Der Stoff, aus dem das Theater ist

von Thomas Rothschild

Salzburg, 1. August 2015. Die Motive sind aus zahlreichen Stücken bekannt: Zwei Zwillingsbrüder ähneln einander so sehr, ja sie tragen sogar den gleichen Namen, dass sie mit einander verwechselt werden. Was sich mit ihnen zuträgt, wird auf der Diener-Ebene plebejisch verdoppelt. Politische, geschäftliche und erotische Beziehungen werden auf Grund dieser Verwechslungen durcheinander gewirbelt. Daraus ergeben sich komische und zugleich, wenn man sie genau bedenkt, tragische Konstellationen.

Das ist der Stoff, aus dem Theater, bis hin zu Nestroys "Färber und sein Zwilingsbruder", gemacht ist. Darum ist es unsinnig nach der Glaubwürdigkeit zu fragen, wenn ein Schiff in zwei Teile auseinander bricht und sich auf jedem Wrack eine Hälfte der Familie befindet. Es ist so glaubwürdig oder unglaubwürdig wie Jupiter, der in der Gestalt von Amphitryon dessen Frau Alkmene verführt. Die Konstruktion ist notwendig, damit sich die Hälften nach Jahren wiederfinden und die Verwechslungssituationen auslösen können.

Komoedie der Irrungen 560 Moritz Kottal Droste deKoy Pluess Stolzmann Jagsch c SF Ruth Walz uMoritz Kottal Droste deKoy Pluess Stolzmann Jagsch © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Am Anfang der Salzburger Inszenierung steht ein zunächst mit einem Tuch bedeckter dreiteiliger Spiegel im Mittelpunkt. Das Spiegel- und das Doppelgängermotiv hängen bekanntlich eng mit einander zusammen. Henry Mason hat die beiden Antipholuse und Dromios mit je einem Schauspieler (Thomas Wodianka und Florian Teichtmeister) besetzt. Damit hat er ein Problem, wenn die Doppelgängerpaare auf der Bühne zusammenkommen. Doch eine Brille und eine Mütze reichen ihm aus, um die Darsteller blitzschnell von einer Rolle in die andere schlüpfen zu lassen.

Der Rest ist der Fantasie des Zuschauers überlassen. Wenn Antipholus von Ephesus nicht in sein eigenes Haus eingelassen wird, springen er und sein Diener, die Identität wechselnd, um eine von zwei Domestiken gehaltene Tür herum. Mit Lichtwechsel "schneidet" Mason eine Szene, in der Antipholus von Ephesus ein Cabaret inklusive Trapezakt besucht, gegen eine zweite, in der Antipholus von Syrakus bei der Frau seines scheinbar verschollenen Zwillings speist. Am Schluss dann, wenn die verwickelte Lage aufgeklärt wird, überschlägt sich diese Technik des Rollentauschs.

Poetische Monologe im Scheinwerferkegel

Henry Mason nimmt das Stück, das er unangestrengt in die Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts verlegt, ernst, also komisch. Er setzt, wie schon vor zwei Jahren in seinem Sommernachtstraum, aufs Groteske. Während er bei den im Zentrum stehenden Herr-und-Diener-Paaren in Gestik und Mimik an die Traditionen von Goldoni- und auch Nestroy-Inszenierungen anknüpft, mag man bei den Nebenfiguren eher an Zirkusclowns und Music Hall denken. Den Revueeinlagen allerdings mangelt es an Präzision. Stellenweise hält Mason die turbulente Bewegung der Akteure in ihren knallig bunten Kostümen an, um poetische Monologe in seiner eigenen, vorzüglichen Übersetzung in einem Scheinwerferkegel rezitieren zu lassen.

Komoedie der Irrungen2 2015 Graf Moritz Niederhuber Blum Schuchter Renner Jagsch Stolzmann c SF Ruth Walz uGraf Moritz Niederhuber Blum Schuchter Renner Jagsch Stolzmann
© Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Neulich in Stuttgart wurde für Unterm Rad die Bühne geflutet. Auf der Perner-Insel hatte man die gleiche aparte Idee. Auslöser ist ein Stichwort im Text ("I to the world am like a drop of water,/ That in the Ocean seekes another drop"). Die Wasserfläche ist umgeben von Stegen, in der Mitte sorgt ein kreisförmiges Holzpodium für trockene Füße. Hinten links spielt die dreiköpfige Band, rechts sieht man, auch nicht ganz neu, einen Berg aus Stühlen. Eine Uhr zeigt den Ablauf eines Tages an, der mit dem aufhaltsamen Tod Egeons, des Vaters der Antipholuse, enden soll.

Glücklicher Ausgang

Stichwörter geben auch die Musikverwendung in Masons Inszenierung vor. Ein Trio unter der Leitung des Pianisten Patrick Lammer und die Schauspieler tragen Standards vor wie "What a Difference a Day Makes“ (weil das Stück an einem einzigen Tag spielt), "Stormy Weather" (weil am Anfang ein Schiffbruch steht), "Stranger in Paradise" (weil sich der Antipholus aus Syrakus in Ephesus so fühlt) oder, unter Weglassung des Namens, "Won't You Come Home Bill Bailey" (weil Adriana auf ihren Mann wartet).

Das Finale gestaltet Mason als Crescendo bühnenwirksamer Mittel. Nach einer Prügelei und beginnendem Chaos bricht die Spielfläche auseinander und die Äbtissin, die sich als Egeons Ehefrau entpuppt, tritt unter einem Riesenkruzifix auf. Am Schluss kommt das gesamte Ensemble für den voraussehbaren glücklichen Ausgang auf die Bühne. Alles in allem: nicht unbedingt eine Aufführung, die für ewig im Gedächtnis haften bleiben wird, auch nicht eine Interpretation, die das Verständnis von Shakespeare erneuern könnte, aber den kräftigen Applaus, in den sich nur vereinzelte Buhs für die Regie mischten, hat der Abend schon verdient.

 

Die Komödie der Irrungen
von William Shakespeare
Übersetzung Henry Mason
Regie: Henry Mason, Bühne: Michaela Mandel, Kostüme: Jan Meier, Musikalische Leitung: Patrick Lammer, Dramaturgie: David Tushingham.
Mit: Thomas Wodianka, Florian Teichtmeister, Marcus Bluhm, Roland Renner, Barbara de Koy, Meike Droste, Elisa Plüss, Claudia Kottal, Karola Niederhuber, Christian Graf, Alexander Jagsch, Reinhold G. Moritz, Rafael Schuchter, Claudius von Stolzmann.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

 

Kritikenrundschau

"Da ist es also wieder, das Sven Eric Bechtolf-Theater", stöhnt Sven Ricklefs im Deutschlandfunk (Kultur heute, 2.8.2015), also "Unterhaltungstheater auf - im wahrsten Sinne des Worts - Deubel komm heraus, ein Theater, das sehr bewusst ohne Konzeption auskommt und lieber Pointen setzt als Gedanken vermittelt, geschweige denn Deutungen setzt." Diesmal also die "Komödie der Irrungen" als "Musical" in "Seebühnenästhetik", mit allerlei weidlich ausgewalzter "Haudraufkomik", geringem Erkenntnisgewinn und einem Ensemble, das "dem Affen Zucker" gebe. Da werde "aus jedem Klischee wird der Witz gepresst, Hauptsache es zündet."

Trotz vermeintlich herkömmlicher Wasserschlacht und Stuhlgebirge aus der Regisseurstheater-Kiste sei man hier "nicht im öd Gewohnten", schreibt ein beglückter Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (3.8.2015). Aus Shakespeares Stück, aus dem viele nur "Blödsinn" machten, mache Mason "Musik. Eine Revue. Beziehungsweise Musical. Eine große Unterhaltung. Mit exakt dem Tiefgang, den die knietiefe Lagune dem 'Showboat'-Shakespeare gestattet." Der Regisseur begreife "seinen Shakespeare zunächst einmal als good story", bevor er diese "ins sanft Abgründige aufblättert". Dabei halte er "wunderbar schwindelfrei und geschmackssicher die Balance zwischen Witz und Wut, Spaß und Hirnriss, Gag und Gusto, Komödie und Farce." Der Abend wende "unaufhörlich das Mitlachen ins Mitfühlen, das Zuschauen ins Denken, das Zuhören ins Erfülltsein vom Fugenweltgewicht dieser grotesk Zerrissenen und Zerspaltenen. So witzig, so festlich, so überwältigend kann Theater sein (...). Dann ist es aller Mühe, Liebe und Freude wert."

Thomas Wodianka (Antipholus) und Florian Teichtmeister (Dromio) absolvierten "in ihren Doppelrollen eine staunenswert facettenreiche und strapaziöse Tour de Force", schreibt, ebenfalls begeistert, Barbara Petsch von der Presse (3.8.2015). Für sie hat Mason "ein eindrucksvolles Gesamtkunstwerk geschaffen: Hier stimmt einfach alles, von der Bearbeitung – der Originaltext wurde mit viel Wortwitz angereichert – über die Psychologie, die präzis charakterisierten Figuren bis zur angelsächsischen Comedy." Es werde "die Lust wie Schaulust bedient – und doch auch viel erzählt über Identitätsverlust, Entgeisterung, Wahn und Wahnsinn der Liebe."

Margarete Affenzeller vom Standard (3.8.2015) hingegen ist von diesem handwerklich soliden und "mit gut abgehangenen Slapstick-Stilmitteln gefällig" vorantriebenem "Shakespeare-Musical" nicht sonderlich angetan. "Überraschungen bot diese altbackene Inszenierung keine." Die Figuren würden "in ihren großen Gebärden zu puppenhaften Wesen. Vor allem aber bedient sich die Inszenierung einer reichlich abgegriffenen Musicalästhetik, die das Spiel selbst grob macht und über das seichte Gaudium nicht hinausweist." Das sei zu wenig "für ein hochsubventioniertes Elitefestival".

Shakespeares Komödienplot werde hier "mit viel Aufwand brav illustriert", meint Hedwig Kainberger von den Salzburger Nachrichten (3.8.2015), auch wenn das Team sich "zahllose Details" habe einfallen lassen – "oft präzise, oft auch feinsinnig", mit gelegentlich "berührenden Momenten" und in der Übersetzung teils "köstlichen Wortspielen", doch immer wieder werde die Sprache auch "flapsig oder gar mittels bemühter Reime platt gewalzt." Viele Figuren seien "grell und plakativ." Insgesamt leide die "an hyperlustiger Effekthascherei", "fast jeder Ansatz zu geistreichem Witz" werde "vom Klamauk erstickt. Shakespeares aparte Komödie verkommt zur banalen Revue."

Auch Bernd Noack von Spiegel online (3.8.2015) hält das Ganze für "eine aufgeblähte Nichtigkeit". "Die gut zahlenden Zuschauer müssen bei Laune gehalten werden, man darf sie nicht mit Kunst verprellen. Das scheint die Devise der Festspielleitung zu sein." Mason bastele aus dem Shakespeare-Stück "eine Art Fortsetzung der in Salzburg angesiedelten Erfolgsschmonzette 'The Sound of Music'. Einen flotten Abend, ohne geistigen Tiefgang, eine alberne Kitsch- und Klischee-Revue mit Knall-Effekten" und "billiger Klapper- und Falltüren-Komik". Und bei der "furchterregend knittelglatten" Neuübersetzung habe Shakespeares "feine Poesie" keine Chance. Bei allem werde "ständig mit Gesten und Holzhammer darauf hingewiesen, dass der, den man gerade sieht, eigentlich gar nicht der ist, von dem man meint..." Mason strapaziere "die Komik der Vorlage sträflich, erreicht aber so zielsicher die zu jeder Entspannung bereiten Lachmuskeln seines Publikums."

"Sprechtheater meets Musical. Von Anfang an wird gesungen und gepfiffen, die Schauspieler springen und tänzeln durch die Kulisse, die Band spielt amerikanische Schlager der Nachkriegszeit", schreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (3.8.2015). "Das ergibt zusammengenommen irgendwas zwischen 'Hello, Dolly!' und Hello Kitty. Ein Shakespeare-Grusical in Pink und Blau, very very light." Damit sei genau die Chance vertan, die Masons Ankündigung hatte erwarten lassen: "Die 'Komödie der Irrungen' über die oberflächliche Farce hinaus auch als Stück mit Tiefgang zu lesen." Doch in diesem Fall bleibe es – nicht mehr und nicht weniger – beim Buffo.

 

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