Wie im Wald ausgesetzt

von Esther Boldt

Mainz, 20. Dezember 2008. Eine Spieluhr klingt und zwirbelt eine Melodie. Sie hat weder Anfang noch Ende, ein süßliches Geklingel für die Ewigkeit. Ähnlich verhält es sich mit den Figuren, die sich im Kreise drehen, sich in schon Bekanntes hineinzwirbeln, ohne dass sich irgendetwas ändert – "Mein Kopf ist Vorführung in Endlosschleife", sagt Marek einmal. In den Stücken der österreichischen Autorin Gerhild Stein verkeilen sich Familienangehörige meist ganz gehörig im Jetztzustand.

"Menschen in Kindergrößen", das nun am Staatstheater Mainz uraufgeführt wurde, versammelt sechs Kaputtnicks im Wald – ein dichtes Spiegelkabinett verkrachter Existenzen, die sich ähneln und doch nichts voneinander haben. Der Wald ist eine Gegenwelt in Gerhild Steinbuchs Stück – ein Ort, an dem Schuld nicht verarbeitet und damit bewältigt wird, wie es einem die Psychologie so gern verspricht. Sondern einer, an dem sich die sechs noch viel tiefer in ihre Schuld, ihre Scham und ihre Versehrtheit versenken. Es ist ein düsterer Albtraumort, in dem sie wie Gespenster auf- und untertauchen.

Märchen- und Rettungsfantasien
Da ist Lene, die gemeinsam mit ihrem Vater in einem Haus im Wald aufwuchs - ein Vater, der sie missbrauchte und ihrer Kindheit damit ein Ende setzte. Irgendwann ist er im Wald verschwunden. Im roten Strickmantel und barfuss läuft Julia Kreusch als Lene über die kleine Bühne der Nebenspielstätte TiC, eine mal energische, mal weinerliche Mädchenfrau. Um zu vergessen, springt sie einmal in der Woche vom Dach und lässt sich dann von der Rettung wieder einsammeln. So lernt sie Anton (Zlatko Maltar) kennen, den Rettungswagenfahrer, der kein Blut sehen kann.

Sowieso suchen all die Verunglückten danach, von einem anderen mitgenommen zu werden, hegen ihre Rettungsfantasien. Und es ist keine Überraschung, dass ihnen das nicht gelingt. Da stolpert Ada am Bahnhof über Kroll, der im Kinderheim gegenüber von Lenes Elternhaus aufwuchs und ihm noch immer zu entkommen versucht, indem er sich in Unfälle verwickelt und die Nacht im Krankenhaus verbringen darf. Bis das Spiel tödlich wird, als Kroll vor Antons Rettungswagen springt. Ada war dabei, doch sie sprang nicht und überlebte.

Suche nach Aufregung in XXL
Der Unfall verbindet die lose nebeneinander stehenden Figuren für einen Moment und versprengt sie dann wieder, er behaftet Anton mit Schuld und befreit Lene von dieser. Ada langweilt sich am bloßen, "echten" Leben, und Johanna Paliatsou spielt sie als Gör in Springerstiefeln und Armyhosen, die mit trotzig-rotziger Visage einen Krieg verlangt, einen Anschlag oder eine Katastrophe, irgendeine Aufregung in XXL, die der Ödnis ein Ende setzt.

Die lyrische Steinbuch-Sprache verrätselt gerne. Die Regisseurin Julie Pfleiderer verschafft ihr Konkretheit, nimmt sie musikalisch und gibt ihr Resonanzräume. Wie eine Arena ist die Bühne angelegt. Die Zuschauer sitzen sich in zwei Reihen gegenüber, zwischen ihnen ein helles Areal am Boden, rechts und links stehen mit Waldfototapete beklebte Kuben, auf denen die Figuren ab und an herumlungern und ihrem Unglück nächhängen. Pfleiderer baut Steinbuchs Text hier und da aus, ergänzt ihren lyrischen Ton um Alltagssprech, wenn sie etwa die Schauspieler zu Beginn Ortsangaben sprechen lässt, die die Autorin ihrem Stück vorangestellt hat. Sie lässt die Figuren sich kurz vorstellen und das Publikum zusehen, wie Julia Kreusch und Zlatko Maltar sich förmlich in den Text hineinarbeiten.

Schuld, Unschuld, Überleben
Beide spielen die Eingangsszene, in der sich Lene und Anton kennen lernen, drei-, viermal, variieren Stimmungen und Stimmlagen, gleichen Erinnerungen ab: "So haben wir uns kennengelernt und dann sind wir gewesen?" Und der Retter in der roten Samariter-Jacke wedelt mit seinem silbernen Koffer – und rettet dann doch nichts und niemanden. Weil er Lene auch kein besserer Vater sein kann und Steinbuchs Figuren sowieso bemerkenswert wenig Empathie füreinander aufbringen, verfehlt jeder den anderen.

Die Kindheit ist hier schon immer verloren, der Status der Unschuld nie erreicht worden. Und doch geht es um Zufügungen, um Fahrlässigkeit und Fühllosigkeit, um Erwachsene, die schuldig an den Kindern werden, die selbst nie zu den Großen gehören wollen – "Du musst doch auch mal erwachsen werden", sagt Anton einmal zu Lene, und die: "Ich muss gar nix." Beklemmend dicht und schlüssig spinnen Steinbuch und Pfleiderer, die schon mehrmals zusammen gearbeitet haben, dieses dunkle Stück. So gehen am Ende alle Schauspieler wieder zurück auf Startposition, brummeln charakteristische Sätze ihrer Figuren vor sich hin, und der Gespensterreigen schließt sich.

Menschen in Kindergrößen (UA)
von Gerhild Steinbuch
Regie: Julie Pfleiderer, Bühne und Kostüme: Jochen Schmitt.
Mit: Julia Kreusch, Johanna Paliatsou, Lorenz Klee, Zaltko Maltar, Thomas Kornack.

www.staatstheater-mainz.de

 

Mehr zu Gerhild Steinbuch: In Mainz wurde Anfang 2008 auch ihr Stück Verschwinden oder Die Nacht wird abgeschafft inszeniert, und zwar von Eva-Maria Baumeister.

 

Kritikenrundschau

In der Rhein-Main-Zeitung der Frankfurter Allgemeinen (22.12.2008) beschreibt Eva-Maria Magel Gerhild Steinbuchs "poetisch-artifizielle Sprache" als eine, "die Floskeln, unvollendete Sätze, aber auch präzise, dichte Bilder zu einer Mischung aus Originalität und Manieriertheit fügt, die in aktuellen österreichischen Stücken häufig zu finden ist." Steinbuchs Themen seien "gestörte Familienbande in einer Welt der Superleistung und der Verdrängungsexperten", so auch in ihrem neuen, am TiC des Mainzer Staatstheaters uraufgeführten Stück "Menschen in Kindergrößen". Julie Pfleiderer, die schon zum dritten Mal ein Stück von Gerhild Steinbuch erarbeitet hat, habe mit "zarten musikalischen Signalen" und "sensibler Lichtregie" die "durch die Zeitebenen springende Vorlage zu einer im Vergleich zu den Vorgängern erstaunlich stringenten Inszenierung" gemacht. "Zuweilen kommt sogar das auf, dessentwegen man ja durchaus ins Theater geht: Mitleid, Trauer, Rührung."

Die "kaputten Typen" aus Steinbuchs "Menschen in Kindergrößen" "wollen gar nicht aus ihrem Alptraum erwachen. Und das ist anstrengend", klagt Helena Sender-Petry in der in Mainz erscheinenden Allgemeinen Zeitung (22.12.2008). "Sie alle suhlen sich in ihrer Verzweiflung, faseln von einem Kinderheim, dem Ort des Glücks und der Verheißung, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, wie sie sich und auch das Publikum aus dieser Endlosschleife aus Jammern und Psychologisieren befreien können." Es agierten hier "keine Menschen, sondern Stereotypen auf der Flucht vor sich selbst." Ihr Schicksal berühre nicht, "auch wenn sie sich minütlich ihrer Ur-Ängste versichern". Zumal es der 25-jährigen Autorin gelungen sei, "jegliche Logik über Bord zu werfen".

 

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