Wie das Wort auf Deutsch klingelt

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 2. Dezember 2017. "Das Gedicht hat keinen Grund. Aber eine Untergrund schon." So aphoristisch muss einer das scheinbar Absichtslose einer Kunst, die dann doch den Urgrund literarischer Sprache gewaltig aufrührt, erst beschreiben. Kein Wunder, dass "Broken German" vor etwas über einem Jahr mit Urgewalt hinweggefegt ist über die Feuilletons. Das Buch hat dabei die Lesenden entschieden weniger irritiert als die Jury beim Bachmann-Wettbewerb 2016, in der gleich mal sinngemäß nachgefragt wurde, ob denn diese Hybridversion von Sprache überhaupt statthaft sei in einer solchen literarischen Konkurrenz.

Wortpuzzlesteine neu legen

In der Wochenzeitung Die Zeit hieß es über den in Tel Aviv wie in Berlin sozialisierten Tomer Gardi, er "beherrscht die Sprache nicht, er bespielt sie umwerfend". Kann man das auch als Aufforderung an Theaterleute lesen, mit der Vorlage zu spielen, sie zu "bespielen"? Die sprunghafte, Assoziationen und Reminiszenzen evozierende Erzähltechnik legt es nahe. Die Puzzlesteine einer sowieso nicht auf Stringenz, sondern auf Überraschung, auf beziehungsreiche Überrumpelung ausgelegten Handlung neu legen – wieso nicht?

BrokenGerman3 560 Lupi Spuma uBroken perspectives in "Broken German", Mercy Dorcas Otieno und Sarah Sophia Meyer
© Lupi Spuma
"Broken German" ist im Verlag Droschl in Graz erschienen, und nun machte sich Dominic Friedel eben dort, im Haus Zwei des Schauspielhauses, an den Versuch einer Dramatisierung. Die Story ist so zielgerichtet verquer wie die Rechtschreibung. Da finden wir uns nun also (unter anderem) in der "Bar zum Roten Faden", wo Radili und seine Freunde Amadou, Fikert, Anuan, Abayomi und Jamal abhängen. Volker ist auch zugegen, weil schließlich ist auch Volkerverständigung angesagt. Genau genommen, auf der Bühne sind diese vielen Leute gar nicht da. Eine Schauspielerin schiebt Limonadenflaschen (eine davon mit roter Clownnase) auf einem kleinen Tisch hin und her, wenn die Namen eingeführt werden.

Unverforene Nonchalance

Zuvor schon haben wir die Story von dem bis dato und leider auch weiterhin unbekannten Literaturpreis "Goldene Traube" gehört, mit dessen Behauptung ein Buch kurz mal in Bestseller-Ränge gehievt wird (Absturz folgt postwendend). Und dann kommt gleich die Affenmaske zum Einsatz, weil ja – zentraler Handlungsstrang – für die "geerte Herren von die Akademie" darüber sinniert werden soll, ob ein Jude im jüdischen Museum selbst zum Ausstellungsstück werde. Und, schwupps, schon ist man mittendrin drin in der Denkwelt des Tomer Gardi, des brillanten Beobachters der Geschichte und ihrer Folgen, der seine An- und Einsichten dann mit unverfrorener Nonchalance serviert. Jeder dritte Satz weckt zumindest ein Schmunzeln, das dann ob der Ernsthaftigkeit des Anliegens freilich ebenso rasch verfliegt.

Unrechtschreib-Finten

Regisseur Dominic Friedel und sein Bühnenbildner Frank Holldack setzen auf bescheidenste szenische Mittel, setzen auf Andeutung und Pantomime. Ein Overhead-Projektor dient als mobiler Scheinwerfer. So wird einmal ein Stück Text an die Wand geworfen, aber bald liegen die transparenten Blätter so schräg übereinander wie manche Gedanken des Autors. Zwei Schauspielerinnen (Sarah Sophia Meyer und Mercy Dorcas Otieno) und ein Schauspieler (Clemens Maria Riegler) teilen sich den natürlich stark gekürzten, aber in seiner Eigenheit unangetasteten Text. Es gibt keine festen Rollen und manches wird einfach gelesen.

Die unmittelbare Umsetzung ist mal direkt-parodistisch, dann wieder umwegig-zurückhaltend, erst auf den zweiten oder dritten Gedanken schlüssig. Aber das korreliert schon einigermaßen mit den Text-Spezifika von "Broken German". Sehr konzentriert bringen die Spieler*innen den Text ans Publikum, wobei sich die gezielt eingesetzten Artikel- und Fallfehler akustisch leichter erschließen als Tomer Gardis oft hinterhältige Unrechtschreib-Finten. Unmöglich ist's, wie es sich zeigt, nicht: "Ich kugte tief in seine Augen. Und dann sagte ich es. Das Wort. Der nur auf Deutsch so klingelt. Auf keine andere Sprache klingt das so. Jude."

Ein Buch? Ein Bühnenstück?

Unbeantwortet bleibt in der Grazer Uraufführung letztlich, ob sich die Mühe einer theatralen Aufbereitung lohnt. Für die Schauspieler? Fürs Publikum? Für den Text selber? Letztlich, darüber trägt der Abend nicht hinweg, wird der Autor schon gewusst haben, warum er ein Buch schreibt und nicht ein Bühnenstück. Vieles will letztlich doch lieber in Buchstaben gefasst aufgesogen werden.

Aber ja: Wenn zuletzt in einem kleinen Glasbehältnis Farbe durcheinander gekleckst wird und der Overhead-Projektor uns sehen lässt, wie Farbtropfen blütenartig sich verbreiten und eins ins andere fließt, dann hört man gerne den Satz "und die Sprachen mischen sich miteinander, wunderschön und lebendig und hoch, ein Himmel ist über uns offen, über und rundrum uns offen, wie wir strohmen...". 

 

Broken German
von Tomer Gardi
Regie: Dominic Friedel, Bühne: Frank Holldack, Kostüme: Karoline Bierner, Dramaturgie: Jennifer Weiss .
Mit: Sarah Sophia Meyer, Mercy Dorcas Otieno, Clemens Maria Riegler.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Was diese Romanadaption zeigt? Dass es "weder ein fehlerfreie Grammatik noch einen fein geschliffenen Ausdruck braucht, um Geschichten zu erzählen", schreibt Katrin Fischer in der Kleinen Zeitung (4.12.2017). Sie lobt, wie die Schauspielerinnen den Parours meistern "durch eine zerhackstückelte Sprache, die nicht ihre ist". Und doch hadert die Kritikerin mit dem Stück, "weil es eben ist, was es ist: handlungsbefreit, allzu konfus verortet auf dem Trümmerhaufen der deutschen Sprache".

 

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