Die Erkenntnis kommt zum Nachtisch

von Leopold Lippert

Berlin, 26. April 2015. 2. November 2010, 11. September 2011, 6. November 2012, 22. November 2013. Die vier Teile von Richard Nelsons "Apple Family Plays" wurden am New Yorker Public Theatre jeweils an dem Datum uraufgeführt, an dem sie auch spielen. Für Teil 1 "That Hopey Changey Thing") ist das der Tag der Midterm Elections 2010, die Andrew Cuomo zum Gouverneur von New York machten, für Teil 2 ("Sweet and Sad") der zehnte Jahrestag der 9/11-Terroranschläge. Teil 3 ("Sorry") spielt am Tag der Wiederwahl Barack Obamas zum Präsidenten, und Teil 4 ("Regular Singing") schließlich am fünfzigsten Jahrestag der Ermordung John F. Kennedys.

Bis kurz vor den Premieren schrieb Nelson am Text, um mit möglichst aktuellen Dialogen quasi Theater in Echtzeit zu produzieren. Wenn an der Schaubühne im Rahmen des F.I.N.D.-Festivals mit einiger Verspätung nun alle vier Teile hintereinander an einem langen Sonntagnachmittag gezeigt werden, ist das so, als würde man die DVD-Box einer alten Lieblingsserie herauskramen und von Anfang bis Ende durchlaufen lassen: ohne Wartenmüssen, ohne Cliffhanger, ohne die Kontingenz der Wirklichkeit.

Dinners for four

Weil Theater dann aber doch live ist, müssen die Schauspieler*innen unglaubliche Textmassen bewältigen – und nebenbei ganz schön viel futtern: Die strenge formale Rahmung der vier Stücke bedingt, dass sich eine New Yorker Mittelschichtsfamilie jedes Mal neu am Esstisch versammeln muss, um einem durchgängig präzisen psychologischen Realismus zu frönen, der so "echt" sein will, dass nicht nur permanent gemampft wird, sondern die Dialoge auch konsequent nach innen gespielt werden, ohne Rücksicht auf Sichtlinien und Verständnisschwierigkeiten.

Apple Family Plays 560 Joan Marcus aktuell uEs ist schon wieder was passiert! Allerdings vor 50 Jahren in Dallas, Texas. Familie Apple am Esstisch. © Joan Marcus

In Rhinebeck, einem Kaff am Hudson River zwei Stunden nördlich von Manhattan, kommen die vier Apple-Geschwister im Jahresabstand zusammen, um über Politik im Großen und Familie im Kleinen zu streiten: Barbara (Maryann Plunkett), die beflissene Mittelschullehrerin, die trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen Fürsorglichkeit und Kontrollfreak wandelt; Richard (Jay O. Sanders), der es als Rechtsanwalt nicht immer so genau mit der politischen Haltung seiner Mandant*innen nimmt; Mariann (Mariann Mayberry), die nach dem Suizid ihrer Tochter um einen Alltag ohne Zynismus ringt; und Jane (Sally Murphy), die glaubt, durch die Recherche an ihrem Buch über "American Manners" besser verstehen zu können, was die Nation zusammenhält.

Dazu kommen der demente Onkel Benjamin (Jon DeVries), der früher ein großer Schauspieler war, und Janes Partner Tim (Jesse Pennington), der wohl kein großer Schauspieler mehr werden wird. Sie sind alle irgendwie (Sozial-)Demokraten und alle irgendwie desillusioniert, und dank Nelsons formelhafter Enthüllungsdramaturgie ("I’m getting down to the truth of it!") erschließt sich immer erst beim Dessert, warum.

Der Onkel vergesslich, das Land ohne Geschichte

Der Plot ist vertrackt, voller Ex-Ehepartner und doch kaum erwähnenswert. Denn die meiste Zeit werfen sich die Charaktere salbungsvoll Binsenweisheiten an den Kopf, die als spontan-hochtrabende Erkenntnisse getarnt sind. "Maybe it’s not about healing but about embracing how we cope" etwa. Oder "What is an actor if he can’t remember?" So arbeitet sich das Stück in verschlungenen, aber durchaus logischen Argumentationsschleifen voran, die das Partikuläre mit dem Universellen verbinden, die kleine familiäre Häuslichkeit mit der nationalen Politik, den vergesslichen Onkel mit dem geschichtslosen Amerika.

Für eine Bestandsaufnahme der Gegenwart wirkt das allerdings seltsam kraftlos. Das mag daran liegen, dass über Politik immer nur in Schlagzeilenform geredet wird und die Apples bloß über korrupte Politiker streiten statt über korrumpierte Ideen oder Utopien. Oder dass prinzipiell kein Versuch gesellschaftlicher Analyse unternommen wird, sondern Anekdote auf Anekdote folgt, die (amerikanische) Geschichte über die Idiosynkrasien "großer Persönlichkeiten" (das Programmheft bietet dazu eigens ein Glossar) abhandeln, immer begleitet vom obligatorischen "Oh, that’s interesting!"

Ungleich problematischer ist aber, dass der ungebrochene Universalismus der Tetralogie, die mit großer Geste das Leben, das Menschsein, das Miteinander und überhaupt erklären will, wieder einmal in weißer Mittelschichtsverkleidung daherkommt. Mit klaren Geschlechterrollen, häuslicher Idylle und Beständigkeit, finanzieller Absicherung und selbstzufriedenem Liberalismus. Und so müssen die "Apple Family Plays" schließlich am konsequenten Unvermögen scheitern, die soziokulturelle Einbettung und Begrenztheit ihrer eigenen realistischen Abbildungslogik zu reflektieren.

The Apple Family Plays
von Richard Nelson
Regie: Richard Nelson, Bühne und Kostüme: Susan Hilferty, Licht: Jennifer Tipton und Marie Yokoyama, Sound Design: Scott Lehrer und Will Pickens, Produktion: Chris Buckley.
Mit: Jon DeVries, Mariann Mayberry, Sally Murphy, Jesse Pennington, Maryann Plunkett, Jay O. Sanders.

Teil 1: That Hopey Changey Thing
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

Teil 2: Sweet and Sad
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten

Teil 3: Sorry
(ohne Jesse Pennington)
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten

Teil 4: Regular Singing
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Mounia Meiborg schreibt in der Süddeutschen Zeitung (29.4.2015): Die "Kraft der Sprache" habe bei vielen der Gastspiele im Vordergrund gestanden. Bei "The Apple Family Plays"  säßen sechs Schauspieler, "die eine Mittelschichtsfamilie spielen", um einen Küchentisch "und reden". Auch wenn das "versprochene Panorama des politischen Amerikas sich nicht ganz entfaltet: Als bewegende Familiengeschichte taugt der vierteilige Theaterabend allemal".

Im Wiesbadener Tagblatt (16.5.2015) schreibt Viola Bolduan anlässlich des Gastspiels bei den Wiesbadener Maifestspielen: Die sechs Schauspieler*innen des Public Theatre meisterten ihre Szenen in der nicht voll besetzten, schwer zu bespielenden Halle "exzellent naturalistisch". Die Darbietung sei "so überzeugend, weil völlig unspektakulär in legerer Gesprächsatmosphäre". "Apple Family Plays" lebe von der "gezielten Unaufwendigkeit, die das realistische Abbild einer Zusammenkunft von Geschwistern im mittleren Alter und einem Onkel biete, der "zwar vergisst, aber doch das Wichtigste zu sagen hat – weil er auf Konventionen verzichten kann".

Margarete Affenzeller schreibt im Wiener Standard (21.5.2015) anlässlich der Premiere bei den Wiener Festwochen : Je näher man der Familie Apple sitzmäßig komme, desto besser: "Die Qualität des Abends offenbart sich in den Details, in den filigran gesetzten Blicken und Gesten, dem Schweigen und in der greifbaren Stofflichkeit des Interieurs." Die Inszenierung offenbare "totale Menschen". Ihre Sprache sei "provokant alltäglich, manchmal allzu nuschelig und verschleppt, fast wie daheim". In dieser Antitheatralik, "im performativen Minimalismus liegen die Geheimnisse der Arbeit verborgen".

Barbara Petsch schreibt in der Wiener Zeitung Die Presse (21.5.2015)
Die erste Produktion erweise sich als "Hörspiel für geduldige Zuhörer mit Grundwissen über den American Way of Life". Der Mittelpunkt des Abends sei Jon DeVries, der "absolut bewundernswert" den "grandseigneuralen" Onkel Benjamin konturiere. Wer sich dafür interessiere, was US-Bürger abseits der Kriegsschauplätze, "denken", dem werde die Aufführung gefallen.

 

 
Kommentar schreiben