Gruppenbild mit Jahreszeiten

von Felizitas Ammann

Zürich, 25. April 2008. Die Vorgeschichte geht so: Jürgen Gosch inszenierte vor eineinhalb Jahren "Der Gott des Gemetzels" in Zürich, zu seiner Enttäuschung schon wieder auf der alten Pfauenbühne statt endlich in der wunderbaren Halle des Schiffbaus. So bat er Roland Schimmelpfennig, ihm ein Stück für Zürich zu schreiben, das nur im Schiffbau gespielt werden könne. Entstanden ist "Hier und Jetzt", ein Text über Liebe und Betrug, der eigentlich überall gespielt werden könnte, in den kahlen Raum des Schiffbaus aber ganz hervorragend passt.

Johannes Schütz hat den Boden der ganzen Halle mit Erde bedecken lassen. An einer Längsseite sitzt das Publikum, die grossen Fenster im Rücken und vor sich eine lange weisse Tafel. An den Seiten kleine Erdhügel mit spärlichen, grünen Hälmchen. Blühendes Leben sähe anders aus. Das lässt sich auch über die Hochzeitsgäste sagen, die bereits an der Tafel sitzen und mit verschlossenen Mienen in ihren Tellern stochern, kauen, schlucken. Wenn sie dann endlich zu reden anheben, dann kreisen ihre Sätze um eine einzige Geschichte.

Prophezeihung oder Erinnerung?

Eine Geschichte so simpel und rätselhaft, so banal und grausam wie das Leben. Es ist die Geschichte von Katja, die im Elektromarkt Martin kennen lernt, ihren Partner Georg erst betrügt und dann verlässt, was diesen in den Wahnsinn treibt und sie selbst – die ihn nicht vergessen kann – schliesslich auch. Erzählt wird in Bruchstücken, man weiss nicht, ob in der Erinnerung oder als Prophezeiung (schliesslich sitzen Katja und Georg als Brautpaar am Tisch), dann wieder gleichzeitig wie die Geschehnisse stattfinden.

Die Zeit, sie spielt keine Rolle an diesem Theaterabend, dessen zweieinhalb Stunden selbst wie im Flug vergehen. Unversehens ist es Herbst, spritzt eine Frau schweren Regen aus einem Gartenschlauch. Dann kommt der Winter, die Hochzeitsgäste stehen auf dem Tisch und werfen weisse Federchen in die Luft – und setzen sich wieder hin und reden weiter. "Das macht doch nichts", ruft eine, wenn jemand zum x-ten Mal etwas zum Besten gibt, "dafür sind doch die Geschichten da, dass wir sie immer wieder erzählen und immer wieder hören."

Magisch-realistisch

Das Leben als Erzählen, das Erzählen als Leben, als Hinausschieben des Todes, der überall lauert, nicht nur im Winter, wenn ein Totenschädel kreischend hin und her geworfen wird. Jürgen Gosch macht aus dieser Vorlage – auch – einen Abend über das Erzählen auf der Bühne, über das Theater. Die Aufführung beginnt am frühen Abend mit Tageslicht aus den grossen Fenstern und erinnert fast an magisch-realistische Freiluftaufführungen, wird dafür aber bald zu abgedreht, dann plötzlich blutig und brutal, dabei immer wieder klamaukig. Tragik und Banalität gehen im Text wie in der Inszenierung ineinander über.

Komisch und anrührend ist auch das Duell der beiden Männer, das stellvertretend zwei andere Figuren (Fabian Krüger und Gottfried Breitfuss) übernehmen. Sie gehen aufeinander los mit Schwertern, die so schwer sind, dass die Männer erschöpft zusammenbrechen, ohne sich etwas antun zu können. Vom Kampf kehren sie zurück wie aus dem Krieg, gezeichnet, am Ende. Später wird der Liebhaber brutal zusammen geschlagen. Blutüberströmt greift er zur Gitarre, doch Musik und Tanz bleiben mehr lethargisch als exzessiv.

Hochspannung beim Zähneputzen

Während die perfekt sitzenden Pointen zu Beginn noch eine Leichtigkeit des Seins vorgaukelten, treibt Gosch durch Wiederholungen zunehmend den Witz aus. Es ist grossartig, wie der Regisseur die verschiedenen Ebenen im Text und die höchst unterschiedlichen Intensitäten im Spiel bündelt. Wie er dick auftragen kann, ohne die leisen Töne zu verlieren.

Wie er die wache Aufmerksamkeit auf kleine Details, die schon im Stück angelegt ist (sei es das Beobachten von Schnecken oder die Beschreibung des letzten gemeinsamen Zähneputzens), zur Hochspannung steigert. Wie er seine Leute – bis auf wenige Ausbrüche – zweieinhalb Stunden frontal am Tisch spielen lässt. Und wie er sie zum Schluss – gezeichnet von Erschöpfung, Wein und Schmerz – mit schnoddriger Beiläufigkeit abtreten lässt.


Hier und Jetzt (UA)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Jürgen Gosch, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz.
Mit: Dörte Lyssewski, Wolfgang Michael, Karin Pfammatter, Charly Hübner, Corinna Harfouch, Fabian Krüger, Gottfried Breitfuss, Georg Martin Bode, Christine Schorn, Ludwig Boettger, Yohanna Schwertfeger

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr über Gosch-Inszenierungen von Schimmelpfennig-Stücken? Hier geht es zur Nachtkritik der Uraufführung von Calypso im Februar am Hamburger Schauspielhaus, und hier lesen Sie die Nachtkritik zur Uraufführung von Das Reich der Tiere im Berliner Deutschen Theater im vergangenen September.

 

Kritikenrundschau

Jürgen Berger schreibt in der Süddeutschen Zeitung (28.4.2008): Wie so häufig in letzter Zeit handele auch dieses Schimmelpfennig-Stück vom Trinken. Aber: "Es werden darin auch die wichtigen Dinge des Lebens verhandelt: Liebe und Hass, Begehren und Langeweile, der Schmerz der Trennung und die Komik der Verzweiflung." Zum Beispiel schmerze es Georg, dass Katja zu einem andern … das wiederum hat "zur Folge, dass Wolfgang Michael wie eine schlappe Trauerweide in der Zürcher Schiffbauhalle steht und wie ein hypnotisierter Berner zum Horn greift. Aber es kommt kein Ton." Roland Schimmelpfennig wolle "großes Splatterkino" und Jürgen Gosch "macht schreiendes Blut- und Hodentheater". Das man aber nicht sieht. Wenn die Kampfhähne wieder hinter der Hochzeitstafel hervorkommen, "könnte der Anblick nicht komischer sein. Wolfgang Michael wirkt ungerührt, als könne er keiner Fliege was zuleide tun - Charly Hübner allerdings ist ein Fall für die Intensivstation." Schimmelpfennig habe eine Art "Beckett-Variation" geschrieben.  "Hier und Jetzt" sei eine "Partitur sich kreuzender Erzählstimmen". Wenn die Hochzeitsgäste erzählten, gehe es immer auch um die "Komik, die dabei entsteht, wenn immer wieder dasselbe erzählt wird." Wenn Christine Schorn als Ilse mal wieder eine ihrer Anwandlungen habe, stehe sie ruckartig auf und gebe "Banales in einem Singsang existentieller Dringlichkeit von sich, dass man meint, sie sei eine Norne der "Tagesschau". Christine Schorn ist ein Ereignis …"

In der Neuen Zürcher Zeitung (28.4.2008) schreibt Barbara Villiger Heilig: "Um Katja (Braut), Georg (Bräutigam) und Martin (Nebenbuhler) dreht sich Roland Schimmelpfennigs neues Stück "Hier und Jetzt", besser gesagt um Katjas sexuell heftigen Seitensprung von Georg zu Martin. Unerschöpflicher Stoff – den die Uraufführung allerdings quasi zu Tode traktiert." - "Schimmelpfennig lässt die Gegenwart verfliessen oder sich auflösen in Vergangenheit und Zukunftgeneriere dabei allerdings "einiges an gedanklicher Schaumschlägerei". Lyrische Beschreibungen von Flora und Fauna, Sonne und Mond erhielten "illustrativen Rückhalt" im Einsatz von allerlei Theatermitteln wie Wasserschlauch, flaumige Federn als Schnee, der Nebelmaschine. "Das ist Kitsch, nicht Poesie." Ohnehin klinge Schimmelpfennig "seit geraumer Zeit" wie ein "epigonales Echo auf Peter Handke und Botho Strauss". Schimmelpfennigs von "exquisiten Schauspielern" gespieltes "Kunsthandwerk" reihe "lauter Momente" aneinander: "der Betroffenheit, der Verklärung, der Ohnmacht, des Schmerzes, der Sehnsucht, der Freude, der Enttäuschung, des Grauens und was der emotionalen Nuancen mehr sind… Nur wozu?" Diese Frage beantworte auch Regisseur Gosch nicht, sondern gebe sich stattdessen "seinem Hang zur tragisch getönten Drastik hin. Draufhauen lautet die Devise je länger, desto deutlicher…"

Im Zürcher Tages-Anzeiger schreibt Peter Müller (28.4.2008): "Roland Schimmelpfennig springt beim Erzählen seiner Dreiecksgeschichte bald vorwärts, bald rückwärts, er behängt sie mit rätselhaften Satzgirlanden und fremden Storyfetzen, mit Naturpoesie und Fäkalslang, lässt aus Brehms Tierleben dozieren, Kinderlieder singen oder abgründig raunen." Wiederholung und Variation seien die Bauprinzipien des Dramatikers, das könne "musikalisch" wirken oder auch "bloss geschwätzig". Gelegentlich spreize sich der Stückeschreiber, dann hänge am "dünnen roten Faden hängt bedrohlich metaphysisches Schwergewicht". Gosch kaschiere das nicht, aber er mache noch "das Schwerfällige oft verblüffend leicht". "Vor allem aber gelingt es Gosch, seine Hochzeitsgesellschaft zum fabelhaften Ensemble zu verschmelzen. Da ist er konkurrenzlos am deutschsprachigen Theater ... Niemand drängelt vor. Alle sind sie stark." Natürlich gibt es auch wieder die Archaik: "Unversehens sind die Hochzeitsgäste Tilo und Peter nackt, und Tilo schleppt den beleibten Bruder auf dem Rücken durch die Bühnenlandschaft. Kain und Abel vielleicht, dreckverschmiert. Oder die beiden rüsten sich zum Ritterduell und schlagen mit ihren Langschwertern um sich, keuchend und kotzend."

Martin Halter vermeldet in der Frankfurter Allgemeinen (29.4.2008), dass Zeit und Raum in Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt" "wunderbar aufgehoben" seien: "Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur reine Gegenwart, und was die Gäste allein, im Duett oder im Chor erzählen, kann Erinnerung oder Prophezeiung, persönliche Erfahrung oder kollektiver Mythos, postdramatisches Theater oder dionysisches Fest sein." Jürgen Gosch inszeniere "das Hier und Jetzt von Gewalt und Liebe mit schönem Witz und leuchtenden Farben", doch er nehme "das schwerelose, heitere, geheimnisvolle Stück" auch "ziemlich schwer". Schimmelpfennig sei "einer unserer stärksten Theaterautoren, wenn er so märchenhaft konzentriert, so komisch abwesend schreibt wie diesmal. Aber selbst ein gutes Schimmelpfennig-Stück kann nicht das Vierzigfache seines eigenen Gewichts tragen. Es ächzt schon sehr unter Goschs Lust an der Sauerei und Barbarei, die jeder Mann in sich trägt."

 

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