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Das Gespenst der Freiheit

von Andreas Wilink

Köln, 18. Januar 2019. Ein mythisches Grundmuster scheint in "Rückkehr nach Reims" durch: Auszug und Wiederkunft des Heros / Sohnes, verbunden mit einer realen bzw. symbolischen Vatertötung. Parallel untersucht der Soziologe Didier Eribon das neoliberale System unserer defekt gewordenen Demokratien. Noch einmal erlebt die (französische) Gesellschaft das Scheitern der Aufklärung und die Opferung des Einzelnen bzw. der Beherrschten im Namen des etatistischen Prinzips.

Der verlorene Sohn

Vermutlich lautet der zentrale Begriff: Aussöhnung – mit dem Elternhaus, mit der Herkunft und Klasse und vor allem mit sich selbst und abgespaltenen, verleugneten Teilen des eigenen Ichs. Schmerz über den Verlust, das Gefühl von Trennung, Verletzung – und Verrat, erlitten und begangen, indem Eribon der wurde, der er ist: ein Intellektueller, souverän, gebildet, vertraut mit den sublimen kulturellen und akademischen Riten und Codes, geübt in Selbsttechniken des Sich-Verwandelns.

Reims3 560 ThomasAurin uMutter und Sohn: Sabine Orléans und Nicolas Lehni  © Thomas Aurin

"Rückkehr nach Reims" ist seine vieldiskutierte Studie über politische Ursachen für die affektive Hinwendung der traditionell linken bzw. kommunistischen Arbeiterschaft zum Front National (Eribon spricht von "negativer Selbstaffirmation"). Und ist Recherche seiner Identitätsbildung und ihres Preises. Das Buch leistet analytische und emotionale Erinnerungsarbeit, um die "Gegend meiner selbst", wie Eribon mit Jean Genet sagt, zu erforschen. Sein Coming-out als Homosexueller ging einher mit dem Verbergen des familiären Milieus: Scham transformiert zu Stolz. Die Befreiung als Schwuler aus Normierungen beinhaltet die Anpassung des Arbeiterkindes an die Eliten, die ihn lange nicht akzeptieren. "Mein Erfolg bemaß sich an der Distanz, die ich zwischen ihn (den Vater) und mich legen konnte."

Die Ignoranz des Überläufers

Schlafen. Vielleicht träumen. Auf dem Boden des Kölner Schauspiel-Depots liegen ein paar Personen. Zwei rekeln sich wohlig zu Schmusemusik. Im Aufstehen wachsen sie sich aus zu elastischen Pin-Up-Boys (Nicolas Lehni, Justus Maier), die posieren, einander jagen, sich zu fassen kriegen und im erotischen Körperspiel siegesgewiss scheinen. Während Thomas Ostermeiers Berliner Inszenierung sich Ausflucht schafft, indem sie Eribons Erzählung dokumentarisiert und mit der Biografie des Vaters von Nina Hoss (seiner Hauptdarstellerin) kreuzt, geht Thomas Jonigk einen anderen Weg.

Vertraut mit den von Eribon entwickelten Motiven, sucht seine Regie den narrativen, personalen Zugang. Jörg Ratjen – umtänzelt, assistiert und souffliert von den beiden springlebendigen Ideal-Ichs – wirkt wie ein verschüchterter, verstörter, jammervoller Büchermensch und faustischer Geist, dem Erkenntnis keine Heilung brachte und der seine Sublimierungs- und Verdrängungsleistung bitter betrachtet. Trauer, zu spät. Worüber? Über seine Abwehr und Distanz zum Herkommen, das Inferioritäts-Gefühl und die Ignoranz des "Überläufers" gegenüber der Alltagsrealität seiner 'Brüder und Schwestern'. Wir sehen ein Gespenst der Freiheit. Hören Notrufe, montiert aus schrägen Tönen. Gelingendes Dasein sieht anders aus.

Reims1 560 ThomasAurin uDrei Mal Didier: Nicolas Lehni, Jörg Ratjen und Justus Maier © Thomas Aurin

Die sich im Zeitfluss offen haltende Dramaturgie schaut zurück ins Elternhaus Eribon mit der abgearbeiteten, rührend herzhaften Mutter (Sabine Orléans) und dem Vater, den Nicki von Tempelhoff als Wüterich, Alkoholiker-Oger, monströs gebrochenes, verdämmerndes Wrack zeigt, der mit einem Chanson den Takt zu seinem Rassismus vorgibt und den Sohn in einem angedeuteten Missbrauch in den Würgegriff nimmt und wie eine Sprechpuppe führt. Unbehagen nistet hier noch im Komischen. Die bisweilen etwas unbeholfene, dabei auch demonstrative Inszenierung päppelt das Satirische, flirtet schon mal mit dem Vaudeville, entlarvt das Lehrstück auch bloß als Maskerade und scheut sich nicht vor der munter-ernsten Prekariats- und Pédé-Operette. Allerdings schließt sie ab mit der De-Profundis-Klage und -Anklage Eribons gegen das von der Gesellschaft verhängte "soziale und sexuelle Verdikt" und das implantierte Schweigegebot über das eigene Begehren. Der tiefe Schmerz um das Unwiederbringliche und um das Scheitern der eigenen Befreiung klingt nach.

Populistische Parolen

Die Theorie-"Zwischenspiele" zur Ideologie und Praxis der Arbeiterschaft und ihrem (für die falsche Seite votierenden) Protest gegen die Mühsal des Lebens in den Fabriken, Haushalten und Ehen bleiben bei Jonigk entweder wie aus dem Zettelkasten geschüttelt oder suchen partout nach einer Spielsituation. An einem mit der Trikolore dekorierten Esstisch verkostet die Familie – quälend in Slow Motion – die populistischen und nationalistischen Parolen. In einer langen "Modern Times"-Choreografie wird die stupide, außer Rand und Band geratende Akkord-Fron vorexerziert, bei der fünf Lohnabhängige die deutsche "Rückkehr nach Reims"-Buchausgabe verpacken. Und irgendwie so auch als unbrauchbar etikettieren. Ist das Literatur? Oder kann das weg?

 

Rückkehr nach Reims
von Didier Eribon
Bühnenfassung und Regie: Thomas Jonigk, Bühne: Lisa Däßler, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Mathis Nitschke, Choreografie: Teresa Rotemberg, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Antonia Bockelmann, Campbell Caspary, Laura Friedmann, Nicolas Lehni, Justus Maier, Sabine Orléans, Jörg Ratjen, Nicki von Tempelhoff.
Premiere am 18. Januar 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-koeln.de

 

Kritikenrundschau

Wo Eribon in seinem Text "zu einer kühlen-distanzierten analytischen, stellenweise melancholischen Haltung gefunden" habe, gebe es bei Thomas Jonigk  "viel Krümmen, Schreien, Wüten und Zetern, denn der Weg hinaus aus dem familiären Sinnzusammenhang ist natürlich kein einfacher", so Max Florian Kühlem in der Rheinischen Post (online 20.1.2019). Denn die Inszenierung, die der Chronologie des Buches folge, versuche hinter die Beschreibungen zu blicken mit einer Vermutung: Das muss doch weh getan haben. "Am besten ist sie allerdings in den verfremdeten, überstilisierten Momenten."

Anders als Thomas Ostermeier in Berlin seien für Jonigk die Menschen, die Eribon beschreibt, keine Stichwortgeber für Reflexionen, sondern aus Fleisch und Blut, findet Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (21.1.2019). Die wahre Stärke des Abends liege in der Nahbarkeit seiner Figuren. "Soziologie ist die Lehre vom Zusammenleben der Menschen. Was das aus uns macht, haben Eribon und Jonigk hier klug und mitreißend gezeigt."

Dass Jonigk Arbeiter für Eribons Bücher schuften und an der Maloche verzweifeln lasse, "ist ein vortrefflicher Clou", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (21.1.2019). Ansonsten setze der Regisseur auf Werktreue und lasse sein Darstellerensemble das Buch (in Auszügen) Wort für Wort vortragen. "Doch das entpuppt sich als das Hauptproblem des Abends." Immerhin: "Letztlich sorgt die Darstellerriege für einen ansehenswerten Theaterabend."