprung vom Tiergarten entfernt, steht vor dem Deutschen Theater noch immer die Schriftzug-Installation "Verweile doch" aus Michael Thalheimers "Faust"-Inszenierung von 2004. Drinnen, im Rangfoyer, kündigen Ulrich Khuon und sein Dramaturgenteam vom Hamburger Thalia Theater indessen die nächste Spielzeit unter ihrer neuen Leitung an.


Deutsches Theater Berlin

Tanzen bis in den Tod

von Anne Peter

Berlin, 8. April 2009. "Baal frißt! Baal tanzt! Baal verklärt sich!", wollte Brecht sein Debütstück zu Anfang nennen. Dann ließ er den Titel aber doch auf den einen dämonischen Namen zusammenschnurren: Baal. Was völlig ausreicht, sind das Fressen und Tanzen doch in dem dunklen Assoziationspfuhl enthalten, den dieser Name eröffnet. In der Inszenierung von Christoph Mehler in den Kammerspielen des Deutschen Theaters werden die Worte "frißt" und "tanzt" nun wechselweise in Weiß oben an die schwarze Rückwand projiziert. Das ist nicht gerade von Nöten, denn davor, auf einem nackten Rohholz-Podest, einer Bühne auf der Bühne, spielt sich in etwa das ab, was diese Wörter metaphorisch umfassen. Baal frisst, Baal tanzt – Baal ist Leib.


Deutsches Theater Berlin

Der Kampf des Lebens mit seinem Preis

von Esther Slevogt

Berlin, 14. März 2009. Der Hype war groß, das Premierenpublikum im Berliner Deutschen Theater entsprechend prominent, und es war zunächst einmal das Heranrauschen schwarzer Staatslimousinen, das diesen Theaterabend eröffnete, der das Theaterdebüt von Deutschlands renommiertestem Filmregisseur Christian Petzold ist: mit seiner Inszenierung von Arthur Schnitzlers 1903 entstandenem und im selben Deutschen Theater bereits uraufgeführtem Stück "Der einsame Weg".


Deutsches Theater Berlin

Das höchste Glück der Tiere

von Anne Peter

Berlin, 28. Februar 2009. Klatsch! Ein einzelnes Weichteil plumpst aus dem Schnürboden und entlockt den beiden menschengroßen Plüsch-Karnickeln Erstaunensworte in Häschen-Sprech: "Watt dat denn da?", hasenzahnt Wolfram Koch, der in einer der Ganzkörper-Fellverkleidungen steckt. Aus der anderen fiept Constanze Becker.


Deutsches Theater Berlin

Dämmernde Diskursgewächse

von Nikolaus Merck

Berlin, 31. Januar 2009. Man erfährt ja im Theater immer wieder Interessantes. Etwa dass Pornodarsteller ein Vielfaches der Helden des Fernsehens verdienen. Oder dass 29 Zentimeter eben doch mehr Lust machen als 14 Zentimeter. Das wenigstens behauptet Tom Donkey, der so heißt wegen seiner 29 Zentimeter, womit er zum rechten Superstar aufgestiegen ist, pornobusinessmäßig. Andererseits ist das mit den Wahrheiten im Theater auch immer so eine Sache.


Deutsches Theater Berlin

Die Stille nach dem Nichts

von Elena Philipp

Berlin, 8. Januar 2009. Elisabet Vogler schweigt. Vor drei Monaten verstummte die bekannte Schauspielerin, mitten in ihrer Vorstellung als Elektra. Eine bewusste Entscheidung oder ein Zusammenbruch? Ingmar Bergman entwickelt diese Ausgangssituation in "Persona" (1966) zu einer filmischen Reflexion über Identität als Rollenspiel und die (Un-)Wahrheit künstlerischen Ausdrucks.


Deutsches Theater Berlin

Das Glück, der Krampf und die Erstarrung

von Dirk Pilz

Berlin, 20. Dezember 2008. Andererseits hat dieser Abend dann doch viel weniger mit "Onkel Wanja" zu schaffen, als es zunächst scheint. Anfang Januar war es, als Jürgen Gosch am Deutschen Theater Tschechows Onkel Wanja in einen lehmfarbenen, engen Vorführkasten verlegt hat, den die Schauspieler binnen dreieinhalb Stunden Spieldauer nicht verließen. Die Figuren: Verzweiflungsgymnastiker. Die Szenen: Exerzitien der Trostlosigkeit. Und diese Intensität, die Dringlichkeit des Spiels.


Deutsches Theater Berlin

Dort, wo kein Glück ist, bleibt Musik

von Esther Slevogt

Berlin, 4. Dezember 2008. Der Ort ist nicht gerade heimelig: eine monumentale abgewrackte Industriekathedrale auf dem Gelände des Berliner Ostbahnhofs, ein ehemaliges Heizwerk aus den 50er Jahren, das außen vom pompösen Pathos stalinistischer Architektur, innen von einer merkwürdigen Mischung aus Enge und Weite geprägt wird. Kleinteilige Betonsäulen verstellen den Raum auf der Horizontalen, der deshalb gerade mal Platz für 150 Zuschauer bietet. Lediglich nach oben öffnet er sich in gigantische Dimensionen. Normalerweise residiert hier der Berliner Techno-Club Berghain. Nun kam das Theater zu Besuch, das Deutsche Theater genauer gesagt, dessen Haupthaus in der Schumannstrasse saniert wird, weshalb man in dieser Spielzeit auf Wanderschaft geht.


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Die Kunst des Zehennägellackierens

von Simone Kaempf

Berlin, 31. Oktober 2008. Thomas Bernhard in Berlin. Da wird Hassliebe zum schönsten österreichischen Importartikel. Mit einem Claus Peymann an der Spitze, der Bernhards Stücke, die er zum Teil bereits vor über zwanzig Jahren inszeniert hat, nach Berlin holte und Bernhard zum Hausgott des Berliner Ensembles erhob, wo ihr fatalistisches Phlegma erst die richtige museale Reife entwickeln konnte.

Wenn jetzt also im Minutenfußmarsch, drei Häuserblöcke weiter, das Deutsche Theater Bernhards "Ritter, Dene, Voss" auf den Spielplan setzt, ist schon die Ankündigung ein symbolischer Akt. Raus aus den 80ern, rein in das Theater des Jahres, gespielt von Schauspielern des Jahres als sich hassliebendes Geschwistertrio. Und doch kein Selbstgänger.

Der Tschechow im Bernhard

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters sieht es freilich erstmal ganz nach Erneuerung aus. Der Vorhang hebt sich, und die Herrschaftsvilla der Geschwister ist entrümpelt bis auf eine grellweiße Spielfläche mit Tisch und Stühlen; ein flacher, klinisch weißer Kasten, auf dem alles spielt. Dass der ältere Bruder in dieses Zuhause nicht nur entlassen, sondern auch eingeliefert wird, daran lassen die streitenden, säuselnden, jammernden, erotisch-blühenden, alles einnehmenden Schwestern keinen Zweifel.

Constanze Becker, als jüngere Schwester Ritter, ist zur Schneewittchen-Schönheit herausgeputzt, die das Bein beim Zehennägel–lackieren auf dem Tisch räkelt, während die ältere Schwester Dene (Almut Zilcher) ganz in die Mutter- und Versorgerrolle verfallen, pedantisch einen Stapel Servietten faltet. Becker und Zilcher sind in dieser ersten Szene die ideale Besetzung, zwei heiß-kaltblütige Frauen, die dem grantelnden Bernhard-Ton eigene Vitalität geben, mit genügend trotzendem Saft, um sich noch lange zu quälen. Ulrich Matthes als heimkehrender Bruder ist ein verstrubbelter Künstlertyp mit Hornbrille und blauen Turnschuhschnürsenkeln. Er darf am Mittagstisch seine Suada halten über die Auflösung der Philosophie, das Ende der Kunst, dem anzweifelbaren Schauspielhandwerk der Schwestern.

Alles wird beschimpft, aber im schnaubenden Ton von Uli Matthes bleibt immer eine melancholische Leidensfähigkeit, die mehr Tschechow ist als Bernhard, die seine Tiraden eher erden, als sie böse zum Funkeln bringen und eher die larmoyante Erstarrung der Rolle unterstreicht. Die These, dass sich hier ein Mann ein Bild von sich selbst erschaffen hat durch das ewige Reden von der genialen Idee und dem großen Werk, trifft eher auf das Bild der Frauen zu, die sich beim Nägellackieren regelrecht als Malerinnen inszenieren: lebende Kunstwerke, perfekt gestylt.

In der Gegenwartsgalerie

Farbig ausgepinselt ist der Abend auch sonst, klar getragen vom ambitionierten Willen zur großen Kunst. Zilchers Dene zerlegt beim Mittagsbraten eine Wassermelone statt des obligatorischen Bratens. Das knallige Fruchtfleisch leuchtet im grellen Weiß der Bühne um die Wette mit Beckers rot-gemalten Lippen und ihrem getupften Kleid. Regisseur Oliver Reese pflegt hier eine Verpackungskunst, die vor allem die beiden Schauspielerinnen ziemlich gut aussehen lässt.

Wenn sie die verrenkten Posen nachspielen, mit denen sie einem Maler Modell gesessen haben, zelebrieren sie genüsslich diese Nummer, und es blitzt die überspannte Groteske über moderne Kunstproduktion auf. Aber alle Künstlichkeit auf der Bühne kann  den Text dann doch nicht zum großen Künstlerdrama machen. Das An- und Abschwellen der Stimmungen, die verbale Überproduktion kommen weniger ausgemalt daher als das ganze Bühnen-Design.

Aus dem Antipodischen der Figuren, ihrem Willen zur Flucht und ihrem ewigen Bleiben entwickelt sich keine Schlagkraft. "Verständnislosigkeit ist das, was mich an meine Schwestern bindet", jault der Bruder Ludwig des Ulrich Matthes. Aber diese Mischung aus stillem Einverständnis, Abscheu, aneinander kleben bleiben – in der sind Becker, Zilcher, Matthes eben doch nicht das eingespielte Trio Ilse Ritter, Kirsten Dene, Gert Voss. In die Quere kommen sich diese beiden Abende jedenfalls nicht, trotz allem Willen zur zeitgemäßen Neuerfindung. Wo das Original ein alter Meister ist, drängt sich Reeses Modernität in die Gegenwartsgalerie und sieht dort gar nicht mal so gut aus.

 

Ritter, Dene, Voss
von Thomas Bernhard
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüme: Elina Schnizler.
Mit: Constanze Becker, Almut Zilcher, Ulrich Matthes.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Gut gespielt, aber vom Ansatz her nicht überzeugend, findet Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (2.11.) Oliver Reeses Thomas-Bernhard-Modernisierungsversuch. Schon beim ersten Blick auf das Bühnenbild kommt ihm der Abend zu augenzwinkernd und demonstrativ als Gegenveranstaltung zur gewohnten Aufführungstradition entgegen. Um dann aber nie deren "Monstrosität" oder "ständig überkochende" Erregungszustände zu erreichen. Verlegt "in die Leere eines Berlin-Mitte-Lofts", herrscht hier für Schäfer statt des "schmerzhaften Wahnwitzes" nur "wohltemperierte Konfliktnettigkeit" à la Yasmina Reza, von gelegentlichen Tschechow-Melancholie-Schwaden durchweht. Dies führt für Schäfer dazu, dass alle Akteure zwar jeder für sich exzellent agieren, aber aneinander vorbei spielen und von einer abgründigen Schicksalsgemeinschaft nicht viel zu spüren ist.


Mit den Dramen von Thomas Bernhard geht es Eberhard Rathgeb von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (2.11.) wie mit den Schriften des Philosophen Søren Kierkegaard und teilweise mit den Romanen Dostojewskijs: Einmal gelesen "wird man sie nicht noch ein zweites Mal lesen wollen". Denn das sei ungefähr so, "als würde man als Erwachsener wieder in das Haus einziehen, in dem man großgeworden ist." Deswegen findet er Oliver Reese als Regisseur einerseits mutig, sich einen Thomas Bernhard vorzunehmen. Allerdings konnte ihn das Ergebnis nicht wirklich überzeugen. Das Bühnenbild beschreibt er als leidlich klinisch tot. Und auch die drei Geschwister vermitteln ihm kein Thomas-Bernhard-Feeling, sondern wirken eher "wie ein Dreiklang der Kulturmittelschicht" auf ihn, etwas "vergrämt, verstockt und sinnverloren", insgesamt aber doch "als würden sie schlecht Theater spielen, meistens ins Publikum".


Reeses "Nicht-Regie" lasse die Schauspieler alleine, findet hingegen Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (3.11.). Im Stück scheine er "vor allem Spielmaterial zur Vorführung von Darsteller-Virtuosentum zu sehen", die Schauspieler retteten sich dementsprechend "in Handwerk, Einfälle, Mätzchen". Das sei nur ob der "herausragenden Schauspieler" "erträglich und passagenweise komisch". Verglichen mit Peymanns Uraufführungs-"Fest der vor darstellerischer Intelligenz funkelnden, hochkomischen, bitter-bösen Schauspielkunst" bleibe die Berliner Inszenierung "matte Routine". Wenn sie "die Routine verlässt und den Regisseur Einfälle plagen", werde es gar "peinlich, etwa wenn er die im Text angedeutete Inzest-Möglichkeit plump ausstellt".


Matthias Heine fragt sich in der Welt (3.11.) gar, "ob das Hauptstadttheater vielleicht die Grippe hat". Bei Reese gehe es "erwartbar textfromm" und "werktreu bis zur Selbstaufgabe" zu. Er verlasse sich "auf seine Großdarsteller", zwei SchauspielerInnen des Jahres (Matthes, Becker) und die "preisenswerte" Almut Zilcher. Dazu "zwei Regie-Ideen": Das Fleisch, das von den dreien gegessen wird, werde "durch eine Melone ersetzt" und die "'Gemälde', die die Schwestern dem empörten Bruder zeigen, stellen sie selbst als lebende Bilder dar". Dadurch werde "immerhin klar, dass Ludwigs kritische Tiraden" auf die Malkunst "auch ein Kommentar zu Theaterkunst sind". Trotz der "schönen Komik, mit der die Schauspieler die neurotisch-inzestuöse Beziehung der Geschwister" zeichneten, bleibe es "arg brav", "so als käme Ludwig nicht gerade aus dem Irrenhaus, sondern von einer Kaffeefahrt".


Im Gegensatz zur "alterslos elfenhaften" Ilse Ritter spiele die "junge, wundersam begabte" Constanze Becker deren Partie "unelfenhaft" als "eine Art frustriert vibrierende Jüngere-Schwester-Sexbombe mit stillgelegten Zündern", schreibt Gerhard Stadelmeier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.11.). Almut Zilcher ist ihm "ekstatisch derbe Theatralikerin" und Ulrich Matthes ein "diätetischer Trauerkloß, (...) mit jener sozusagen auf glühenden Kohlen sprechfühlenden todwunden Reizbarkeit, die diesem Schauspieler seit je eigen ist". Er trage als Voss "die trotzig arrogante Maske des Zu-Ende-leben-Müssens", zeige jedoch kaum, "dass dahinter auch lüstern-satyrhaft das dämonisch albern Vitzliputzlihafte (...) lauern könnte". "Keine Spur also von Ritter, Dene, Voss im Deutschen Theater. Dafür viel von Becker, Zilcher, Matthes." Reese verrücke das Stück "nicht wie Peymann ins Psychodrama, das so tut, als tue es nicht nur so als ob", sondern "schlau und intelligent in die Spielhölle, ins Theatertheater, das immer nur vorzeigt, dass es immer nur so tut als ob". Hier kämen die Katastrophen "nicht von außen, sondern aus dem Spiel-Inneren dreier frecher, trauriger, zynisch verlorener alter Kinder, eltern- und weltlos im leeren Theater". Womöglich sei dies "der wahre Bernhard unserer Depressionskrisentage".


"Ritter, Dene, Voss" sei "ein Stück über drei Schauspieler und das Schauspielen", ebenso wie über Wittgenstein, das "auch mit der unerfüllten Liebesbeziehung zwischen dem Theater und der Philosophie, zwischen den Sinnen und dem Nachsinnen" zu tun habe, bemerkt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (3.11.). Bei Reese sehe es "jedoch aus, als sei es in einen Topf fader Psychologie-Suppe gefallen und saufe dort langsam, aber unweigerlich ab". Bernhards Figuren seien, "in hintergründiger Bezugnahme auf Wittgenstein, Sprach-Wesen und gerade keine Charaktere im klassisch psychologischen Sinne". Reese dichte ihnen nun "ein seichtes Seelenreich an, weshalb alles der Figurenbeglaubigung durch halbgare Motive dienen muss". Bernhard werde zwar "dem Worte nach" gespielt, der Sinn allerdings gehe "komplett verloren". Zwar meide das "Dream-Team" Matthes, Becker, Zilcher "sinnigerweise" den "erdrückenden Vergleich mit ihren berühmten Vorbildern", nutze aber "jede Gelegenheit, schick und schön (...) konsequent aneinander vorbei zu psychologisieren". Herauskomme "harm- und belangloses Schauspielervorführtheater" – "allenfalls eine Bernhard-Sitcom".


"Wie weit trägt das Stück heute?", fragt Peter Iden in der Frankfurter Rundschau (4.11.) und sieht in Reeses Inszenierung keine befriedigende Antwort. An dem Stück trete nicht viel mehr hervor "als eine Nähe zu forciertem Kabarett". Auch der intensive Einsatz und die Spielfreude der Schauspieler können den Eindruck einer munter-gehässigen Beiläufigkeit der Vorlage Bernhards nicht korrigieren. "Angestrengtes Bemühen vorzüglicher Schauspieler um eher wenig". Auffällig seien Unentschiedenheiten der Regie. Der Umgang mit der weißen Spielfläche sei ungenau insofern als sie von den Schauspielern wiederholt verlassen werde, "und zwar ohne ersichtlichen Grund." Nicht gelöst auch das Problem der Adressaten: "Peymann ließ die drei aufeinander einreden. Jetzt in Berlin räsonieren sie mal zum Publikum hin, mal bleiben sie in ihrem Weltinnenraum (...). Durch das Mal-so-mal-so fehlt der Bezugspunkt, die Texte werden noch austauschbarer als sie es ohnehin sind."

 


Deutsches Theater Berlin

Lass die Drecksau raus!

von Anne Peter

Berlin, 8. Oktober 2008. Die Regine spielt die Mariedl. Und die Mariedl, die macht's bekanntlich "auch ohne". Die Regine hingegen, die macht's mit. Mit Achselhaaren zum Beispiel. Keine echten, aber welche, die echt aussehen. Und so langt Regine Zimmermann denn auch ganz tief ins rote Plastikeimerl hinein, wenn sie vom heldenhaften Griff in den Abort – eben ohne Gummihandschuhe! – erzählt: "wie die starke Mariedl den ganzen Arm hineinsteckt in die Muschel bis zu den Achselhaaren".


Deutsches Theater Berlin

Hallo, ich bin lustig!

von Dirk Pilz

Berlin, 12. September 2008. Koketterie. Das ist es, woraus dieser Zweieinhalbstunden-Abend seinen Witz und Reiz zu beziehen versteht. Und das Schöne dabei ist, dass es sich die Koketterie gefallen lässt, in höchst unterschiedlichen Weisen aufzutreten. Leider sind allerdings auch einige darunter, die über eine äußerliche Bemühung nicht hinausgelangen. Dazu später.


Deutsches Theater Berlin

Posen der Verzweiflungsgrausamkeit

von Anne Peter

Berlin, 11. September 2008. Sie geht es ziemlich offensiv an. Auch das berüchtigt raue Theaterpflaster der Hauptstadt kann Jette Steckel offenbar nicht schrecken. In der Box des Deutschen Theaters gab die 1982 geborene Regisseurin jetzt mit einer selbstbewussten Inszenierung von Albert Camus' "Caligula" ihr Berlin-Debüt. Das Erfahrungs-Polster, das sie mitbringt, ist enorm: Unter anderem in Hamburg, Köln, Wien und Kassel hat sie schon gearbeitet, wurde in der Theater heute-Umfrage zur Nachwuchskünstlerin des Jahres 2007 gekürt, erhielt in diesem Frühjahr den "Eysoldt-Preis für junge Regisseure" und gastierte beim "Radikal jung"-Festival.


Deutsches Theater Berlin

Wege des Wahns

von Barbara Behrendt

Berlin, 30. August 2008. Man muss sich schon entscheiden: schwarz oder weiß, Himmel oder Hölle, Gott oder Teufel. Schlecht nur, wenn diese Entscheidung von einer selbsternannten "Heiligen" getroffen wird, die kaltblütig Menschen in den Tod schickt um ihren eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

 


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Die Liebe ist auf Sand gebaut

von Jan Oberländer

Berlin, 28. August 2008. Die Liebe ist ein schmutziges Spiel. Das wird schnell klar in Michael Thalheimers Inszenierung von Shakespeares Rollentauschkomödie "Was ihr wollt". Glücklich wird niemand. Thalheimers Arbeit eröffnet die neue Spielzeit auf dem Platz gegenüber dem Deutschen Theater in einem Zelt. 28 Meter Durchmesser, 450 Plätze. Das Große Haus wird derzeit renoviert, es bekommt eine neue Bestuhlung und eine moderne Ventilation. Dem ausquartierten Regisseur scheint die frische Luft gut getan zu haben. Es geht einen an, wie sein erstklassiges Ensemble über den halbrunden, von Olaf Altmann mit satter, dunkler Erde bedeckten, zunehmend zu Schlamm verregneten Bühnenacker tobt.


Deutsches Theater Berlin

Glückloses Wünschen

von Dirk Pilz

Berlin, 15. März 2008. Vertrottelung. Das ist es wahrscheinlich. Denn so wie sie in ihrem gewollt damenhaften, giftgrünen Kostüm auf dem Stuhl hockt, die Lehne zwischen die Beine geklemmt, die Arme vornüber schaukelnd, und wie sie dann mit den Händen in die Luft fingert oder sie ihr Bein hinaufwandern lässt, sich das Blondhaar hinters Ohr stopft und ins Leere lacht, in ihre Stimme dabei kleine Kratzer und großer Dehner einbaut, wie sie auf ihrem Stuhl kniet, wenn sie ins Ferne ruft und flüstert, wenn sie in sich hinab wimmert – bei alledem hat man es mit verschiedenen Ausdrucksweisen einer höheren Art von Seelenvertrottelung zu tun. Und mit einer Seele, die vor elaborierter Erledigtheit und feingliedriger Sehnsucht zu duften scheint, die dauernd mit sich selbst halbgare Treppen-Übereinkünfte trifft, um ihr Fädelchen Glück zu finden. Eine von Liebesbedürftigkeit umkoste Seele, die immer über den Geiergruben des Wahnsinns baumelt.


Deutsches Theater Berlin

Brüllen erlaubt

von Nikolaus Merck

Berlin, 2. Februar 2008. Am Anfang erlischt im Deutschen Theater das Notlicht. "Notlicht aus" durchzusetzen, schaffen nur ganz große Regisseure. Ein Versprechen. "Die Wildente" heißt das Stück und ist von Ibsen. Der Papierform nach. Aber weil Regisseur Michael Thalheimer sich des klassisch-modernen Enthüllungsstoffes – Abteilung "Verderbtheit der bürgerlichen Familie und der Einfluss schlechter Gene" – bemächtigt hat, steht nur Ibsen drauf, ist jedoch Mühlstein drin.


Deutsches Theater Berlin

Ein Spiel ist ein Spiel ist kein Spiel

von Petra Kohse

Berlin, 12. Januar 2008. Am Anfang, zumal von etwas weiter hinten, sieht die Bühne aus wie ein mit goldenem Samt ausgeschlagenes Kästchen. Später und bei anderem Licht wird deutlich, dass Boden, Decke und Wände mit Lehm getüncht sind, in der Tat sogar recht grob, und die Schattierung der typischen Samtoptik resultiert aus den noch feuchten Stellen. Neun Menschen in einem Erdgefängnis, mit hohen Wänden zwar, aber nur geringer Tiefe. Sie kommen vom Zuschauerraum aus freiwillig herein, aber dann geht es dreieinhalb Stunden lang nicht mehr hinaus.


Deutsches Theater Berlin

Stelzen, winden und schrullen

von Esther Slevogt

Berlin, 15. Dezember 2007. Das Bühnenbild ist schon mal hinreißend! Ein grüner, geometrischer Tunnel, über und über mit efeuartigem Gepflänz bewachsen, das allerdings nirgends wuchert, sondern immer hübsch auf gleicher Höhe bleibt. Ein schattiges, aber auch etwas eintöniges Gartenreich, das von lauter Gräben und Gassen durchzogen ist, die sich ideal für rasche, manchmal zauberhafte Auf- und Abtritte eignen. Und keine Blume, nirgends! Nur sattes, aber eben auch irgendwie ödes Grün, dessen Wände alles Geräusch, und, wie man befürchten muss, auch alles Leben ersticken und dessen labyrinthische Anlage wohl auch keinen Ausgang in die Wirklichkeit weist.


Deutsches Theater Berlin

Gezüchtigtes Müller-Pathos

von Esther Slevogt

Berlin, 28. November 2007. Heiner Müller und der Kulturbetrieb, das ist die Geschichte einer einst heftigen Affäre, aus der nun die Luft raus ist und sich der Liebhaber (also das Feuilleton) fragt, was ihn wohl ritt, als er dem Phänomen Müller verfiel. Denn dessen Dramen, besonders die, die er schon als privilegierter Reisender zwischen den Systemen verfasste, zwischen den Theaterkantinen der DDR und den Talkshows des Westfernsehens, lesen sich heute fast, als blicke man auf Pomp, Plüsch und Pathos der Historienschinken eines Hans Makart samt seiner fleischig nackten Heroinen und stählernen Heroen.


Deutsches Theater Berlin
Hörbild des geborstenen Ich 

von Wolfgang Behrens 

Berlin, 23. November 2007. Die "Winterreise" ist ein Problem. Nicht in philologischer Hinsicht, nein!, an Schuberts Musik gibt es nichts zu deuteln, und selbst der oft bekrittelte Text Wilhelm Müllers bereitet in seiner künstlich hergestellten Volksliedhaftigkeit nicht eigentlich Schwierigkeiten. Ein Problem stellt vielmehr dar, wie dieser Liederzyklus, der längst zum Inbegriff deutscher Innerlichkeit geworden ist, angemessen dargeboten werden kann.


Deutsches Theater Berlin

Von der Mutter allen Terrors 

von Nikolaus Merck

Berlin, 18. November 2007. Wenn Schauspielstudenten "Dantons Tod" von Georg Büchner spielen, was ist davon zu erwarten? Gewiss keine repräsentative Aufführung, keine gültige Neudeutung oder eine Auseinandersetzung mit dem Stoff, die etwa die mangelnde Triftigkeit der Thesen von Georg-Büchner-Preisträgern theatralisch aufdecken könnte.


Deutsches Theater Berlin

Tatort Telefon 

von Esther Slevogt 

Berlin, 26. Oktober 2007. Ein Mann spricht einer Frau auf die Mailbox, dass er ihre Beziehung für beendet erklärt. "Wenn Du willst, kannst Du zurückrufen. Aber mir wäre lieber, Du tätest es nicht." Eine Tochter kann der terroristischen Mutter am Handy endlich mal von sich selbst erzählen. Und für eine frustrierte, nach dreißig Ehejahren verlassene Frau wird die Taste, mit der man Gespräche entweder annehmen oder wegdrücken kann, zum Mittel von Emanzipation und Befreiung.


Deutsches Theater Berlin

Die Außenseite der Einsicht

von Wolfgang Behrens

Berlin, 10. Oktober 2007. Schon im Frühjahr, als seine wunderbar traurige Lebenskomödie "Kommt ein Mann zur Welt" in Düsseldorf uraufgeführt wurde, munkelte man, Martin Heckmanns habe für das Deutsche Theater Berlin ein waschechtes Boulevardstück geschrieben. "Ein Boulevardstück?", ruft es einem zu, "das kann nicht sein! So wie Hans Joachim Schädlichs 'Trivialroman' natürlich kein Trivialroman ist, so wenig wird ein Sprachartist wie Heckmanns ein reines Boulevardstück schreiben."


Deutsches Theater Berlin

Stilisiertes im sentimentalen Sektor

von Petra Kohse

Berlin, 6. Oktober 2007. Glühende Zigarettenspitzen im Dunkeln. Melancholische Klavierakkorde im Rhythmus langsamer Schritte, mal zart im Hintergrund, mal schicksalhaft hochgezogen. Menschen, die in geduckter Haltung an die Rampe trotten und dort ins Publikum starren oder blutige Hände vorzeigen. Und ein Einheitsbühnenbild, das sofort Beklemmungen auslöst. Sie fühlen Mitleid und sind bewegt? Vorsicht: Dies ist Theater im sentimentalen Sektor.


Deutsches Theater Berlin

Heul doch!

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2007. Das interessiert das Bürgertum! Die Ränder der Gesellschaft, ihre Wucherungen ins Wilde, Antizivilisatorische! Und ist es nicht schön, wenn man an einem so zivilisierten Ort wie dem Theater an diese Abgründe herangeführt wird, im Rahmen des "Als-ob"? Im Berliner Deutschen Theater konnte man gestern eine Theateradaption der Skinheadbeichte "No llores, mi querida / Weine nicht, mein Schatz" nach dem Roman von André Pilz erleben.


Deutsches Theater Berlin

Das Echo der Verwünschung

von Anne Peter

Berlin, 8. September 2007. Seine Rede auf den Shakespeare-Tagen in Weimar beschloss Heiner Müller 1988 mit den Worten der kolonisierten Kreatur Caliban aus Shakespeares "Sturm": "YOU TAUGHT ME LANGUAGE AND MY PROFIT ON’T / IS I KNOW HOW TO CURSE". Flüche sind seine Antwort auf die Alphabetisierung des Zauberers Prospero, der ihm zwar das Mittel zur Selbstreflexion, nicht aber Freiheit und Selbstbestimmtheit schenkte.


Deutsches Theater Berlin

Die Nackten und Beschmierten

von Esther Slevogt

Berlin, 1. September 2007. Neulich hat Dirk den Fernseher angemacht und kannte alle. Sogar in den Werbespots traten lauter Bekannte auf: Freunde, Ex-Freundinnen oder Freunde von Freunden, die es geschafft haben. Ins Fernsehen und eben auch sonst. Er dagegen tritt seit sechs Jahren in einer ominösen Tierschau auf. Als Marabu.


Deutsches Theater Berlin

Brillieren im Weltelend

von Anne Peter

Berlin, 2. Juni 2007. Adorno versuchte noch, das "Endspiel" zu verstehen. Auf nicht eben leicht verständliche Weise, versteht sich. Er diagnostizierte bei Beckett unter anderem die Depravation der von diesem selbst aufgebotenen Philosophie der Anspielungen und Bildungsbruchstücke zum "Kulturmüll".


Deutsches Theater Berlin

Lieben ist eine Art von Angewiesenheit

von Simone Kaempf

Berlin, 20. Mai 2007. Der Brief kommt auf rosarotem Papier daher, rosarot wie anderswo ein Liebesgeständnis. Der Schauspieler Sebastian Rudolph sitzt an einem schlichten Schreibtisch und liest den Brief, der aus den ersten Sätzen von Jelineks Stück besteht, stockend, als sei er eine unverständliche Mitteilung der Polizeibehörde.


Deutsches Theater Berlin

Vor Liebe blind dem dämlichsten Esel hinterher

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Mai 2007. Hormongeladen, brünftig, neandertalerhaft – Hippolyta hat auf den gebückten Gang unserer Vorfahren zurückgestellt und will ihren künftigen Gatten Thesus mit Pfeil und Bogen erlegen. Theseus wählt die alte Taktik des sich Schwachstellens, um die Frau selbst blitzschnell zu domestizieren.


Deutsches Theater Berlin

Kein Ort der Ausschweifung

von Esther Slevogt

Berlin, 29. April 2007. "Das Losungswort ist Amüsemang!" kiekst Ida, das vergnügungssüchtige Wiener Unterschichtskind (Valery Tscheplanowa) in seinem pink-orangenem Tütü, das sich erwartungsfroh beim dubiosen Prinzen Orlowsky (Horst Lebinsky) zum Soupé eingefunden hat. Doch der sieht in seinem weißen Anzug wahrlich nicht aus wie einer, der auch nur das geringste Talent dazu hätte. Ein grässliches Dauergrinsen im aufgeschwemmten Gesicht macht den alten Mann eher zu einer Figur aus einem Horrorfilm.


Deutsches Theater Berlin

Einbruch der Genetik ins wirkliche Leben

von Irene Grüter

Berlin, 1. April 2007. "Box" soll einmal ein Begriff gewesen sein, der die Theaterwelt begeistert hat. Schlichte Experimentierbühnen für simple stories, lautete der Schlachtruf. Schwer vorstellbar, dass der Erfolg der Containerbühnen einmal am DT begonnen hat. Denn wohin das Haus mit seiner vor einem halben Jahr eröffneten dritten Spielstätte eigentlich will, wurde bisher nicht klar. Warum zum Beispiel der neue Lukas Bärfuss, immerhin ein Fünfpersonenstück, in dieser kleinen Kiste erprobt wird, bleibt rätselhaft.


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