Schlimmer geht immer

von Dorothea Marcus

Essen, 28. April 2017. Es beginnt mit nichts weniger als gleich fünf Atomexplosionen. Und einem Autounfall. Und einem von der Brücke fallenden Zug. Forced Entertainment, jene Pioniere des europäischen Experimentaltheaters, forschen auch in ihrer neuen Arbeit an der Darstellbarkeit von Welt auf der Bühne durch Sprache plus reine Imagination des Zuschauers. Das absolut Verehrungswürdige an ihnen ist: Sie schaffen es mit schlichtesten Mitteln, den medial heruntergekommenen Zustand der Gesellschaft auf den Punkt zu bringen – und philosophische Diskursfeuerwerke im Zuschauerkopf zu entzünden. In der bizarren Game-Show Real Magic, mit der sie 2017 erstmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen sind, erzählt ein Dauerloop aus sechs Dialogfetzen alles über Vergeblichkeit und die innere Gefangenschaft des heutigen Menschen, der sich zu Tode amüsiert.

Die Steigerung des Unerträglichen

In ihrer neuen Arbeit "Dirty Work (The Late Shift)" nun (mit der sie sich auf ihre eigene Arbeit "Dirty Works" aus dem Jahr 1998 beziehen) geht es sprachlich weit ausladender zu. Drei Performer sitzen auf einer altertümlich anmutenden Bühne mit rotem Vorhang und sieben Spots im Vordergrund: Cathy Naden im rückenfreien, pflaumenfarbenen Abendkleid, Robin Arthur im grün schimmernden Hemd und Hose. Seitlich hinter ihnen bedient Terry O'Connor einen alten Plattenspielerkasten, klappt ihn fast lautlos auf- und wieder zu, spielt knisternde, aus der Zeit gefallene Piano-Barmusik oder sphärisches Meditiationsdröhnen. Stoisch sitzend, erzählen die drei in tiefenentspanntem Plauderton fünf Akte lang abwechselnd die krassesten, brutalsten Szenarien. Sie tippen ihre Horror-Stories jeweils nur an und überbieten einander immer sofort mit noch einem brutaleren Bild. Die Steigerung des Unerträglichen ist Programm: Eine Frau nimmt 200 Paracetamol, ein Mann verschlingt 500 Aspirin, ein Kind nimmt 600 Junior Dispirin. Es ist ein erzählter Bildersturm, ein Dauerfeuer von Kürzest-Assoziationen und ein fiktives Totaltheater, das zugleich permanent die Unmöglichkeit, Absurdität und Überforderung dieses Anspruchs vorführt.

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Plattenspieler © Hugo Glendinning

Wenn Arthur von "great maritime desasters" spricht und danach "Titanic" und "Costa Concordia" sagt, hat man als Zuschauer sofort konkrete Bilder im Kopf. Wenn Naden von "diverse examples of human misery" oder "some famous assassinations from history" spricht und danach die Worte "Drogen", "Armut", "Kennedy" sagt, steuert sie die Gedanken und Vorstellungen des Publikums. Nach und nach werden die Szenarien absurder und ironischer. Tierkämpfe, hymnensingende Kinder, nackte kotende Männer, spektakuläre Suizidarten, der "Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei dargestellt in einem allegorischen Tanz" reihen sich aneinander. Seifenblasen- oder Schmetterlingsmassen werden in den Bühnenraum geblasen, es gibt Catering, Obdachlose und Flüchtlinge stürmen die Bühne, auch Angela Merkel hat einen Auftritt.

Ultimative Welterfassung

Man kann sich den Spaß vorstellen, den es Tim Etchells und seinen Mitstreitern gemacht haben muss, wild brainstormend und im Bewusstsein des zwangsläufigen Scheiterns "das Ganze" einfangen zu wollen. Eine Auflistung, die bewusst überfordert, ermüdet, provoziert, langweilt. Fürs deutschsprachige Publikum bleibt allerdings bei dem vielen englischen Text jene Assoziationsmaschinerie auf der Strecke, über die die Bühnenszenarien auch körperliche Reaktionen auslösen könnten. Was bei Tomorrow's Parties etwa durch die immer wiederkehrende Satzstruktur der Zukunftsvisionen sehr viel leichter zu erfassen war, türmt sich an diesem Abend zur Überforderung auf. Der Wort-Bild-Overload macht mehr Kopfschmerzen als Spaß. Enttäuschend ist auch, dass es keinerlei Spielräume für Improvisationen gibt: der rund 20seitige Bühnentext ist durchgescripted. Wehmütig denkt man an das legendäre "Quizoola", bei dem das Publikum stets im Ungewissen schwebte, welche Fragen und Antworten spontan, welche geplant waren.

Der Grundgedanke der "Dirty Works" bleibt aber großartig: Auf einer fiktiven Bühne einen medialen (Kunst)-Wettbewerb um das größere Bild zu entwerfen, während auf der realen Pact Zollverein-Bühne nahezu nichts passiert. Einmal mehr schaffen Forced Entertainment eine Vogelperspektive auf das absurde menschliche Treiben und Streben. Eine wahre "Spätschicht", ein Spätwerk der Gruppe, die immer stärker zur ultimativen Welterfassung drängt – ihr eigenes Ziel immer wieder ad absurdum führt und ihm gerade dadurch sehr nahe kommt.

Dirty Work – (The Late Shift)
von Forced Entertainment
Regie: Tim Etchells, Bühne: Richard Lowdon, Licht: Nigel Edwards.
Mit: Robin Arthur, Cathy Naden, Terry O’Connor.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.forcedentertainment.com
www.pact-zollverein.de
www.hebbel-am-ufer.de

 

 

Kritikenrundschau

Auf der Website des Deutschlandfunks (29.4.2017) berichtet Nicole Strecker: Robin Arthur und Cathy Naden ließen "im exquisiten Englisch und nur mit sparsamen Gesten" eine "gruselige, verrückte Welt" in der Fantasie der Zuschauer entstehen, "vermittelt wie im Botenbericht des konventionellen Theaters". Es handele sich um "eine typische Textsplitter-Sammlung von .... Tim Etchells." Wieder schubse er die Zuschauer mit seinen "anarchischen Assoziationsketten emotional herum" zwischen "Ekel, Schauder und Humor". In den großartigen verbalen Bilderlawinen des Stücks spüre man vor allem "die kritische Stoßrichtung". Im Lauf des Abends überwiege dann aber doch der Spaß an diesem Geschichten-Delirium.

 

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