Der Attentäter in unserer Mitte

von Sabine Leucht

München, 10. Dezember 2015. Im Hintergrund dreht sich ein auf die Seite gelegtes Hamsterrad – oder das mit feiner Gaze bespannte Innere einer übergroßen Salatschleuder. Darauf erscheinen kurz und verschwinden schnell: Bilder von Menschenaufläufen, asiatische Gesichter, Männer mit Bart, Szenen mit Blut, ein landendes Flugzeug, Tabellen mit (Börsen?-)Zahlen. Nichts bleibt lange genug sichtbar, um sich mit konkreten Ereignissen synchronisieren zu lassen.

Doch die Krisen und Turbulenzen der Gegenwart spielen irgendwie mit in Christian Stückls "Schuld und Sühne"-Inszenierung. Denn im Rad, unsichtbar hinter den ihn heimsuchenden Bildern, rast, schreit und hyperventiliert schon Raskolnikow. Im Münchner Volkstheater kommt er in Gestalt des jungen Paul Behren bereits als Gehetzter auf die Bühne, wo er in einer Art WG mit Rassumichin und Sonja lebt, in die immer mal wieder der bei Moritz Kienemann beeindruckende Entwicklungssprünge hinlegende Maulheld Sossimow und der Ermittlungsrichter Porfirij hereinschneien.

Außergewöhnlicher Mensch in gewöhnlicher WG

Statt im engen möblierten Kämmerchen und auf abendlichen Petersburger Straßen allein mit sich und seiner verworrenen Ideologie vom Recht "außergewöhnlicher" Menschen auf Mord und Zerstörung zu sein, wenn es denn der Zukunft der Menschheit nützt, sind Dostojewskis Held und sein inneres Tosen hier von Beginn an Teil wie Gegenstand der dialogischen Betrachtung in einer großzügig geschnittenen Wohnküche mit Stallambiente und ranzigem Herd.

Behren spielt den lauernden, überwachen Zuhörer für den sich in eitlen Posen gefallenden Rassumichin Jakob Geßners und behauptet sich trotzdem erstaunlich mühelos als Zentrum der Bühne: Erfüllt von dieser fiebrigen, schon früh sich schubweise entladenden Energie, lässt man ihn auch dann nicht aus den Augen, wenn man keine Ahnung hat, wohin dieser Abend treibt. Dass dieser aus armen Verhältnissen stammende, gescheiterte Jura-Student in Kürze einen Doppelmord auf sein Gewissen laden wird, um sich seine Differenz zur Laus zu beweisen. Und dass die Sühne dieser Tat (bei Dostojewski) ewig dauert und erst in Sibirien endet.

SchuldSuehne1 560 GabrielaNeeb uUnter Beobachtung: Paul Behren als Raskolnikow (mit Messer) und Oliver Möller, Jakob Geßner, Moritz Kienemann © Gabriela Neeb

In Stückls schlanker Spielfassung des Romans fehlt nicht nur Sibirien, es fehlen auch das Gros der Nebenhandlungsstränge und so viele Figuren, dass man jemanden wie Raskolnikows Schwester Dunja und ihre Abhängigkeits-Beziehung zu Luschin (bei Oliver Möller eine wirklich hässliche Version eines goldbebrillten Frühkapitalisten) sowie die ihrer Familiengeschichte um den Säufervater beraubte Sonja auch gleich noch hätte streichen können.

Stückls Stamm-Bühnen und -Kostümbildner Stefan Hageneier hat Raskolnikows Geliebte ungnädig in gepunktete Leggins und Plateau-Highheels gesteckt, und darin stakst und steht Carolin Hartmann über weite Strecken bloß herum wie bestellt und nicht abgeholt. Die Beziehung zwischen ihr und Raskolnikow bleibt ebenso unkonturiert und blass wie die zwischen diesem und dem ihn schnell durchschauenden Profirij, weil Pascal Fligg alles tut, um die intellektuelle Raffinesse seiner Figur zu hintertreiben. Mit schwarzer Haartolle und Ellenbogen-Patches sieht er aus wie die Karikatur eines englischen Detektivs, der sich in die falsche Geschichte verirrt hat – und ist alles andere als ein ebenbürtiger Gegner für den fragilen und zerrütteten, aber auch durchtriebenen Raskolnikow Behrens, der hier seine erste Hauptrolle am Volkstheater spielt.

Allah ruft, aber nur leise

Die bis zur Pause temporeiche und alles in allem spannende Geschichte zerfasert eben da, wo sie von der Reibung zwischen diesen beiden leben sollte. Und sie hat ihre schönsten Momente dort, wo der Bühnen-Raskolnikow und sein übergroßes Film-Konterfei einander ins Wort fallen oder einer wie das lebendig gewordene Denkmal des anderen aussieht. Die kreisende Projektionsfläche im Bühnenhintergrund ist auch dann noch beeindruckend, wenn schließlich durchscheinend und hinter der Gaze eine Art Großraumbüro sichtbar wird, in dessen Tiefen Sonja einen Laptop mit Raskolnikows Beichte entdeckt.

In jenem Monolog, bevor er die Axt nimmt und einen Moment später vom blutigen Ende einer Wucherin und ihrer Schwester erzählt wird, schwingt die Verwandtschaft Raskolnikows mit islamischen (Selbstmord-)Attentätern als Möglichkeit mit: "Jetzt verstehe ich den Propheten... Allah befiehlt, und du, zitternde Kreatur, gehorche!" Ebenso gut aber könnte der Abend von der Krise der Intellektualität handeln, vom Hunger nach einer Tat gleich welcher Art. Oder vom Wunsch der Unzufriedenen nach Veränderung. Worum es Stückl wirklich geht in diesem Niemandsland zwischen Theologie und Moral, "Schnipp Schnapp, Pimmel ab" und jungen Damen "in Stellung", Sankt Petersburg um 1860 und den Europäischen Krisen von 2015, bleibt unklar.

 

Schuld und Sühne
nach Fjodor Dostojewski
Aus dem Russischen von Herrmann Röhl
In einer Fassung von Christian Stückl
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl,
Video: Manuel Braun.
Mit: Paul Behren, Pascal Fligg, Jakob Geßner, Carolin Hartmann, Moritz Kienemann, Oliver Möller, Magdalene Wiedenhofer.
Dauer: 2 Stunden, 40 Minuten, eine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Raskolnikows Verbrechen, so mache Stückl "umweglos klar", stehe "im Zusammenhang mit Ideologie und Terror", schreibt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (12.12.2015). Paul Behren als ebendieser Raskolnikow sei "eine Entdeckung. Der erst 24-Jährige ist das Zentrum von Stückls Literaturadaption und das schnell pochende Herz einer an den Rändern bröckelnden Inszenierung." Vor allem die Frauen blieben "ohne Konturen".

Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (12.12.2015) hat eine "radikal aus dem Roman herausgekratzte Bühnenfassung" gesehen. Stückl bleibe "ganz bei Dostojewski und auch bei einer rein dialogischen Form", man sehe "keinen Mord, keine Folklore, nichts Russisches." Paul Behren als Raskolnikow sei "eine Entdeckung. Fahrig und präsent, hitzig und in sich gekehrt, nervöses Zentrum der Diskussionen, die ohne ihn ins Abstrakte kippten."

Christian Stückl habe "es geschafft", jubelt Rosemarie Bölts auf Deutschlandfunk (Zugriff 12.12.2015). "Theaterkunst, ganz traditionell. Oder, wie ein Zuschauer erstaunt angesichts der weitverbreiteten Event-Ex-und-hopp-Inszenierungen meinte, Theater für Erwachsene. Das heißt, Beschränkung von Raum, Zeit und Personen." Die Sprache des Abends passe "lässig zum – heutigen – Studentenmilieu der Protagonisten" und leugne trotzdem nicht Dostojewski leugnet. "Aktuelle Bezüge, die nachhaltige Überlegungen anstoßen. Junge, souverän spielende Schauspieler, die im doppelten Sinn genau den Ton treffen. Ein Bühnen-Bild, das den Blick in den Seelennebel frei gibt, ein Gesamtkunstwerk."

Stückl habe "sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu Münchens intellektuellstem, analytischstem Theatermacher entwickelt. Er gaukelt nicht Modernität vor, er ist zeitgemäß, weil er nicht an der Oberfläche bleibt", meint Simone Dattenberger im Münchner Merkur (12.12.2015). Seine "Schuld und Sühne"-Adaption funktioniere "besser als zum Beispiel die von Andrea Breth bei den Salzburger Festspielen 2008". Bis "ins Augenbrauen-Heben ausgetüftelt" hätten "Paul Behren und sein Regisseur ihren Raskolnikow ausgearbeitet. Es ist allein schon abendfüllend, Behren beim Spielen zuzusehen. Der lässt unmittelbar physisch den selbstzerfleischenden Kampf spüren zwischen Schuldbewusstsein und dem Versuch, es durch Übermenschen-Konstrukte abzuschütteln." Der Konflikt bleibe unentschieden: "Jetzt ist der Zuschauer dran, weiterzudenken."

 

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