Hart ins Popcorn gebettet

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 21. August 2009. Kukuruz heißt der Mais auf jenem Feld, mit dem Ilija Trojanow seinen Roman "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" beginnt. Folgerichtig ist die ganze Bühne in Jette Steckels Inszenierung zuerst ein Kukuruz-Feld. Im Mais ist Alexandar geboren, oder – so formuliert es Taufpate Bai Dan, der notorische Spieler, der sich als erster herauswuselt zwischen den mannshohen Halmen - "wie Würfel in die Welt geworfen". Und gleich, ans Publikum gewandt, doziert Bai Dan: "Sie müssen das Beste draus machen."

Aufbruch in anderes Leben
Das Beste draus machen? Mutter Jana lebt im bulgarischen Maisfeld ihre "Träume ohne Ehrgeiz". Vater Vasco, der zwar mit der roten Fahne im Takt zur Internationale marschiert und sich an die Regeln hält "wie ein Hobbyschneider an Schnittmuster", drängt zum Ausbruch in ein "anderes Leben". "Anderes Leben", betont Bai Dan, der allgegenwärtige Erklärer, Fädenzieher, Menschenverbesserer: "Ich habe nicht gesagt, 'besseres' Leben."

Flucht also, Aufenthalt in einem italienischen Flüchtlingslager, dann weiter nach Deutschland. Dort sterben die Eltern, weil man sich ein Auto gekauft hat, das doch zu groß war fürs eigene Vorstellungsvermögen - wie vielleicht das ganze neue, westliche, etwas spießig-kleinbürgerliche Leben. Alexandar versackt in Lethargie, hängt herum vor dem TV-Gerät – da taucht der ihm längst unbekannt gewordene Pate wieder auf, der Lebens-Durchschauer aus den Bergen. Bai Dan sagts ihm ordentlich hinein, ein zorniger Deus ex Machina, der den jungen Mann fragt: "Wieso bist Du mutlos, wenn Du noch nichts gewagt hast?"

Absolut bühnentauglich
Das alles lässt sich gut auf die Bühne bringen, absolut eins zu eins. Ilija Trojanow redet ja auch gerne seine Leser direkt an. Jette Steckel (die gemeinsam mit Susanne Meister die Bühnenfassung erstellt hat), arbeitet sich am Text ab, indem sie sich an ihm entlang arbeitet. Das ist alles total ernsthaft und textgetreu: Man ist witzig und ironisch dort, wo Trojanow witzig und ironisch ist, man ist altklug dort, wo es der Autor auch zu sein vorgibt. Und man bläst auf der Bühne all die Metaphern auf, die Ilija Trojanow eben auch gleich passagenweise bereitgelegt hat: "Es gibt ein Leben nach der Niederlage", doziert der Spieler, und: "Es gibt nichts Bleibenderes als Veränderung." Oder, ganz Praktiker: "Es wird Zeit, dass Du den Kampf wieder aufnimmst … den Mut aus der Reinigung holst."

Zweidreiviertel Theaterstunden sind dann doch recht lang für die simple Botschaft, dass erst Kreativität das Leben lebenswert macht. Auch wenn Jette Steckel nicht spart mit bühnenwirksamen Effekten und liebenswerten szenischen Miniaturen. Die Szene beim Kofferpacken vor der Flucht hat Witz, und auch die im Flüchtlingslager, wenn die Rede auf "sozialistische Unterhosen" kommt. Anschaulich der Kultur-Schock bei der ersten Einkaufstour in Triest angesichts einer Supermarkt-Regalzeile voller Schokolade.

Bruno Cathomas punktet im Maisfeld
Und doch: Wenn das Maisfeld abgeräumt ist und sich die Bühne in ein Stoppelfeld verwandelt hat, beginnen dort die Metaphern zu wuchern wie kunstgedüngt. Da tut man durch die Bild-Umsetzung dem Autor nichts Gutes, werden Schwächen des Romans eher aufgedeckt als überspielt. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass sich die 35jährigen Lebenswelt-Analysierer in ihrer geballten Klugheit viel zu ernst nehmen. Das gilt für Trojanow genau so wie für die Regisseurin.

Einer macht das Spiel, und der macht es freilich gut: der wendige Bruno Cathomas ist als herzhaft-schmuddeliger Bai Dan Verbündeter des Publikums ebenso wie der Protagonisten. Er erzählt die Geschichte, treibt sie voran – und vor allem bricht er die Handlung, indem er sich immer wieder direkt ans Publikum wendet (eine Eigenart ja auch der Erzähltechnik von Trojanow).

Der quirlige Cathomas steht freilich eigenartig farblosen Wesen gegenüber: Mirco Kreibich und Lisa Hagmeister sind die Eltern Vasco und Jana, die irgendwie staubtrockene Klischeefiguren bleiben. Jörg Pohl ist die Hauptfigur Alexandar. Regisseurin Jette Steckel hat ihn mit Klebebändern in eine Matratze gewickelt. Gefesselt und ohnmächtig steht er da, nicht handlungsfähig. Bai Dan muss schon mit dem Messer dran, um ihn zu befreien.

Am Ende Großreinemachen
Vielleicht gewinnt die Aufführung ja noch im Verlauf der beiden weiteren Vorstellungen in Salzburg oder dann, ab 10. September, in Hamburg im Thalia in der Gaußstraße: wenn sich die Protagonisten weniger oft im Text verhaspeln, wenn die Inszenierung möglicherweise im Detail besser getimt, synchronisiert wird. Vielleicht sollte Jette Steckel auch einfach noch mal kräftig den Rotstift ansetzen. Keine Sorge, man verstünde die Botschaft schon.

Im zweiten Teil wird ein Stoffsack auf der Bühne hochgezogen, und aus ihm quillt ein Riesenhaufen Plastik-Verpackungsmaterial, imaginäres Popcorn, das die Schauspieler völlig zudeckt. Fortan waten sie hüft- bis knietief in Popcorn. Die Früchte des heimatlichen Kukuruz als Schaum-Masse. Da fällt man weich, das lässt sich poetisch aufwirbeln, mit dem Ventilator zerstäuben. Am Ende, letztes Kunststück des Bai Dan, bleibt ein Besen auf der Bühne, senkrecht gehalten von einem Gasluftballon. Ein unfreiwillig ehrliches Bild: Viele, viele Gedanken-Blasen hat man gehört. Und es gehörte ordentlich zusammengekehrt.

 

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall (UA)
von Ilija Trojanow, Roman für die Bühne bearbeitet von Jette Steckel und Susanne Meister
Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Ulrich Kodjo Wendt.
Mit: Jörg Pohl, Mirco Kreibich, Lisa Hagmeister, Verena Reichhardt, Bruno Cathomas.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Mehr zu Regiearbeiten von Jette Steckel: Zuletzt hat sie ebenfalls einen Roman adaptiert, nämlich im April 2009 am Schauspiel Köln Juli Zehs Spieltrieb. Im September 2008 inszenierte sie am Deutschen Theater Berlin Camus' Caligula; Die Kaperer von Philipp Löhle März 2008 im Wiener Schauspielhaus; Fremdes Haus von Dea Loher im Februar 2008 in Köln; Gerettet von Edward Bond im November 2007 in Hamburg.

 

Kritikenrundschau

Für Barbara Petsch von der Presse (23.8.2009) erzählt Ilija Trojanows "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" ein "herzzerreißendes Märchen aus der Frühzeit der Emigration". Bei ihrer Bühnenadaption für die Salzburger Festspiele habe Jette Steckel nun "eine wahre Flut großartiger und lebendiger Bilder für die Story gefunden". Immer wieder durchbreche die Regisseurin die vierte Wand, indem sie ihre Darsteller aus dem Spiel heraustreten lässt – "Wie oft sah man solche Versuche schon, hier funktionieren sie perfekt. Fast ein Wunder." Zwar leide der "Zauber des Originaltextes, der kritische Fragen an den Autor gar nicht aufkommen lässt", etwas bei seiner Verfrachtung auf die Bühne, da man sich beständig frage, "was für eine liebreizende Unwahrscheinlichkeit" wohl als Nächstes eintrete. Den Namen Jette Steckel solle man sich aber merken, für Petsch eine jener "nun immer häufiger auftretenden jungen, selbstbewussten, gut ausgebildeten Frauen, die über viel Einfallsreichtum verfügen und endlich einmal nicht das Kino oder andere Künste imitieren. Sehr erfreulich."

Nach Meinung Ulrich Weinzierls von der Welt (24.8.2009) bestätigt vor allem "des Abends erster Teil (...) aufs Schönste hochgradigen Talentverdacht". Die Zusammenstellung der "Texthäppchen" funktioniert für ihn gut und die Zeitsprünge überzeugen oft noch mehr als in der Vorlage. "Das Feine an der Inszenierung: Sie deutet bloß an, begnügt sich mit Anstößen für die Fantasie. Je einfacher die Mittel, desto intensiver die Wirkung." Besonders wichtig sei hier die Musik, die "den Rhythmus des Dargestellten" vorgebe. "Bild und Wort, Sinn und Hintersinn stimmen überein". Bruno Cathomas, "ein Könner der Zunft von Format", kann Weinzierl allerdings wenig beglücken, sein Bai Dan habe das "allzu schmierig Überdrehte eines zweitklassigen Conferenciers". Besser und differenzierter präsentiere sich der Rest des Ensembles. Nach der Pause sacke das Ganze allerdings massiv ab. "Zwangsbeteiligung von Publikum ist immer lästig, vorgebliche Rollenverweigerung samt vorgetäuschtem Souffleureinsatz nervt nicht minder als scheinbar lockeres Extemporieren. Die Aufführung schleppt sich bloß dem Ende zu."

Christine Dössel äußert in der Süddeutschen Zeitung (24.8.2009) noch mehr Vorbehalte. Z.B. gegenüber der Bühnenfassung, die sich zwar an den "zentralen Szenen des Romans redlich entlanghangelt und auch dessen Sprünge und Erzähltonwechsel mitmacht", jedoch nicht "den entscheidenden Schritt in jene Freiheit der Eigenständigkeit und individuellen Kreativität macht, die der Roman als das Elixier jeden Spiels preist". Für einen wirklich "großen Wurf" sei die Inszenierung außerdem "zu kurzatmig, zu kleinteilig, zu putzig und gepusselt. A sentimental journey - nicht frei von Kitschgefahr". Cathomas gebe den "bis an die Grenze zur Selbstgefälligkeit koketten Amüsieronkel und Conferencier", während Lisa Hagmeister und Mirco Kreibich als Eltern bloß "fröhliche Erfüllungsgehilfen einer den Roman doch sehr ambulant behandelnden Regie" blieben. Jörg Pohl hingegen sei "entwaffnend natürlich" und überzeugend. Steckel erfinde "schöne Bilder" und schaffe manchmal durchaus auch Konzentration. Die Improvisationen allerdings, v.a. Cathomas' "Dauer-Extempore nerven mehr, als dass sie zünden. Das bemüht Unbeschwerte dieser Lebensfeier, dieses spaßverliebte 'Wir fallen aus der Rolle und hauen auf den Putz', überhaupt: die herzige Anmutung des Ganzen" hinterlassen bei der Kritikerin eher einen "präpotenten Eindruck".

Hubert Spiegel von der Frankfurter Allgemeinen (24.8.2009) hält die Adaption für eine "kluge Textcollage, die dem Roman und seiner Chronologie weitgehend und meist sogar wörtlich folgt". Die "spielerischen und einfallsreichen Lösungen" seien die Stärke des Abends. Cathomas sei "perfekt als tänzelnder Hütchenspieler und unverbesserlicher Hochstapler, aber er wirbelt sich mit allzu viel Macht, leider auch der des forcierten Chargierens, ins Zentrum der Inszenierung". Steckel inszeniere Trojanow "als clowneske Reise zu den Quellen der Phantasie", bei der "kein Mittel gescheut" werde, um darüber hinwegzuhelfen, "dass sich im Laufe des Abends zunehmend eine gewisse Leere im Zentrum der Inszenierung auftut". Es bleibt für Spiegel bei "mitunter sehr schönen Einfällen, die sich indes nie zu einem Ganzen verbinden". So zerfalle der Abend, "die Botschaft von der seelenheilenden Kraft von Spiel und Phantasie wirkt auf die Dauer doch ein wenig platt, und die Spielfreude der Schauspieler kippt gelegentlich in einen Selbstgenuss, der auch ohne Publikum bestens auskäme".

Eine "lebhafte Uraufführungsinszenierung" hat Margarete Affenzeller vom Standard (24.8.2009) gesehen. Der "schelmischen Tonlage des Romans" bereite Steckel "einen fruchtbaren Boden". Ein "dynamisches Theater-Roadmovie", für das die Regisseurin "zwischen langen, recht gefällig abgespulten Szenen auch anrührende Sujets findet".

Bernhard Flieher von den Salzburger Nachrichten (24.8.2009) findet's eine "ehrenhafte Uraufführungs-Anstrengung, die doch nur halblustig und mittelnachdenklich geriet". Die Inszenierung werde dem komplexen Werk Trojanows "in keiner Phase Herr". "Freundlich gesagt unterwirft sich die Inszenierung der multiperspektivischen Erzählweise des Romans", was freilich eine allzu "brave Umsetzung, quasi Prosatheater" ergebe. Die surrealen Bilder und Verschachtelungen, die verschiedenen Erzählperspektiven aber bekomme Steckel "vor lauter 'Das noch und das auch noch' nicht in den Griff und schon gar nicht auf die Bühne. Orientierungslosigkeit an allen Ecken. Alles läuft auseinander. Man kommt gar nicht dazu, zu erahnen, wohin." Alles ziele auf den Effekt, sehe "fesch bunt aus", lenke aber so nur davon ab, "dass sich keine Spannung aufbaut, dass nie zu spüren ist, wohin das laufen soll außer in einen banalen Neonröhren-Imperativ der Lebensbejahung". Die Summe der einzelnen Teile dieser "pseudohippen, trendig grenzenlos dahinschlingernden Entertainmentshow vor dem Hintergrund der Weltauflösung ergibt keinen großen, ganzen Abend, sondern bleibt eine kleine, bisweilen dilettantisch versemmelte Revue über das Wesen des Lebens".

"Jette Steckel kann eine feinfühlige Partnerin ihrer Schauspieler sein", bemerkt dagegen Jürgen Berger (taz, 26.8.2009) Das zahle sich aus. Aber Steckel mache leider, "was zu viele der fleißigen Romanbearbeiter und Dramatisierungsolympioniken machen: Die Erzählflut der Vorlage zwar dämmen, sich ansonsten aber mit einer Nacherzählung begnügen". Verwunderlich sei, "dass sie den eigentlichen Schatz des Romans, die Szenen im Flüchtlingslager, nur ansatzweise in Bühnengeschichten verwandelt, prekäre Romanpassagen auf der Bühne aber nachvollzieht".

 

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