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Eigenhändige Erlösung

von Willibald Spatz

Oberammergau, 6. Juli 2018. Noch zwei Jahre ist es hin bis zur nächsten Passion und doch ist diese schon großes Thema im Oberammergauer Passionstheater. Bevor es richtig losgeht, tritt der Regisseur Christian Stückl auf die Bühne und verkündet, dass hier nach einem Gottesdienst im Oktober die Besetzung für 2020 bekannt gegeben werde und dass die, die nun gleich "Wilhelm Tell" spielen, dann auch dabei sein werden und sich hiermit empfehlen. Denn sowohl heuer als auch bei den alle zehn Jahren aufgeführten Passionsspielen dürfen nur Original-Oberammergauer mitmachen und zwar jede Menge. Außer den Schauspielern gibt es noch ein von Markus Zwink geleitetes Orchester mit Chor, insgesamt weit über hundert Beteiligte.

Reicht's nur für eine Rauferei – oder für die Revolution?

In diesem Jahr nun Tell. Ebenfalls optimal geeignet für großes Sommertheater, da häufig viel Personal auf der Bühne ist für große Massenszenen. Es sind vor allem Männer unterwegs. Sie verschwören sich, verabreden sich im Fackelschein. Sie drohen, prügeln, fletschen die Zähne, schaffen sich selbst Probleme und diese dann mit mächtig Testosterongekeife wieder aus der Welt. Die Oberammergauer Schauspieler haben sichtlich Spaß daran, diese Gockel und ihre Eitelkeit groß darzustellen. Andreas Richter zeigt den Gessler als einen fiesen, kinskiesken Schurken. Jeden Schritt kostet er aus, wenn er Tells Sohn den Apfel auf dem Kopf platziert und den Abstand zum Vater abschreitet. Der Melchtaler ist dagegen einer von den Guten. Er schreit am lautesten nach der Revolution, bringt aber eigentlich nur Streit und Rauferei unter Freunden zustande. Cengiz Görür in dieser Rolle empfiehlt sich durchaus schon mal für 2020. Die Frauen haben dagegen im Wesentlichen die Aufgabe, entsetzt über oder gegen das zu sein, was die Männer treiben.

wilhelm tell2 560 ArnoDeclair uMännerbünde: "Wilhelm Tell" © Arno Declair

Davon abgesehen ist "Wilhelm Tell" ein zeitloses Stück. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit einer entfesselten Politik gegenüber ist auch heutzutage nachvollziehbar. Das Gefühl, endlich etwas gegen das Unrecht der Welt unternehmen zu sollen und doch nicht zu wissen, welches die geeigneten Mittel sind, ist ein ständiger Begleiter des modernen Menschen. Um die Zeit- und Ortlosigkeit dieses Gefühls zu unterstreichen, hat Stefan Hageneier eine Ruinenlandschaft auf die Bühne gesetzt, ausgebrannte Häuserskelette. Die Katastrophe ist über diese Gegend längst hereingebrochen, als die Handlung einsetzt. Die Menschen hier verwalten nur noch ihr Elend. Die Habsburger marschieren gleich mal in Nazi-Uniformen auf, damit von Anfang an keine Zweifel aufkommen, wer die Bösen sind. In mehreren Szenen schleppen sie ihre Opfer heran und misshandeln sie brutal. Die Gewalt, die derben Prügel, sind geradezu lustvoll inszeniert. Die anderen, die Guten, die sich gegen die Obrigkeit auflehnen, sehen aus wie Che Guevaras. Die Revolution steckt ihnen schon in den Kleidern, sie müssen sie nur noch durchführen.

Haltung, die über den Abend hinaus trägt

Und mitten zwischen den Fronten Wilhelm Tell, der Held wider Willen. Er will Ruhe und Frieden und, wenn es sein muss, auch mal was Gutes tun, zum Beispiel einen Verfolgten über den stürmischen See manövrieren. Dass er zum Spielball der Politik wird, passiert so nebenher, aber "Die recht tun, die hasst er am meisten", warnt ihn schon Hedwig, seine Frau. Gemeint ist Gessler. Und Tell ist sich sicher und täuscht sich doch: "Weil er nicht an sie kommen kann – Mich wird / Der Ritter wohl in Frieden lassen, mein ich." Rochus Rückel spielt das Entsetzen, das Tell ergreift, als Gessler ihn zwingt, auf seinen Sohn anzulegen, grandios aus. Die Erkenntnis, dass dieser kurze Moment, in dem er den Hut ignorierte, sein Leben verändern wird, ist deutlich in seinem Gesicht zu sehen. Tatsächlich ist diese Szene kurz vor der Pause, in dem Gessler und Tell direkt einander konfrontiert sind, der spannende Höhepunkt der gesamten Inszenierung. Man fiebert wirklich um das Leben des Buben.

wilhelm tell 560 andy stueckl uSuspense vor dem Schuss: Wilhelm Tell (Rochus Rückel) und Sohn (Johannes Maderspacher)
© Andy Stückl

Die Revolution klappt ja dann am Ende doch ganz gut. Die Bevölkerung umringt ihren Tell und feiert ihn, wobei der schon wieder zweifelnd schaut, als ob er schon wieder einen Fehler im eigenen Verhalten ausgemacht hätte. Den andern ist das egal, sie feiern den guten Ausgang des Unternehmens und rufen "Freiheit", und als Zuschauer hat man den Eindruck, dass die da vorne das ernst meinen. Sie machen Theater mit Haltung, sie schaffen gemeinsam was, das sie zusammen weit über diesen Abend hinausträgt. Genau deswegen ist der "Wilhelm Tell" auch das passende Stück für Oberammergau in diesem Jahr.

 

Wilhelm Tell
von Friedrich Schiller
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Markus Zwink, Licht: Günther E. Weiß
Mit: Peter Stückl, Martin Güntner, Anton Preisinger, Rochus Rückel, Sophie Schuster, Johannes Maderspacher, Walter Rutz, Kilian Clauss, Tobias Simon, Frederik Mayet, Regina Raggl, Matthias Müller, Thomas Müller, Cengiz Görür, Sebastian Dörfler, Andreas Richter, Eva Reiser, Dima Schneider, Florian Maderspacher, Abdullah Karaca und Soldaten, Volk, Chor und Orchester.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.passionstheater.de

 

Kritikenrundschau

"Wilhelm Tell" sei zwar nicht der erste nichtbiblische Stoff in Oberammergau, aber "dennoch ein weiterer Schritt auf dem Weg der Emanzipation vom Althergebrachten, den Christian Stückl seit 1987 geht", schreibt Sabine Leucht in der taz (11.7.2018). Zunächst verbannte er offen antisemitische Passagen aus dem alten Passionsspiel-Text, dann kippte er die Auftrittsverbote für verheiratete Frauen und Nichtkatholiken, stärkte die Rolle der Musik und überhaupt der Kunst gegenüber der Tradition. "Auf der Bühne herrscht Eindeutigkeit: Naziuniformen und Schurkenlachen kleiden die Schergen, während die Anführer der drei Stämme einen lässigen Revoluzzer-Style pflegen". Stückl habe im Zuge der Verschlankung seiner für alteingesessene Besucher fast nüchternen Inszenierung einige kalenderspruchtaugliche Darlings gekillt, aber leider nicht die Hinweise auf die Schwäche der Frauen, die eigentlich schon Schiller als treibende Kräfte installierte. In der Apfelschussszene zeige Stückl dann sein ganzes Können als Inszenator der Massen.

"Es ist ei­nes die­ser selt­sa­men, aus der Zeit ge­fal­le­nen Ta­bleaux vi­vants, wie sie in Ober­am­mer­gau bis heu­te in Se­rie über die Pas­si­ons­spiel­büh­ne ge­hen, seit sie im spä­ten acht­zehn­ten Jahr­hun­dert Trend wur­den", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.7.2018). "Es ist ein fehl­ba­rer, kein sa­gen­haf­ter Tell, den Stückl im erst zwei­und­zwan­zig­jäh­ri­gen Ro­chus Rü­ckel zeigt, ein ei­gen­sin­nig un­schein­ba­rer und ner­vö­ser, eher zu­fäl­li­ger Held, der mit sich selbst in Un­gna­de fällt, als das Volk den Par­tei­lo­sen zu in­stru­men­ta­li­sie­ren be­ginnt." Nur im An­satz werde ei­ne Be­dro­hung hin­ter Tells stil­lem Selbst­läu­fer­tum sicht­bar. "Pro­ble­ma­tisch wird in ei­nem der­ar­tig an­spie­lungs­rei­chen Kon­text al­ler­dings die Kom­bi­na­ti­on mit der mo­nu­men­ta­len Mu­sik von Mar­kus Zwink", die es schwer mache, zwi­schen Büh­nen­spek­ta­kel und Büh­nen­ge­sche­hen zu dif­fe­ren­zie­ren.

Für Anton Rainer ringt die Musik mit ihren Zwischentönen der "oft etwas gleichförmigen Regie zusätzliche Facetten ab". "Immerhin ist es Christian Stückl zu danken, dass er das lange, geschwätzige Stück kräftig gestutzt hat", schreibt Rainer in der Süddeutschen Zeitung (9.7.2018). Stückl unterlasse jeden aktuellen Bezug und baue "klare, schnörkellose Konfliktlinien, in denen das Gute über das Böse siegt". Andreas Richter als Tells Antagonist Vogt Gessler lege seinen Bösewicht "irgendwo zwischen Klaus Kinski und Christoph Waltz an, auf jeden Fall ist es ein Heidenspaß, ihm bei seinem despotisch feigen Spielchen zuzusehen." Die tragenden Frauenfiguren indes redeten nur mit ihren Männern oder über sie "und bleiben in ihren Handlungen blass. Im testosterongeschwängerten Chaos der Revolution haben sie keine Chance", so Rainer. "Stattdessen bleiben laute Männer die Konstante dieser Inszenierung."

Dieser "Wilhelm Tell" "gerät zum fulminanten Unterhaltungsstück", ist Ludwig Hutter im Merkur (9.7.2018) aus dem Häuschen: "Wieder stellt dieser Ort voller Leidenschaft, Spielkunst und Freude am Agieren eine Aufführung auf die Beine, die es in dieser Dimension in der ganzen Republik wohl nur im Dorf der Passionsspieler gibt."

Bernd Noack beschreibt auf Spiegel Online (online 7.7.2018, 10:06 Uhr), dass Christian Stückl den "Tell" als Casting-Show für die kommenden Passionsspiele inszeniert habe. Der Regisseur bitte vor der Vorstellung "im breitesten Dialekt um Aufmerksamkeit für noch unentdeckte Talente". Der Tell möge vom Aufbau her "etwas zu kompliziert sein für eine leichte Abendunterhaltung", doch Stückl bringe dann doch ein "kurzweiliges Drama" auf die Bühne. Er sei versiert "im Umgang mit breit ausladenden Stoffen", bewege geschickt Massen "auf der Bühne und ins Theater". Es sei viel los und wenn sich die Laien ins handfeste Gefecht stürzten, erinnere das "manchmal an eine Wirtshausschlägerei". Abgesehen von den Kostümen, die einen Kriegsschauplatz von heute irgendwo evozieren,  verkneife sich die Inszenierung "Interpretation und Denkansatz oder gar einen aktuellen Bezug". Dieses "Kleben an Text und Vers" mache die ganze Angelegenheit zwar "authentisch, aber auch ein bisschen lähmend", obwohl der Umgang einiger Hauptdarstellern mit Schillers schwunglosen Versen imponiere.

Einen kleinen Fernseh-Bericht vom Bayerischen Rundfunk gibt es hier (online 6.7.2018, 18:30 Uhr, bis 13.7.2018).