Diktatur des positiven Denkens

von Shirin Sojitrawalla

Mannheim, 7. Oktober 2017. Wäre es nach Noah Haidle gegangen, hätte aus dieser Cookie ein weiblicher Willy Loman werden können. Eine Handlungsreisende in Sachen Schönheit, die wahnsinnig wird am amerikanischen Traum und der Diktatur des positiven Denkens. Bei Burkhard C. Kosminski ist Cookie eine aufgekratzte Wanderpredigerin, für die Aufgeben überhaupt keine Option ist, immer streng nach der Devise: Mit einem Messer im Rücken gehe ich noch lange nicht nach Hause. Cookie erscheint in Mannheim nicht wie ein Mensch, sondern wie eine Comicfigur.

Nasen bluten, Zähne fliegen

Das ist folgerichtig, flicht Cookie in ihrem Verkaufsmantra doch immer ein ebenso schmissiges wie sprechblasentaugliches "Zabong!" ein. Womöglich ist es auch folgerichtig, dass die Schauspielerin Ulrike Folkerts diese Cookie eher zweidimensional denn vielschichtig verkörpert. Oftmals wirkt sie geradezu wie eine animierte Figur, eine von oben gelenkte Puppe, die bei fast jedem Wort die Arme bewegen muss und dann wieder wie angewurzelt in der Bühnenmitte an der Rampe steht. Ein Produkt, wie die von der Regie aufgerufene Armada von Handelsvertreterinnen für Kosmetik, die in den Kostümen von Lydia Kirchleitner aussehen, als seien sie einem Raumschiff entsprungen. Zweidimensionalität beherrscht auch die zentrale Bühnenidee von Florian Etti, der kein Haus aufstellt, sondern nur eine Wand mit Tür und Fenster, die sich drehen lässt. Ein Fake-Haus gewissermaßen. Ein zweckmäßiges Bild für die Unbehaustheit der Figuren und ein passender Rahmen für Cookies Klinkenputzerei.

Fuerimmerschoen2 560 Hans Joerg Michel uRuckedigu, Blut ist im Schuh: Cookie alias Ulrike Folkerts – (im Hintergrund: Celina Rongen)
© Hans Jörg Michel

Gerät Cookie mit anderen aneinander, was das ganze Stück lang passiert, geht das auf der Bühne ebenfalls mit comichafter Übertreibung vonstatten: Nasen bluten, Zähne fliegen und dazu gibt es Kinnhaken-Sound vom Band. Das fügt sich gut zu den Bizarr- und Albernheiten des Stücks. Toll auch die Idee, Cookie als einzige der Figuren nicht älter werden zu lassen, um Haidles gemeine Zeitangabe "Ein langer Sommertag und dreißig Jahre zugleich" umzusetzen. Doch obwohl das Ganze in Mannheim gerade einmal 90 Minuten dauert, ist ungefähr zur Halbzeit sowohl meine Sitznachbarin zur Rechten als auch mein Sitznachbar zur Linken eingeschlafen. Wie konnte das passieren?

Schatztruhe des Neoliberalismus

Haidles Stück etabliert doch ein hübsches und irgendwie neues Setting, die Welt der Kosmetikvertreterinnen, und verankert alles als moderne Sisyphos-Geschichte, wobei die Frau als der absurde Mensch in Erscheinung tritt. Dazu gestattet sich das Stück ein paar Witze auf die Falten von Frauen mittleren Alters und beömmelt sich über gängige Kosmetikproduktnamen ("Anti-Aging-Moisturizer"). Drive bekommt das Ganze durch das Spiel mit der Wiederholung, die Endlosschleife als Schicksal des Menschen, wieder einmal. Und auch Cookie selbst, die personifizierte Durchhalteparole, gibt dem Stück Stärke. Sie ist ein Stehaufmännchen wie aus der Schatztruhe des Neoliberalismus.

Auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters, wo Haidle zur Zeit Hausautor ist, kommt das Stück flacher daher, auch humormäßig. Da tendiert Kosminski schon mal zur Frauen-mit-Gurke-im-Gesicht-Lustigkeit bzw. Männer-im-Pullunder-Humor. Manch schöne Idee Haidles verläppert auch schlicht auf der Bühne. So beginnt er sein Stück damit, wie Cookie vor Erschöpfung aus ihren Schuhen schlüpft und diese umdreht, so dass ein beträchtlicher Schwall Blut aus ihnen kippt. Auf der Bühne ist es ein trauriges Rinnsal, das nur einigermaßen zu sehen ist. Wahrscheinlich auch eine nicht gerade leicht umzusetzende Idee. Leicht befolgen können hätte man die Rahmung des Stückes, wo Cookies Kampfgeist Anfang und Ende beherrscht. In Mannheim fängt es mit ihrer Kindheit an und endet auch mit ihrem Kinder-Ich. Dadurch ändert sich der Zungenschlag, Cookie wird zum Opfer ihrer religiös verbrämten Übermutter. Das ist sie auch, aber eben nicht nur. Kurz: Haidles Stück ist besser bzw. genauer gebaut als dieser Abend.

Auf gaga umgeschaltet

Dabei spielt Folkerts das Unbesiegbare dieser irren Figur aus. Fast in jeder Szene steht sie auf der Bühne, rackert sich den ganzen Abend förmlich ab und bekommt am Ende – wahrscheinlich auch dank TV-Bonus – den meisten Applaus. An ihrer Seite brillieren andere, etwa Sabine Fürst, die als all american wife immer wieder beherzt auftritt oder Anke Schubert als resolut pointiert agierende Frau für jeden Fall. Gegen Ende des Abends werden auch meine Sitznachbarn wieder munterer. Cookie steht nun als blinde Frau mit weißen Augäpfeln auf der Bühne und sieht so ramponiert aus wie nie zuvor. Ihre Tochter hat sie mittlerweile begraben, ihr zwanghaft positives Denken freilich nicht. Im Text ergeben sich daraus verrückt berührende Momente, die von der Endlichkeit erzählen, von Trauer und von Trost. Die Bühnenrealität indes schaltet auf gaga.

Demnächst kommt das Stück hier und dort und auch am Münchner Residenztheater heraus, genauer: am 17. November, Regie: Katrin Plötner, Cookie: Juliane Köhler. Klingt viel versprechend. Klang es in Mannheim auch.

 

Für immer schön
von Noah Haidle
Deutsch von Barbara Christ
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Lydia Kirchleitner, Video: Sebastian Pircher, Musik: Hans Platzgumer, Licht: Nicole Berry, Dramaturgie: Katharina Parpart
Mit: Ulrike Folkerts, Sabine Fürst, Anke Schubert, Sven Prietz, Celina Rongen, Michael Fuchs, sowie Holly Bratek / Anika Schroeter.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr zu Tatort-Kommissarinnen als Noah-Haidle-Protagonistinnen? Im Berliner Theater am Kurfürstendamm war Maria Furtwängler im Februar 2017 in Ilan Ronens Inszenierung von Alles muss glänzen zu sehen.

 

Kritikenrundschau

"Stellenweise erstaunlich uninspiriert" wirke der Abend; Ulrike Folkerts spiele ihre Cookie immerhin "zuweilen beklemmend genau", schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (9.10.2017). Doch mit zunehmender Dauer des Abends fehle ihr "gelegentlich der notwendige Rückhalt im Text und damit eine Glaubwürdigkeit, die über all jene verbalen Selbstverständlichkeiten, die sie uns als Märtyrerin ihres Berufs routiniert anpreist, entschieden hinausgehen müsste".

Den Pulitzerpreis werde Noah Haidle nicht bekommen. "Das neue Stück hat aber die Substanz, um in Deutschland nachgespielt zu werden", schreibt Harald Raab in der Rhein-Neckar-Zeitung (9.10.2017). Das "gelungene Kunststück" der Regie von Burkhard C. Kosminski bestehe darin, auf dem schmalen Grat zwischen Tragödie und typisch amerikanischer Komödie Balance zu halten. In Hauptdarstellerin Ulrike Folkerts' Spiel sieht Raab dagegen einen "Tick zu viel an stereotyper Körpersprache". Da sei "kein Platz für das Doppelbödige dieser schillernden Existenz".

"Es fehlt an Aberwitz, an Farce-Tempo, an Radikalität", formuliert es Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (10.10.2017). "An jener boulevardesken Botho-Strauß-Leichtigkeit und höheren Beckett-Absurdität, welche durchaus in diesem – nicht durchgehend überzeugenden – Stück aufzustöbern wären." Das liege sowohl an Ulrike Folkerts, die die Cookie "in der immer gleichen Stimmungs- und Tonlage" spiele. Aber auch an Kosminskis Regie, die platte, oft lautverstärkt und allzu vordergründige Effekte setze.

In der Frankfurter Rundschau (11.10.2017) schreibt Judith von Sternburg: "Für immer schön" sei eine "eigenartige Version" vom "Tod eines Handlungsreisenden". Der amerikanische Traum werde "tapfer weitergeträumt" und platze immer neu von Generation zu Generation. Die Figur der Cookie Close könne man gewiss "differenzierter, komplizierter" angehen als Ulrike Folkerts. Allerdings stelle sich die Frage "wie differenziert und kompliziert Cookie überhaupt" sei. Als "Stehauffrau der drastischen Sorte" allerdings sei Ulrike Folkerts "perfekt".

Markus Mertens schreibt in den Badischen Neuesten Nachrichten aus Karlsruhe (9.10.2017): Folkerts spiele auf der einen Seite "das wilde Miststück", auf der anderen Seite "die Getriebene". Burkhard C. Kosminski inszeniere die Uraufführung "stimmig als amerikanischen Alptraum". Zwischen "hintertrieben-tollkühner Majestätik" und "archaisch-armseligem Überlebenstrieb" schaffe Ulrike Folkerts "Echoräume existenzieller Intensität, die berühren, schockieren und trotz ihrer Grausamkeit den Humor nicht ertränken".

Roland Müller von der Stuttgarter Zeitung (12.10.2017) hätte sich für Haidles Untergangsfarce eine beherzteren Zugriff durch Kosminski gewünscht. Dieser leuchte das Stück handwerklich routiniert als grellen Comic aus. Abgründe übersehe er und mit radikalen Deutungen halte er sich sehr zurück.

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