Ein bisschen Hebbel, ein bisschen Holofernes

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 27. Juli 2009. Drei Frauen sind's, die schließlich im Bordell landen: Judith, die Erste, jene Frau, die Hebbels Text im Mund führt (oder wenigstens jene Text-Rudimente, die Hebbel zugestanden werden an diesem Abend). Dann Judith, die Zweite, eine quirlige, reichlich vorlaute Göre, die fürs Heute steht und schon mal hinausschreit: "Ich scheiß drauf … es gibt keinen Gott … ich bin ein Kind des Satellitenfernsehens!" Und dann ist da noch eine dritte, "Juditha triumphans" – die musikalische Hauptrollenträgerin in Antonio Vivaldis Oratorium.

Alle drei sind in dieser deftigen Bordell-Szene mit dem ebenfalls in mehrere Männer aufgespaltenen Holofernes beschäftigt. Ihrer unterschiedlichen Ideologie nach engagieren sie sich unterschiedlich intensiv. Man will ja auch was haben von der Selbstaufopferung. Auch als potentielle Retterin des jüdischen Volkes, als eine Gott wohlgefällige Sex-Märtyrerin im Dienste einer höheren Sache. Da darf schon Lust auch mitspielen.

Der Feind in ihrem Bett

Diese krasse Szene mag konventionelle Gemüter beunruhigen – in Wirklichkeit ist Sebastian Nübling da ganz nahe beim literarischen Objekt. Friedrich Hebbels "Judith" handelt ja davon, dass der Titelfigur religiöser Auftrag und persönliches Gefühl ordentlich durcheinander geraten. Der Macho Holofernes, Feldherr der assyrischen Invasoren, ist für die verwitwete Jungfrau (was für eine verkrachte Psycho-Existenz!) durchaus auch ein Objekt der Begierde. Der Feind in ihrem Bett. Sie erfüllt nicht nur einen göttlichen Auftrag, wenn sie mit ihm schläft und ihm dann den Kopf abschlägt. Gerade dieser Zwiespalt bereitet ihr dann nicht wenig Seelenpein.

Da wären wir (auch) ganz im Heute. In der Diskussion um "männliche" Macht. In der Gender-Diskussion. Von Alice Schwarzer bis Charlotte Roche könnte man da ab- und hinausschweifen. Hebbel erlaubt einschlägige Assoziationen sonder Zahl. Aber muss Judith auch über die gerechte Verteilung von Trinkwasser in der Welt sinnieren? Irgendwie scheint dieser durchaus wirkungsvollen Bühnenumsetzung des Judith-Stoffes zwischen Schauspiel, Oper und Bewegungstheater das Ziel aus den Augen entschwunden zu sein.

Wollen Nübling und die Seinen die ganze Welt erklären und retten an einem Theaterabend? Da steckt eigenartige 1968er-Bewegtheit drin, die nicht recht glaubhaft sein will. Schließlich war der Regisseur damals gerade in der Volksschule. Sollte er gar nichts dazugelernt haben seither? Oder ist er gar nicht so modern, wie es scheinen mag, hängt Sebastian Nübling mit dieser "Judith" eigentlich schon wieder einem vorgestrigen Theaterverständnis nach?

Vivaldi mit Rumbakugeln

Hebbels "Judith" ist durchzogen von Monologen. Das legt Figuren-Splitting durchaus nahe. Weil man das Literarische auch noch mit Musiktheater spickt, mit Nummern aus Vivaldis Oratorium "Juditha triumphans", begleiten auch noch barock gewandete Sängerinnen und Sänger die Darsteller als Alter ego. Ein Barockorchester sitzt im Graben. Ein Gesangsquartett bildet den Opernchor. Ein Countertenor (Daniel Gloger) mit übermächtiger Krinoline geistert durch die Szene wie eine Mischung aus tanzendem Derwisch und wabernder Riesenqualle.

Da können schon mal Rumbakugeln den Originalklang aufpeppen oder jazzige Saxophone Vivaldi den Garaus machen. In einer Arie verwandelt sich die Sängerin gar in eine Diseuse. Die Musik spielt jedenfalls eine Hauptrolle, und sie spielt sie deutlich besser als die Darsteller und viel besser als die Sänger – man mag gar nicht glauben, dass die alle vom Schauspiel Stuttgart und der Stuttgarter Staatsoper kommen (die Aufführung ist eine Koproduktion und hat in Stuttgart am 10. Oktober 2009 Premiere). Keine Opernschule getraute sich, solche sängerische Leistungen zu präsentieren. Festspielen ist dieses Singen jedenfalls unwürdig.

Zeitgeistiger Wortschwall mit Musik

Der Text ist zusammengestöpselt aus ziemlich wenig Hebbel und einem zeitgeistigen Wortschwall, für den die Darstellerin der "heutigen" Judith, die Aktionskünstlerin Anne Tismer, selbst verantwortlich zeichnet. Es ist über weite Strecken ein seichtes, aber temperamentvolles Geplapper, das nervt. Mag's auch als lustvoller Stilbruch gemeint sein, so torpediert Anne Tismer alle literarischen Optionen. Eine dritte Textbaustelle ist das Buch Judith selbst – diese bibelnahe Erzählung wird pepig aufbereitet als Sprechchor, eine tollkühne Mischung aus Vivaldi'schem Nähmaschinenrhythmus und Rap. Vivaldis Libretto schließlich ist Lateinisch und wird übertitelt.

Lars Wittershagen ist für das Musik-Konglomerat verantwortlich, das viel Witz bereit hält und letztlich durchdachter wirkt als die Textmischung. Lutz Rademacher leitet das ad hoc zusammen gestellte Orchester. Sebastian Kowski ist der Wortführer in der Holofernes-Truppe, er lässt die Muskeln spielen. Auch seine Kumpanen sind "echte" Männer. Eine Noli-me-tangere-Figur: Stephanie Schönfeld. In ihrem altmodischen Faltenrock ist sie genau das Gegenteil zur quirlig-frech-kessen Zweit-Judith Anne Tismer. Die schmucklose schwarze Bühne (Bühne und Kostüme: Muriel Gerstner) hat hinten noch ein Guckkasten-Bühnchen, wo die Protagonisten am Ende die Judith-Ikonographie aus der bildenden Kunst in Standbildern "durchspielen".

Wie war das doch am Ende der Bordellszene? Da hat die "moderne" Judith ihrer "altmodischen" Kollegin zugestimmt, dass es nun Zeit für den Mord wäre: "Ja klar, aber wie setzen wir das jetzt um?" Sebsatsian Nübling hat diese Hebbel-light-Version lustvoll aktionistisch umgesetzt. Aber was er uns wohl wirklich erzählen will über Gott und die Welt? Der großer, dankbare, zeitlose Stoff ist in Salzburg schon sehr marginalisiert.

 

 

Judith
von Friedrich Hebbel

Juditha Triumphans

von Antonio Vivaldi
Inszenierung: Sebastian Nübling, Austattung: Muriel Gerstner, musikalische Leitung: Lutz Rademacher, Komposition: Lars Witterhagen. Mit: Anne Tismer, Tajana Raj, Stephanie Schönfeld, Jonas Fürstenau, Daniel Gloger, Sebastian Kowski, Sebastian, Scandariato Matias Tosi, Capella Triumphans, Annelie Gahl (Leitung).

www.salzburgerfestspiele.at

 


Kritikenrundschau

Abenteuerlustig habe sich in Salzburg "ein großes Theaterteam in das Meer eines alten Stoffes gewagt", schreibt Peter Michalzik Frankfurter Rundschau (29.7.) "Aber der Stoff hat sich als zu groß erwiesen. Je länger der dreistündige Abend dauerte, desto tiefer versank die Aufführung im unübersehbaren Material, bis kaum mehr etwas von ihr übrig blieb." Auch die Texte, die Anne Tismer, ein der Judith-Darstellerinnen, zur Aufführung beigesteuert hat, überzeugen Michalzik nicht. "Warum muss Frau Tismer uns als Anklage fünf Minuten lang das um die Ohren hauen, was über die ungerechte Verteilung von Wasser in jeder Zeitung steht?" fragt er. "Und warum muss sie dazu Rad schlagen und Spagat machen?" Man wohne ausufernder Bildproduktion bei, "von Sinnproduktion ist man dagegen weit entfernt und damit auch von der Befragung von Frauenbildern, um die es doch geht. Die einzelnen Schichten des Stoffs werden ihres Gehalts entkleidet": Je länger das gehe, desto ununterscheidbarer werde das graue Meer und desto unabweisbarer kommt Michalzik auch das Wort "Programmhefttheater" in den Sinn.

Von einem "denkfaulen Abend", der den Judith-Deutungen keine neue hinzugefügt habe, spricht Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (29.7.) Während Lars Wittershagen und Lutz Rademacher aus seiner Sicht zumindest "Zeiten und Musiken in einen spannungsvollen Dialog" setzen würden, herrsche auf der Textebene Beliebigkeit. "Weder bekommt man eine Ahnung von den Originalen, noch fügen sich die Versatzstücke zu einem Dritten." So missrate Nübling diesmal, was ihm vor drei Jahren in Basel mit "Dido und Aeneas" nach Purcell und Marlowe wunderbar gelungen sei. "Was nicht zusammenpasst, wird jetzt mit dem Vorschlaghammer angepasst, wie man sich hier überhaupt im Grobmotorischen eher zu Hause fühlt als im Feinstofflichen", was für Schmidt auch auf die Texte von Anne Tismer zutrifft. Mit einer nonchalanten Geste streiche die Inszenierung das Drama durch, "als gelte es, letzten Bildungsballast abzuwerfen. Pathos konterkariert sie mit Free-Jazz- und Kampfsporteinlagen sowie Wikipedia-Kurzreferaten über den Clash der Kulturen. Das Problem ist nur, dass der Abend permanent die Bildung voraussetzt, die er zur Hölle wünscht."

Für Gerhard Rohde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.7.) erweist sich die Idee, "Vivaldis festlich gestimmtes barockes Huldigungs-Oratorium mit Hebbels psychologisch zergrübeltem Drama zu kombinieren", eher als kontraproduktiv. Schon dem Hebbelschen Versuch, in 'Judith' die Geschlechterpsychologie mit einer Religionskritik des neunzehnten Jahrhunderts zu verknüpfen, haftet seiner Ansicht nach "etwas Gequältes an". Um diesen Eindruck zu lindern, hätten Nübling und sein Team "fleißig Gegenwärtiges an Text und Musik in die umfängliche Szenenfolge" eingeschoben, der daher für Rohde "nur schwer ein dramatisches Kontinuum gewinnt, geschweige denn finale Stringenz". Im Übrigen werde besonders von Anne Tismer der "Kunst des kleinstimmigen Schreiens huldigt – eine Spezialität des gegenwärtigen deutschsprachigen Theaters". Was den Kritiker gleichwohl für die zerfaserte Aufführung einnimmt, der immer wieder auch einprägsame Bilder gelängen, "ist der enorme Einsatz aller Mitspieler, das elastisch-tänzerische Agieren der Holofernes-Gruppe bis hin zur physischen Erschöpfung, der körperliche Einsatz auch der Judith-Darstellerinnen. Dadurch gewinnen die Abläufe der Auftritte und Szenenfolgen eine bemerkenswerte Geschmeidigkeit und theatralische Plastizität."


Einen schwungvollen Musik-Theater-Hybrid "mit stichhaltigen formalen Lösungen" dagegen hat Margarete Affenzeller von der Wiener Tageszeitung Der Standard (29.7.) gesehn. Allerdings hinken ihrem Eindruck zufolge die inhaltlichen Behauptungen einer " fein schnurrende Referenzmaschinerie" dem handwerklichen Vermögen hinterher.

"Genial und dilettantisch, schön und gewöhnlich, witzig und platt zugleich", fand
Norbert Mayer
von der Wiener Tageszeitung Die Presse (29.7.) Nüblings "Show", fühlte sich allerdings nach "drei Stunden Gesamtkunstwerk" am Ende so  kopflos wie Holofernes. "Es wird deklamiert, musiziert und getanzt, für Bildungsbürger gibt es am Ende sogar Scharaden nach barocken Schinken, zuvor komplexe Arien in Latein." Trotzdem ergibt sich für Mayer nicht wirklich ein stimmiges Gesamtbild, nur beeindruckende Einzelbilder und Momente. Auch fragt er sie Nübling geritten hat, diesen komplexen Stoff mit Anne Tismers vie zu simplen "Girlie-Texten" versehen. Überhaupt diese drei Judiths: "Mann, Nübling!" stöhnt Mayer. "Diese überspannten Tussen gehen einem mit der Zeit echt auf den Keks."

"Ein anregender Abend mit betörend schönen Momenten", schreibt Ulrich Weinzierl in der Tageszeitung Die Welt (29.7.) "Das Wichtigste: Er langweilt keinen Augenblick." Trotzdem kostet es den Kritiker augenscheinlich einigen Zuschauerschweiß, um zu diesem freundlichen Gesamturteil zu gelangen, woran, wie wir lesen "Nüblings gnadenloses Kunstwollen" und ein "gewisser Hang zur Schmockerei" schuld ist. Und das "Text-Ragout", für Weinzierl eine "Mischung aus Hebbel und emanzipatorischem Sexualgeplapper à la René Pollesch." Vorbehaltlos wird dagegen Lutz Rademachers Präzisionsarbeit als Dirigent gefeiert: "das federt, das schwebt, das reißt mit und verzaubert."

Jürgen Berger winkt in der Berliner taz (30.7.) eher ab. Spannend wird das Patchwork für ihn nur, "wenn Mezzosopranistin Tatjana Raj als eine der drei Judiths zum ersten Mal im Heerlager der Assyrer auftaucht und mit Vivaldi gegen das Holofernes-Rudel ansingt. Lange hält sie einen hohen Ton, den die Tontechnik in einen Echoraum überführt und der von dort von Tatjana Raj wieder zurückgeholt wird, sobald das zurückweichende Rudel sich erneut nähert." Ansonsten wirkt die Regie von Sebastian Nübling auf Berger, "als sei er nur Arrangeur einer Überfülle von Judith-Material."

 

 

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