Die Macht des bayerischen Dorflebens

von Georg Kasch

München, 25. März 2008. "Brautraub!" – "Was? Blaukraut?" – "Nein, Braaautraaaub!" brüllt Ingrids Vater ins orangene Telefon. Drei Schritte weiter steht Peer Gynts Mutter Aase auf ihrem Hof und will an ihrem Apparat, der ländlich pittoresk direkt am Telefonmast hängt, nichts verstehen. Was hat der Bub jetzt schon wieder angerichtet? Beschützen kann sie ihn nicht: Die gleichaltrigen Männer aus dem Dorf locken Peer, der kurz zuvor Ingrid vor ihrer Hochzeit entführt hat, mit einer Travestienummer vom Dach, und Peer landet kopfüber auf dem Misthaufen. Hinterher ist er so richtig schön braun im Gesicht.

Auch ein Modell von Welt und Wirklichkeit 

Im Münchner Volkstheater hat man bei Henrik Ibsens dramatischem Gedicht "Peer Gynt" in der Inszenierung von Hausherr Christian Stückl über weite Strecken den Eindruck, Co-Autoren seien Ludwig Thoma oder Franz von Kobell. Peer ist ein Bub in der bayerischen Provinz der 1950er, ein sympathisches Großmaul, das bei Maximilian Brückner oft vor sich hinschwatzt wie der Kobold Pumuckl. Die Bühne ist mit klappernden Stall-Kulissen vollgestellt, und auf Ingrids Hochzeit spielt die Blasmusik der Jungen Riederinger Musikanten unter einer spießig bunten Lichterkette "Buona Sera, Signorina, Buona Sera". Bis zur Pause weiß man nicht recht, ob man lachen oder weinen soll. Danach ist klar: lachen!

Schon davor ist Stückls "Peer Gynt“ über weite Strecken eine Mordsgaudi. Nur eben eine, die sich in der Durchführung bierernst nimmt, in der Kulissen behandelt werden wie echte Mauern, Pannen schlicht lächerlich wirken und Kalauer platt. Schon davor hat Stückl auch prächtige Ideen, etwa den Großen Krummen aus dem Misthaufen auftauchen zu lassen oder Peer einen Rückzugsort zu geben, von dem er sich zu emanzipieren versucht: "Das ist ein Pappkarton und kein Schloss aus dem Mittelalter."

Wasserpfeife, Palmen, Sphinx und tobende See 

Doch nach der Pause wird weniger vor- als schlicht gespielt, was das Zeug hält. "Na gut, mein Freund, wir haben Takt: Man stirbt nicht mitten im 5. Akt," heißt es schließlich schon bei Ibsen. So ironisch geht es immer fort: Die Riederinger sind in der Wüste eine dressierte Neger-Kapelle, die Wasserpfeife entpuppt sich als Mikrofon, in das Peer Schlager singt, und als ihm die Beduinen auf den Keks gehen und er mit Anitra allein sein will, zieht er einfach einen Zwischenvorhang, auf dem die Wüste gemalt ist.

Gekonnt zieht sich Brückner zudem aus der Affäre, als ein Glas zerdeppert und die Scherben irgendwie von der Bühne verschwinden müssen. Er fügt seinem launigen Zwiegespräch mit Gott, der immerhin gerade die falschen Freunde mitsamt der geklauten Yacht hatte untergehen lassen, noch die Bitte um einen Besen hinzu. Überhaupt findet Brückner jetzt endlich zu seiner Form, ist mit Bart und Thomas-Gottschalk-Frisur ein Ego-Hippie und Erlöser-Kapitalist auf Selbstfindungstrip. Nun, da alles Spiel ist und Spiel sein darf, fügen sich auch die Kalauer und Karikaturen problemlos ins bunte Konzept zwischen Palmen, Sphinx und tobender See (lustig wie in der Augsburger Puppenkiste: wallende Stoffbahnen und dazwischen eine Haiflosse).

Mordsgaudi der nicht so handelsüblichen Form 

Nebenbei gehen einem noch einige Lichter auf. So bricht Stückl die Bergkönigepisode im ersten Teil auf einen Traum herunter, in dem Ingrids Vater zum italienischen Mafiosi mutiert, sie selbst zur Grünen; Peer muss Pasta mit frisch gezapfter Kuhscheiße essen. Am Ende wird für Peer der Traum zum realen Erlebnis, wenn er der Dorfgemeinschaft vorwirft, sie hätten ihm den Schnitt in die Linse setzen wollen. Auch die Besetzung der wechselnden Rollen ist klug gewählt: Barbara Romaner spielt die Verführerinnen mit erotischem Schalk, die unerlösende Seite des ewig Weiblichen. Friedrich Mücke, Gabriel Raab und Tobias van Dieken zeigen in genauen Skizzen, dass Peer auch in der Fremde den Konflikten seiner Jugend kaum ausweichen kann.

Andreas Tobias übernimmt mit spiegelnder Glatze die mephistophelischen Figuren, und das mit einer faszinierend alerten Körperlichkeit, bei der die Zähne so funkeln wie der Geist. So werden die jedermannschen Diskussionen zwischen Peer und dem Knopfgießer zu den intensivsten und beglückendsten Momenten des Abends. Hier lässt einer einen mittelmäßigen Menschen am ausgestreckten Arm verhungern; hier aber rechnet Peer mit sich selbst ab, klagt Gott und den Teufel an, ist ganz bei sich als nacktem Menschen. Und beim dankbaren Publikum.  

 

Peer Gynt
von Henrik Ibsen
Regie: Christian Stückl, Bühne: Alu Walter, Kostüme: Ingrid Jäger.
Mit: Maximilian Brückner, Ursula Maria Burkhart, Tobias van Dieken, Sarah Sophia Meyer, Friedrich Mücke, Gabriel Raab, Barbara Romaner, Hubert Schmid, Andreas Tobias und den Jungen Riederinger Musikanten.

www.muenchner-volkstheater.de

  

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (27.3.2008) sieht Christopher Schmidt Ibsen "verkinderstückt", "wuschig und wie mit der Schrotflinte" inszeniert. Je länger die "Sause" dauern würde, "desto penetranter wirkt das breite Schmunzeln, mit dem es Stückl sich im Wohnzimmer seines unverwüstlichen Lausbubencharmes gemütlich macht." Unter der "zerzausten Flagge des Artenschutzes für Naturburschen" feiere das "Rampen- und Ranschmeißer-Theater schrecklich fröhliche Urständ." Das Theatertier Stückl surfe "tapsig auf der Sympathiewelle" und habe zu seinem Stil erhoben, was man "Ironie-Huberei" nennen könnte: "die Bewirtschaftung eines Ironieverdachts, um ihn zu unterlaufen." Furios würde sich der mit Maximilian Brückner ideal besetzte Titelheld schälen, aber dennoch keine Träne ins Auge treiben. "Skandinavisches Quellenstudium in den Werken von Astrid Lindgren" scheine den Proben vorausgegangen zu sein. "Eine Villa Kunterbunt ist das Münchner Volkstheater allemal an diesem Abend. Aber Äffchen und Pferd haben deutlich zu viel mitgespielt."

"Die Inszenierung schleppte sich gegen Ende der drei Stunden nur noch mühsam dahin", schreibt Gabriella Lorenz in der AZ (27.3.2008). In seiner Disparatheit aus Volkstheater, Kabarett, Zeitsatire, Sagenwelt und pseudophilosophischem Schaumgebläse sei das Stück eigentlich unspielbar – an sowas reibt sich Stückl gern. Trotz des fabelhaften Maximilian Brückner als Titelheld und drastischer Komik hätte der zündende Funke gefehlt.

In der tz (27.3.2008) schreibt Alexander Altmann, dass Stückl aus Ibsens düster-vergrübeltem "Peer Gynt" einen saftigen bayerischen Komödienstadl mache. "Aber so abwegig ist es gar nicht, den nordischen Symbolismus des Stücks in eine rasante Gaudi mit Abgründen zu verwandeln." Schließlich erweise sich Peer Gynt ja als richtiger Hallodri, wie man ihn aus dem Bauerntheater kennt. Fazit: "Der Regisseur und seine wunderbar spielfreudigen Akteure haben dieses Dramen-Dings ein wenig verrückt – und es kam herrlich unterhaltsames Theater dabei raus."

In der FAZ (29.3.2008) schreibt Teresa Grenzmann: "Als süddeutscher Hans Guckindieluft wird Maximilian Brückner von Stückl auf die Volkstheater-Bühne gestellt". In einer "dreistündigen Faschingspirouette" jage Peer Gynt seinen Traumgespinsten nach. Doch treibe ihn "die Ich-Umrundung vom kindlich unbeschwerten Schwindeln in den verbitterten Schwindel der Vergeblichkeit". "Ernsthaft und maßvoll" ende Stückl "nach einem Abend wunderbar schräger bis sonderbar arger Parodie." Das Gyntsche/Ibsensche "Menschheits-Soll" "Sei du selbst" habe der Oberammergauer Intendant des Münchner Volkstheaters mit seinem bajuwarisch derben "Peer Gynt" nun einmal mehr erfüllt. 

 

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