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Blitz und Donner? Rammstein!

von Martin Krumbholz

Hagen, 12. Januar 2019. Auf einem Monitor im Foyer des Hagener Theaters läuft in Endlosschleife ein Fernsehvortrag des neunzigjährigen Marcel Reich-Ranicki über sein Lieblingsstück "Die Räuber". Wie üblich reiht der alte Mann neben einigen Banalitäten (dass das Stück vor Unwahrscheinlichkeiten nur so strotzt) auch einige Wahrheiten aneinander; etwa, dass Schillers Jugendwerk weniger durch einen angeblichen gesellschaftskritischen Impetus besteche als durch den sprachlichen Furor, den ungeheuren "Schwung", mit dem der Autor aufwarte. Niemand, "nicht einmal die deutschen Regisseure", so Reich-Ranicki, könne die Kraft dieses Stücks bis heute zugrunde richten.

Musikalisch aufgepeppt

Es ist riskant, so einen Satz (auch noch) im Programmheft zu zitieren. Das Theater Hagen gibt es schon seit 1911. Schauspiel ist dort aber lange nicht mehr gemacht worden. Seit anderthalb Jahren leitet Francis Hüsers das musikalisch geprägte Haus. Den Intendanten hat nun der Ehrgeiz gepackt, einmal im Jahr ein Schauspiel zu inszenieren; so gibt es zwischen "Rusalka", "Cinderella" und "Pariser Leben" also Schillers "Räuber". Ein kraftstrotzendes Werk, das kein deutscher Regisseur, und gäbe er sich noch so viel Mühe, zugrunde richten kann. 

Raeuber 1 560 KlausLefebvre uFranz, die Kanaille, und der Herr Papa: Harry Schäfer, Klaus Lehmann © Klaus Lefebvre

Die Tatsache, dass die Aufführung musikalisch aufgepeppt wird, ist angesichts des opernhaften Rahmens noch die geringste Überraschung, die der Abend bereithält. Von Rammstein zu Bach und Beethoven ist es offenbar nur ein kleiner Sprung; wenn der Räuber Scheuerle von einem brutalen Kindsmord berichtet, ertönt als subtiler Kommentar ein Ausschnitt aus dem zweiten Satz einer Beethoven-Sinfonie. Und wenn es dramaturgisch zündelt, blitzt und donnert, ist Rammstein am Zug.

Alter!

Dass er keine Einfälle hätte, will dieser Regisseur sich jedenfalls nicht nachsagen lassen. Und noch weniger, dass er von zeitgemäßem Regietheater nichts verstünde. Auf einer Bühne, die von einem blau-gelb-rot angemalten Klettergerüst bestimmt wird, ist die Aufführung in eine Art Moderne-Regie-Folie verpackt, als ließe sich damit zugleich die Modernität des Stoffs unter Beweis stellen. Franz, der Bösewicht (Harry Schäfer), klammert sich, als Zeichen seiner Weltläufigkeit, an einem Laptop fest. Dass die dramatischen Personen dauernd "Itzt" sagen oder "Tod und Verdammnis!" brüllen, kontrastiert mit diesem läppischen Bobo-Requisit aufs feinste. Nach dem (vermeintlichen) Ableben des alten Moor setzt Franz sich erst mal auf dessen Rollator und krümmt vor Aufregung seine Finger.

Raeuber 4 560 KlausLefebvre uDie "Räuber"-Gang vorm Klettergerüst: Alessandro Grossi, Yasin Boynuince, Kjell Brutscheidt, Robin Bohn, Raoul Migliosi, Harry Schäfer © Klaus Lefebvre

Die aufschäumende, uferlose Sprache – hier ist wirklich mal der Ausdruck "Sprachgewalt" am Platz – ist ja, wie schon Reich-Ranicki bemerkte, der Prüfstein des Textes. Je gewaltiger die Affekte sich überschlagen, desto irrsinniger flippt die Sprache aus. Die Ohren gellen, die Zähne klappern vor Entsetzen und das Erbarmen ist zu den Bären geflohen. In dieser Aufführung reden die Räuber sich mit "Alter" an, weil das unter deutschen Gymnasiasten so üblich ist. Mit solchen Mitteln wird der inkompatible Text auf einen heutigen Stand gebracht. Die fünf Räuber sind übrigens über die Ränge des Theaters aufgetreten und fanden, dass es ein bisschen "wie ein Kino" aussieht.

Als käme er von der Toilette

Wer ist Spiegelberg, wer ist Schweizer? Die Notizen im Programmheft wissen mehr darüber als die Inszenierung, die ihre jungen Schauspieler weitgehend allein lässt. Dafür flimmert, wenn Franz mal wieder Amalia einen Antrag macht, ein stummer Ausschnitt aus Bergmans "Szenen einer Ehe" über die Leinwand. Um anzudeuten, wie diese Ehe, käme sie denn zustande, enden würde? Amalia, die einzige Frau in diesem Männerstück, kommt als gelebte Figur praktisch nicht vor. Kjell Brutscheidt, der Räuber Karl, könnte diese Rolle von seinem Potenzial her sehr wohl spielen, wenn er denn angemessen geführt und eingebettet würde. Klaus Lehmann, der Vater Moor, ist eine würdige Erscheinung; wenn der arme Kerl aber aus seinen tausend Grüften wiederaufersteht und sagt: "Ich lebe", klingt das, als käme er eben von der Toilette.

Nein, die Liebe zum Schauspiel, zum Klassiker und zum jungen Schiller in allen Ehren, aber so geht es nicht. Hier schafft die Regie Dinge, die man nicht von ihr erwartet hätte.

Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie: Francis Hüsers, Bühne: Kaspar Glarner, Bibi Abel, Kostüme: Kaspar Glarner, Video: Bibi Abel, Licht: Hans-Joachim Köster, Choreographie: Sara Pena, Dramaturgie: Rebecca Graitl, Musikalische Leitung/Klavier: Dan K. Kurland.
Mit: Harry Schäfer, Kjell Brutscheidt, Tatiana Feldman, Klaus Lehmann, Robin Bohn, Raoul Migliosi, Alessandro Grossi, Yasin Boynuince, Kristina Günther.
Premiere am 12. Januar 2019
Dauer 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theaterhagen.de

 

Kritikenrundschau

"Friedrich Schillers 'Räuber' starten am Theater Hagen mit einem großen Bild. Das kann sein Glücksversprechen jedoch nicht einlösen, denn sobald die Protagonisten sprechen, wird es ein eher zäher Abend", schreibt Monika Willer auf ikz-online (13.1.2019). "Die Regie erlaubt den Darstellern nicht, sich mit ihren Helden zu identifizieren. Ständig müssen sie aus ihren Rollen heraustreten und spielen, dass sie spielen (…). Dieses Stilmittel funktioniert bei Schillers Sprachkunstwerk nicht, das ja auf ein Mitfühlen des Publikums mit dem so tragisch scheiternden Karl Moor abzielt." Die nackte Bühne ermögliche gerade in ihrer Reduziertheit und mit den Videoprojektionen eindrückliche Bilder. "Doch sie ist zu groß für eine Inszenierung, die derart mit dem Text kämpft, ebenso, wie das große Haus zu groß ist für das Konzept und die Darsteller."