Vielstimmiges Monster

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 26. Mai 2007. Sie spricht. Sie denkt. Sie geifert. Und am Ende tötet sie ihre eigene Brut. Bingo! Medea. Die bekannte Rasende. Oder, wie tausendmal zuvor schon: Medea, die Selbstbefreierin. Und daher auch: Medea, die verführerische, antike und trotzdem ewig junge, stets verfügbare und intellektuell elastische Interpretationsunterlage, die jedem Theatergänger, jedem Deutschlehrer und Regisseur so oft gab, was er dringend brauchte: ein befriedigendes Reizbild vom Zustand unserer verkommenen Welt.

Bis Volker Lösch kam. Seine gewohnt alles potenzierende Phantasie verwandelte das von Euripides geschaffene, nicht totzumachende Wunderweib in eine unberechenbare, vielstimmige Hydra, ein unzähmbares Chormonster aus 19 Köpfen und einem Kopftuch. Denn Medea, das behauptet der Regisseur Lösch zumindest, kommt direkt aus unserer Mitte. Eine waschechte Schwabotürkin ist sie, eine "Reigschmeckte", wie man hier so sagt – allerdings mit zweifelhafter Aufenthaltsberechtigung. Ein problembehaftetes, stummes, unterdrücktes Frauenirgendwas, hin- und hertorkelnd zwischen Assimilation, Kopftuchstreit, Koran und Zwangsehe. Es wiegt sich zum orientalischen Turbofolk, spuckt Kürbiskerne, kapiert nix vom patriarchalischen  System (Kreon) und wird von Löschs herbeipädagogisierten "wir", dem deutschen Westen (Griechen), gerne mal übersehen. Ihr Mann (Jason), ihre Kinder, ihre Familie bleiben ihre einzige Daseinsberechtigung. Ein Selbst hat sie nicht. Als ihr Mann sie verstößt, verliert sie alles.

Energiezentrum Migrantinnenchor

Doch was sie gewinnt, ist ihre Stimme. Für seinen Laienchor fanden Lösch und sein Team 16 türkischstämmige Frauen aus Stuttgart und Umgebung, die unter dem Chorleiter Bernd Freytag nicht nur zu einem bloßen Sprechautomat der originären Medea-Passagen zusammenmontiert wurden. Durch die teils vorgelesenen biografischen Texte der Protagonistinnen wird in der heftig beklatschten Premiere der Chor zu einer eingestimmten lebendigen Frauenbande, die mal auseinander fällt, wieder zu sich findet, nicht bloß die Situation kommentiert, sondern sich immer wieder aufs Neue in ein ironisch-dissonantes Selbstgespräch vertieft. Der Chor als starkes, alles dominierendes Energiezentrum.

Lösch stachelt den keifenden Mob an, um dem narzisstischen Bürgertheater den Garaus zu machen, er verhilft den "authentischen" Medea-Türkinnen  zum Schrei gegen das von ihm/ihnen verhasste Ihr-da-unten-im-Parkett: "Ihr könnt mich alle am Arsch lecken!" Jason und Kreon, das sind alle, die nicht Chor sind. Männer. Unterdrücker. Weggucker. Wir eben. Das hat schon was, die Publikumsbeschimpfung, diese unbekümmerte Ihr-Wir-Logik frei nach Euripides, die bisweilen naive Engführung gesellschaftlicher Konfliktlinien. Löschs Regiekunst stellt ungern Fragen, sie liefert lieber Antworten. Das Oszillieren der Bedeutungen und Zuschreibungen dieser antiken Femme Fatale, die Dekonstruktion der hybriden Medea ist seine Sache nicht. Für Lösch ist die Barbarin ein zwischen alle Stühlen plumpsender Störenfried, eine Fremdenrevolte, die ihre eigenen Kinder frisst. Mehr nicht. Warum auch nicht?

Die Dramaturgie (Beate Seidel) operiert den Text von Euripides bei vollem Bewusstsein, amputiert und schnallt die Fremdtexte als festsitzende, elektrisierte Prothesen auf die Stümpfe. Ihr Eigenleben interessiert bald mehr als der ächzende Euripides: Unnachgiebige Väter, ungerechte Zwangsverlobungen, Diskriminierung am Arbeitsplatz.

Im Karussell der Parallelgesellschaften

Im Programmheft kann man die freimütigen, auf der Bühne angerissenen Lebensläufe blätternd weiterverfolgen. Zum Beispiel Medea Eins, die unweit der Schwabenmetropole aufgewachsen ist und sich so erinnert: "Ich hab für meine Brüder die Schläge einkassiert, wenn die was angestellt haben. Meine Mutter hat mich auf der Straße verprügelt. Damals gab's so'n  Stock. Ich hab's immer auf die Waden gekriegt, das tut verdammt weh." Gegen diese Macht des Faktischen verblasst das Frauendrama des Euripides geradezu. Der Migrationshintergund schiebt sich wie beim Schlussverkauf mit ausgestellten Ellbogen tief in den Vordergrund. Und die alte Kolcherin winkt von draußen.

Zu den 16 Laiendarstellerinnen gesellen sich noch die Schauspielerinnen Marietta Meguid, Katharina Ortmayr sowie die burschikos aufspielende Lisa Wildmann, die sich noch einmal als kleiner Chor aus dem großen Ganzen herausschälen und den beiden Machos tüchtig einheizen. Die funktionale, von Carola Reuther gestaltete Bühne besteht aus einer sich andauernd drehenden Wand, die den grauen Raum in ein Karussell der Parallelgesellschaften trennt. Florian von Manteuffel gibt den Kreon als Aktenkoffer tragenden Tyrannen im Dreiteiler. Seinen stärksten Auftritt hat er als heuchelnder, linksgefühliger Gutmensch, der nicht versteht, worüber sich diese Moslems eigentlich ständig beschweren müssen. Dass in diesem verbalen Minenfeld von Jason (Sebastian Nakajew) nicht viel mehr übrig bleiben konnte, als ein großer, erschöpfter, verschwitzter Haufen opportunistischen Elends und Männerekels, war von Anfang an klar. Denn das ist bei Lösch immer so.

 

Medea
nach Euripides
Fassung: Volker Lösch und Beate Seidel
Inszenierung: Volker Lösch, Bühne: Carola Reuther, Chorleitung: Bernd Freytag, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Marietta Meguid, Katharina Ortmayr, Sebastian Nakajew, Florian von Manteeuffel, Lisa Widmann und Laiendarstellerinnen.

www.staatstheater-stuttgart.de

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Kritikenrundschau

"Euripides? Den müssen Sie vergessen!" empfiehlt Roland Müller zu Beginn seiner ausführlichen Besprechung in der Stuttgarter Zeitung (29.5.2007). Löschs Erfolgsrezept, die zu wuchtiger Wirkung führende "Symbiose des Alten mit dem Aktuellen", versage dieses Mal. Medeas Einzelschicksal lasse sich nicht zum Kollektivschicksal des Chores multiplizieren, "die mythologische Extremsituation der Kindsmörderin" tauge nicht als "Folie für die vielfältig realen Migrationserfahrungen, von denen der Bühnenchor hier eben auch berichten soll". Sei man aber gewillt, Euripides zu vergessen, bereite die exzellent choreografierte und exzellent rhetorisch einstudierte "neue Sozialrecherche" von Volker Lösch durchaus Vergnügen.

In den Stuttgarter Nachrichten (29.5.2007) referiert Nicole Golombek zunächst, wie Volker Lösch auf die Idee gekommen ist, einen Chor von 16 türkisch-stämmigen Frauen in Stuttgart auf die Bühne zu stellen: die Stadt habe einen Ausländeranteil von ungefähr 23 Prozent, ein knappes Viertel davon sei türkisch. Es wurde "einer der energetischsten Chöre, den die heimliche Hauptstadt der Theaterchöre" bisher erlebt hat. Leider jedoch erführe man von den individuellen Schicksalen der Frauen im Programmheft mehr als auf der Bühne und auch insgesamt nicht mehr, als man schon aus den Medien wüsste. Der Chor der Frauen allerdings amüsiere und berühre und erhalte sogar Szenenapplaus, etwa wenn er die Wut über allfällige Vorurteile in den Saal hineinschreie.

Auch Matthias Christian Müller in der taz (29.5.2007) kritisiert den Versuch, die Biografien der Chorfrauen mit Euripides' "Medea" zusammenzuschrauben, denn das führe "direkt in die Parallelinszenierung". Die Zuschauer sähen abwechselnd zwei Inszenierungen. Auch mangele es dem – wie üblich vom alten Schleef-Choristen Bernd Freytag einstudierten – Chor an Synchronität, worunter die Verständlichkeit leide und dadurch wiederum "ein zentraler Sinn der Inszenierung verloren" gehe. Zwar sei die Doppelinszenierung in "ihrer Dynamik durchaus gelungen", doch sei sie "thematisch überfrachtet" und es gelinge nicht, "ihre Themen ausreichend zu konturieren".

Auf Welt online (30.5.2007) formuliert Stefan Kister Einwände gegen Volker Löschs Chortheater: Zwar übertrage sich in einigen Szenen die befreiende Kraft des in Sätze gegossene Alltagserfahrungen skandierenden Frauenchores "auf den Stoff"; zunehmend jedoch würden die Grenzen von Löschs Verfahrensweise deutlich: "Statt Vielstimmigkeit drängt sich Einsilbigkeit auf." Die Fremdheit des Textes werde ausgespart, der Rest "einvernommen und zurechtgeschnitten". "Ästhetisch dementiert Lösch damit gerade jene Prinzipien, die er seine Kollektivscharen skandieren lässt."

 

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