"Nicht mit mir, Freunde!"

von Alexander Jürgs

Mannheim, 12. November 2016. Das Bühnenbild gibt vor, worum es gehen wird: Dass das Geschlecht eine Falle ist, dass es den Lauf eines Lebens bestimmt. Dieses Bühnenbild hier ist ein knallrosa Teppich aus Plüsch. Aufgehängt an der Decke breitet er sich über den kompletten Boden aus. Und aus dem Schlitz in der Mitte dieses Plüschmonsters wird nun eben ein Mädchen, wird Norma geboren und in die Welt geworfen. Auf dem Rücken liegt sie da, strampelt mit den Beinen, wird bespaßt, gewickelt und gequält.

Was für ein Wahnsinn!

Dass dieses Baby in einem Erwachsenenkörper steckt, dass es sprechen kann und recht munter kommentiert, was Eltern und Bruder mit ihm anstellen, ist eine großartige und lustige Idee. Laut schreiend wehrt sich Norma dagegen, von ihrem Vater angezogen zu werden, hinterfragt, warum sie die Namen exotischer Tiere auswendig lernen soll, erschrickt fürchterlich, als sie "Püppi", eine Plastikpuppe, die sie in der Körpergröße noch überragt, geschenkt bekommt. Das ganz und gar übliche Familienleben kriegt so etwas Irrwitziges. Dadurch, dass eine erwachsene Frau, gekleidet in Strampelanzug, knallbunter Schlafanzughose oder Micky-Maus-Pulli, diesen ganzen Kleinkinderkram runterspielen muss, wird das Stück schnell zur entblößenden Farce. Was für ein Wahnsinn, solch ein Babyalltag, was für ein Quatsch.

norma 2 560 hansjoergmichel uAlles Püppi oder was? Hannah Müller ist Norma. © Hans Jörg Michel

Im Schnelldurchlauf geht es in "Du (Norma)" durch ein ganzes Leben. Kindheit, Jugend, Studium, Schwangerschaft, Absturz. Es wird gesoffen, geküsst und getanzt. Drogen werden ausprobiert, ein Studium wird abgebrochen, Norma jobbt in der Disko, es gibt Eifersucht und sogar einen Amoklauf. Dazu läuft die Musik, die gehört wurde, als der Autor und der Regisseur selbst noch Jugendliche waren: Nirvana, Snap, Rage Against the Machine, die Fugees. Philipp Löhle, 1978 in Ravensburg geboren, hat den Text geschrieben, Jan Philipp Gloger, Jahrgang 1981, die Uraufführung inszeniert. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Gloger hat schon mehrfach bei Löhles Stücken Regie geführt. "Du (Norma)" ist der zweite Teil einer Mannheimer "Dulogie" von Löhle. Im ersten Teil, Du (Normen), ging es um einen Jungen und seinen Weg zum skrupellosen Unternehmer.

Das "Du" im Titel trägt das Stück auch, weil die Hauptdarstellerin von den anderen drei Schauspielern ständig mit Du-machst-jetzt-das-und-das-Sätzen angesprochen wird. So wird die Handlung erzählt, so wird die Figur gefügig gemacht. Da heißt es dann: Du lachst. Du seufzt. Du wirst jetzt emotional weicher. Die Darsteller sprechen die Sätze, Norma gehorcht. Sie staunt, sie reißt die Augen auf, sie nickt artig. Hannah Müller ist stark in dieser Rolle einer Schwachen. Dass Norma ein Objekt ist, bringt sie überzeugend auf die Bühne. Und auch wenn es bei ihr immer wieder Trotzmomente gibt, fügt sich Norma am Ende doch stets dem, was mit ihr passieren soll.

Zeit für den Pretty-Woman-Moment

Die Sprache von Löhles Stück ist klar, direkt und kein bisschen verschnörkelt, komisch ist es häufig auch. Je länger der Theaterabend läuft, um so surrealer und skurriler wird es. Ein nigerianischer Prinz taucht auf, eine falsche HIV-Diagnose, Norma flüchtet in die Alkoholabhängigkeit. Sie prostituiert sich, sie braucht immer mehr Drogen, sie stürzt ab. Zappelig stromert diese Norma nun über die Bühne und durch die Zuschauerreihe, wie ein nervöses, verwundetes Tier.

Dann wird es Zeit für den "Pretty Woman"-Moment. Ein vermögender Freier will Norma retten, er nimmt sie mit in seine Villa, schenkt ihr feine Kleider, ermöglicht ihr ein Studium. Norma wird Ärztin und Gattin, aber nicht glücklich. Sie bemerkt bald, dass auch dieser vermeintliche Retter sie nur weiter und weiter für sich formt. "Ich bin für dich doch nur ein Projekt", wirft sie ihm vor. In einer silbernen Waffe, die "glitzert wie eine Diskokugel", entdeckt Norma einen Ausweg. "Nicht mit mir, Freunde, nicht mit mir", spricht sie am Ende des Stücks. Dann stürzt der rosafarbene Plüschteppich zu Boden.

 

Du (Norma)
von Philipp Löhle
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Prisca Baumann, Kostüme: Eva Martin, Musik: Kostia Rapoport, Video: Susanne Oeser, Dramaturgie: Ingoh Brux.
Mit: Hannah Müller, Sabine Fürst, Matthias Thömmes, Fabian Raabe
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Das Stück wirke trotz einiger witziger Szenen insgesamt wie eine Fleißarbeit, "da wird ganz bieder eine Biografie durcherzählt, ohne Sprünge, ohne Vor- und Rückblenden, ohne jeden dramaturgischen Kniff", so Christian Gampert auf DLF Kultur heute (13.11.2016). "Jan Philipp Gloger müht sich verzweifelt, das Ganze unterhaltsam zu gestalten." Auf einem pinkfarbenen Flauschteppich, der hinten hochkant steht und sich wie ein Muttermund öffnet, springe die Schauspielerin Hannah Müller wie eine wildgewordene Anarcho-Göre herum, "von ihr wird man noch hören". Fazit: "Gloger macht aber was daraus: Eine temporeiche Kabarettshow, die im zweiten Teil ein paar tragische Nuancen zulässt."

Der Abend habe "durchaus viel Komik und reichlich Irrwitz", schreibt Martin Vögele im Mannheimer Morgen (14.11.2016) - "bei gleichzeitiger größtmöglicher Abgründigkeit". Daher könne man sich Kraft und Intensität dieser Inszenierung nur schwer entziehen.

Lange denke man, Philipp Löhle habe es sich zu leicht gemacht, schreibt Jürgen Berger in der Zeitung Die Rheinpfalz (14.11.20176). Dann aber warte das Stück doch noch mit einer unerwarteten Wendung auf. Besonders die "unglaublich spielstarke Hannah Müller" kann diesen Kritiker beeindrucken.

Jürgen Berger von der Süddeutschen Zeitung (17.11.2016) schreibt: "Löhle beschäftigt sich lange und zu gedehnt mit den ersten Lebensjahren der Frau und hat in Jan Philipp Gloger einen Regisseur, der ihm da treu zur Seite steht." Sobald Norma das Elternhaus verlasse, werde der Theatertext dicht. "Gloger konterkariert das mit einer inszenatorischen Entschleunigung. Aus dem Gewusel rund um die Protagonistin mit all den Männern, vermeintlich besten Freundinnen und dem Absturz in die Prostitution wird ein Albtraum, der an David Lynchs kalifornische Vorhöllen erinnert."

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