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Weltpanorama

von Dorothea Marcus

Gent, 28. September 2018. Im Zentrum: ein Schaf, kurz vor der Schlachtung. Weiter außen: Adam und die schwangere Eva, nackt. Auch Christus zwischen Maria und Johannes dem Täufer kann man sehen, Engel und Kreuzritter, Sponsoren und Märtyrer – und alle detailverliebt, grimmig, faltig, fröhlich und lieblich gemalt wie Normalbürger: der weltberühmte Genter Flügelaltar ist ein zwölfteiliges Wimmelbild der Brüder Jan und Hubert van Eyck aus dem 15. Jahrhundert. Nichts weniger als dieses mythische Kleinod, den Touristenmagneten schlechthin in der nur 30 Meter vom NT Gent entfernten St. Bavo-Kathedrale, hat sich Milo Rau vorgenommen, in seiner ersten Arbeit am NT Gent "Lamm Gottes" zu re-inszenieren – mit Genter Normalbürgern von heute.

Gekündigtes Ensemble

Unter den Bewohnern der zweitgrößten flämischen Stadt brandeten im Vorfeld heftige Erregungswellen. Zwar nicht das Schlechteste für einen Theater-Neuanfang, aber vielleicht auch nicht ganz so günstig in einer multikulturell und rechtspopulistisch gespaltenen 300.000 Einwohner-Stadt im hochkomplizierten Staat Belgien.

Genter Flügelaltar wikipediaDie Festtagsseite des Genter Flügelaltars von Jan und vermutlich Hubert van Eyck –  Web Gallery of Art
Den Skandal gab es nicht etwa, weil nach der drei Jahre dauernden Renovierung des dreistöckigen Gebäudes des NT Gent vor gerade einmal zwei Wochen eine Decke einstürzte. Auch nicht wegen Raus radikalem Manifest, das verspricht und fordert, das Theater von nun an immer beweglich, mehrsprachig, global und politisch zu denken — alle Regeln sind bei "Lamm Gottes" selbstverständlich erfüllt; vom "urbanen Theater der Zukunft" und einer "neuen Art der theatralen Reportage" schwärmt die Journalistin Béatrice Delvaux bei der Eröffnungsrede, ein Schulterschluss von Theater und Journalismus sei dringend nötig in den dunklen Zeiten, die kommen werden. — Nein, Aufruhr in belgischen Boulevardblättern machte vor allem, dass Rau das zwölfköpfige, trotz Theaterschließung durchbezahlte Ensemble kündigte, um von nun an für jede Arbeit andere Darsteller zu casten und per Zeitungsannonce nach IS-Kämpfern suchte. Tatsächlich tritt dann auch einer auf – und ist vielleicht dann doch ein Fake an einem Abend, der sich mit Wirklichkeit und der Wucht ihres Abbilds beschäftigt.

Kosmos, Theater, Geburt und Tod

Aber vor allem ist es ein Abend der gewaltigen, letzten und ersten Dinge. Unter Weltende und Märtyrertum, Geburt, Sex und Tod macht es der Künstler und Aktivist Rau nicht und untersucht dabei zugleich stets das Theater und seine Herstellung, die Ebenen verschmelzen, alles hängt mit allem zusammen. Dass in Wirklichkeit unsere Existenz auf dem Mini-Planet inmitten des Meeres aus Billionen Sonnensystemen bedeutungslos wie ein Wimpernschlag ist, mahnen Nima Jebelli und Andie Dushime wie kosmische Instanzen von der Seite hinter Computer und Skript an. Darauf erzählen zwei gestandene NT-Gent-Schauspieler erstmal von sich, entwickeln einen winzigen biografischen Zusammenhang zu dem Altarbild: Frank Focketyn, der gerne Dirigent geworden wäre, hat seine Namensherkunft bis 1435 in die Entstehungszeit des Alters zurückverfolgt. Chris Thys macht Kunst, ähnlich den Brüdern Eyck, in dem sie mit Hilfe von sinnlichen Erinnerungsdetails, etwa an den Tod ihrer Schwester, Emotionen heraufholt.

Wie zwei Moderatoren – oder auch Dirigenten – führen die beiden durch den Abend, holen das Paar Fanny Vandesande und Storm Calle mit ihren kleinen Söhnen auf die Bühne, lassen sie vom Casting und ihrer Liebesgeschichte erzählen – und anschließend, vor den Augen der Kinder eine atemberaubend realistisch-innige Sexszene spielen, bei der man nicht weiß, wie weit sie wirklich geht. Was wahr und was fake ist, was authentisch und was gespielt, verschwimmt immer wieder. Bis wir dann eine zweifellos echte, blutig-ekstatische Wassergeburt sehen – die den Neuvater dazu qualifiziert, nun die Stelle von Johannes dem Täufer einzunehmen. Und per Kamera in ein Hospiz eindringen, wo die todkranke Leen Baccaert tapfer zu Leonhard Cohens "Dance with me", ihrem Lieblingslied, ins Bild lächelt und hofft, noch einmal ins Theater kommen zu können – was schrecklich unwahrscheinlich erscheint.

Gerechte Richterin und ein Engelschor

Bei der EU-Entscheiderin über Kulturprogramme Barbara Gessler, die für die ins Altarbild eingearbeiteten Mäzene im Video auftritt, sieht das Verhältnis von Wahrheit und Zufall wieder anders aus: Aberwitzig genug ist Gessler offenbar verwandt mit Arsène Goedertier, der 1934 eine Tafel des "Lamm Gottes" klaute, die – eins der größten Mysterien der Kunstgeschichte – nie wieder auftauchte. Ist das nicht dann doch Zuviel des Zufalls? Bis heute hänge in Gent nur eine Kopie, lässt der eingespielte Audio-Walk der Kathedrale hören. Währenddessen führt uns Focketyn mit Live-Kamera in den Keller des Theaters, wo er den Altar nachgebaut hat – endlich die Lösung des Raubgut-Rätsels?

LamGods 1 560 MichielDevijver u In der Mitte das Lamm Gottes, drum herum Gent wie es leibt und lebt und der Kinderengeldschor
© Michiel Devijver

Oben auf der Bühne wird für die einzelnen Szenen immer wieder ein Altarbild-Rahmen heruntergelassen. An der Darstellung der geklauten "gerechten Richter" beteiligt sich die mit Kopftuch angetane Theaterputzfrau Güllüzar Calli, die, seit 17 Jahren im NT Gent beschäftigt, es erst vor einem Jahr zur Hadj nach Medina geschafft hat. Nach und nach werden so alle Bildgruppen von Theaterlaien nachgestellt, die von den Schauspielern interviewt und mit aktuellen Bezügen verwoben werden: Die Engel sind ein Chor aus acht Kindern, der bezaubernd singend eine Welt ohne Schmerz beschwört. St. Christopherus, der Patron der "Reisenden", ist der Flüchtling Rames Abdullah, der mit Stock und Regenjacke Schicksalsgenossen den Weg weist und erzählt, dass er nicht wie der Täufer ein Kind gerettet hat – sondern während der Flucht eins untergehen sah.

Schaf und Schur und Wechselbad

Und dann kommt es zur eigentlichen Schlachtung, ein Moment, in dem viele Milo Rau-Fragen kulminieren, zur Macht des Bildes und zur Macht des Theaters: während ein Schäfer auf der Bühne ein echtes Schaf still auf dem Schoß hält und genüsslich zögernd am Hals entlang dann doch nur seine Wolle abrasiert, schächten im Video Schlächter ein Schaf, es spritzt das Blut, es sinkt das Fleisch – in bildlich gekonnter Parallele. Und während die Kinder vorne begeistert die Schafswolle abklauben, finden sie das Blutbad hinter ihnen auch nicht weiter tragisch: schönes Bild unserer permanent glückseligen, westlichen Wegseh-Welt zwischen Tierwohl und Kriegsgräuel. Nur der kleine Sohn der Eva guckt verstört in die falsche Richtung.

Bewusst wird hier mit Voyeurismus und der Erregung des Zuschauers gespielt, gruselig blickt der maskierte Djihadist schließlich als "Kreuzritter" hoch zu Pferd von der Videoleinwand und stößt apokalyptische Vernichtungsparolen aus. Es ist, auf Nachfrage, allerdings doch nur ein mimender Theatertechniker – während Fatima Ezzarhouni, Mutter eines nach Syrien ausgereisten Gotteskriegers, auf dem Bühnensofa echte Tränen weint. Denn ihr realer Sohn ist vor wenigen Wochen in der Schlacht von Idlib gefallen.

Und so wird man permanent in Wechselbäder gestoßen auf der Suche nach unverbrüchlichen Wahrheiten, und vielleicht ist es am Ende dann doch nur die, die Jebelli und Andie Dushime verkünden: dass in vielen Billionen Jahren die Sonne verglüht, wir dann aber ohnehin schon längst verschwunden sind.

Es ist ein großer Aufschlag, der Milo Rau an diesem Abend in Gent gelingt, eine grandiose Idee: Stadtbürger, aufs Perfekteste multi-coloured, in einem Abend um ein kulturelles, identitätsstiftendes Herzstück ihrer Stadt zusammenzubringen – und dann noch als Künstler darüber nachzudenken, was alles darstellbar ist, wo die Grenzen verlaufen, und ob Darstellung an sich überhaupt noch reicht, um die Welt zu verändern.

 

Lam Gods (Lamm Gottes. Der Genter Altar)
Uraufführung
Konzept, Regie und Text: Milo Rau, Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Video: Steven Maenhout, Pascal Poissonnier, Bram Van Paesschen, Dramaturgie: Stefan Bläske.
Mit: Rames Abdullah, Storm Calle, Gülluzar Calli, Andie Dushime, Koen Everaert, Fatima Ezzarhouni, Frank Focketyn, Nima Jebelli, Chris Thys, Fanny Vandesande, Bram Wets, Kinderchor: Jakob, Kaat & Marie Bombaerts, Merel Boone, Mien Cottenier, Luz De Maesschalck, Kaat De Waegemaeker, Leonore & Elodie Dobbelaere, Dita & Nico Dufoor, Hanne Maes, Luce & Juliette Marichal, Flo Meskens, Stella Minner-Goossens, Elena Van Vooren, No & Til Verhasselt, Ben Vuylsteke.
Auf video: Aghyad Abido, Ayham Abido, Said Ahmadi, Abbas Akbari, Amina Alhaj, Anas Almasri, Bilal Alnouri, Rasha Alobeid, Abdalhameed Alobid, Leen Baccaert, Chokri Ben Chikha, Zouzou Ben Chikha, Nele Buyst, Yaël Bobo, Wim Claeys, Dirk Crommelinck, Marc Croux, Eman Dawoud Radwan, Tom De Clercq, Benny D'Haeseleer, Wim Distelmans, Pablo Fernandez Alonso, Abdel Majid Gandouzi, Barbara Gessler, Ahmad Hamod, Annabel Heyse, Carmen Hornbostel, Besmillah Hussaini, Yaseen Ali Ibrahim, Mohammed Juma Rahimi, Emad Khazal, Denise Kimbo, Katelijne Laevens, Mohammed Loay, Lotte Loncin, Nelly Massa, Aline Platteau, Filip Taveirne, Hiranya Terryn, Marijse Tratsaert, Steven Vander Tichelen, Leen Van Welden, Jan Vereeck, Marijn Vlaeminck, Mieke Vercruysse, Alys Ward, Arvo Wets, Etab Yaghi.
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.ntgent

 

Kritikenrundschau

Beeindruckt ist Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (29.9.2018) von dieser "behutsamen, sofort auf den menschlich-emotionalen Kern abzielenden Inszenierung, die sich zwar an den Bruchlinien gesellschaftlicher Konflikte bewegt, aber nichts Polemisches an sich hat". Der Abend sei im Kern der Versuch, die von Konflikten und Spaltungen zerrissene Genter Gesellschaft mithilfe des größten Kunstwerkes der Stadt zu versöhnen. "Das ist natürlich größenwahnsinnig, aber Heilsbringer Milo Rau ist nun einmal beseelt von der Arbeit an den großen Menschheitsaufgaben. Vielleicht sind wir im Kosmos ganz allein, heißt es mahnend in der Einführung. Und dann geht es jetzt natürlich um alles oder nichts."

Raus Altar-Interpretation sei "fern aller religiösen Ergriffenheit", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel Online (29.9.2018). "In einem lockeren, knapp zweistündigen Assoziationsreigen wird vorgeführt, auf welch kunterbunte Weise der Mensch seinem kurzen Erdendasein Sinn zu verpassen versucht: durch die Anbetung diverser Götter, durch Fortpflanzung und Kinderaufzucht, aber natürlich auch durch Theaterspielen." Dabei wirke Rau oft lammfromm in dieser von seinen Akteuren munter vorgetragenen Stoffsammlung. Der Abend sei "noch kein großes Auftrumpfen, kein Donnerschlag, sondern ein auf die Bühne gestelltes Versuchslabor."

"Raus Stück ist ein Füll­horn des Schre­ckens und des Pro­fa­nen", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (4.10.2018). "Das Mär­chen­haf­te bei Mi­lo Rau ist, wie sei­ne Spie­ler auf der Büh­ne mit­ein­an­der um­ge­hen: Sie sind sich zu­ge­wandt wie die al­ler­bes­ten, sanf­tes­ten Päd­ago­gen. Sie sind voll lern­be­rei­ter Neu­gier auf­ein­an­der." Raus Spie­le seien "mus­ter­gül­ti­ge zi­vi­le Ver­samm­lun­gen" und "Oa­sen der Fried­fer­tig­keit, in de­nen vom Grau­en­haf­tes­ten die Re­de ist, was Men­schen ein­an­der an­tun. Tem­po­rä­re Pa­ra­die­se, in de­nen man vor dem Schre­cken Ru­he sucht." Er ver­wan­dele das Thea­ter in die Kir­che, an die er nicht glaube. "Nur an den nächs­ten Thea­ter­mo­ment – an den glaubt er. Des­halb muss er rast­los Stü­cke pro­du­zie­ren."

"Es ist, als wol­le Rau aus je­der Er­zäh­lung so viel Ge­fühl wie mög­lich her­aus­pres­sen, um den Zu­schau­er zum Han­deln zu zwin­gen", formuliert es Grete Götze in der Frankfurter Allgmeinen Zeitung (5.10.2018). Mit dem Ver­such, die Gren­zen zwi­schen Schau­spie­lern, Lai­en und Pu­bli­kum auf­zu­he­ben, der Me­tho­de, gro­ße Ge­stal­ten der Ge­schich­te durch klei­ne zu er­set­zen, schließe Rau an Brecht an, aber er wolle nicht nur den Ver­stand, son­dern vor al­lem auch die Emo­tio­nen in Be­we­gung brin­gen. Allerdings werde hier nicht wie im Ori­gi­nal-Ge­mäl­de die To­ta­li­tät der Ge­schich­te dar­ge­stellt, "son­dern nur ein klei­ner Aus­schnitt ih­res Ge­sche­hens: Hier wird Thea­ter von Be­kehr­ten für Be­kehr­te ge­macht, das welt­of­fe­ne links­bür­ger­li­che Mi­lieu be­stä­tigt sich selbst."

"Inszenatorisch grandios gelungen" findet hingegen Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (5.10.2018) den Abend "und nicht nur genial ausgeklügelt" – "ein theatrales Kunstwerk für sich". Alles hänge auf wundersame Weise mit allem zusammen, strahle Wärme und Würde und eine geradezu kosmische Weisheit aus. Rau gebe dem Abend eine existenzialistische, ja, nihilistische Rahmung: "Wir kommen aus dem Nichts und gehen ins Nichts. Warum sind wir in dem kurzen Moment unseres Aufflackerns nicht wenigstens ein bisschen nett zueinander? Raus Weltsicht mag zutiefst pessimistisch sein. Aber er ist eben doch ein Menschenfreund."