Postfaktisches Theater

von Steffen Becker

1. November 2016. Mitte Januar platzte eine Bombe in Mannheim. Kurz nach der Kölner Silvesternacht wurde eine Frau von einem Flüchtling vergewaltigt – direkt am Wahrzeichen der Stadt, dem Wasserturm. Er soll nordafrikanisch ausgesehen und eine Jacke getragen haben wie sie als Spende in der nahegelegenen Erstaufnahmeeinrichtung verteilt worden war. Im Mannheimer Nationaltheater fragt Klaus Rodewald, Moderator der Uraufführung "Spiel ohne Grenzen", ob das Publikum das für wahr oder falsch hält – und ob es ein gutes oder ein schlechtes Gerücht ist.

Wer die Medien aufmerksam verfolgt hat, muss nicht raten. Das vermeintliche Opfer hatte die Geschichte erfunden. Aber es war ein verdammt gutes Gerücht. Die entscheidende Frage lassen Autor Peter Michalzik und Regisseur Burkhard C. Kosminski ihren Moderator hinterherschieben: "Wie fühlen Sie sich dabei?". Aus den erleichterten Reaktionen auf das Vergewaltigungs-Dementi ist deutlich herauszulesen, dass die verunsicherten Menschen diesen GAU für möglich gehalten hatten. Für die Böswilligen lebt das Gerücht im Grundsatz ohnehin weiter, weil sie alle Flüchtlinge für Rapefugees halten. Es war ein Volltreffer.

Vorurteile und ihre Verfertigung

Um das alles aufzudröseln, hat Michalzik die Form einer TV-Show ("per se vielschichtig") mit Rodewald als frenetisch-unsympathischen Moderator gewählt. "In dieser diffusen Lage ist es besonders delikat, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir eine gesellschaftliche Situation im Theater abbilden", lässt der Autor, von Hause aus Journalist und Theaterkritiker, sich zur Begründung im Begleitheft zitieren. Das exaltierte Medium sieht er wohl als Möglichkeit weniger feinsinnig vorgehen zu müssen als es ihm die Bühne eines Nationaltheaters ansonsten zu fordern scheint. Und so steht der als typischer Fernsehexperte agierende Sven Prietz in einer "Gerüchteküche", schüttet Salz aus dem "Tetra, das Pack" in den Topf und erklärt, was es mit dem Gerücht an und für sich auf sich hat: Es tut so, als sei es geheim. Gleichzeitig tut es aber auch wieder so, als wüssten es schon viele, und man gehöre nicht so richtig dazu, wenn man es nicht wissen wolle. Ganz fernsehtypisch – klingt hintergründig, ist inhaltlich aber banal.

SpielohneGrenzen2 560 Christian Kleiner hNichts anbrennen lassen! Nektarios Vlachopoulos, Klaus Rodewald © Christian Kleiner

Wie um das zu unterstreichen lässt Regisseur Kosminski den Slam-Poeten Nektarios Vlachopoulos eine Witzkaskade über Juden, Polen, Ossis, Türken, Nazis etc. erzählen. In Slam-typischer Geschwindigkeit ziehen Nationalitäten-Klischees am Publikum vorüber – die bei einem selbst verankerten Stereotypen stechen heraus. Dass ein gutes Gerücht eines ist, das bestehende Meinungen bedient, darauf wäre man allerdings auch so gekommen. Interessanter ist dann schon der Effekt, dass der Inhalt eines Gerüchts in den Horizont passt, nicht jedoch die Machart (oder umgekehrt):

Kosminski lässt etwa das Video einer Pressekonferenz zur Gründung eines deutschen AKP-Ablegers abspielen. Der Parteigründer reißt das Gespräch abrupt um 14:53 an sich, erklärt dies zum Zufall, der keinesfalls mit der türkischen Eroberung des heutigen Istanbuls (1453) in Zusammenhang stehe, und außerdem sei der Slogan "Gestalten statt spalten". Kennt man die Szene nicht, würde man sie für Satire halten – trotz aller dazu passenden Geschichten über die Einflussnahme Erdogans in Deutschland. Der trashige Auftritt ist jedoch authentisch.

Der AfD-Politiker als personifiziertes Gerücht

All diese Szenen sind jedoch ohne festen roten Faden aneinander gereiht. Wie Fremdkörper wirken auch die Auftritte echter Geflüchteter. Von einem Syrer zeigt Kosminski Dokumentaraufnahmen, auf denen Mannheim und seine Problemviertel schön und lebenswert aussehen. Die deutschen Showgestalten machen sich prompt darüber lustig. Sie schieben diese exotische Sichtweise weg, die nicht zu den Gerüchten um Müllberge an Asylantenheimen und in den Park kotende Roma passen will. Zwischendrin dürfen noch ein Iraner und ein Nigerianer rappen, aber nicht um eine sichere Heimstatt bitten ("das passt jetzt nicht ins Skript").

Das hat alles für sich genommen Unterhaltungswert – der Antwort auf die Frage nach der Entstehung, der Dynamik und vor allem der Gegenwehr zu Gerüchten bringt es das Publikum nicht näher. Eher bleibt ein schaler Nachgeschmack. Gerade durch das trashige Format einer Gameshow vermittelt "Spiel ohne Grenzen" das Gefühl, als seien Gerüchte das Problem einer leicht manipulierbaren, unterprivilegierten Schicht.

Dabei muss man nur die Wahlergebnisse der AfD in Mannheim betrachten, um zu erkennen, dass postfaktisches Denken gesellschaftsfähig ist. Einen AfD-Landtagsabgeordneten lässt "Spiel ohne Grenzen" auch zu Wort kommen – als größtes Gerücht der Stadt (er hatte einen Phantomwahlkampf geführt). Hinter einer Maske erklingen von ihm O-Töne, in denen er offenkundigen Blödsinn über Gender und erneuerbare Energien erzählt. Lustig – aber eine genauere Betrachtung, wie er damit durchkam und ein Direktmandat eroberte, hätte sich schon mal gelohnt.

Spiel ohne Grenzen
von Peter Michalzik
Künstlerische Leitung: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Video: Nils Blumenkamp, Projektkoordination: Maya Maurer, Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: Klaus Rodewald, Nektarios Vlachopoulos, Sven Prietz Belal Mahfouz, Emmanuel Owunungo, Adnan Rajibi.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Im Oktober 2015 inszenierte Burkhard C. Kosminski das Doku-Stück Mannheim Arrival von Peter Michalzik zusammen mit Arthur Millers "Blick von der Brücke" – der Doppelabend war als großer "Refugees Welcome"-Gestus des Nationaltheaters Mannheim gedacht.

 

Kritikenrundschau

"Ein giftiger kleiner Abend ist das, der uns nur auf den ersten Blick leicht davonkommen lässt", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (4.11.2016). Das Publikum müsse nicht mitmachen – "könnte aber, wenn es wollte, nämlich Fragen beantworten, Einschätzungen geben". Alles, fast alles bleibe jedoch auf der Bühne. "'Spiel ohne Grenzen' denkt nicht daran, uns zu sagen, wie wir darüber denken sollen."

Laut Volker Oesterreich von der Rhein-Neckar-Zeitung (3.11.2016) setze Peter Michalzik auf die Wirksamkeit seines fast schon kabarettistischen Sprachwitzes, um gegen das "dumpfe Gefühl der Angst" zu steuern. Die Produktion führe vor Augen, wie im öffentlich Diskurs in diversen Gerüchteküchen gehetzt und gelogen werde. Michalzik und Kosminski "zappen sich mit Niveau durch lauter Befindlich- und Empfindlichkeiten".

"Kosminski setzt Michalziks Texte als eine beschwingte, gliternde Fernsehshow in Szene", schreibt Hans-Ulrich Fechler in Die Rheinpfalz (3.11.2016). 'Spiel ohne Grenzen' spiele witzig und unterhaltsam mit nicht sehr witzigen Themen.

"mav" vom Mannheimer Morgen (3.11.2016) fühlt sich ertappt, beschämt und erinnert an eine der vornehmsten Aufgaben des Theaters: "unsere Perspektiven und Wahrheiten in Frage zu stellen, uns vom Thron der Selbstgefälligkeit und Borniertheit zu stoßen". Es sei ein Format, das vielleicht etwas zu viel auf einmal wolle, aber auch viel erreiche: "Es bewegt, es macht Angst. Und es hat Geist und Witz."

 

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