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Schreibmacht und Handlungsohnmacht

von Jürgen Reuß

 

Freiburg, 30. Januar 2009. Chimo ist ein Jugendlicher aus der Banlieue, aber kein gewöhnlicher. Zwar ist er genauso perspektivlos wie alle anderen um ihn herum auch. Doch hat er sich in einem alten Abrissgebäude ein "Büro" eingerichtet. In das geht er regelmäßig und schreibt. Besonders über Lila. Lila ist auch ein Banlieue-Kid, auch kein gewöhnliches. Als sie Chimo zum ersten Mal sieht, fragt sie ihn: "Willst du meine Möse sehen? So redet sie immer mit ihm. Nur mit ihm, wie Chimo später erfährt.

"Sagt Lila" ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen in einem Umfeld, in dem die Chancenlosigkeit noch bis in die Sprachverarmung hineinregiert. "Hier geben alle, die hier wohnen, sich mit so einer scheißarmseligen Sprache zufrieden, wenn die einmal kotz und ciao gesagt haben, ok Scheiße Sack Macker Schlampe und fick dich selbst, dann haben sie schon alle Wörter aus dem Käfig gelassen, die drin sind", beschreibt Chimo diesen Sachverhalt.

Grafitti und Vandalismus
Chimos Käfig ist größer. Er sperrt alle Worte in zwei roten Schulhefte, die Mitte der Neunziger anonym als authentische Lebensgeschichte bei einem französischen Verlag landen und zum Bestseller werden. Die Identität und damit auch die Authentizität des Autors ist bis heute ungeklärt, spielt vielleicht auch keine Rolle, weil die literarische Kraft des Textes überzeugend genug ist. So überzeugend, dass der Stoff schon mehrmals auf Bühne gebracht und auch verfilmt wurde.

Die Freiburger Kammerbühne, auf der "Sagt Lila" am Freitag Premiere hatte, bildet einen kongenialen Rahmen für diese Geschichte. Etliche Vorstellungen haben den Raum in dieser Spielzeit bereits in Besitz genommen und ihre Spuren hinterlassen. Das ist die Strategie, die sich der Künstler Moritz Müller für diese Bühne ausgedacht habt. Für Chimo und Lila ist es damit wie in der Pariser Vorstadt auch. Nichts ist extra für sie gemacht, sie sind dort einfach gestrandet. Um sich wenigstens etwas heimisch zu machen, bleiben Zusammenklauben, Graffiti und Vandalismus. Die Inszenierung von Luzius Heydrich übernimmt dieses Prinzip.

Hoffnungslosigkeit verkörpern
Übereinandergestapelte Rollcontainer taugen als Hochhaus oder Liebesnest, und ab und zu darf Chimo mal ein Stück Tapete abreißen. Im Übrigen vertraut die Regie der Intensität des Spiels von Konrad Singer (Chimo) und Elisabeth Hoppe (Lila). Zu Recht. Faszinierend wie sie die zwei verschiedenen Ausbruchsversuche aus der Hoffnungslosigkeit verkörpern und begreifbar machen. Das Switchen zwischen der Überführung des Banlieue-Lebensgefühls in literarische Kunstfertigkeit und dem Hinabgesogenwerden in die dumpfe Paralyse der depravierten Vorstadtjugend.

Dieses Auseinanderklaffen zwischen Schreibmacht und Handlungsohnmacht gelingt Singer, der in dieser Saison vom Berliner Ensemble zum Theater Freiburg gewechselt ist, exzellent. Und wie Hoppe die Mittel der Pornographie so weit treibt, bis fast ein Moment Zartheit dahinter sichtbar wird, ist beeindruckend. Ein starkes Stück.

 

Sagt Lila
nach Chimo
Regie: Luzius Heydrich, Raum: Moritz Müller, Kostüme: Birgit Holzwarth. Mit: Elisabeth Hoppe, Konrad Singer.

www.theater.freiburg.de