Kronkämpfe kindlicher Könige

von Sabine Leucht

München, 20. November 2008. Wer eintreten will in diese Inszenierung von Shakespeares "Richard III." muss zuerst eine innere Hürde überwinden. Der vielleicht kälteste Bösewicht der Dramenliteratur vor Roberto Zucco tritt gewöhnlich als reifer Mann vor sein Publikum oder trägt den Charakterkopf eines Laurence Olivier, Gert Voss, Al Pacino oder Ernst Stötzner.

Nico Holonics aber ist erst 24 und könnte mit dem gegelten Haar und dem launigen Bärtchen auch als Popliterat durchgehen – zumal hinter dem Qualm seiner Zigaretten oder mit all der verbrannten Erde, die Richard von Gloucester beständig hinterlässt. Direkt nach der Schauspielschule, also vor einem Jahr, stand Holonics bereits als Schillers Don Karlos auf der Bühne des Münchner Volkstheaters.

Wohl nirgendwo sonst wäre ein solch gigantischer Vertrauensvorschuss möglich als im Haus von Christian Stückl, wo Ausnahmebegabungen wie Brigitte Hobmeier heranwuchsen und andere erschreckend klein geblieben sind (und Stückl ihnen treu). Mit Holonics nun könnte dem konstant jungen Ensemble wieder ein neuer Star erwachsen. Sein Richard ist die reine, noch ungepolte Energie, eine Stromschnelle, die ungebremst die Klippen der Postpubertät hinabstürzt. Eigentlich ist er ganz klassisch auf der Flucht vor sich selbst, nur dass ihn dabei aus der Ferne ein Thron lockt und auf dem Weg dahin Köpfe rollen müssen.

Im flirrenden Zwischenreich der Postpubertät

Shakespeare hat den historischen Richard III. im letzten Teil seiner York-Tetralogie zur Bestie überzeichnet, verkrüppelt an Seele und Körper, ohne jede Rücksicht oder Skrupel. Seine Helfer und Helfershelfer bringt er ebenso umstandslos um wie seine Feinde. Und das alles, weil er "in diesem schlaffen Friedenstrallala" wenn schon nicht jugendlicher Liebhaber, dann doch zumindest ein rechter Bösewicht werden will.

Holonics und Stückl als sein Regisseur haben diese große Rolle in einem flirrenden Zwischenreich angesiedelt, in dem Richards Hyperaktivität mit einem bloßen Überschuss an Adrenalin, seine Gefühlskälte mit Coolness und seine opportunistische Verstellungskunst mit Charme verwechselt werden könnte. Allein die Taten sprechen für sich, aber Holonics zeigt sie als Taten eines dandyhaften Spielers, der keine Sekunde nichts aushecken, verändern und bewegen kann.

Diese Machermentalität mag der Grund dafür gewesen sein, weshalb hier alle Männer in grauen Anzügen stecken – fit für den Auftritt an der Börse, in der Bank oder jedem x-beliebigen Büro. Grau ist auch die Bühne von Alu Walter, auf der vor dem Eisernen Vorhang eine Eisenbrücke das Bild quert. Schiebt sich der Vorhang zur Seite, macht er den Blick auf eine kniehohe, aufdringlich grüne Wiese frei, über der eine Schaukel lächelnde Kinder trägt, ein brünstiges Königspaar und einen Richard mit Rumpelstilzchen-Allüren.

Absolut gezügelter Blutdurst

Doch da, nach der Pause, im fünften und letzten Akt der großzügig verschlankten Münchner Fassung, muss der eiskalte Dämagoge und charismatische Menschenverführer ein Stück zu sehr wie Adolf Hitler aussehen. Angelegt war es schon in Nico Holonics bei aller Fahrigkeit streng kontrolliert wirkenden Gesten und dem Blick, der von unten durch das zur Seite gescheitelte Pony sticht. Alle eher kleinen, drahtigen, ungehaltenen Machtpolitiker mit linkischer Körpersprache wurden angespielt, tendenziell möglich gemacht. Aber immer blitzten dazwischen auch verwundert-verwundete Kinderaugen auf: Ein ungleich spannenderer Zustand als die Regieentscheidung für den "kranken" Hitlerblick und das große Führerbunkergetöse.

Stückl, der insgesamt erstaunlich klar und ruhig inszeniert und nach Maßgabe seines Ensembles klug besetzt hat, hat diesmal auch seinen Blutdurst gezügelt. Anders als bei "Titus Andronicus", womit Stückl 2002 seine Intendanz einläutete, geschehen nur wenige der Morde auf offener Bühne. Und, falls doch, als Schluss- und Gipfelpunkt fast dezent zu nennender Choreografien. Zwar wird Lord Hastings' Hirn in einer wirklich amüsanten Szene (nicht von allen gerne) verspeist, doch das war's schon. Und es hatte alles seinen Sinn, seinen Platz und seinen Grund. Auch die Musik von Micha Acher (The Notwist), der sparsam stimmige Akzente setzt.

Stefan Murr als wendiger Bürokrat Buckingham ist einer der stärksten, Justin Mühlenhardt als Richards Erfüllungsgehilfe Catesby einer der schwächeren Akteure im Team. Umso überraschender, dass er ihm hier am Ende den Todesstoß versetzen darf und starr den verebbenden Atemzügen der Menschenbestie lauscht, während das Feuer der letzten Schlacht noch im Hintergrund lodert und ein neuer, kindlicher König schon mit der goldenen Krone spielt.

 

Richard III.
von William Shakespeare
frei nach der deutschen Übersetzung von Friedrich Schlegel
Regie: Christian Stückl, Bühne: Alu Walter, Kostüme: Uta Gruber-Ballehr, Musik: Micha Acher und Tied & Tickled Trio.
Mit: Nico Holonics, Robin Sondermann, Alu Walter, Ursula Burkhart, Elias Gambarte/Falco Stiegelbauer-Fischer, Oscar Olsson/Quirin Manz, Ilona Grandke, Xenia Tiling, Stefan Murr, Thomas Kylau, Justin Mühlenhardt, Axel Röhrle, Christoph Baumann.

www.muenchner-volkstheater.de

 

Mehr über den Regisseur Christian Stückl lesen Sie in den Kritiken zu seinem Peer Gynt im März 2008 und dem auch in diesem Text erwähnten Don Karlos im Oktober 2007.

 

Kritikenrundschau

Tollstes Shakespeare-Vergnügen gibt Robert Braunmüller in der Münchner Abendzeitung (22.11.2008) zu Protokoll, den Christian Stückls Version des Splatterdramas Richard III. manchmal aber auch an Alfred Hitchcock erinnert hat. Speziell Nico Holonics in der Titelrolle hat Braunmüller begeistert, der ihn dann auch mit kleineren Schwächen des Abends versöhnt, den "wild fluchende Geistersekunden der am Schlamassel nicht unschuldigen Königinwitwe" von Ilona Grandke beispielsweise.

Von einem "Mords-Erfolg" spricht auch Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.11.2008) Denn Christian Stückl hat aus ihrer Sicht "nicht nur einen spannenden Reißer, sondern ein bisschen auch den 'Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui'" inszeniert, und zwar "mit einem fast ausnahmslos starken Ensemble". Auch für Dössel ragt besonders der 24jährige Nico Holonics als Richard III. (diesem "wohl perfideste(n), hässlichste(n), skrupelloseste(n) Menschenungeheuer der Dramengeschichte") heraus: "wie einen dieser Kerl mit allen Registern der Heuchel-, Überzeugungs- und Verstellungskunst, mit seiner hibbeligen Energie, seiner exzentrischen Art zu rauchen und seiner Kunst, Gedankenabläufe sichtbar zu machen, in seinen Bann schlägt und alle Menschen um ihn herum weichzuklopfen versteht - auch uns Zuschauer" findet Christine Dössel "absolut großartig, schlagend, lustvoll, stellenweise sogar atemberaubend."

Eine "präzise, heutige, zugleich geschichtsbewusste Analyse von Mensch, Macht und Moral" annonciert Simone Dattenberger im Münchner Merkur (22.11.2008), und zwar ohne krampfhafte Beschwörung von Aktualität. Auch Dattenberger überzeugt Noco Holonics Darstellung der Titelfigur als "alertes Bürschchen" und "gelangweilter Oberschichtknabe, der zum Zeitvertreib um die Krone spielt". Aber auch die anderen Darsteller bekommen viel Lob. Und Regisseur Christian Stückl für diese "gedanklich ausgereifte Inszenierung".

 

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