Die Trump-Schneise

von Tobias Krone

München, 12. Mai 2016. Plötzlich wird eine Schneise geschlagen, mitten durchs Publikum. Wer T. C. Boyles Roman "América" gelesen hat, weiß, dass hier grade eine Mauer gebaut wird. Und so treiben Bühnentechniker zuerst ein gutes Viertel der Parkettzuschauer auseinander – und anschließend eine Bühnenkonstruktion aus Terrakotta-Platten weit in den Zuschauerraum hinein. Während die Vorstellung in vollem Gange ist und Donald Trump auf Video grade von seiner Grenzmauer zu Mexiko faselt. Viel Raum geht durch den Bau verloren – die vertriebenen Premierengäste werden "umgesiedelt" auf die (ursprüngliche) Bühne. Und die neue Schneise steht dann auch erst einmal länger ungenutzt da – ein schönes Sinnbild für den Irrsinn dieser von Boyle karikierten Gated Community, in die sich ein Vorort von Los Angeles binnen eines Sommers verwandelt. Man könnte darin aber auch eine unfreiwillige Analogie zu der raumgreifender Romanadaption von Stefan Pucher an den Münchner Kammerspielen sehen: viel Fläche, selten Dichte.

America1 560 ArnoDeclair uVom tragikomisch-romantischen Spießer zum Rassisten: Jan Bluthardts Journalist Delaney (links) bekommt zunehmend Angst vor Mexikanern. Rechts daneben: Gonzalo Cunill und Sylvana Seddig
© Arno Declair

Dass der Zweieinhalb-Stunden-Sitzung schon etwa zur Halbzeit die Luft ausgeht, hat möglicherweise mit der allzu großen Sorgfalt zu tun, keinen Fehler zu machen – zu offensichtlich ist die Aktualität des Stoffes: In einer wohlhabenden Vorstadtsiedlung in den Bergen vor Los Angeles wird das liberale Menschenbild des Naturjournalisten Delaney Mossbacher auf die Probe gestellt, zunächst durch die angrenzende Wildnis, deren Botschafter in Gestalt von Coyoten sich nach und nach der Familienhunde bemächtigen. Gleichzeitig schleicht sich bei ihm eine diffuse Angst vor den Mexikanern ein, die in der benachbarten Natur campen – und ironischerweise in der Siedlung regelmäßig Arbeit finden: Das Illegalen-Paar América und Càndido durchlebt auf der anderen Seite unendliches Elend – auf der Suche nach Arbeit, im Verdrängen des Hungers, in der Heimsuchung durch die Natur, der sie viel direkter ausgeliefert sind als die Eigenheimbesitzer auf dem Hügel.

Alles auf Retro

Mit diesem Stoff muss man – hier in München, im deutschen Kalifornien also, heute, da die Willkommenskultur vom Redneck-Gebell der CSU übertönt wird – etwas machen, klar. Nur will Pucher eben auch nicht in die Gleichnisfalle tappen. Das vermeidet er, indem er das Stück exakt dort ansiedelt, wo der Roman spielt: 1995 – ein eigens angefertigter Monolog erläutert, was damals so los war (Einführung Pflegeversicherung, Biergartenrevolution München etc.). Alles auf Retro, typisch Pucher. So verhindert auch die fiese Kostümierung (Annabelle Witt) – Hawaii-Hemden und Kostüme in Türkis- und Rosa-Pinktönen – jede Parallele zur Jetztzeit: Maximaldistanzierung. Karikatur.

Problematisch nur, dass unter dieser grellen Maske nur selten die echten Charaktere aufblitzen, die so eine Entwicklungsgeschichte wie "América" bräuchte: Wird Vorstadtheld Delaney von Jan Bluthardt anfangs noch als tragikomisch-romantischer Spießer gespielt, der akribisch seine Gewissensdialoge sortiert, bleibt sein rassistischer Furor am Ende farblos. Gattin Kyra (Wiebke Puls), eine Immobilienmaklerin, bleibt hysterische Neunziger-Tussi. Auch Stefan Merki und Jochen Noch stellen in der Rolle der konservativen Community-Nachbarn nicht viel mehr dar als die Statuen ihrer (allseits prägnanten) Körper. Einzig Peter Brombacher schimmert hinter seiner Pilotenbrille prägnant hervor: Wie er, zunächst zurückhaltend und leise, schließlich bassdröhnend, die Angst vor den Mexikanern in Delaneys Ohr einträufelt, ist ein bitteres rhetorisches Vergnügen.

Die Stimme der Unvernommenen

Boyle führt in seinem Roman die Parallelhandlung des mexikanischen Paares streng symmetrisch zum Community-Geschehen. Das hebt Pucher auf – der vielleicht interessanteste Aspekt des Abends. América und Càndido treten zunächst nur in Dioramen hinter Plexiglas auf, reden meist Spanisch, bestenfalls Englisch, wenn sie in Videoeinspielungen, quasi als Expert*innen in eigener Sache autorisiert werden, ihre Geschichte zu erzählen. Oft singen sie: Das Schicksal der Illegalen als eine Art Musicaleinlage, als romantische Projektion der Einheimischen und Sad-and-Sentimental-Story, anhand derer sich die beiden Charaktere als Leidende und damit erst nach und nach als Handelnde legitimieren. Eine schlüssige Lösung, die Stimme der Unvernommenen hörbar zu machen.

Minimalistisch und kraftvoll hebt Sylvana Seddigs América gegen Ende dann zum stillen Höhepunkt des Abends an. Die Vergewaltigungsszene, in der sie zwei grimmigen Landsleuten in die Arme fällt, tanzt sie in einem sprachlosen Pas de Trois – und stülpt damit den Ekel und die Ohnmacht der Illegalen über das eigene Ausgeliefertsein gewissermaßen nach außen.

America2 560 ArnoDeclair uMexikaner in Dioramen rahmen das Poolwasser der Gated Community © Arno Declair

Leider sind auch die Szenen der Mexikaner brutal verdeckt – vom Panzer aus Text, den Pucher seinem Ensemble zumutet. Aus nebulösen Gründen muss sehr, sehr viel Originalmasse des Romans aufgesagt werden. Gespielt wird am Ende gar nicht mehr – selbst ein hochdramatischer Showdown, wie Boyles Romanschluss ihn bietet, wird auf der Bühnenschneise nur noch nacherzählt. Und versandet.

 

América
nach dem Roman von T. C. Boyle
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Sylvana Seddig, Wiebke Puls, Peter Brombacher, Stefan Merki, Samouil Stoyanov, Jochen Noch, Jan Bluthardt, Gonzalo Cunill, Max Krause, László Branko Breiding.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Pucher kompiliere auf der Bühne mehrere Parallelwelten, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (14.5.2016), wobei Gonzalo Cunill und Sylvana Seddig, als Mexikaner "hinter Glas ausgestellt und exotisiert, als stilisierte Tableaux vivants", die stärksten Szenen gelängen: "Verzweifelte, brutale Stille, zarte Nähe, Variationen von Gewalt und Abhängigkeit". Das "durchkonstruierte sprechende Setting" werde allerdings "nach der Hälfte des Abends komplett zerlegt, um einer einzigen, deutlich schwächeren Metapher Platz zu machen." Letztlich handele Pucher so T.C. Boyles Beobachtungen, "die auch etwas über unsere eigene akute Anfälligkeit für Ängste und Vereinfachungen erzählen können", zu beiläufig ab.

Zu den Qualitäten von Puchers Inszenierung gehört laut Mathias Hejny von der Münchner Abendzeitung (14.5.2016) "der sowohl die Zeiten als auch die Räume übergreifende Blick auf die Figuren, die ihre Selbstreflexion bis in ihre eigene Zukunft treiben können." Dieses "eher beobachtende Konzept" übertrage sich aber "nicht immer zugunsten der Dynamik auf die gesamte Spielweise." Und das" spektakuläre Finale, das Boyle in seiner Worst-Case-Dramaturgie der schlimmstmöglichen Wendungen in einer apokalyptischen Abfolge von Feuersbrunst und Erdrutsch spielen lässt, bleibt bei Pucher so trocken wie die nahegelegene Mojave-Wüste."

Pucher habe eine "sehr überzeugende Methode" gefunden, T.C. Boyles Roman América in geraffter Form auf die Bühne zu bringen, meint Cornelie Ueding auf der Website des Deutschlandfunks (Zugriff 14.5.2016). Es gehe "im weitesten Sinn um Übergriffe – das ist das Hauptthema von Stefan Puchers Romanverdichtung. Übergriffe auf die Menschen, auf die Natur, auf Freiheit, Selbstbestimmung und Kommunikationsformen." Es sei allerdings, auch wenn es Absicht sein möge, "dennoch zu bedauern, dass die Aufführung" im zweiten Teil "zerfasert und an Spannung verliert."

 

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