Tummelplatz menschlicher Nöte

von Veronika Krenn

Wien, 15. Dezember 2017. Gott ist tot. Die Menschen sind als einsame, einander bekämpfende Spezies sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Die steinernen Tafeln mit zehn Geboten, die Gott einst den Israeliten mit auf den Weg gab, wurden längst durch ein modernes Rechtssystem ersetzt. Kaum jemand kräht mehr nach ihnen. Gott ist tot, seine Gebote vergessen.

Ein Engel steigt herab

Hinter dem Bühnenvorhang tobt etwas zwischen pulsierendem Partytanz und Kampfgeschrei, Gestampfe und Gezeter – als sich zögerlich der Vorhang hebt. Ein Christbaum achtlos hingeworfen, Jutta Schwarz, eine Engelsgestalt in weißem Kleid, steht vor dem Hintergrund eines abgeranzten sowjetischen Lastwagen-Führerhauses. Sie fragt den polnischen Filmregisseur Krzysztof Kieslowski, ob er an eine universelle Moral glaube. Sie fragt nach Wichtigkeiten und nach Glück, schwingt sich flink auf das erhöhte Lastwagen-Relikt, von dem aus sie die Menschen auf der Bühne kommen und gehen sieht. Manchmal wird sie auch hinabsteigen, sich unbemerkt zwischen die Figuren mischen, ihre Wege kreuzen. Diese Figur des Engels ist eine Abwandlung der rätselhaften Figur des jungen Mannes in Kieslowskis Filmserie "Dekalog", die in jeder der zehn Folgen sprachlos auftaucht und in Schlüsselmomenten den Protagonist*innen begegnet. In Kimmigs Theaterfassung hat diese Figur – nur zu Beginn allerdings – eine Stimme, im Verlauf wandelt sie stumm auf der Bühne im Geschehen, ohne es tatsächlich zu beeinflussen.
DieZehnGebote3 560 Lupi Spuma u"Die Zehn Gebote" auf der Bühne von Oliver Helf: Peter Fasching, Jan Thümer, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Jutta Schwarz, Nadine Quittner, Gábor Biedermann  © Lupi Spuma
Menschen in ihren alltäglichen Kämpfen um ein bisschen Wärme, ihre Würde, Liebe und sogar um ihr Leben zeigt der 1941 in Warschau geborene Kieslowski in seiner 1988/89 fürs polnische Fernsehen konzipierten Serie. Er schrieb sie gemeinsam mit dem Anwalt Krzysztof Piesiewicz. Am Volkstheater inszeniert und verdichtet Regisseur Stephan Kimmig mit Dramaturg Roland Koberg die zehn jeweils 60-minütigen Filme auf weniger als ein Drittel der Zeit. Drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler spielen jeweils vier Rollen; während Kieslowski für jeden Film ein Gebot als Folie nahm, fließen die Geschichten am Volkstheater in frei arrangierter Folge ineinander.

Einsam

Jan Thümers Janusz fällt vornüber auf den Boden, als seine Frau ihn liebevoll anspricht. Schon ein zarter Lufthauch, so scheint es, bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Ein Geräusch am Weihnachtsabend lässt den Rastlosen wild durch den mit weißen Folien verkleideten Raum in die Arme seiner Ex-Geliebten stürmen. Während beide Frauen an ihm zerren, windet er sich, als wolle er sich den Pullover wie eine Haut vom Körper reißen. Gesprochen wird kaum je miteinander, weit voneinander entfernt stehen die Figuren, bleiben einsam für sich, stets mit Blickrichtung Publikum. Jede ganz eingesponnen in ihren Kokon. Sprache dient nicht mehr der Verständigung, sie wird Waffe in einem brutalen Wortgefecht, mit dem der Andere niedergestreckt werden soll. Es handelt sich bei der Episode, in der eine Frau den Weihnachtsabend ihres Ex-Geliebten mit seiner Familie stört, um eine Paraphrase des Dritten Gebots "Du sollst den Tag des Herrn heiligen".

Begehren

Als inzestuöse Versuchung verhandelt Kieslowski das Vierte Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren". Das Verhältnis der pubertierenden Anka (Seyneb Saleh), zu ihrem Vater (Lukas Holzhausen), wird durch einen Brief der vor Jahren verstorbenen Mutter auf die Probe gestellt. Eigentlich hatte Michal ihr bis zu seinem Tod verschweigen wollen, dass es Zweifel gibt, ob er ihr leiblicher Vater sei.

DieZehnGebote2 560 Lupi Spuma u"Die Zehn Gebote": Du sollst Vater und Mutter ehren, Seyneb Saleh, und Lukas Holzhausen
© Lupi Spuma

Die Möglichkeit sündenfreien Begehrens erscheint. Aus Vater und Tochter – aus Langweiler, in erdbrauner Hose, mit gelben Schischuhen und einem jugendlichen Temperamentsbolzen – werden Geliebte und Geliebter in Vorstellungsform. Es werden Mann und Frau, werden wieder Vater und Kind. Verspielt wie zu Beginn steigt sie auf seine Schultern und lässt sich, während er ihr Geschichten erzählt, durch den Raum tragen.

Mit Fleisch, mit Blut

Das Nervenkostüm der Akteure auf Stephan Kimmigs Tummelplatz menschlicher Nöte ist dünn. Wie Kampfhähne geraten sie Kopf an Kopf aneinander, gekleidet nur in Unterhosen, etwa Jan Thümers Mann, der den Stalker seiner Geliebten, einen 19-jährigen Jungen entdeckt. Als Verbindungsstücke zwischen den zehn kurzweiligen Episoden dienen körperlich-musikalische Sequenzen, in denen die emotionale Lage jenseits aller Worte einen unmittelbar leiblichen Ausdruck findet.

Wie schon Kieslowski experimentiert auch Kimmig mit den Geboten auf jede nur erdenkliche Art. Aber Kimmigs Figuren auf der Volkstheaterbühne öffnen ihre Herzen und zeigen ihre widersprüchlichen Bestrebungen sehr viel körperlicher, gleichsam mit ihrem Fleisch und Blut. Dabei untersagt sich Kimmig jede moralische Bewertung, die Situationen stehen scheinbar kommentarlos gegeneinander, der pädagogische Zeigefinger hat Urlaub. Und während wir angesichts der Menschen auf der Bühne, die wir sind, hell auflachen und während uns der Atem stockt, öffnet sich uns Zusehern ein weiter Denkraum. Und fad, nein fad wird es beim Blick in diesen Spiegel jedenfalls nie.

 

Die zehn Gebote
Nach den Filmen von Krzysztof Kieslowski, Drehbuch Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz
Aus dem Polnischen von Beata Prochowska, bearbeitet für die Bühne von Stephan Kimmig und Roland Koberg
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie Roland Koberg.
Mit: Gabor Biedermann, Peter Fasching, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Nadine Quittner, Seyneb Saleh, Jutta Schwarz, Jan Thümer. Kinder: Leonhard Baumgartner / Oskar Salomonowitz, Johanna Baumgartner / Maila Otto.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Auf knapp drei Stun­den her­un­ter­ge­bro­chen, ent­fal­ten die nur ganz lo­se ver­bun­de­nen Er­zäh­lun­gen in 'Die Zehn Ge­bo­te' ih­re ei­ge­ne Wucht", schreibt Martin Lhotzky in der FAZ (19.12.2017). Die Kinderdarsteller würden ent­zü­ckend schauspielen und sich in die vie­len Rol­len "wun­der­bar und ra­send schnell" auf­tei­len. "Mag es auch als Blas­phe­mie gel­ten, für die­se In­sze­nie­rung ein neu­es Ge­bot auf­zu­wer­fen, so muss es doch hei­ßen: 'Du sollst dir das an­schau­en!'"

Stephan Kimmig finde eine überaus schlüssige szenische Übersetzung für die Filmvorlage, schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (18.12.2017). "In der dreistündigen Aufführungen werden die hochdramatischen Konflikte geradezu rauschhaft aufbereitet, es bleibt kaum Zeit, den einen Schicksalsschlag zu verarbeiten, während der nächste bereits herandrängt. Etliche Figuren und Szenen bleiben so notgedrungen holzschnittartig, es fehlt an Tiefgang, aber gerade dadurch spiegeln die Episoden die galoppierende Beschleunigung der Gegenwart. Einstürzende Schicksalsschläge. Schrecken auf Speed." Lukas Holzhausen, Gábor Biedermann und Volkstheater-Neuzugang Peter Fasching stellten ihre Wandlungsfähigkeit bei hoher Präsenz unter Beweis.

Es sei eine Herzenslust, diesen Versehrten und im Kopf Verkehrten zuzusehen, schreibt Ronald Pohl im Standard (online 16.12.2017). "Das Ensemble arbeitet sich durch lauter Fallgeschichten und Tragödienskizzen", und die feinen Darsteller böten alle Mittel auf, um die alten Dilemmata in die metaphysisch um nichts besser bestellte Gegenwart zu pushen. "Man glaubt sich mitunter in ein postkommunistisches Botho-Strauß-Stück versetzt: Paare, Passanten, die in alten Depeche-Mode-Leibchen die Verhältnisse vorsichtig zum Entgleisen bringen." Fazit: Es gelinge einem entfesselt aufspielenden, klug seine Mittel ausstellenden Ensemble eine Art Befreiungsschlag am Arthur-Schnitzler-Platz.

"Ein beeindruckender Abend voll bleierner Depression", schreibt Norbert Mayer in Die Presse (17.12.2017). "Die Geschichten werden verschränkt. Das ist vorteilhaft." Es mache Raum für intensive schauspielerische Auftritte, "alle aber spielen dazwischen auch differenziert", so Mayer. "Der Überfluss an Gefühl aber trägt wesentlich zum Erfolg bei, einige Straffungen hätten dennoch gut getan. Übersichtlich ist der Abend nicht."

 

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