Dreckskerl mit Charme

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 2. Juni 2018. Kaum ist die prächtige Fronleichnamsprozession durch die kleine Bischofsstadt zum Dom gezogen, da verfallen die Paderborner in den nahegelegenen Westfälischen Kammerspielen schon wieder lustvoll dem Bösen. Da mordet und meuchelt einer der größten Antihelden der Theaterliteratur auf der Bühne, und das Publikum lauscht hingerissen und quittiert jeden seiner bösartigen Kommentare mit schmunzelnder Anerkennung. Wie kann das sein? Spektakuläre Kulisse, spielstarkes Ensemble, starker Stoff – und dann feiert das Publikum den Schuft.

Trotz Biergartenwetters ist das Haus fast ausgelastet zur Premiere eines der düstersten Dramen der Weltliteratur, von William Shakespeare in jungen Jahren erschaffen. Der Bühnenraum ist mit einfachen Mitteln effektvoll zur Todeskammer gestaltet: Die große schwarze Halle wird hinten von einer fahrbaren, aus vierzehn Segmenten bestehenden Spiegelwand abgeschlossen; am Boden liegen zu Beginn leblose Körper in schwarzen Leichensäcken über die Bühne verstreut. Sie werden später an Seilen in die Höhe gezogen, um dann grausig über Richards entfesselter Mordlust zu baumeln.

Verschmitzter Fiesling

Auftritt Richard, der sich daran macht, die Toten der Schlacht an Haken zu knüpfen und dabei gegen den Frieden an zu lamentieren: "Weil ich den Liebhaber nicht spielen kann, hab‘ ich beschlossen, den Dreckskerl hier zu geben…" Shakespeares kraftvolle Rhythmik in der frech-direkten Übersetzung von Thomas Brasch – "Dreckskerl" statt "Bösewicht" – trifft auf die wunderbar leichte, fein nuancierte Sprache von David Lukowczyk, der trotz Schulterbuckels und Humpelns stattlicher als vermutet daherkommt.

Richard III 3 560 Tobias Kreft uDas Ziel stets im Blick: David Lukowczyk als Richard III. © Tobias Kreft

Den "Dreckskerl" gibt Lukowczyk sanft angelispelt mit Schalk, er grinst und zwinkert listig, er kommentiert trocken, versteckt sich hier im Winkel, um da überraschend wiederaufzutauchen – und spielt sich behände den Zuschauern ins Herz. Seine Gemeinheiten und Abscheulichkeiten kaufen sie ihm ab, denn er serviert sie mit schadenfroh-verschmitztem Lächeln. Damit spielt er sie alle an die Wand, die verzweifelten Königinnen und verprellten Weggefährten, noch den schrecklichsten Mordbefehl erteilt er mit keckem Hüftwippen. Als die leidgeprüfte Herzogin von York nur noch sterben will, kichert auch das Publikum, angesteckt von Mephistos aka Richards Schadenfreude. Überraschende Erkenntnis des gelungenen Abends: Die richtig Fiesen sind wir selbst. Einzig Königin Margarets Fluch, vom herausragenden Willi Hagemeier im Wallerock leidenschaftlich über die Bühne gedonnert, vermag diese Stimmung zu drehen.

Schadenfreude, Spielfreude

In Shakespeare’scher Tradition sind einige Schauspieler mehrfach besetzt, kleiden sich teils vor den Augen der Zuschauer auf der Bühne um. Der Text ist wortgewaltig genug, diese Rollen- und Genderwechsel zu tragen. Tim Tölke und Ogün Derendeli geben ein hervorragend aufeinander abgestimmtes, urkomisches Duo ab. Mal tölpelhafte Auftragskiller, mal versnobte Lords, werfen sie sich spielfreudig gegenseitig die Bälle zu. Ihr Hadern als Prinzenmörder mit Gewissensfragen ist ein saukomisches Intermezzo im ansonsten mörderischen Bühnentreiben. Ebenfalls komisch, vor allem aber effektvoll ist auch der Auftritt des durch große Gipsköpfe vermummten "Volkes", das den Sittenverfall im Land bekakelt. Dazwischen immer wieder die leidenden Frauenfiguren.

Richard III 1 560 Tobias Kreft uDrohen und verführen: David Lukowczyk, Gesa Köhler © Tobias Kreft

Martin Schulzes Inszenierung verzichtet klugerweise auf wohlfeile politische Anspielungen und vertraut dem klaren Farbkonzept des Bühnen- und Kostümbilds (genial: Silvie Naunheim). Das Böse kleidet sich in banales Grauschwarz, der Hofstaat ist Rot, heraus sticht das Reinweiß des Wendehalses Lord Buckingham. Stephan Weigelin spielt ihn als aalglatten, opportunistischen (neoliberal anmutenden) Nachwuchspolitiker, der trotzdem letztlich auf dem Schafott landet.

Schaurige Erkenntnis

Wie da die Leichen(säcke) zu schaurigem Sound (Dirk Raulf und Oona Kastner) auf- und abgelassen werden und als Totenwald über die Bühne schwingen, ist hochgradig makaber, umso mehr, als sich Richard III. feixend zwischen ihnen bewegt, sie anschubst oder wegstößt und sich so gar nicht um ihre Leiden schert. Später werden sie ihn als Geisterstimmen (im etwas übersteuerten Sprecherchor aus dem Off) verfolgen und zu Gericht rufen. Stark auch ihr Auftritt als maskierte Richard-Kopien mit aufgeschnallten Schulterbuckeln am Schluss des Stücks.

Die Spiegelwand aber wird zur Orakelfolie: Mal schwellen die Köpfe, mal verzerren die Leiber, alles ist in Bewegung, und wer sich selbst darin sucht, begegnet der eigenen Fratze. Das Publikum, der Antrittsrede König Richards lauschend, erkennt sich im Spiegel selbst als regiertes Volk. Die Zuschauer werden nicht allein vom "Dreckskerl", sondern auch vom Bühnenbild manipuliert. Großartig.

 

Richard III.
von William Shakespeare. Übersetzung von Thomas Brasch.
Regie: Martin Schulze; Bühne und Kostüme: Silvie Naunheim; Musik: Dirk Raulf, Aufnahme d.o.o.r. (Oona Kastner & Dirk Raulf); Licht: Hermenegild Fietz; Dramaturgie: Daniel Thierjung.
Mit: David Lukowczyk, Alexander Wilß, Josephine Mayer, Willi Hagemeier, Stephan Weigelin, Ogün Derendeli, Tim Tölke, Gesa Köhler, Kirsten Potthoff.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-paderborn.de

 

Kritikenrundschau

Schlüssig und schlüssig habe Martin Schulze als Schurkenstück inszeniert, so das Westfälische Volksblatt (4.6.2018). Die Bühnenkonstellation bleibe übersichtlich und die Handlung nachvollziehbar, obwohl die meisten Schauspieler mehrere Rollen übernähmen. Der Abend sei mitreißend, voller gelungener Effekte und starker Emotionen.

"In der zeitlosen Kammerspiel-Inszenierung von Martin Schulze will der Klassiker auch als Metapher des Machtmissbrauchs der Diktatoren unserer Zeit verstanden werden", schreibt Ann-Britta Dohle in der Neuen Westfälischen (4.6.2018). Gespiegelt in einem riesigen Zerrspiegel werde dem Publikum die Rolle des kollabierenden Bürgertums zugestanden, "die schweigende Masse, die sich noch am zynischen Spiel des Bösen ergötzt". Dohle lobt zahlreiche Einfälle und Szenen an diesem "engagierten Schauspielabend mit Glanzlichtern", erkennt jedoch auch Längen. "Was bleibt: die eindringlichen Bilder".

 

 

 
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