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Wahrheit vergiftet Gegenwart

von Michael Laages

Kassel, 8. Oktober 2015. Eine Frau liegt im Koma; sie ist nicht tot, auch im letzten Augenblick des Stückes nicht – aber all die Schuld und Verantwortung, die sich in ihr selbst und um alle in ihrer Nähe gruppiert, hat schon viel Zerstörung gestiftet. Der Mann, der an ihrer Seite war, weiß kaum noch, ob er seine neue Partnerin wirklich liebt; die wiederum, die sich für den Neuen gerade vom vorigen Partner trennt, weiß auch nicht mehr so genau; und dazwischen müssen die schwerst pubertierende Tochter der hin und her gerissenen Frau und eine Angestellte und Vertraute des Mannes mit monströser Schuld auf der Seele weiter leben.

Klingt verwirrend? Ist es auch. Asghar Farhadi hat in seinem Film "Le Passé" (2013) Unmengen unklarer Beziehungen untrennbar miteinander verwickelt. So viel ist klar: Ahmad kommt aus Teheran zurück nach Paris, wo er bis vor vier Jahren mit Marie-Anne lebte; sie will sich scheiden lassen, er akzeptiert das, will die Trennung aber nicht den Anwälten überlassen. Deshalb also ist Ahmad wieder da – und trifft bald auf Samir, den Wäscherei-Besitzer, ebenfalls Immigrant in Paris und der neue Lover von Marie. Samirs Sohn Fouad und Maries Tochter Lea (nicht von Ahmad, der echte Papa lebt in Brüssel …) sind tendenziell nette Kinder und fremdeln bloß ein bisschen mit Ahmad, dem Rückkehrer auf Zeit.

Wo endet die Erkenntnis?

Lucie, die ältere Tochter aus Maries früherer Beziehung, will nicht in Samirs Nähe leben und kämpft bis aufs Blut mit der Mutter, auch weil sie den zeitweiligen Papa Ahmad noch immer sehr mag. Um die neue Beziehung der Mutter zu zerstören, hat sie Celine, der Frau von Samir, dessen E-Mail-Verkehr mit Marie geschickt, unter Mithilfe der illegalen Wäscherin Naima, die sich ihrerseits von Celine bedroht fühlte und aus Angst die eigene Rache plante – wollte Celine ihre Illegalität der Polizei enthüllen, weil sie ein Verhältnis zwischen Chef und Angestellter vermutete? Unabweisbar ist nur das grausige Ergebnis der Verschwörung: Als Celine den E-Mail-Wechsel kennt, trinkt sie vor dem Gatten und dem Sohn eine Flasche Waschmittel aus, um sich zu töten.

LePasse2 560 N.Klinger uChristina Weiser (Marie-Anne, Apothekerin), Schatten: Artur Spannagel (Samir, Maries neuer
Lebensgefährte) © N.Klinger

Ahmad wird, ohne dass er das will, zum Auslöser von Entdeckungen, die alle unglücklicher zurück lassen. Es ging halbwegs gut ohne die Wahrheit, mit ihr geht fast überhaupt nichts mehr … "Le Passé", "Das Vergangene" aus dem Titel, vergiftet die Gegenwart; und ob die letzten Wahrheiten wie das dringend nötige reinigende Gewitter wirken, kann am Ende niemand mehr sagen.

Figuren mit scharfen Profilen

Thomas Bockelmann, Intendant am Staatstheater Kassel, eröffnet die Saison mit diesem Stück; das an sich ist schon recht mutig. So verzwickt nämlich sind die Verhältnisse zwischen den Paaren und jenseits von ihnen, dass sowohl das eher breit angelegte Sozial- und Kammerspiel der ersten zwei Drittel wie der Krimi zum Finale wirklich brillante Profile auf der Bühne benötigen. Zumal das kleine, schnell agierende Stück nicht eben strotzt vor Schauspielerfutter …

Und da kämpft das Ensemble in Kassel dann doch etwas mehr, als dass es glänzen könnte: Christina Weiser als extrem beratungsresistente, tendenziell hysterische Frau im Zentrum zwischen Christian Ehrich und Artur Spannagel als konkurrierenden Mannsbildern, Antonia Bockelmann im extrem gewichtigen Part der überwiegend unzugänglichen Tochter, die über alles Bescheid weiß und zum Teil der Katastrophe geworden ist. Alina Rank ist als illegale Wäscherin Bitterkeit pur, Jürgen Wink wandelt zwischen den Parteien als iranischer Restaurantbesitzer, der viele Weisheiten aus dem Ärmel schüttelt. Mit den beiden Kindern hat die Inszenierung sehr viel Glück.

Der Schrecken der condition humaine

Etienne Pluss hat zweimal zwei Zimmer in zwei Stockwerken entworfen, weiße Kisten mit Gängen dahinter und dazwischen; wer mag, kann sich eine Wohnmaschine in Pariser Vorstädten vorstellen. Doch Stück und Inszenierung verweisen eher nicht auf den sozialen Rahmen all dieser Verstörungen; und auch die migrantischen Konstellationen zwischen Exil-Iranern und Französinnen werden nicht wirklich thematisiert. Für die Verzweiflungen, in denen sie alle nicht miteinander fertig werden, ist es nicht wichtig, woher sie gekommen sind – der Schrecken über das Unaussprechbare, das sie quält, ist in ihnen, gehört zur "condition humaine".

LePasse1 560 N.Klinger uOben: Antonia Bockelmann, Jürgen Wink, Artur Spannagel, unten: Alina Rank, Christian Ehrich,
Christina Weiser © N.Klinger

Was also ist dieses klug gebaute, extrem herausfordernde Kammerspiel? Wo will es hin, was empfiehlt es uns in der Katastrophe, die der Alltag ist – das Vergangene vergangen sein zu lassen, zu vergessen, was und wie es war? Nicht mal das ist wirklich klar am Schluss. Ahmad ist wieder weg, die an und in der Schuld gereifte Lucie legt wieder den Kopf in Mutters Schoß; und Celine, die Frau im Koma, hat eine Träne geweint, als sie stumm im Krankenhausbett das Parfüm des Mannes roch. Er hat's nicht gesehen, weiß der Weise aus der Kneipe … aber sie lebt.

Ob das Stück das Zeug hätte zu mehr Feuer, noch emotionaleren Ausbrüchen an Liebe und Sehnsucht, Eifersucht und Hass? Das werden womöglich weitere Versuche mit "Le Passé" beweisen. Kassels Ensemble jedenfalls gelingt damit ein Saison-Auftakt zum Staunen.

Le Passé / Das Vergangene
nach dem Film von Asghar Farhadi
Fassung von Susanne Felicitas Wolf
Regie: Thomas Bockelmann, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Ulrike Obermüller, Sound-Design: Heiko Schnurpel, Licht: Dirk Thorbrügge, Dramaturgie: Thomaspeter Goergen.
Mit: Lilli Ansorge/Dana Anselm, Antonia Bockelmann, Elias Birkhahn/Jakob Hottenrott, Christian Ehrich, Alina Rank, Artur Spannagel, Christina Weiser, Jürgen Wink.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

 

Kritikenrundschau

"Ein vielschichtiges Beziehungsdrama mit Krimi-Elementen" nennt Bettina Fraschke von der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (10.10.2015) den Film von Asghar Farhadi. Von der Bühnenumsetzung zeigt sich die Kritikerin nicht überzeugt. "Trotz der existenziellen Themen zwischen Schuld und Vergangenheitsbewältigung und der Kammerspiel-Konstellation bleiben die 100 Aufführungsminuten überraschend flach, wirken eher wie eine Soap-Opera aus dem Vorabend-TV. Die Wucht des Stoffs wird in dem langweilig formulierten und viel zu ungestalteten Textkörper von Susanne Felicitas Wolf wegbanalisiert."

"Große Fragen werden hier verhandelt. Fragen nach Schuld und Unschuld, nach den Folgen, die alle Handlungen nach sich ziehen", schreibt Peter Krüger-Lenz in einer Kritik fürs Göttinger Tageblatt (9.10.2015), die vor allem die schauspielerischen Leistungen streift und dabei "schillernde Akzente" von Jürgen Wink sowie die Kinderrollen hervorhebt. "Für das Bühnenbild hat Etienne Plus einen Guckkasten entworfen, der an die Hochhaussiedlungen Pariser Vororte erinnern. Strahlend schön sieht das aus, viel zu strahlend für die Banlieuie."