Der explosive Duft der Freiheit

von Jan Fischer

Göttingen, 18. April 2015. Schon wenn das Publikum den Saal betritt, steht er da, Gottlieb Biedermann, in seiner spakeligen Pracht. "Der beste der Menschen" würde dort präsentiert, sagt eine Stimme aus dem Off auf Englisch. Der beste der Menschen steht auf einer gigantischen Parfumflasche, mit hohen Absätzen, ganz in rosa, und betreibt Tai-Chi. Zwei Brandstifter schleichen sich von hinten an ihn heran und äffen seine Bewegungen nach. Biedermann bemerkt es nicht. Sobald das Publikum sitzt, mündet die Elegie auf den "besten der Menschen" nahtlos in eine Parfumwerbung: "Freedom. The New Frangrance by Gottlieb Biedermann."

Ruhe vor der gefährlichen Welt

Es ist ein interessantes Experiment, welches das Deutsche Theater Göttingen mit Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" anstellt: Ein junges Regie- und Darstellerteam soll den Staub von diesem Lieblingsstück aller Gymnasiallehrer pusten. Und Staub wird gepustet: Der Chor der Feuerwehrmänner, Frischs  ironisches Spiel mit der griechischen Tragödie: Ist raus. Das Nachspiel in der Hölle: Kaum noch vorhanden. Nebenrollen: Rausgestrichen. Und Dienstmädchen Anna wird zum stummen Dalmatiner im Ganzkörperhundekostüm.

Biedermann2 560 SvenSerkis u© Sven Serkis

Was bleibt, ist das absolut nötigste Gerüst: Zwei Brandstifter mit Gelfrisuren und schwarzen Kontaktlinsen. Babette, Biedermanns Frau, Parfumfabrikant Biedermann selbst. Ein Dalmatiner. Und vor der Kulisse eines wie achtlos hinten an der Bühne aufgehängten Silbertuches – an das hin und wieder Fragen aus Max Frisch Tagebüchern projiziert werden – und der riesigen Parfumflasche, welche die Brandstifter nach und nach zu einer ebenso riesigen Handgranate umbauen, entspinnt sich das Drama. Die zwei Brandstifter schleichen sich in den Biedermann'schen Haushalt ein, blenden und umgarnen ihn, der nur seine Ruhe vor der gefährlich Welt will. So lange, bis Biedermann selbst den Ring der Handgranate zieht, auf der er sitzt.

Das Scheitern bürgerlicher Werte

Frischs Drama ist kein Stück, in dem es tatsächlich so etwas wie Figuren gibt. Man müsste eher sagen: es sind Typen, Platzhalter, die allegorisch agieren. In ihrer Inszenierung des Stoffes bleibt Lucia Bihler dieser Idee treu und legt ihre Figuren als schrille Verzerrungen an: Biedermann ist ein in wallendes Rosa gewandeter Schwächling; die Brandstifter fiese, gebeugt gehende Typen mit bösem Lachen, viel zu schwarzen Augen und etwas zu kleinen Anzügen. Babette trägt grüne Haare passend zu ihrem Kostüm und ist ansonsten brave Hausfrau. Und Dalmatiner Anna hechelt ergeben seinem Herrchen hinterher.

Die Überzeichnung setzt sich auch ins Körperliche fort: Bardo Böhlefeld und Frederik Schmid spielen die Brandstifter als Zähne fletschende Fieslinge mit ausladenden Armgesten, Karl Miller steckt alles, was sein Körper an Spakeligkeit und Schlacksigkeit hergibt, in seinen Biedermann, so dass dieser fast wirkt, als hätte er Gummigelenke.

Das Ergebnis dieser Überzeichnung und der Kürzungen ist so etwas wie ein Konzentrat des – bei Frisch ohnehin schon dichten – Stoffes. Der Witz, der in der Überzeichnung liegt, nutzt sich dabei schnell ab. Dahinter aber liegt eine durch die Konzentration aufs Wesentliche brachiale Inszenierung übers Scheitern bürgerlicher Werte und Vorstellungen angesichts des Unvorstellbaren, nämlich, dass die Bedrohung aus der Zeitung plötzlich direkt bei einem im Haus steht.

Verdichtete Kritik

Zugleich kommt hier ein Stück zum Vorschein, das vom Nicht-Handeln angesichts dieser Bedrohung erzählt. "Biedermann und die Brandstifter" wird traditionell als Kommentar zur jeweils aktuell gehypten Bedrohung interpretiert – sowohl Nazis wie auch Kommunisten waren schon darunter. Man könnte Lucia Bihlers Inszenierung nun als auf zeitgenössische rechte Tendenzen gemünzt lesen. Oder, angestoßen durch die auf das Silbertuch projizierten Fragen, die alle mit Eigentum zu tun haben, auf die immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich.

Doch man muss die Inszenierung nicht so lesen. Denn letztendlich gelingt Lucia Bihler eine sehr verdichtete Kritik an der Tendenz bürgerlicher Schichten, sich im Status Quo einzuigeln und bereits das Nicht-Handeln wider besseres Wissen als politischen Akt zu behaupten. Antworten gibt es selbstverständlich nicht – schon Frisch nicht und nun auch nicht in der Göttinger Inszenierung. Was es aber zu Hauf gibt, sind klug gestellte Fragen.

 

Biedermann und die Brandstifter
von Max Frisch
Regie: Lucia Bihler, Bühne und Kostüme: Josa David Marx, Musik: Jakob Suske.
Mit: Karl Miller, Felicitas Madl, Moritz Schulze, Bardo Böhlefeld, Frederik Schmid.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

Kritikenrundschau

Lucia Bihler hat das Stück aus Sicht von Peter Krüger-Lenz vom Göttinger Tageblatt (20.4.2015) präzise inszeniert und plausibel in die Gegenwart gebracht. Besonders die Ausstattung macht ihm Spaß. Lediglich die Popstarwerdung Biedermanns leuchtet dem Kritiker nicht recht ein.

Von einer reduzierten wie spannenden, "schrägen und gelungenen Neufassung" schreibt Matthias Lohr in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (20.4.2015). Eigentlicher Star des Abends ist aus Lohr Sicht die von Josa David Marx entworfene Bühne.

 

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