Die Notlicht-Affäre

von Bernd Noack

Salzburg, 27. Juli 2007. "Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus." Dieses Verdikt im Telegramm-Stil markierte vor genau 35 Jahren den Höhepunkt einer grotesken Auseinandersetzung zwischen dem Dichter Thomas Bernhard und den Salzburger Festspielen. In die Chronik der aus dem Ufer laufenden Theater-Ereignisse ist die Geschichte eingegangen als der "Notlicht-Skandal".

Regisseur Claus Peymann hatte sich gewünscht, dass am Ende des Bernhard-Stückes "Der Ignorant und der Wahnsinnige", dessen Uraufführung 1972 im Salzburger Landestheater anstand, die blasse Notbeleuchtung im Saal gelöscht werden sollte. Trotz feuerpolizeilicher Bedenken gestand man ihm dies zunächst zu: bei der Generalprobe war es stockfinster im Theater. Einen Tag später bei der Premiere jedoch brannten entgegen aller Absprachen die Lämpchen wieder – und bei den Künstlern die Leitungen durch. Zu einer zweiten Vorstellung kam es gar nicht mehr: die Schauspieler weigerten sich aufzutreten.

Vollkommen finster, absolut finster!

In der Folge entwickelte sich ein Briefverkehr und Pressezirkus, in denen Worte wie "Infamie" und "Vertrauensbruch" noch am harmlosesten waren, die Sache landete und versandete schließlich vor dem Bühnengericht. Die Wiener Kritikerin Hilde Spiel schrieb damals: "Es war der erregendste Sommer seit langem. Er wäre der brillanteste gewesen, hätte man in jenen zwei Minuten das Licht gelöscht." Ein "Skandal" wie aus einem Bernhard-Stück?

Tatsächlich kommt der Dichter Jahre später in seinem "Theatermacher", in Salzburg uraufgeführt 1985, nochmals ironisch darauf zurück, wenn er seinen Titelheld Bruscon brabbeln lässt: "Wie gesagt, in meiner Komödie hat es am Ende vollkommen finster zu sein, auch das Notlicht muß gelöscht sein, vollkommen finster, absolut finster. Ist es am Ende meiner Komödie nicht absolut finster, ist mein Rad der Geschichte vernichtet..." Und auch Claus Peymann wollte da noch einmal sticheln, an die guten alten Skandalzeiten anknüpfen: er ließ verlautbaren, dass man im "Theatermacher" zwecks realistisch stinkiger Utzbach-Dorf-Atmosphäre 800 echte Fliegen "auftreten" lassen wolle.

Plastik-Ungeziefer

Die Salzburger waren wieder einmal aufgebracht: auf jeden Festspielbesucher im Theater wäre immerhin eine Fliege gekommen! Tatsächlich hockte dann aber nur Plastik-Ungeziefer in den Kulissen. Thomas Bernhard und Salzburg, das ist ein endlos weites, literarisch und persönlich beackertes Feld: "Mit mir und Salzburg ist alles in Beziehung", sagte der Dichter einmal, "aber es kann natürlich nur eine Haßliebe sein." So haben sich beide Beteiligten oft genug wie beleidigte Diven betragen – lassen konnten sie voneinander nicht.

Die Festspiele sind dem Dichter nachgerannt und haben ihn ausgebremst. Der fühlte sich geschmeichelt und frisierte seine Eitelkeit für die leicht erregbare Öffentlichkeit gerne mit mehr oder weniger harmlosen Ausfällen gegen die "Selbstmörder-Stadt": Aus Schlagobers, meinte er, entstehe nun einmal nichts. Gleichwohl wurden insgesamt fünf Bernhard-Stücke im Rahmen der Festspiele zwischen 1974 und 1986 hier uraufgeführt, unter anderem auch "Die Macht der Gewohnheit".

Inklusive Karajan!

Die Briefwechsel zeigen heute, wie sehr sich der Dichter darum bemühte, in dieser Stadt genau zu dem von ihm gehaßten Festspielanlaß präsent zu sein. Trotz diverser Rückschläge, die er in den Jahren hinnehmen mußte. Neben dem Notlicht-Skandal sind da vor allem die Streitereien um das Stück "Die Berühmten" markant gewesen. Vorgesehen für 1976, munkelte man in prominenten Kreisen schon lange vorher, dass Bernhard unter solch einem Titel wohl nur ein ganzes Personenregister bekannter Persönlichkeiten – inklusive Karajan! – aufmarschieren und heftig karikiert im Regen stehen lassen würde. Also wollte die Direktion den Text vorab prüfen, was den Dichter so brüskierte, dass er die Zusammenarbeit kurzerhand aufkündigte: "Die Theatergeschichte hat längst entschieden, wer für wen wichtiger ist, der Bernhard für die Festspiele oder die Festspiele für den Bernhard...," schrieb Bernhard beleidigt: "Ich brauche die Festspiele nicht!". Aber 1981 sollte mit "Am Ziel" der aufgedröselte, freilich nie wirklich zerrissene Faden dann doch wieder aufgenommen werden.

Der Anti-Jedermann

Wenn jetzt mit "Ein Fest für Boris" nach 1986 erstmals wieder einmal ein Bernhard-Stück bei den Festspielen zu sehen sein wird, dann sollte man aber auch nicht die Geschichte vergessen, die mit diesem Text eng verbunden und etwas in Vergessenheit geraten ist: Eigentlich wäre nämlich der "Boris" 1966 des Dichters erstes Stück überhaupt für Salzburg gewesen. Aber dieser "Anti-Jedermann", wie Bernhard schon selber vor dem Inhalt warnte, wo an einer Tafel ein Haufen "Verkrüppelter" zusammensitzt, wurde abgelehnt.

Der Inhalt erschien "für eine sommerliche Festspielaufführung zu düster", bemängelte der Kulturlandesrat und spätere Festspiel-Präsident Josef Kaut und fuhr fort: Er fände das Stück, das dann erst 1970 in Hamburg uraufgeführt wurde, "an sich ausgezeichnet, doch haben wir bei den Festspielen gewisse Rücksichten auf die Nerven unserer empfindsamen Gäste zu nehmen." Mal sehen, wie das Nervenkostüm des Salzburger Publikums jetzt, über 40 Jahre später, beschaffen ist ...

 

www.salzburger-festspiele.at

 

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