Nach der Rezession ist vor der Revolution

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 25. September 2009. Irgendwann fallen Brotlaibe wie hartgebackene Tränen auf das Elend nieder. Sie kommen aus dem Schlitz, wo normalerweise ihre Augen zu sehen wären. Die Augen von Angela Merkel. "Der Aufschwung kommt" prangt auf dem riesigen Wahlplakat, die Bühne ist ein einziges ausdrucksloses Porträt, an dem sich elf Verlierer unserer Gesellschaft einen Abend lang abarbeiten.

Auf und ab springen sie, kleben an dieser mütterlichen Sanftheit wie panische Geckos, sie suchen nach Hoffnung, nach Perspektiven, um am Ende doch ganz unten zu landen. Ein Banker. Der Kurzarbeiter. Die Alleinerziehende. Der Mittelständler. Stuttgarter. Statt Häusle und Daimler gibt es nun als Krisenrendite ein bisschen Trostbrot. Eine Wolke aus mehligem Staub, aus angestauter Wut und kleinmütiger Angst pudert Zuschauer und eine fragwürdige Hypothese ein: Nach der Rezession ist vor der Revolution.

Wie ein ausgeschlachtetes Autowrack

Volker Lösch ist wieder ganz bei sich und seiner vom laienhaften Agitprop durchwehten Regiekunst, auch wenn er diesmal auf einen Sprechchor verzichtet. Die Kunst des Künstlers, eines Berufsautors, erscheint ihm nach wie vor verdächtig, fragwürdig weil unauthentisch, weswegen er lieber Volkes Stimme zur Kunst erhebt.

Sogar beim sowjetisch geerdeten Maxim Gorki zeigt Lösch keinerlei Respekt. Das entkernte "Nachtasyl" füllen er und sein Dramaturg Jörg Bochow mit insgesamt 45 Interviews von 33 unsichtbaren Bürgern dieser von der Wirtschaftskrise heftig gebeutelten Industrieregion. Michael Stiller bringt es als hysterischer Zulieferer kurz vor der Pleite auf den emotionalen Punkt: "Der Supergau Stuttgart: Ich fühl mich einfach sauscheiße." Lösch provoziert und desavouiert, bleibt aber maßvoll in seiner Anklage. Schuld sind wir alle, doch trifft es wieder die Stuttgarter Halbhöhenlage besonders, die feine Adresse des wohlhabenden Bürgertums, der Spätzle-Connection und nicht weniger Theaterabonnenten, die sich vom Regisseur wie jede Saison gerne mal den Marsch blasen lässt.

Maxim Gorkis 1902 erschienenes Gossenstück um ein Elendsquartier, das der Wirt Kostylew und seine Frau Wassilissa an Verzweifelte und Entrechtete vermieten, fungiert wie ein ausgeschlachtetes Autowrack, um im ingenieurschwäbischen Jargon zu bleiben: ein filigraner Rahmen aus stabilisierenden Zitaten und einer einzigen Szene. Der hohle Rest wird mit regionalen Spezialitäten und rhetorischem Billigmaterial von der Straße fahrtüchtig aufgepimpt.

Ist der Mensch überhaupt revolutionsfähig?

Vieles klingt nach einer wild montierten Dokumentation aus banalen Gesprächsfetzen. Doch manchmal wirkt ein Erklärungsversuch wie ein dumpfes Horváthsches Echo, etwa wenn die gefeuerte Schlecker-Mitarbeiterin ihre Antwort auf die kapitalistische Freibeuterei so formuliert: "Weil sie uns loswerden wollen, um billigere Arbeitskräfte einzustellen. Weil, der Schlecker selber will ja von den kleinen Filialen wegkommen, weil er diese riesigen XXL-Filialen aufmachen will. Und wenn er natürlich die teuren Leute in so ne Filiale reinstecken muss, muss er natürlich mehr bezahlen und mir sind ja eh schon teuer. Und so kann er halt sagen, ich stell jetzt irgendwelche Eingliederungsmenschen ein, die für 4 bis 5 Euro für ihn arbeiten." Eingliederungsmenschen? Die Krise der Ökonomie ist freilich auch eine der Sprache: Wenn jemand den faschistoiden Ausbeutersprech unreflektiert übernimmt und weiterreicht, wird es nicht nur ästhetisch interessant, sondern auch spannend. Die Frage lautet: Ist der der Mensch überhaupt noch revolutionsfähig?

Was zunächst wie ein journalistischer Kraftakt aus fleißiger Recherche ohne Kunstwillen anmutet, verwandelt sich wider Erwarten in eine amüsante Rezessions-Revue mit einer kurvigen Geschichte aus Liebe, Verrat und Slapstick-Rangeleien, ein schwitzend-dampfender Körperreigen, mit dem sich ein enthemmtes Ensemble zu Rachmaninow und Rolling Stones freibraust.

Der Sozialarbeiter als Opium des Volkes

Jörg Bochows dramaturgisches Gerüst folgt in etwa einer Drei-Phasen-Logik: erstens Widerstand und Illusion, dann Erkenntnis und Depression, schließlich Solidarität und Gewalt. Als dialektischen Katalysator baut die Regie den Sozialarbeiter ein, einen groß aufspielenden Bijan Zamani, der die Aufgabe hat, die Gestrauchelten individualpsychologisch aufzubauen, wofür auch immer. Die Sozialarbeit als perfides Beruhigungsmittel für die Massen. Guter Einfall.

Der kräftige, übermotivierte Kurzarbeiter (Sebastian Nakajew) wird mit Catchergriffen an der Mannesehre gepackt. Florian von Manteuffels perfekt monologisierender Bankerarsch wird inmitten der Zuschauerreihen zu einer ekligen Entschuldigungsarie gezwungen. Der resozialisierte Dieb flieht mit der naiven Schönheit.

Und Michael Stillers durch esoterischen Klimbim geläuterter Unternehmer sagt zum ersten Mal in seinem Leben die Wahrheit, dass nämlich nach der Wahl die Krise erst beginnt: "Der Tsunami". Als Dank erschlagen ihn die anderen mit den vorhandenen Brotlaiben, der Grundversorgung aus Angela Merkels Augenschießscharte – und Mick Jagger darf "Angie" jauchzen. Das ist irre kitschig, aber irgendwie plausibel: Denn in diesem "Nachtasyl", dem Land der Ungerechten, in dieser Wüste voller Wahlplakate scheint immer noch Würde, Stolz und Mut auf.

Und die Antwort des Sozialromantikers und Menscheneinglieders Volker Lösch? Aber ja!

 

Nachtasyl
von Maxim Gorki und 33 Stuttgarter Bürgern
Textfassung von Jörg Bochow
Inszenierung: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Cary Gayler. Mit: Michael Stiller, Dorothea Arnold, Minna Wündrich, Till Wonka, Sebastian Nakajew, Claudia Renner, Sarah Sophia Meyer, Benjamin Grüter, Matthias Kelle, Florina von Manteuffel, Bijan Zamani.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Mehr lesen? Im April 2009 ließ Völker Lösch in Stuttgart in Wut Eiapopeia-Träume von multikultureller Koexistenz an der Realität krimineller Jugendgewalt zerplatzen. Die Debatte um Löschs umkämpfte Hamburger Marat-Inszenierung im Herbst 2008 hatte einen Redaktionsblog inspiriert, der sich mit den Problemen der wohlsituierten Theaterkritik mit Löschs Theater befasst.

 

Kritikenrundschau

Der neue Volker-Lösch-Abend "Nachtasyl Stuttgart" sei eine Mischung aus Theater und "Stuttgart-Reportage. Ein Vor-Ort-Kommentar zur Wirtschaftskrise", beschreibt Nicole Golombek für die Stuttgarter Nachrichten (27.9.2009). Wo in der Dramenliteratur doch genug Rezessionsstücke vorlägen und man dem Publikum die "Übersetzungsleistung der Situation auf die in Stuttgart" hätte zumuten müssen, wolle Lösch "Klartext reden", weshalb er die Bürger der Stadt nicht spielen, sondern schreiben lasse. Doch weil Lösch "natürlich nicht nur Interviews aufsagen lassen wollte", bleibe noch ein wenig von Gorkis "kräftiger Dialogkunst" übrig, nämlich "Gerüst, einige schöne Sätze, Beziehungsgeflechte". Vieles klinge hier "mehr nach journalistischer Fleißarbeit als nach Kunst. Nur wer nie Zeitung liest, keine Radio- und Fernsehreportagen hört und sieht, erfährt wirklich Neues." Trotzdem: "ein Abend mit starken Szenen (...), gespielt von einem bestens aufgelegten Ensemble".

Monika Köhler (Südkurier, 29.9.2009) sagt: "Aktueller könnte das Stück kaum sein." Und es sei "klug von Volker Lösch, auf ein so brisantes Thema zu setzen. Scheint doch der Erfolg damit programmiert. Doch ist er das wirklich? Lässt sich die kollektive Verelendung, die damals breite Schichten der Bevölkerung ergriff, einfach auf die heutigen deutschen Verhältnisse übertragen?" Lösch lasse sich in seiner Fassung auf dieses Spiel erst gar nicht ein: "Konsequent tauscht er das Lumpenproletariat gegen das Bildungsbürgertum." Was vom Originalstück bleibe, sei die Übertragung von Einzelschicksalen auf die Bühne. "Die permanent frontale Haltung gewährt indes ebenso wenig Raum für Steigerungen oder echtes Schauspiel wie für das minutiöse Zeichnen ausgeprägter Charaktere oder gar eine zu Herzen gehende Milieuschilderung." Doch Lösch wäre nicht der Theaterprovokateur, "als der er bekannt ist", hielte er nicht "auch noch den Finger in die blutende Wunde: Die Frage, ob sich denn etwas an der Misere ändern lässt, wird mit einem kategorischen "Ja" beantwortet, gefolgt von einem provokanten "Und warum tun wir es dann nicht?""

Lösch lege auch mit dieser "finsteren, bisweilen auch undifferenzierten Kapitalismusanalyse" wieder den "Finger in gesellschaftliche Wunden" und untersuche "die Angst von Menschen, die alle Sicherheiten verloren haben", schreibt auch Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (28.9.2009). Was die Wirtschaftskrise angeht, sehe der Stuttgarter Hausregisseur "ganz, ganz schwarz", greife für seinen "niederschmetternden Bühnenbefund" allerdings zu einem "Etikettenschwindel", indem er behaupte, der Abend beziehe sich auf Gorki, von dessen "Milieu- und Charakterstudien" höchstens "ein paar Wesenskerne" übrig blieben, aus denen er "sehr heutige, von Profis aus dem Ensemble dargestellte soziale Prototypen" forme. Dass Gorki selbst nur noch "als Spurenelement" vorkomme, werde jedoch durch einen "wirklichkeitsprallen, sehr authentischen, gleichsam Wallraff'schen Sozialreport" aufgewogen. Die Inszenierung nehme sich zwar "wie ein polemisches Kampftheaterstück zum Wahlsonntag aus, das auf jedem Kongress der Linken umjubelt würde", unterlaufe "ihre eigene Verbissenheit" aber "immer wieder so locker und turbulent mit Witz und Ironie, mit Kabarett und Revue, dass sie auch eine wahre Elendspracht ist".

Lösch hat aus dem Stück "eine Art Fitness-Programm für Schauspieler gemacht", meint Christian Gampert (Deutschlandfunk, 27.9.2009): "Zwar sind die Figuren oberflächlich den Gorki-Gestalten nachempfunden, aber sie schleudern uns vor allem Bruchstücke jener Interviews entgegen, die das Theater mit Stuttgarter Hartz-IV-Empfängern, gescheiterten Mittelständlern, entlassenen Bankern und anderen Opfern der Globalisierung geführt hat." Dem Ganzen liege "ein fataler Irrtum zugrunde: dass das, was als sozialhistorisches Dokument durchaus wichtig sein kann, automatisch bühnentauglich sei. Dem ist nicht so – auch wenn es von Lösch zu einer linksradikalen Muppetshow mit Catcher-Einlagen aufgeblasen wird." Im Gegensatz zu den Gorki-Figuren wüssten die Stuttgarter Schauspieler nämlich, wo der Feind steht: "Es ist das System. Das mag, in dieser Allgemeinheit, sogar richtig sein – dem Theater nutzt das aber nichts. Denn die Anonymität ökonomischer Prozesse lässt sich auf dem Theater nicht abbilden, und die Spuren, die das System in den Menschen hinterlässt, in ihren Gesichtern und ihrer Sprache, erleben wir sowieso jeden Tag in Fernsehen und Internet." Fazit: "Das Stuttgarter Staatstheater nennt sich fürderhin 'Stuttgarter Turnverein'."

 

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