Johlen und atemloses Stillschweigen

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 31. Oktober 2008. "Warum gar bis aufs Blut die Leut' sich quälen und schinden" versuchte einst Richard Wagners Hans Sachs zu ergründen. Nun, von Nürnberg bis in den mittleren Westen der USA ist es ein weiter Weg. Dennoch stellt diese meisterliche Frage letztlich auch Tracy Letts in seinem in den USA preisgekrönten Stück "Eine Familie/August: Osage County", das Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski als deutschsprachige Erstaufführung am Nationaltheater auf die Bühne brachte.

 

"Das Leben ist sehr lang" lautet der erste Satz eines langen Theaterabends, er stammt vom amerikanischen Literaturnobelpreisträger T.S. Eliot. "So was von scheißwahr", weiß der saufende Poet Beverly bei der Einstellung eines indianischen Hausmädchens (Nadine Schwitter). Es ist seine erste und letzte Szene wie Tat, bevor er ins Wasser geht und damit zahlreiche weitere Familientragödien im Hause Weston auslöst. Ob er säuft, weil seine Frau Violet Tabletten nimmt, oder sie Tabletten nimmt, weil er säuft, weiß er nicht mehr so genau. Dass das Leben aber sehr lang ist, da ist er sicher.

Katze auf eisigem Blechdach

Ralf Dittrich gibt ihm die Aura eines Zynikers mit Herz, der keinen Hehl daraus macht, die Frage nach dem Warum längst aufgegeben zu haben. Mit seinem Abgang macht er Platz für die größte Figur des Abends: Violet, mit der Gabriela Badura in einer der stärksten Rollen ihres Schauspielerinnenlebens über dreieinhalb Stunden brillieren darf. Unter den Krallen dieser ruppigen Katze ist das heiße Blechdach längst zu Eis geworden. Neben dem Drogenproblem hat sie noch ein weiteres: Mundhöhlenkrebs im Schandmaul, mit dem sie in vermeintlicher Wahrheitssuche alles um sich herum wegbeisst bis Blut und Tränen fließen - vor allem bei ihren drei Töchtern, die im Schatten des Stachelbaums nur wenig Luft und Licht bekommen.

Aus welchem Stall sie stammt, lässt sich auch am Ton ihrer Schwester Mattie Fae (Anke Schubert) erkennen, unter dem nicht zuletzt ihr Gatte (Peter Rühring) und der als Schwächling verhöhnte Sohn (Klaus Rodewald) zu leiden haben. Gegen die Messerschärfe der Schwester ist aber auch ihr kein Kraut gewachsen. Tochter Barbara ist ihrer Mutter Violet noch am ähnlichsten und somit auch die stärkste und furioseste unter ihnen. Irene Kugler kehrt damit über Stuttgart und Hamburg an ihre einstige Hausbühne zurück und trifft auf vertraute Sparringspartner. Es entsteht ein Synergieeffekt, der auch sie zur Höchstform auflaufen lässt.

Schauspielerfutter verloren geglaubter Güte

Ivy (großartig: Ragna Pitoll) ist Violets dankbarstes Opfer. Unter den Hieben der Mutter bleibt die gestandene Universitätsdozentin ewig der lebensuntaugliche Backfisch. Einzig Karen (Isabelle Barth), obwohl die Jüngste, hat sich frühzeitig ins lebensbejahende wie oberflächliche Florida geflüchtet. Am dichtesten ist der Abend immer dann, wenn Mutter und Töchter im offenen Bühnenhaus von Florian Etti aufeinanderprallen, massive Angriffe und geschliffene Anschuldigungen das Fleisch der Familie zerschneiden.

So hart mag es in der eigenen Sippe nicht zugehen, doch wer kennt sie nicht, die Ausraster um Lieblingskinder, Erbschaftsstreitereien, vertane Chancen und ignorierte Erwartungen. In den Stunden um die Beerdigung des Vaters bietet Letts einen Katalog der familiären Abgründe, der stellenweise zwar zu prall geraten ist, aber dennoch tief in die Seele blicken lässt. Was sich da familiär abspielt, ist grausig. Schauspielerisch ist der Abend ein Fest, das zu Recht mit Szenenapplaus und stehenden Ovationen gefeiert wird.

Das hat viele Gründe: Letts' Well-made Play funktioniert wie geschmiert, hat er es doch den Schauspielern der Chigagoer Steppenwolf Theatre Company auf den Leib geschrieben. Dass es auch bei den Mannheimern, zwischen alten Hasen, Neuzugängen, Rückkehrern und Jungschauspielern funktioniert, steht für dessen Qualität. Man mag es für altmodisch halten; Letts schafft Figuren: mit Fleisch und Blut, Charakter, Schrammen und Wunden – und somit Schauspielerfutter verloren geglaubter Güte. Freilich strickt er nach Tennessee Williams und Eugene O’Neill, doch seines langen Stückes Reise in die menschliche Nacht hat eine derart mitreißende tragikomische Aktualisierung erfahren, dass wir ihm trotz einiger unnötiger Sitcom-Zoten gebannt dorthin folgen.

Beleidigungen, Krebsanfälle, Inzest

Dass Bosheit lachen macht, im nächsten Moment dann furioser Aktionsrealismus feiner Psychologie folgt, Johlen und atemloses Stillschweigen über drei Akte derart Hand in Hand gehen, hat Burkhard C. Kosminski bewirkt. Er verfügt diesmal nicht nur über den richtigen Stoff, sondern auch über das richtige Timing, sorgt für den notwendigen Nachhall und hat sichtlich intensiv daran gearbeitet, aus einem Ensemblestück bis in die kleinste Rolle auch ein Stück für das Ensemble werden zu lassen. Nach der Pause, wenn den nahezu ungestrichenen Beleidigungen, Krebsfällen und Beziehungsdramen noch Inzest, versuchter Missbrauch, Vaterschaftsänderungen und tödliche Schuld folgen, kämpft freilich auch der Spezialist für amerikanische Dramatik mit den Ereignissen.

Doch er hält sie aus, wie man auch Violets verzweifelt herrisches Greinen in die finale Einsamkeit hinein ertragen muss. Die selbsterklärte Herrin der Situation bleibt in den Armen des von ihr verachteten – und ihr vom Gatten klug zugeführten – Indianermädchens zurück. "In die Flucht geschlagen, wähnt er zu jagen." Heißt es bei Wagners Hans Sachs über den verletzenden, andere bis aufs Blut quälenden Menschen. "'s ist halt der alte Wahn, ohn' den nichts mag geschehen ..." Eine traurige Antwort auf eine schwierige Frage.

 

Eine Familie/August: Osage County (DSE)
von Tracy Letts
Inszenierung: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Hans Platzgumer.
Mit: Ralf Dittrich, Gabriela Badura, Irene Kugler, Thomas Meinhardt, Dascha Trautwein, Ragna Pitoll, Isabelle Barth, Reinhard Mahlberg, Anke Schubert, Peter Rühring, Klaus Rodewald, Nadine Schwitter, Jacques Malan.

www.nationaltheater-mannheim.de


Mehr über Inszenierungen von Burkhard C. Kosminski: Im Februar 2008 inszenierte er in Frankfurt die Uraufführung von Rafael Spregelburgs Die Sturheit. Im Dezember 2007 brachte er in Mannheim die Urauführung von Christoph Nußbaumeders Jetzt und in Ewigkeit heraus.

 

Kritikenrundschau

Tracy Letts habe in seinem gefeierten Stück "August: Osage County", das "einem rüden, schwülen Familien- und Ehekriegsdrama von O'Neill, Tennessee Williams oder Edward Albee" ähnele, "die alte Familienhölle der Vierziger und Fünfziger kaum umdekoriert, nur noch etwas Brennholz und Derbheit nachgelegt", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (3.11.). Das Stück sei "ein verspätetes Südstaatenmelodram." Bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Mannheim funktioniere "die Kreuzung aus O'Neill, Tschechow und Sitcom". Der Regisseur Burkhard C. Kosminski zeige "keine Scheu vor großen Gefühlen und den Krawall-Dialogen der Fernsehserien". Seine Inszenierung biete "soliden psychologischen Realismus, der über fast vier Stunden hinweg die Spannung hält. Für ein Theaterereignis ist das Stück vielleicht zu epigonal, zu überladen, zu routiniert auf großes Drama gebürstet. Aber es ist große Unterhaltung, das Ensemble so gut wie schon lange nicht mehr".


In der Frankfurter Rundschau (3.11.) ruft Peter Michalzik Tracy Letts zum "großen Dramatiker" aus. Sein Stück sei "perfekt gebaut, die Informationen sickern aus den Dialogen, man weiß genug, aber nie zu viel." Es werde mit Tschechow und Ibsen und also "mit den ganz großen Vorbildern erzählt", wirke dabei "aber nie epigonal, sondern kongenial." Letts sei in seinem Blick auf die Figuren "wie ein Kind, das einem Insekt aus Forscherdrang die Flügel ausreißt." Zudem sprächen einige dieser Figuren, "wie wenn sie aus einer amerikanischen Soap entlaufen wären. ... Wegen dieser Sprüche ist das Stück so krass wie lustig. Das Irre dabei ist, dass die Sprüche vollkommen realistisch wirken: Wir sind in einer Tragödie und es klingt nach Soap. Und wir verstehen: Amerika ist eine Soap-Opera." Im übrigen passe das Mannheimer Ensemble "so perfekt auf diese Rollen, dass man denkt, es sei extra für dieses Stück zusammengestellt worden".

 

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