Wer das Vaterland verrät

von Veronika Krenn

Wien, 25. Mai 2016. Wenn Fremde in die Bergidylle eindringen, nimmt das Unheil seinen Lauf. Der linke Universitätsdozent Frank Böwe verwahrt sein Gewehr, für das er einen Waffenschein besitzt, in der Glasvitrine seines schicken Holzkubus. An der Wand hängt ein Geweih, im Kamin brennt Feuer, in seinem Herzen herrscht Eiszeit. "Wir sind Sklaven des Geldes. Wer wird der neue Spartacus?" – euphorisiert von Bier erzählt Frank der Ungarin Ilona von seiner Brandrede am Grab seines Freundes. Die "Schlange Wohlstand" habe sie alle verführt, waren seine Worte. Als plötzlich Ilonas eifersüchtiger Mann vor ihm steht, vor dem sie nach Österreich geflohen ist, ist jeglicher Impuls zum Sklavenaufstand in ihm erstickt.

Disziplinierungsprogramm für die Westeuropäer

Ein idyllischer Kubus auf einer Plattform in den Bergen (Bühne: Juli Balázs) wird zum alptraumhaften Schauplatz eines apokalyptischen Thrillers. Zwei Familien, eine west- und eine osteuropäische, suchen darin Zuflucht vor einem Sturm: Frank und seine Frau Judith sprechen beide dem Alkohol zu, ihr 25-jähriger Sohn Felix noch anderen Drogen. Der Ungar János verfolgt seine Frau Ilona, die ihn verlassen hat, wahlweise mit der rasenden Liebe eines bedürftigen Kindes oder eines Borderliners. Für Frank und Judith, das wohlstandsverwahrloste Paar, und dessen Sohn hat er ein Disziplinierungsprogramm im Sinn. János und Ilonas fünfzehnjähriger, in Ungarn weilender Sohn wird per Skype angerufen. Er besucht das Gymnasium für nationale Verteidigung, hat beim "Terrorabwehrlauf" gesiegt und wird zum Nachwuchsspion ausgebildet. Er lernt auszuforschen, wer sein Vaterland verrät oder es verlassen möchte.

Eiswind 560 ReinhardWerner uFamilien-Treffen in der Luxus-Berghütte: Zsolt Nagy (János), Martin Vischer (Felix), Alexandra Henkel (Judith), Falk Rockstroh (Frank), Lilla Sárosdi (Ilona) © Reinhard Werner

Im Team mit der ungarischen Autorin Éva Zabezsinskij lässt Regisseur Árpád Schilling in "Eiswind/Hideg szelek" Figuren von der Leine, denen nichts Menschliches und Unmenschliches fremd ist. Von einem Schritt zum nächsten tappen und stolpern sie von der Opfer- zur Täterrolle und wieder retour. Schilling lotet dabei die feinen Bruchstellen aus, Momente, in denen Formen von Radikalisierung Platz greifen.

Der Opferrolle das Messer ansetzen

Zwei Stunden herrliches Schauspielertheater am Wiener Akademietheater, mit genialer Live-Musik, in denen etwa Falk Rockstroh als Frank im linken Intellektuellen dunkle Seiten erahnen lässt. Zu seiner Frau Judith sagt er: "Sei nett zu den stinkenden, rülpsenden Menschen mit ihren schlechten Zähnen und fettigen Haaren in ihren billigen Klamotten. Setz dich einfach hin, und beobachte sie, als wärest du im Theater." Alexandra Henkel lässt ihre Judith tief sinken und schlussendlich über sich hinauswachsen: Zuerst verbietet die elegante, verspannte Chefredakteurin ihrem Gatten mit den Worten den Mund: "Halt die Klappe, wenn wir miteinander reden!"

Am Ende des Tages kriecht die vor Sentimentalität übertriefende Alkoholikerin am Boden, wirbelt wie ein tobender Sturm durch den Raum. Der Morgen danach: ein großes Bild des Jammers. Martin Vischer überzeugt als Sohn Felix, obwohl seine Radikalisierung in ihrer Vehemenz vielleicht etwas rasch vonstatten geht. Zolt Nagys János gibt einen herrlichen Borderliner. Ilonas Aufbegehren und Scheitern spielt Lilla Sárosdi als stillen Schrei.

Wenn die Frauen am Schluss aufbegehren und der passiven Opferrolle das Messer ansetzen, scheint nicht alles verloren. Die Irritation, die nach der Aufführung bleibt, lässt keineswegs kalt.

 

Eiswind / Hideg szelek
von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij, Deutsch  von Anna Lengyel
(Text)Mitarbeit: Annamária Láng
Regie: Árpád Schilling, Bühne und Kostüme: Juli Balázs, Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit: Lilla Sárosdi, Falk Rockstroh, Zsolt Nagy, Alexandra Henkel, Martin Vischer, András Lukács, Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Alles zu Ungarn und dem ungarischen Theater finden Sie im Lexikoneintrag.



Kritikenrundschau

Von einem "psychologisch dichten Kammerspiel" berichtet Michael Wurmitzer in einer nächtlichen Kurzkritik im Standard (25.5.2016). "Die Radikalisierung Europas, das Wiedererstarken des Nationalismus benennt Schilling als Themen. Damit verbunden ist es vor allem auch eine Krise der Männlichkeit, die er zwischen Orientierungslosigkeit, Machismus und rechten Tugenden vorführt. Gut und Böse gestalten sich dabei aber diffizil. Die Situationen und Bilder, zu denen sie sich dabei steigern, sind stark bis grandios."

Für Bernd Noack von Spiegel Online (26.5.2016) läuft an diesem Abend, der "unschwer" Parallelen zu "Viktor Orbáns Rhetorik und Politik im heutigen Ungarn" erkennen lasse, doch vieles "ziemlich holterdipolter". Árpád Schilling gehe "als Autor und auch als Regisseur etwas der Gaul durch. Er will erzählen, wie latent die Intoleranz ist und wie schnell die Stimmung der Unzufriedenheit und krude Furchtgespinste in blinden Hass umschlagen können. Zu sehen aber sind auf der Bühne nur hektische Betriebsamkeit und die Behauptung einer mörderischen Entwicklung, einer geistigen Verrohung, die nicht wirklich nachvollziehbar ist."

Anderthalb Stunden plätschere "Eiswind" "als harmlose und auch etwas fade Urlaubskomödie dahin", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (27.5.2016) Die längste Zeit frage man sich, "was das Stück eigentlich mit Orbáns Politik beziehungsweise mit 'Radikalisierung und Nationalismus vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise' zu tun" habe, wie es angekündigt gewesen sei. "Erst in der letzten halben Stunde wird's ernst, dann dafür richtig heftig." Offenbar habe Árpád Schilling "eine schwarze Parabel auf ein Europa" vorgeschwebt, "in dem die schärfsten Kritiker der Wölfe selber welche sind. Das ist gründlich misslungen. Das Stück ist so brachial gebaut, dass das dicke Ende seine Wirkung verfehlt. 'Eiswind' ist ein Verzweiflungsakt von einer Inszenierung."

Die Aufführung habe das Publikum zwei Stunden "mit jähen Wendungen" in Atem gehalten, berichtet Barbara Petsch in der Presse (27.5.2016). "Brechts Dramaturgie, an der sich Schilling orientiert", beruhe "auf klaren und eindeutigen Botschaften. In diesem Fall sind das hie die herzlosen Westler und da die hitzigen Ungarn." "Eiswind" erinnere aber auch "an 'Biedermann und die Brandstifter' von Max Frisch. Schilling, der aus einem Land kommt, das gegenwärtig immer aussichtsloser gegen den Faschismus kämpft, führt, verständlich, nicht die feine Klinge eines Botho Strauß. Seine Parabel wirkt gut konstruiert, aber auch etwas grob und schematisch." Und, so schließt Petsch, "ein reicher Jude, der mit der Schickimicki-Gesellschaft auf die Jagd geht", sei, "auch wenn das keinesfalls so gemeint ist, trotzdem ein antisemitisches Stereotyp."

 

 

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