Wut mit Kulisse

von Alexander Jürgs

Mannheim, 5. Mai 2018. Hier spricht das Prekariat. Überlebensgroß, die Köpfe fünf, sechs, sieben Meter hoch, neongreller Hintergrund. Per Videoprojektion lässt Volker Lösch die Pizzaboten und Putzkräfte, die Mini- und Ein-Euro-Jobber, die Zeitarbeiter und die Soloselbständigen, die freie Werbegrafikerin, die Regieassistentin, den Mann von der Security-Firma, der kaum einmal weniger als zwölf Stunden schuftet, zu Wort kommen. Sie sprechen vom Druck bei der Arbeit, von den miesen Löhnen, von den Gängelungen durchs Jobcenter, von der Scham, am "gesellschaftlichen Leben" nicht teilhaben haben zu können, und davon, wie schwer es ist, sich gegen all diesen Mist zu organisieren. "Das Schlimme ist, dass jeder, der Vollzeit arbeitet und das Leben genießt, nicht weiß, was das bedeutet: Hartz IV", sagt eine Frau. "Hartz IV, das ist wie ein Todesurteil."

Wie immer bei Lösch also: Er greift sich ein bekanntes Stück aus dem Bildungskanon, er befragt den Stoff danach, was er mit der Gegenwart zu tun hat, er lässt in seinen Inszenierungen Laienchöre auftreten und gibt Aktivisten Raum, er bringt linke Gesellschaftskritik auf die Stadttheaterbühnen. Am Mannheimer Nationaltheater, wo er zuletzt Aischylos' "Die Schutzflehenden" mit Blick auf die Flüchtlingskrise inszenierte, hat Lösch sich nun Hans Falladas großen Arme-Leute-Roman "Kleiner Mann, was nun?" (1932 von Ernst Rowohlt erstmals veröffentlicht, schnell ein Welterfolg) vorgenommen.

Der Roman erzählt präzise und in klaren Sätzen von den großen Sorgen des Kleinbürgertums während der Weltwirtschaftskrise, von der Existenzangst, vom Jeden-Pfennig-zweimal-Umdrehen, von der Unsicherheit der Arbeitswelt. Und er erzählt ganz anrührend eine Liebesgeschichte, die den Buchhalter Johannes Pinneberg und sein "Lämmchen", die Verkäuferin Emma Mörschel, verbindet. Gemeinsam kämpfen sie sich durch ihr Mistleben, geben den Glauben ans Glück nicht auf. Tankred Dorst und Peter Zadek haben den Stoff in den Siebzigern fürs Theater entdeckt, seit ein paar Jahren wird er auf Deutschlands Bühnen wieder rauf und runter gespielt. Luk Perceval hat "Kleiner Mann, was nun?" in München inszeniert und wurde damit zum Theatertreffen eingeladen; Michael Thalheimer zeigte seine Fassung in Frankfurt; in Bremen, Augsburg, Meiningen und an einigen Orten mehr wurde der Roman ebenfalls für die Bühne adaptiert.

Theater mit Realitätshintergrund

Volker Lösch setzt Falladas Geschichte mit den Interviews, die er und sein Team mit prekär beschäftigten Mannheimern und Mannheimerinnen geführt haben, parallel. Die Videos der Interviewten laufen auf der raumfüllenden Leinwand, fünf Schauspieler geben auf einem Gerüst davor (sehr clean, sehr flach) den Roman im Schnelldurchlauf wieder. Das Gesagte ergänzt sich, bezieht sich aufeinander. Wenn Pinneberg sich mit dem Beamten vom Berliner Arbeitsamt herumschlägt, dann folgen auf der Video-Leinwand Schilderungen von heutigen Demütigungen im Jobcenter. Wenn Lämmchen (Celina Rongen) und Johannes (Benjamin Pauquet) ihren "Normaletat" planen, um mit dem bisschen Geld, das sie haben, irgendwie über die Runden zu kommen, dann zählen auch die Interviewten auf, wie wenig ihnen zum Leben bleibt. Kino, Theater, mal ausgehen: Dafür reicht es schon lange nicht mehr.

kleinermann 11878 560 christiankleiner 11 uDer Theaterschauspieler (Benjamin Pauquet) als Kleiner Mann vor Großer Botschaft
© Christian Kleiner

So wichtig das ist, dem Prekariat ein Gesicht zu geben, gerade weil die alles dominierende Die-Konjunktur-brummt-Stimmung diese Schicksale immer mehr überdeckt, so ärgerlich ist es, wie Volker Lösch mit Falladas Stoff umgeht. Aus der Geschichte von Pinneberg und Lämmchen macht er eine fiebrig-hysterische Nummernrevue ohne jeden Zwischenton. Es wird gebrüllt, geschrien, geflucht. Die Darsteller rennen wie Aufziehfiguren übers Gerüst, von links nach rechts, von rechts nach links. Was den Johannes und seine Emma zusammenhält: Davon spürt man hier nichts. Die Figuren wirken wie Karikaturen, sie bleiben einem – ganz anders als die, die Fallada zeichnete – merkwürdig fremd. 

Ende ohne Liebe statt Liebe ohne Ende

Löschs Darsteller schwitzen, sie zappeln, sie verausgaben sich, dazu gibt es grellbunt-psychedelische Animationen, immer wieder Electro-Swing und auch mal ein lautes, rammsteinhaftes Stück Metal. Alles ist holzschnittartig daran, wie Falladas Geschichte hier erzählt wird. Die Inszenierung hastet durch die Stationen: der Umzug des Paars nach Berlin (inklusive: der überstrapazierte Kalauer, die Darsteller "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" skandieren zu lassen), das Aneinandergeraten mit Pinnebergs Mutter Mia und ihrem zwielichtigen Liebhaber Jachmann, die Arbeit im Warenhaus Mandel, die Geburt von Sohn Murkel, das Fiasko mit dem Filmschauspieler Schlüter. Man hat den Eindruck, dass Lösch das alles eigentlich nicht sonderlich interessiert, dass er Falladas Roman nur als Kulisse braucht für seine Wut auf die Verhältnisse.

kleinermann 3 560 christiankleiner 01Benjamin Pauquet, Celina Rongen als Pinneberg und Lämmchen © Christian Kleiner

Im Roman halten Lämmchen und Pinneberg bis zum Schluss zusammen, obwohl es finanziell immer weiter bergab geht. Das private Glück ist ihre Rettung. Bei Lösch wird Lämmchen in der Schlussszene zur Foodora-Fahrerin, die sich der anarchosyndikalistischen FAU anschließt, Pinneberg ist nun verschwunden. Am Bühnenrand stehend, hält Lämmchen nicht ganz so holterdiepolter wie in den Szenen zuvor ein flammendes Plädoyer für wilde Streiks und die Revolte. Keine Demos, sondern Arbeitsniederlegungen seien gefragt. "Ohne uns läuft der Laden nicht", erklärt sie. Es ist, leider, Agitprop mit der Brechstange.

Kleiner Mann, was nun?
nach Hans Fallada
Fassung von Christoph Lepschy und Volker Lösch
Inszenierung: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Carola Reuther, Video: Robi Voigt, Dramaturgie: Silke zum Eschenhoff / Christoph Lepschy, Licht: Damian Chmielarz, Mitarbeit Bühne und Kostüm: Carla Friedrich.
Mit: Benjamin Pauquet, Celina Rongen, Ragna Pitoll, Reinhard Mahlberg, Amelle Schwerk sowie Bürgerinnen und Bürgern aus Mannheim.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Handwerker, Akademiker, Reinigungs- und Sicherheitskräfte, Auslieferungsfahrer, Alleinerziehende, eine Werbegrafikerin, ein Regie-Student, eine Souffleuse - alle erzählen von Ausbeutung, Demütigung, Depression, Geldnot, Zukunftsangst", schreibt Monika Frank in der Rhein-Neckar-Zeitung (8.5.2018). Das Ensemble passte sich Löschs Regie-Konzept mit Spielfreude und körperlichen Einsatz an. "Schauspielerische Feinarbeit gelingt dabei am ehesten noch Celina Rongen als tapferem Lämmchen." In wechselnden Rollen liefere man sich groteske Karikaturen, wie sie einem Gemälde von George Grosz entsprungen sein könnten, und ans Ende setze Volker Lösch den offenen Aufruf zu neuer Solidarität.

Auf den Videoscreens beklagen Mannheimer, alles Geringverdiener, ihre prekären Arbeits- und Lebensumstände, schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (7.5.2018). "Das berührt, selbst wenn man begreift, dass Lösch die Vorlage hauptsächlich benutzt, um heutige soziale Missstände anzuprangern. Zwar herrsche auf der Bühne viel Bewegung, aber Leerläufe seien nicht zu übersehen "wie oft künstlich überanstrengte Schauspielerei". Fazit: Nach zwei Stunden wisse man nicht mehr als zuvor, begreife die Ursachen der eigenen menschlichen Defizite aber vielleicht gründlicher.

Ästhetisch funktioniere der Abend ziemlich reibungslos, schreibt Dietrich Wappler in der Rheinpfalz (7.5.2018). Videoschnipsel aus den Interviews sind hintereinander geschnitten, "die Anhäufung ähnlicher Aussagen schafft verdichtete Intensität und inhaltliche Struktur". Lösch gehe es um die Muster des sozialen Aufstiegs. Seine Methode interessiere sich nicht für individuelle Schicksale, sondern nimmt den Einzelnen als Symptom für die Krise des ganzen.  

 

 

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