Wo, bitte, geht's hier zum Theater?

von Valeria Heintges

Zürich, 21. Mai 2016. Spät, sehr spät kommt Zürich mit Elfriede Jelineks Werk "Die Schutzbefohlenen". Dafür aber mit Wucht: fünf Häuser, sechs Stationen, zehn Aufführungen, dazu drei Konzerte und ein fünf Punkte umfassendes Rahmenprogramm. Das Gesamtprogramm dauert von 17 Uhr bis Mitternacht, mindestens. Kein Mensch kann alles sehen, trotz der Shuttlebusse zur Roten Fabrik am linken Seeufer. Aber "Die Schutzbefohlenen" als Event? Als Happening, Bananen und Schokoriegeln für den Snack in der Pause, mit freundlicher Unterstützung vom Milliardenkonzern Migros?

Das komische Gefühl wird im Laufe des Abends zum Magenschmerz sondergleichen, um das gleich vorwegzunehmen. Denn soviel Gutwillen, soviel Naivität, eine so häufige Verwechslung von sozialen Projekten und legitimer Wut eines guten Theaterstücks hat man dann doch – zum Glück! - auf der Bühne selten gesehen.

"Die, should sea be fallen in" zeigt die Ergebnisse eines Übersetzungsprojektes im Theater Winkelwiese. Wie soll man auch die Jelinekschen Wortspiele und Doppeldeutigkeiten in Urdu, Pashto, Arabisch, Georgisch, Tuschetisch, Kasachisch übersetzen? Aber von dem schwierigen Prozess sieht man nichts, hört nur Fetzen der Sprachen (Ni! Ni! Ni! U! U! U!) und ein in Pashto gesungenes Lied und einen freundlichen Tanz auf dem arabischen Teppich.

Stoßgebete an den Lottogott

Schade ist, dass mehrere der Flüchtlinge aus dem Refugee Protest Camp Vienna – deren Schicksal Jelinek ja zum Ursprungstext animierte – nicht kommen konnten, weil ihnen ohne Papiere die Einreise verweigert wurde. Eine gute Idee, auf ihren Namen Plätze zu reservieren, die dann verwaisen. Doch der Abend blieb so oder so: untheatralisch, peinigend unreflektiert. Am schlimmsten: er führte nicht auf. Sondern die Laiendarsteller vor.

SCHUTZBEFOHLENE Winkelwiese 560 Ingo Hoehn u"Die, should sea be fallen" in der Winkelwiese © Ingo Höhn

Brutal-real die Einsicht im Jelinek-Text, das Schicksal der Flüchtlinge sei gleich einem Los von Zufällen abhängig. Daraus entwickeln die Kollektive K.U.R.S.K. und Neue Dringlichkeit in der Gessnerallee den Abend "Glückslose für Rechtlose": Flüchtlinge in einem griechischen Camp füllen die eine Hälfte eines Lottoscheins aus, Theaterbesucher in Zürich die andere. Der Gewinn, so er denn kommt, geht allein an den Flüchtling, damit er seine Schlepper zahlen kann. Gute Idee. Schön. Aber im Theater Gessnerallee wird daraus zehn Minuten Warten, bis ein Teil der Zuschauer Losscheine ausgefüllt hat. Dann kommt ein Film, in dem der Syrer Nasser berührend von seinem Leben erzählt, dann füllt er den Schein aus, ein paar gutgemeinte Worte – und der Abend ist vorbei. Wo, bitte, geht es hier zum Theater?

Schwarze Teufel, weiße Engel

In drastisch-arroganten Worten wirft die Truppe "asuperheroscape" im Fabriktheater der Roten Fabrik Elfriede Jelinek vor, keinen Ausweg aus der Misere zu weisen, einen langweiligen Text geschrieben zu haben, der "allein die im (österreichischen) Bürgertum vorherrschenden Gefühlwirren" wiedergebe. Als Alternative dazu: ein in roten Lack gewandeter Schweizer, der Teilnahme fordert. Ein Teufel im schwarzen und ein Engel im weissen Lack, die das Publikum agitieren. Johannes Suhm als Teufel propagiert wütend-schreiend das "kommunale Wahlrecht", Dietrich Kuhlbrodt erzählt von seinen Erinnerungen aus der Nazizeit. Alles richtig, alles traurig. Aber eine Rede, die eine Bühne mit einer Wahlveranstaltung verwechselt, und ein Haufen Wut machen wieder nur einen unerträglichen Theaterabend.

Schutzbefohlene JungesSchauspielhaus1 560 Raphael Hadad uWassernixen heute, und wovon sie erzählen können © Raphael Hadad

Und so reift bald die Erkenntnis: Mit Abstand am besten sind die Arbeiten, die sich direkt mit Jelineks Text auseinandersetzen. Simpel und doch bestechend die Idee von Regisseur Daniel Kuschewski, Jelineks "Coda" über das Unterwegssein der Flüchtlinge auf dem Meer von drei Nixen sprechen zu lassen. Rosario Bona, Judith Cuenod und Benedict Fellmer stecken in gelbem, rosa oder blauem Nixenschwanz, Bikini-Oberteil und langwallender Blondperücke. Wenn sie Zeilen sprechen wie "Ich setz mich doch nicht in ein Boot, wenn ich nicht schwimmen kann", wirkt da so zynisch, dass einem beim Hören fast schlecht wird. Die Produktion "Hoffen auf ein Leben im Irgendwo" des Jungen Schauspielhauses läuft in der winzigen Kammer im Keller – und ragt doch weit über viele Arbeiten hinaus.

Deutsch lernen mit Jelinek

In der Gessnerallee bekommen die Zuschauer eine Broschüre in die Hand gedrückt, das Ergebnis einer vorangegangenen Arbeit, "DeutschKURSK". Die Truppe um Timo Krstin und Miriam Walther Kohn hat Jelineks Text fürs Deutschlernen an der Autonomen Schule Zürich benutzt – und die armen Schüler und Schülerinnen damit natürlich komplett überfordert. Sehr bereichernd, vom Aufdecken der vielen Doppeldeutigkeiten zu lesen – und den daraufhin entstandenen Korrektur-Text, den die Schüler erstellt haben.

SCHUTZBEFOHLENE1 Schauspielhaus 560 Raphael Hadad uOzeandampfer? "Unerhörtes aus der Unterwelt" von Barbara Frey inszeniert, von Fritz Hauser komponiert © Raphael Hadad

Und dann war da noch der Anfang: Regisseurin und Intendantin Barbara Frey inszeniert mit dem Schlagzeuger und Komponisten Fritz Hauser "Unerhörtes aus der Unterwelt" - und setzt sich dafür selbst neben ihn ans Schlagzeug. Auf der Bühne eine Lounge in einem der edlen Schweizer Hotel-Schuppen in den Bergen. Oder vielleicht doch auf einem Ozeandampfer? Drei Damen, herausgeputzt, Hochsteckfrisur, schillerndes Abendkleid, vier Herren im schwarzen Anzug, Fliege. Man weiss sich zu benehmen. Wird aber in Worten so ausfällig, wie es eben Elfriede Jelinek in ihrem neusten Text "Europas Wehr. Jetzt staut es sich aber sehr" den Verwaltern und Entscheidern AfD-like in den Mund getextet hat. Sie spucken Sätze wie: "Wir brauchen niemand. Wir sind schon wer" oder "Wir müssen den Zuzug beschränken. Wir sind doch nicht beschränkt", dazu schlägt das Schlagzeug den Puls der Zeit oder ein unerbittlich zählendes Messgerät.

Stier am Klavier

Der Stier Europa darf am Klavier nur noch die Hintergrundmusik liefern, zu sagen hat er nichts. "Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben" singen sie am Schluss Johann Sebastian Bachs Kantate. Ein eindrücklicher Auftakt, dem man einzig vorwerfen könnte, dass er es dem Publikum ein wenig zu wohlig-warm macht. Denn die Haltung: So eklig wie die da oben bin ich doch lange nicht, fällt eben bei solchen reichen und bornierten Herrschaften allzu leicht. Aber von den Höhen der theoretischen Diskussion um das Werk, die schon Uraufführungsregisseur Nicolas Stemann in Mannheim und Hamburg angestossen hat, ist man in Zürich ohnehin sehr weit entfernt.

 

Unerhörtes aus der Unterwelt
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Gottfried Breitfuss, Hans Kremer, Michael Neuenschwander, Elisa Plüss, Susanne-Marie Wrage, Bastian Kohl (Gesang), Lin Shi (Gesang), Barbara Frey (Percussion), Fritz Hauser (Percussion), Kelly Thomas (Klavier).
www.schauspielhaus.ch

Hoffen auf ein Leben im Irgendwo
Regie: Daniel Kuschewski, Bühne und Kostüme: Thomas Unthan, Licht: Rasmus Stahel, Dramaturgie: Petra Fischer.
Mit: Rosario Bona, Judith Cuenod, Benedict Fellmer.
www.junges.schauspielhaus.ch

DeutschKURSK
Konzept und Künstlerische Leitung: Timo Krstin, Miriam Walther Kohn; Text: Timo Krstin, Miriam Walther Kohn, Samuel Eberenz, Khalid Ahmed & SchülerInnen der DeutschKURSK an der Autonomen Schule Zürich; Licht: André Donze.
Mit: Rahel Sternberg, Bianca Kriel, Khalid Ahmed, Miriam Walther Kohn, Timo Krstin.
www.gessnerallee.ch

Glückslose für Rechtlose
von und mit Alireza Bayram, Samuel Eberenz, Bianca Kriel, Timo Krstin, Rahel Sternberg, Miriam Walther Kohn; Licht André Donze.
www.gessnerallee.ch


Wer befiehlt?
Konzept und Regie: Tim Zulauf, Videoschnitt: Guido Henseler, Kamera: Guido Henseler, Katrin Oettli, Eva von Wartburg.
Mit: Philippe Graff / Dan Jakob/ Marcus Rehberger, Thomas Isler, Delegation der VOLKSREPUBLIK AUSSERSIHL, Trixa Arnold & Ilja Komarov, 1visible (Gülizar Cestan, Denise Battaglia, Mirjam Neidhart, Anton Ponrajah, Natalia Tiet, Claudia Tolusso, Beren Tuna), Samuel Schwarz / 400asa, K.U.R.S.K., HotAirProduction, B N & R (Jan Beller, Julia Nussbaumer, Pia Richter), Clavadetscher / Cromme / Stucki, knowbotiq, Das morphologische Institut (Heta Multanen, Salome Schneebeli, Demian Wohler), Reiter / Dlaboha / Caruso, Blöchle / Fornezzi / Meul, Alexander Tuchaček.
www.gessnerallee.ch

Die Schutzbefohlenen – In Alphabetical Order
Regie und Einrichtung: Markus Öhrn, Textbearbeitung: Pär Thörn. 
Mit singenden Mädchen von 9 bis 18 Jahren
www.theaterneumarkt.ch  

Die, should sea be fallen in
von und mit Ivna Žic und Peter Waterhouse und den ÜbersetzerInnen Zargay Husainy Halim, Siddique Akbar, Jamshid Bahadar, Julia Bernhardt, Amer Alkojjeh, Aigerim Rakhimzhanova, Helmut Ege, Muhammad Issa Ahmadzai, Anna Etteldorf, Gregor Pirgie, Franziska Füchsl, Sultan Ali, Rosalinda Napadenski, Nisar Ali, Felix Reinstadler, Alexander Wöran, Peter Waterhouse, Zinat Gul Afridi, Miriam Rainer.
Eine Produktion von Versatorium Wien, Refugee Protest Camp Vienna, DRAMA FORUM von uniT Graz, Theater Winkelwiese  
www.winkelwiese.ch   

Wir Schutzgebenden  
Spiel: Tobias Bühlmann, Dietrich Kuhlbrodt, Johannes Suhm; Konzept und Regie: Tobias Bühlmann, Konzept und Dramaturgie: Fabian Larsson, Ausstattung und Licht: Lukas Sander, Kostüme: Mimi Bühlmann, Produktionsleitung: Tobias Herzberg. 
www.fabriktheater.ch

Exodus
Konzept und Performance: Andreas Liebmann und Cecilie Ullerup Schmidt, Bühne und Kostüme: Manuel Gerst, Musik: Matthias Meppelink.
www.fabriktheater.ch

Poetry Slam
Mit: Amina Abdulkadir und Simone Chen 
www.fabriktheater.ch

Dauer: 17 Uhr bis Mitternacht die lange Runde, halb so lange Runde möglich, jeweils 45 Minuten Pause

 

Kritikenrundschau

Für Barbara Villiger Heilig hat "weniger die Krisensituation der Flüchtlinge im Zentrum" gestanden "als vielmehr eine Art theatralische Care-Team-Aktion". "Nichts Erschütterndes" habe die lange Nacht des Flüchtlingstheaters als immediates Erlebnis gebracht, schreibt sie in der Neuen Zürcher Zeitung (23.5.2016). "Das ewige Problem, inwiefern eine reale Katastrophe im Medium des Theaters adäquat – was immer das meint – dargestellt oder vermittelt werden könnte, blieb ungelöst." Die "fabelhaften Schauspielhaus-Darbietungen" seien auf der konventionellen Seite geblieben, andernorts nur "magere Experimente".

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