Gut geölte Effektmaschine 

von Ralph Gambihler

Leipzig, den 26. April 2008. Vom Herrschen und Dienen handelt dieses selten gespielte Stück. Von den langen Hebeln der Macht und den kürzeren der Kunst. Und wenn etwas wirklich wie geschmiert funktioniert im dramatischen Getriebe von Wolfgang Engels Leipziger Abschiedsinszenierung, dann ist es zunächst einmal die Technik in Gestalt der Drehbühne. Die darf gravitätisch und geschmeidig ihrem Zweck dienen. Kaum eine Szene, in deren letzte Worte hinein das Karussell von Bulgakows komischer Heuchel-Olympiade nicht in Bewegung gesetzt würde. Da zeigt sich etwas von allen Seiten und will auf keinen Fall in statuarischer Eindeutigkeit verharren.

Dann steht aber doch wieder alles still und Herr de Molière wird nervös. Der Blick der Macht ruht auf ihm, dem frechen Theatermann mit dem scharfen Verstand. Im Parkett: seine Majestät Ludwig XIV., amüsiert und angetan. Ihm zu Ehren muss der schauspielernde Schreibstar noch einmal raus auf die Bühne. Unsicher dienert er vor seinem Souverän. Der Dank für den königlichen Applaus gerät aber arg hölzern, und so rettet sich Molière in schöne Verse. Wohlwollen kann anstrengend sein, wenn es oben kommt, aus absolutistischen Höhen zum Beispiel.

Historisierendes Lach- und Lehrstück
Der russische Dramatiker und Romancier Michail Bulgakow reagierte mit dem Künstlerdrama "Molière und die Verschwörung der Heuchler" unmittelbar auf sein eigenes Schicksal. Als Lieblingsautor Stalins war er 1929 in das Kreuzfeuer scharfer Ideologisierung geraten, das der proletarische Schriftstellerverband RAPP eröffnet hatte. Soeben noch ein gefeierter Mann, wurde aus Bulgakow ein verbotener Schriftsteller. Im Untergang seines Vorbildes Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière, erkannte er die eigene literarische Beerdigung. Molière war seinerzeit mit "Tartuffe" in Ungnade gefallen. Und so projizierte sein Nachfahre in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück.

Heraus gekommen ist ein historisierendes Lach-und-Lehrstück über Staatsmacht und Künstlertum und eine Hommage an einen Theaterprinzipal "mit verrutschender Würde und Anflügen von Selbstmitleid". Worin besteht die Aktualität des Stoffes? – Am ehesten in jener Aktualität, die alle halbwegs zeitlosen Stoffe (Macht!) haben.

Damit hat es sich allerdings auch schon, und so ist der matte Eindruck, den der Abend trotz seiner vielfältigen dramatischen, bisweilen opernhaften Bemühungen hinterlässt, vor allem der Tatsache geschuldet, dass der Zeitlosigkeit die Brisanz abhanden gekommen ist. Eine Kunst aber, die alle wesentlichen Tabubrüche begangen hat, musealisiert sich, wenn sie verschwundene Tabus vorzuführen versucht.

Brüllanter Theaterdirektorentyrann
Und vorgeführt wird viel in Leipzig, wo Wolfgang Engel nach 13-jähriger Intendanz seinen Posten demnächst für Sebastian Hartmann räumt (nicht eben in Harmonie). Die dominante Tonlage dabei ist die Brüllarie. Spezialisiert auf heftige Töne ist vor allem der Molière von Thomas Huber.

Wenn sein Theaterdirektorentyrann leidenschaftlich liebt (die schöne Armande, die dummerweise seine Tochter ist), trommelt er mit Fäusten auf seine Brust und brüllt in äffischer Verzückung. Auch wenn er gegen Ende, nach erfolgreicher Verleumdung durch den Erzbischof (Matthias Hummitzsch) und seine Kamarilla, ein Bündel aus Hass geworden ist, strapaziert er sein Organ bedenklich.

Die Widersprüchlichkeit der Figur wird dabei bis zum Abwinken ausgestellt: der heuchelnde Heuchlerjäger, der dramatisierende Dramatiker, das Opfer tricksender Herrschaft, das selber trickst und herrscht. Wir sehen: eine Typenkomödie alter Schule, mit Alonge-Perücke und Justeaucorps.

Man zeigt Kostüm und manches Hinterteil
Bleibt die Hommage an das Theater. In die hat Wolfgang Engel seine Erfahrung und seine Liebe einfließen lassen. Herausgekommen ist aber eher eine Art Theaterhandwerksschau, aufgemacht als Mantel-und Degen-Drama, mit Referenzen an die Commedia del arte.

Alles Theater! sekundiert die Bühne von Horst Vogelgesang mit ihrer doppelten Guckkastensituationen und dem mittigen Zimmerverhau eines Hinter-den-Kulissen. Die roten Samtvorhänge werden fleißig auf und zu gezogen. Man zeigt Kostüm und manches Hinterteil, die Subalternen genauso wie die Mächtige. Der Klamauk der Schmierenkomödie wird mit Hingabe dargeboten.

Das klassische Requisit eines im falschen Moment knallenden Revolvers kommt ebenso zum Einsatz wie das Augenpulver eines Funkenflugs, das den lässig-gemütvollen Sonnenkönig von Martin Reik ins rechte Licht setzt. Die Effektmaschine wurde also gut geölt für Wolfgang Engels Finale am Schauspiel Leipzig.

 

Molière oder die Verschwörung der Heuchler
von Michail Bulgakow

Regie: Wolfgang Engel, Bühne: Horst Vogelgesang, Kostüme: Katja Schröder.
Mit: Thomas Huber, Ellen Hellwig, Silvia Weiskopf, Jana Bauke, Thomas Dehler, Aleksandar Radenkovic, Stefan Kaminsky, Friedhelm Eberle, Martin Reik, Gilbert Mieroph, Matthias Hummitzsch, Dieter Jaßlauk, Simon Werner, André Hertzsch und Maik Pradel.

www.schauspiel-leipzig.de

Alles über Wolfgang Engel auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Hartmut Krug (Deutschlandfunk, 27.4.2008) hält Bulgakows Stück für "ein redselig überladenes Erklärstück", zugleich "Liebeserklärung an das Theater wie theatrale Polemik zu den Themen Kunst und Macht, Kunst und Wirklichkeit". Das Stück präsentiere Theater auf dem Theater und lasse oft nicht deutlich werden, wann die Figuren einander etwas vorspielen und wann sie authentisch sein sollten. Das sei natürlich von Bulgakow gewollt, "doch müssten die Figuren dennoch zugleich vorgeführt wie befragt, gespielt wie ausgestellt werden". Engel habe es in seinen vielen Klassikerinszenierungen immer wieder "verstanden, deren Figuren und Probleme heutig erscheinen zu lassen, ohne sie äußerlich zu aktualisieren". Diesmal allerdings nicht. Die Inszenierung liefere "zähes Beeindruckungstheater der großen, abgenutzten Gesten", es fehle jeder "Spannungsbogen" und jegliche "Magie".

Gisela Hoyer schreibt in der Leipziger Volkszeitung (28.4.2008), sie habe ein Fest der Fantasie, ein Rausch der Sinne, ein Taumel der Möglichkeiten gesehen, für den Engel den Fundus habe plündern lassen und alle Tricks der Zunft bemüht. Das Thema, "der ewige Zweikampf zwischen den Künstlern und den Herrschenden", lohne. Die mit der Narrenkappe stellten alles in Frage, die anderen verweigerten "zumindest die Antwort" oder zeigten die Instrumente. Das Prinzip funktioniere, "im absolutistischen Frankreich" genauso wie im Stalinismus und der "Gegenwart". Bloß bleibe diese Botschaft diesmal "eher Papier". "Denn ganz gegen seine berühmt gewordene Gewohnheit im Umgang mit Klassikern holt diesmal der Regisseur das Geschehen nicht ins Heute". Thomas Huber in der Titelpartie lege "seltsam deklamierend so viel Distanz zwischen sich und den Molière", dass man ihm "die Tiefe seiner Verstrickung in die Dinge" nicht immer abnehme. Überzeugend dagegen seien die Damen. Vielleicht sei Film ein Stichwort für diese Engel-Arbeit, die "an Fellini" erinnere oder an "Oper".

In der Sächsischen Zeitung aus Dresden schreibt Johanna Lemke (28.4.2008): Es liege "natürlich" nahe in Bulgakows Moliére "permanent Wolfgang Engel selbst zu entdecken, kleine Parallelen, große Anspielungen finden zu wollen". Auch Engel sei in seiner Zeit als Regisseur am Staatsschauspiel Dresden immer wieder in Auseinandersetzung mit dem Regime geraten. Auch "Engels Jahre in Leipzig seinen ein Kämpfen mit der Macht, der ökonomischen allerdings", gewesen. Wenn es in "Molière" um Obrigkeiten gehe, die Künstlern den Geldhahn abdrehten, dann wisse der Intendant, wovon er spricht. Die Inszenierung besteche "vor allem durch intelligente Unterhaltsamkeit". "Feinster Klamauk, durchkomponierte Slapstick-Einlagen mit allerlei Pyrotechnik und Schreckschusspistolen sorgen für freudiges Gelächter, der obligatorische Nackedei weniger". Thomas Huber "scheint" sich die "Seele aus dem Leib zu spielen". Andere Rollen wirkten bisweilen recht blass, "richtig ärgerlich sind die Frauenfiguren, fast ausnahmslos kuschend und defensiv inszeniert".

Für Irene Bazinger in der Franfurter Allgemeinen Zeitung (30.4.2008) belegt der Abend vor allem Wolfgang Engels "redliche Gesinnung und die Ehrlichkeit im Umgang mit dem Medium Theater", da er sich mit einem kaum bekannten Werk verabschieden und mit dessen Themen seine Arbeit öffentlich befragen und zur Diskussion stellen würde. Die Aufführung selbst fand Bazinger klar, unaufgeregt und liebevoll ausgefeilt. 

In der Süddeutschen Zeitung (3.5.2008) macht sich Peter Laudenbach lustig: In Engels Inszenierung regiere "
dumpfe Selbstgewissheit samt der überraschenden Botschaft, dass die Mächtigen nicht immer nett zu den Kleinen" seien. "Irritationen, zum Beispiel durch Poesie", seien nicht zu befürchten. "Gäbe es einen Grund, diese Inszenierung ernst zu nehmen, müsste man darüber nachdenken, was für ein krudes Geschichts- und Politikverständnis eine Stadttheater-Aufführung transportiert, die die Situation des Theaters in der Monarchie und im Stalinismus umstandslos und nicht frei von Eitelkeit mit der heutigen, subventionsgepolsterten Lage parallel" setze.


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