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archiv » Tanz im August Berlin (11)
Tanz im August Berlin

Navigatoren der Zeit

von Elena Philipp

Berlin, 31. August 2018. Souverän über die Zeit verfügen diese jungen Performer*innen. Reisen mal eben fünfzig Jahre in die Vergangenheit und spulen dann in rasendem Tempo wieder vor bis heute. Zappen durch die Geschichte, von einer ikonischen Fotoaufnahme zur nächsten, die sie nachstellen in präzise einstudierten Tableaux vivants. Und stürzen sich wagemutig ins ganzkörperliche Reenactment – in ekstatisches Bodenrollen, satanisches Zungeblecken und schweißnasse Gruppenfummeleien –, wenn sie auf dem Grund ihres Zeitstrudels einer prägenden Theaterarbeit aus den 60ern begegnen: "Paradise Now" des Living Theatre. Eine Schar halbnackter Hippies artikulierte 1968 mit anarcho-spiritueller Emphase einen bebenden Befreiungswunsch und versuchte ihre Zuschauer*innen zur Revolution anzuregen. Was hat diese performative Séance von damals mit dem Dutzend junger Menschen auf der Bühne der Berliner Sophiensaele zu tun? Oder aber: Was ist geblieben von den Anliegen, dem Begehren und den Werten der 68er?


Tanz im August Berlin

Eifersüchtig auf den Tanzlehrer

von Eva Biringer

Berlin, 25. August 2018. Niedlich, dieser alte weiße Mann, versunken im Ohrensessel und seinen Erinnerungen an das junge, schöne Mädchen. Während ein Piano leise wimmert, ringt er nach Worten für sein Begehren, er der Schmetterling, sie die Blume. Ein Begehren, das nicht sein darf, schließlich ist er verheiratet. Und sie das Dienstmädchen! Das Videoscreen-Kaminfeuer lodert dramatisch.


Tanz im August Berlin

100 Tage Männlichkeit

von Elena Philipp

Berlin, 23. August 2017. Vielleicht eine viertel Million. Vielleicht eine halbe. Wie viele Frauen während des Genozids in Ruanda 1994 vergewaltigt wurden, ist unbekannt. Sicher ist, dass sexuelle Gewalt von der Hutu-Miliz strategisch gegen die Frauen der Tutsi-Minderheit eingesetzt wurde. Um sie auszulöschen, körperlich oder sozial. Mit Überlebenden der Massenvergewaltigungen hat die selbst mit 12 Jahren aus Ruanda geflohene Sängerin, Autorin und Tänzerin Dorothée Munyaneza für ihr Stück "Unwanted" gesprochen – und sechs vom Band eingespielte Zeugenaussagen genügen ihr für ein umfassend erschütterndes Bild der Folgen sexueller Gewalt.


Tanz im August Berlin

Die Zerbrechlichen

von Christian Rakow

Berlin, 3. September 2015. Zwei Schreie eröffnen diesen Abend, von der jungen Artistin Huanhuan Zhang ins Rund der Berliner Schaubühne geschickt. Zwei Schreie wie kurze Fanfarenstöße für all das, was hernach in edler Stille praktiziert wird: die vermutlich schmerzensreichen Dehnungen und Streckungen, die halsbrecherischen Hebeübungen auf einem betonfarbenen gestuften Podest und die Verbiegungen der sehnigen Körper auf Stühlen, die einen Hauch von inquisitorischer Folter versprühen. Das Genick, meint man an diesem Abend wiederholt, muss ein gar widerständiges Gelenk sein.


Tanz im August Berlin

Von Kampftruppen und Putztruppen

von Janis El-Bira

Berlin, 15. bis 16. August 2015. Das vermeintlich sperrige 24-Stunden-Format feiert im heißen Berliner Theatersommer weiterhin fröhliche Urständ. Keine acht Wochen ist es her, dass Jan Fabre im Rahmen des "Foreign Affairs"-Festivals sein ziemlich monströses Antike-Panoptikum "Mount Olympus" auf ein großenteils enthusiasmiertes Publikum niedergehen ließ. Ein selbstgewisses Spektakel alter Schule war das, dessen perfekt assemblierte Materialfülle sich vermutlich auch vor einem gänzlich leeren Zuschauerraum unbeeindruckt aus- und wieder eingefaltet hätte.


Tanz im August Berlin

Tanz der Cineasten

von Christian Rakow

Berlin, 21. August 2014. Preisfrage für Programmkinonarren: Aus welchem oscarprämierten Hollywood-Klassiker stammen Wendungen wie diese: "Our destinies seem to be interwoven, don't they. I was a close friend of your father." Oder: "I disagree with Bolshevism. But, I can still admire Bolsheviks, as men. Shall I tell you why? They may win."


Tanz im August Berlin

Beim Zuschauen zuschauen

von Thomas Irmer

Berlin, 30. August 2013. Jean-Luc Nancy ist heute der Gebrauchsphilosoph bei Theaterleuten. Das Verstehen des "Offenen" im Sinne Nancys hat nun seinen Landsmann Laurent Chétouane zu einer Choreographie zum Thema der Möglichkeiten des Zusammenseins inspiriert. Einfacher gesprochen: Beieinander in Variationen. Das Grundmodell liefert allerdings nicht die Philosophie, sondern die moderne Dramatik. Denn von Edward Albee bis Yasmina Reza ist das Aufeinandertreffen von zwei Frauen und zwei Männern die effektivste Figurenkonstellation, was Variantenreichtum im Verhältnis zur Personenzahl angeht: wechselnde Paarbildungen, Soli und Trios, und natürlich das Quartett.


Tanz im August Berlin

Ländler auf dem Dancefloor

von Christian Rakow

Berlin, 27. August 2013. Im Grunde sind wir Deutschen Hüpfer. Nicht schnaufende Trampel, oder wuchtig heranrollende Walzen, wie es oft heißt. Sondern Hüpfer. Zumindest beim Tanzen. Wiewohl es uns nicht auf die sprungfederig leichte Art gelingt, sondern doch etwas steif, so als ob Störche hüpfen wollten. Und in die Hände klatschen wir regelmäßig dazu, weil es die Knie allein nicht bringen. Beim Tanz-Hüpfen.


Tanz im August Berlin

Lebenssaft und Schaffenskraft

von Simone Kaempf

Berlin, 16. August 2012. Hier geht es um Bewusstseinserweiterung. "Life is to accept the unacceptable." Mit diesen Worten beginnt der Tänzer Antony Rizzi seine Solo-Performance, die autobiographisch von ihm selbst erzählt: von vielen Experimenten mit Drogen, von etwas, was ihm zu Intensität und Leben verholfen hat, auch wenn es Leben rauben könnte. Was sich als Kraft nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper ausbreitet. Bald schlackern Rizzis Beine wie Gummiglieder, eine Wellenbewegung geht durch seinen Körper, alles äußerst amorph und doch in Hochspannung.


Tanz im August Berlin

Politische Rhetorik im Körper

von Christian Rakow

Berlin, 14. August 2012. Wie tanzt man eine düstere Zukunft? Lisbeth Gruwez tritt im weißen, kragenhoch zugeknöpften Hemd, in Bundfaltenhose und schwarzen Lackschuhen in den leeren dunklen Raum des Berliner Podewil. Ihr schwarzes Haar ist streng zurückgegelt. Eine androgyne Erscheinung, irgendwo zwischen Reichspropagandaminister und Androide. Mit kurzer, spitzer Bewegung hebt sie die gestreckte Handfläche wie zum römischen Gruß und lässt die Geste abrupt abreißen. Kantig testet sie weitere Körperzeichen an, Fragmente politischer Posen. Wieder und wieder.


Tanz im August Berlin

Verkümmerte Flügel, blutverschmierte Hände

von Mounia Meiborg

Berlin, 28. August 2010. Der Sturm bricht im Dunkeln los. Ein ohrenbetäubender industrieller Krach eröffnet den Abend, ein Akkord aus Quietschen, Schleifen und Dröhnen, so laut und schräg und bedrohlich, dass es in den Plüschsesseln der Berliner Volksbühne ungemütlich wird. In dem Moment, der nur aus Akustik und Dunkelheit besteht, liegt so viel Schrecken - man könnte meinen, der samoanische Choreograph Lemi Ponifasio habe damit schon zu Beginn seiner Performance "Tempest: Without a body" alles zum Thema Kolonialismus gesagt, oder besser: herausgebrüllt.


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