Sex nebst Schaumwein and Rack'n Rohl

von Annemarie Bierstedt

Stralsund, 31. März 2018. Was für eine Schmarren! Während sich Susanne Kreckel als Wirtstochter Sophie mit Markus Voigt als Ex-Liebhaber Alcest knutschend auf dem Sofa räkelt, springt Ehemann Söller (Alexander Frank Zieglarski) – auf der Frontscheibe eines BMW-Cabrios stehend wohlgemerkt! – wahnsinnig vor Wut und Eifersucht herum. "Ich, Vieh? – Jawohl ein Vieh, von dem gehörnten Vieh." In einer Nacht werden alle vier Akteure zu Schuldigen am Theater Stralsund: Söller weil er Geld stiehlt, Sophie weil sie fremdgeht, Alcest weil er sich Liebe erkaufen will und der Wirt (Stefan Hufschmidt) weil er vor Neugierde fast platzt – die Triebhaftigkeit der Leutchen hier kennt so wenig Grenzen wie ihre Verlogenheit. "Ich stahl dem Herrn sein Geld und er mir meine Frau", stellt Söller fest.

Wider den Moralismus der Zeit

"So ist der Weltenlauf, Unschuld gibt es nicht", lautet die Botschaft des dreiaktigen Lustspiels "Die Mitschuldigen" des gerade einmal 20-jährigen Johann Wolfgang von Goethe, das 1777 im Weimarer Liebhabertheater uraufgeführt wurde. Der Autor selber spielte die Rolle des Alcest. Gerade einmal 20-jährig misstraute er dem aufklärerischen Moralismus seiner Zeit und prangerte die Verlogenheit des bürgerlichen Lebens an. An diesem Befund hat sich wenig geändert.

Mitschuldigen 3570 560 Vincent Leifer uDer West-BMW ragt in den Osten, Goethes Thema ins Heute. Davon abgesehen geht die DDR in Stralsund heuter zugrunde: Susanne Kreckel (Sophie) und Markus Voigt (Alcest)  © Vincent Leifer

"Goethes Thema ragt bis ins heute. Wir sind alle nicht frei von Verfehlungen und Egoismus. Jeder versucht seinen individuellen Glücksanspruch geltend zu machen", erklärt Regisseur und Oberspielleiter Reinhard Göber, der mit "Die Mitschuldigen" nach dem Klassiker "Faust" eine unbekanntere Seite Goethes im Theater Vorpommern zeigt. Mit seiner Inszenierung transformiert er den muffigen Wirtshaus-Schwank aus dem 18. Jahrhundert in die letzten Jahre vor dem Mauerfall: Das Bühnenbild von Kerstin Laube charakterisiert 80er Jahre Kneipen-Chic mit Honecker-Porträt, im Hintergrund ragt die Mauer empor, ein grell leuchtendes "Come to Marlboro Country"-Werbeplakat zeugt von der Sehnsucht der DDR-Bürger nach der Freiheit des Westens. Das verschwenderische Einspielen von 80er Hits wie "Sweet Dreams" und "Forever Young" versucht die Brücke zwischen historischer Burleske und jüngerer Interpretation zu schlagen. Der zu nichts zu gebrauchende Schwiegersohn Söller grölt auf der Gitarre Keine Macht für niemand der Politrockgruppe Ton Steine Scherben, während sein Weib sich mit dem Ex-Lover im BMW-Oldtimer vergnügt - ein trashiges Accessoire, dass das Publikum erheitert.

Ein Traum soll wahr werden in Paris

Das muntere Agieren der Darsteller nimmt Goethes Originaltext Goethes mit den gereimten Alexandrinern die angejahrte Behäbigkeit. Zieglarski spielt einen lässigen Söller in Lederjacke, derweil Hufschmidt einen stets an das System angepassten Wirt verkörpert. Voigt plustert den wohlhabenden Macho im Anzug auf und Kreckel garniert ihre heimliche Hauptrolle als Wirtstochter selbstbewusst mit gelegentlichen Schrei-Einlagen. Sie lässt sich nicht von den Mannsbildern beirren, die das Wetteifern um Geld und Frau im Alkohol ertränken. Am Ende der eineinhalb Stunden Spielzeit fällt die Mauer und Sophie geht als selbstbestimmte Frau nach Paris, um ihren "La-Boom"-Traum wahr werden zu lassen. Auch dafür hat Göber eine Erklärung: Viele Frauen aus der DDR sind nach der Wende in den Westen gegangen. Die Männer blieben zurück. So will Göber Goethes Stück auf einer Metaebene mit der Frage nach den Gründen für das Missglücken der Vereinigung von West und Ost verweben: Das Publikum soll selbst entscheiden, ob die Schuld im Auseinanderklaffen von Realität und Ideal, den Selbsttäuschungen der Politiker oder egoistischer Interessendurchsetzung zu suchen ist.

Albernheiten

Doch auch wenn die Schauspieler Spaß bereiten und die historische Neuinterpretation des Stücks durchaus einleuchtet, kann die Inszenierung nicht überzeugen. Bitte warum schon wieder dieser Versuch, das Publikum mit mal zotigen, mal abgetandenen Albernheiten zu erheitern und dadurch ein inhaltliches Anliegen verdaulich zu machen? Da bespritzen sich Sophie und Alcest während ihres erotischen Stelldicheins mit "Pommernsekt". Immer wieder wird Kaffee über die Bühne gespuckt, dass es nur so schäumt. Wenn Alcest von Liebe spricht, weist er nur auf sein Gemächt. Das geht soweit, dass sich die drei männlichen Akteure im Wettstreit um Geld und Weib messen, indem sie in Boxershorts ihre besten Stücke vergleichen. Bleibt eigentlich nur noch eins mit Goethes Worten zu sagen: seltsam sind die Irrgänge der bürgerlichen Gesellschaft.

 

Die Mitschuldigen
Lustspiel von Johann Wolfgang von Goethe
Inszenierung: Reinhard Göber, Bühne und Kostüme: Kerstin Laube a.G., Dramaturgie: Oliver Lisewski, Regieassistenz / Abendspielleitung: Oliver Scheer, Soufflage / Inspizienz: Kerstin Wollschläger.
Mit: Markus Voigt, Susanne Kreckel, Alexander Frank Zieglarski, Stefan Hufschmidt.
Dauer: 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause

www.theater-vorpommern.de

 

 

 
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