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Das Krokodil schnappt zu

von Gerhard Preußer

Essen, 1. Oktober 2016. Jago ist in Shakespeares "Othello" nur ein kleiner, zu kurz gekommener Bösewicht. Bei ihm gibt es keine Selbsterkenntnis als Mörder ("I am I") wie bei Richard III., nur die Verstellungskunst des Spielers: "I am not what I seem". Sein Motiv ist nur eigene Eifersucht oder Rache, wenn er Othellos unbegründete Eifersucht anstachelt und ihn mit raffinierten Intrigen dazu bringt, seine junge Frau, die schöne Desdemona, umzubringen. Jago hat nur die "Philosophie eines Krokodils" (Richard Flatter): alles zu sich herunterziehen. Dieses heimtückische Reptil hat sich das Essener Projekt Prinzip Jago zur Leitfigur seiner Kritik des heutigen Journalismus erkoren.

Nick, der Journalisten-Jago, intrigiert sich an die Spitze der Nachrichtenredaktion eines Fernsehsenders, in dem er eine Demonstration von Migranten anzettelt und eskalieren lässt. Die Dynamik, die Nick sich zu Nutze macht, ist die der Beschleunigung der Kommunikation durch die neuen Medien und sozialen Netzwerke. Er spielt mit allen verbrecherischen und fiesen Tricks: falsche Twitter-Nachrichten, Auftrag zur Brandstiftung, vorgetäuschte Entführung, falsche Denunziation als Kinder-Pornograph, Erpressung durch Sex-Videos usw.

DasPrinzipJago14 560 Birgit Hupfeld uEin politisches (Wort-)Gefecht: Thomas Büchel, Silvia Weiskopf, Jan Pröhl
© Birgit Hupfeld

Lynchjustiz und Brandopfer

Brisant wird dieses sonst nur kriminologische Sammelsurium von Teufeleien durch den politischen Hintergrund. Mit seinen Machenschaften verhilft Nick einer Partei namens AfE zur Medienmacht. Es entsteht nicht nur in der Berichterstattung des Fernsehsenders der Eindruck, in Essen herrsche Bürgerkrieg zwischen Rechten und Asylanten, sondern dieser Krieg beginnt tatsächlich mit Lynchjustiz und Brandopfern. Die Erfahrungen der Kölner Silvesternacht werden potenziert, ihre medialen Mechanismen kopiert und aufgeblasen. Und am Ende sind etliche Flüchtlinge, Polizisten und Journalisten tot, ist die Redaktion umsortiert, die AfE-Frau im Rundfunkrat und die Nachrichtensendung stramm auf rechtem Kurs.

Die Hauptfiguren des Essener Projekts sind leicht Shakespeares "Othello" zuzuordnen: Neben Nick (Stefan Diekmann) steht Chefredakteur Ulrich Sonntag (Thomas Bücher) als Gutmensch Othello, Reporter Ben (Thomas Meczele) als Rodrigo, der Mann fürs Grobe, Moderatorin Anja (Jaëla Carolina Probst) als "knackige" Desdemona und Chefin vom Dienst Susanne (Ines Krug) als opportunistischer Leutnant Cassio.

Entstanden ist dieses bitterböse, den aktuellen Journalismus in Grund und Boden stampfende Werk in Kollektivarbeit. Seit Februar 2016 gab es in Essen einen "Writers' Room", die Zusammenarbeit der Drehbuch- und Theaterautoren Ulf Schmidt und Oliver Schmaering mit dem Regisseur Volker Lösch und der Dramaturgin Vera Ring für dieses Projekt. Ulf Schmidt, 2014 Gewinner des Preises des Heidelberger Stückemarktes für Der Marienthaler Dachs, plädiert nachdrücklich für diese Form der Textproduktion nach dem Vorbild der Filmindustrie.

DasPrinzipJago2 560 Birgit Hupfeld uDas Fernsehstudio als politisches Schlachtfeld © Birgit Hupfeld

Tempothesen in lindgrün

Wenn viele daran schreiben, wird der Text auch lang. Drei ein Viertel Stunden lang. Und mit Volker Lösch im Team ist die Richtung klar. Doch wenn man sich an die Hochdruck-Sprechblasen, die Tempothesenschleuderei gewöhnt hat, nimmt der Abend immer noch mehr Fahrt auf. Er wechselt gekonnt, wenn auch nicht sehr subtil, zwischen Bühnensprech, Live-Video, Einspielern und Publikumsintegration. Die Bühne im Grillo-Theater ist ein polemischer Scherz: sie ist lindgrün und ein nachgebautes ZDF heute-Studio (Ausstattung: Carola Reuther).

Die vorproduzierten Videos spielen alle ganz erkennbar in Essen. Essener Straßenschilder, originale Essener Bürger (die fürchterliche Dummheiten über Flüchtlinge äußern), originale jugendliche Flüchtlinge, originale Kommentare von der Pro NRW-Website, originale WAZ-Schlagzeilen. An Verweisen auf die Wirklichkeit wird nicht gespart, nur gelegentlich wird etwas original-fiktiver Shakespeare-Text eingestreut und auch Satanas aus der Johannes-Apokalypse muss herhalten, um den endzeitlichen Triumph des Oberbösen zu markieren. Die Zuspitzung funktioniert dank der Shakespeare'schen Plotkonstruktion, trotz der oberflächlichen Schauspielerei, aber auch dank des enormen Erregungsdurchhaltevermögens der Schauspielerinnen und Schauspieler bis zum Schluss.

Demagogischer Klotz

Bevor sie umgebracht wird, verkündet die aufrechte Anja noch ihr journalistisches Credo (und das Theaterstück seine Botschaft): "Es gibt keine journalistische Neutralität für die, die die journalistische Unabhängigkeit abschaffen wollen!" Volker Lösch meinte wohl schon immer, auf den groben demagogischen Klotz der Rechten gehöre ein ebenso grober ästhetischer Keil der Linken. Diesmal ist ihm ziemlich wirkungsvolles Agitprop-Theater gelungen. Und der grobe Keil trifft auch das feine Journalistenherz.

 

Das Prinzip Jago
von Volker Lösch, Oliver Schmaering und Ulf Schmidt
(Writers' Room Schauspiel Essen 2016)
nach Motiven aus "Othello" von William Shakespeare
Regie: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Carola Reuther, Videografie: Daniel Frerix; Dramaturgie: Vera Ring, Ulf Schmidt.
Mit: Stefan Diekmann, Thomas Büchel, Jaëla Carlina Probst, Ines Krug, Thomas Meczele, Silvia Weiskopf, Jan Pröhl, Alexey Ekimov.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

Kritikenrundschau

Martin Krumbholz von der SZ (3.10.2016) schreibt, die Vorlage für einen energetischen, atemlosen, nie ins Stottern geratenden Theaterabend sei stimmig. "Man darf darin nur nicht nach Widerhaken, nach Ambivalenzen suchen." Die Medienwelt mitsamt ihren Kommerzsendern und Twitter-Eruptionen, siehe sich säuberlich aufgeteilt in Gut und Böse. "Eine gewisse Tendenz zur Überdeutlichkeit darf man dem Theaterabend getrost attestieren. Einen hohen Unterhaltungswert auch." Um dieses Zwecks (und der guten Sache) willen bediene Lösch sich freilich ähnlicher Mittel (Reizüberflutung) wie jener, die er anprangere. "Love it or hate it."

Hartmut Krug vom Deutschlandfunk (2.10.2016) findet, die Inszenierung vermittele sehr genau "in welche Schwierigkeiten heute Redaktionen kommen, wenn sie zugleich schnell und korrekt, also erst nach dem Wahrheitsbeweis einer Information, diese öffentlich machen wollen". Leider überzeuge die Inszenierung schauspielerisch und inszenatorisch nicht immer. "Zuweilen wirkt sie arg redundant, dann wieder ist sie von enervierend lärmender Aufgedrehtheit, ohne dabei rechte Spannung zu entwickeln." Löschs "didaktische Inszenierung" überzeuge thematisch, gehöre aber nicht zu seinen stärksten.

Britta Helmbold von den Ruhrnachrichten (2.10.2016) schreibt: "Mehr als drei Stunden lang wird gezeigt, wie sich im Medienzeitalter die Wirklichkeit manipulieren lässt - inklusive langatmiger Erläuterungen, auch vor einer Power-Point-Präsentation schreckt der Regisseur nicht zurück. Wenig Shakespeare, viel Lösch."

Wolfgang Platzeck lobt in Der Westen (4.10.2016) den "überragende(n)" Stefan Diekmann als Darsteller der Hauptfigur. Er fasst den Verlauf der Handlung ausführlich zusammen und schließt: "Jago-Macher und das fantastische Ensemble wurden nach dem knapp dreieinhalb Stunden kurzen Bühnenereignis stürmisch gefeiert."

Achim Lettmann vom Westfälischen Anzeiger (4.10.2016) moniert: "Es gibt keine Figur, die einen mitnimmt." Das hochmotivierte Ensemble spiele wie aus einem Guss. "Aber Regisseur Volker Lösch setzt zu sehr auf eine Überwältigungsdramaturgie." Sein "Frontalunterricht" setzte zu wenig auf die Erkenntnisliebe im Bühnenspiel, "die braucht es auch".