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Schwieriger Balanceakt

29. Juni 2017. Matthias Lilienthal, Hausmeier an den Münchner Kammerspielen, hat sich von Ronald Pohl für den Wiener Standard (29.6.2017) interviewen lassen, einige Kernsätze aus dem veröffentlichten Gespräch:

Nach drei Jahren Intendanz werde die Situation der Kammerspiele evaluiert. Von Seiten der Stadt, genauso wie von Seiten des Intendanten Lilienthal, falls er das wünsche. Soll heißen: ob die Intendanz wie vertraglich vereinbart fünf Jahre dauern soll, oder länger oder kürzer.

Angriff auf Gefühlswelten

Lilienthal gibt seinen Neigungen zu Niklas Luhmanns Systemtheorie Ausdruck: "Letztlich kommt der von mir bevorzugte Theaterbegriff von Niklas Luhmann und Dirk Baecker her: Theater als Labor für die Erprobung urbaner Lebensformen." Er sei der "neutrale Beobachter", der "versucht, eine Gesellschaft durcheinanderzubringen und Theater zu einem Abenteuer zu machen". Theater verstünde er als "einen Angriff auf Gefühlswelten". Er habe in München "niemals den Anspruch gestellt, postdramatisches Theater" zu machen. Das Zentrum der Arbeit mit Schauspielern sei nicht "die Ohrfeigenperformance von Marina Abramovic".

Zuschauerquoten

Es gäbe "im Moment Platzausnutzungsschwierigkeiten", dies sei eine Spätfolge der Auseinandersetzungen im Winter, ausgelöst von den Kündigungen der Schauspielerinnen Anna Drexler und Brigitte Hobmeier. Bis dahin habe es keine Schwierigkeiten gegeben. Aber es sei klar, dass die Kammerspiele unter den drei großen Münchner Theatern dafür stünden "Sachen auszuprobieren". Das sei auch unter Frank Baumbauer oder Johan Simons nicht anders gewesen. Dafür erziele man keine Zuschauerquoten, wie Claus Peymann am Berliner Ensemble.

Der neue Zuschauer und der alte

Wenn er, Lilienthal, mit Abonnenten rede, habe er "manchmal das Gefühl", es gebe "ein Auseinanderdriften zwischen dem, was Theater tun, und speziellen Zuschauerinteressen". Er stelle die "komplette Veränderung von Sehweisen" fest. Für heute Zwanzigjährigen, die keine Zeitung lesen, kein Fernsehen gucken, sei etwa Kino "genauso museal geworden wie Theater". Für diese Zuschauer sei Theater immer wieder neu zu begründen. Dabei gelte es, "die ältere Generation nicht zu verlieren". Ein "wahnsinnig schwieriger Akt der Balance".

(jnm)