Frei nach, manchmal frei von Shakespeare

von Esther Slevogt

Berlin, Oktober 2004. Die Besetzung ist hochkarätig, und nicht jedes Theater kriegt sie auf diesem Niveau zusammen: Peter Fitz spielt den König, Guntbert Warns ist Hamlet und Kathrin Angerer eine lolitalike Ophelia. Sieben Minuten und neunzehn Sekunden dauert der Spaß. Genaugenommen wird allerdings nicht Hamlet, sondern lediglich eine Szene daraus gespielt, die im kollektiven Hamletgedächtnis unter dem Schlagwort "Mausefalle" firmiert, im vorliegenden Fall allerdings schlicht "Das Familienfest" heißt.

Schauplatz ist ein Wohnzimmer, wie es in dieser Scheußlichkeit nur die Gemütlichkeitsspezialisten der Berliner Volksbühne zustande bringen. Auf einem Müllsofa sitzt chipsfressend eine Familie, die weniger Shakespeares berühmtem Drama als irgendeiner geschmacklosen Comedy-Show entsprungen zu sein scheint.

Fang an, Mörder!

Ein tumber, erotisch deutlich zurückgebliebener Hamlet bedrängt die zart-hysterische Ophelia. Als sie sich entzieht, muss der Frust mit einem Fernsehabend kompensiert werden: "Fang an, Mörder!" sagt Hamlet also originalgetreu in schlegel-tieckscher Diktion zum Fernsehapparat, worauf über die Mattscheibe in Stummfilmmanier (aber mit Piepsstimmen und in schrillsten Farben) dann die berühmte Geschichte vom Giftmischer Lucianus zu flimmern beginnt, die dem König im Morgenmantel bald das Gesicht zur Grimasse gefrieren läßt.

Andere Szene, anderer Hamlet. Diesmal ist es der Jungschauspieler Sebastian Butz, der am Wohnküchentisch zum Horrorkid mutiert. "Wild blitzen Eure Geister aus den Augen!" sagt die halbirre Mama Gertrud (Susanne Lothar), in den Wahnsinn getrieben vom Monsterkabinett, das an ihrem Küchentisch versammelt ist. Würmer kringeln sich auf ihrem Kuchenteller und im Gesicht, als sei's ein früher Bunuelfilm. Aus Sohnemanns kalten Augen dringen wirkliche Blitze. Polonius (Sir Henry) kippt als Zombie mit zerbröselndem Schädel gelegentlich steif vom Stuhl. Ein schwammiger, bleicher Alter (Joachim Tomaschewsky) ist auch noch da – Modell: lebende Leiche.

Vereinzelte Gesprächsfetzen lassen hier auf Akt drei, Szene vier von Shakespeares Drama schließen: Hamlet senior will den Junior, welcher soeben den Polonius erdolchte, von weiteren Übergriffen auf Mutter Gertrud abhalten. Doch in dieser Machart könnte das Ganze locker auch als surrealistisches B-Movie durchgehen.

Als das Internet noch jung war

Wieder ein anderes Mal haben wir es mit Meret Becker (und dem 1. Akt, 2. Szene) zu tun, die als müßiggängerisch-androgyner Hamlet mit Freund Horatio (Alexander Beyer) und Veuve-Clicquot-Flasche im Bentley an den Potemkinschen Dörfern des Sozialismus, der Stalinallee und dem Fernsehturm vorüberfährt und ein sehr eindringliches Bild der Spaßgeneration vermittelt, die durch das Methusalem-Komplott von Claudius und Gertrude plötzlich zur 'Lost Generation' geworden ist. Auch ein deutscher Schäferhund tritt einmal als zähnefletschender Hamlet von Blackwood Castle auf, der in einer Kirche auf den am Brudermord verzweifelnden Claudius (kinskihaft: Ulrich Mühe) lauert.

Den multiplen Hamlets begegnen wir in "Hamlet X", einem Projekt, das aus der Zeit stammt, als das Internet noch jung und die sich daran knüpfenden Zukunftsvisionen nicht nur an den Börsen noch ins Unermessliche reichten. Damals hatte der Berliner Schauspieler und Webdesigner Herbert Fritsch die Idee, Shakespeares berühmtestes Drama für das Internet neu zu erfinden. Tausende von Hamlet-Splittern wollte Fritsch durch die weltweiten Datennetze schicken, um damit die Geschichte des Dänenprinzen in eine zeitgemäße Form bringen.

Als Herzstück des Projekts waren von Anfang an Filmclips zwischen drei und zehn Minuten Länge gedacht, in denen Fritsch kleine Szenen und Textsplitter aus dem Stück, frei nach, manchmal auch völlig frei von Shakespeare verfilmen wollte. Das ist inzwischen etwa vier Jahre her und die meisten Internet-Träume sind längst ausgeträumt. Nur Herbert Fritschs Traum vom Hamlet im Internet nicht.

You've landed in the heart of the DVD

Zwar existiert die Web-Seite, die einmal als Portal für Fritschs Cyberversion des Dramas gedacht war, nur noch rudimentär. Es gibt Informationen zum Projekt, einige ebenso spitzfindige wie abgründige Trick-Animationen und hamletbezogene Mini-Computerspiele. Auch 33 der auf insgesamt 111 Kurzfilme angelegten Reihe sind längst fertig. Die ersten Filme waren noch im Internet anzuschauen. Aber weil es auch bei Kurzfilmen ungeheure Datenmengen durch Telefonleitungen zu transportieren gibt, liefen die Filme nur auf wenigen Zuschauerrechnern einigermaßen absturzfrei. Ein weiteres Problem, das Projekt im Netz zu halten, hängt mit der Frage zusammen, wie man ein Internet-Theater überhaupt finanzieren kann. Auch eine Cyberbühne kann nämlich auf Dauer nicht ohne Einnahmen existieren und von vorbeisurfenden Besuchern ist in dieser Hinsicht wenig zu erwarten.

So hat Herbert Fritsch die Filme nun auf drei DVDs zwischengelagert, während er ansonsten auf Zeiten wartet, in denen das Internet technisch endlich auf dem Niveau seiner Visionen angekommen ist. Die DVDs haben dezent interaktiven Charakter. Man kann sich durch die Filme zappen. Auf DVD Nummer zwei begegnet man Yorick, dem berühmtestes Totenschädel der Theatergeschichte. "You've landed in the heart of the DVD!" sagt der wiederauferstandene Hofnarr von Hamlet senior mit scheppernder Digitalstimme zur Begrüßung und sieht als Digitalreinkarnation eher wie ein Pizzabote aus. Nur das Totenkopf-Icon, das man anklickt, um Yoricks Dienste als Navigator durch die DVD zu aktivieren, spielt auf seinen shakespeareschen Originalzustand an.

Monumentales Low-Budget-Projekt

Aber trotz verschiedener Flirts mit den ästhetischen Niederungen elektronischer Unterhaltung entfalten die Filme ihre volle Wirkung vermutlich nur bei fortgeschrittener Kenntnis des Stücktextes, denn so richtig Spaß macht das Gucken erst, wenn man all die Anspielungen, Assoziationen und Hirngespinste richtig ins Hamletuniversum einsortieren kann.

Als Mitspieler hat Herbert Fritsch für sein monumentales Low-Budget-Projekt die deutsche Schauspieler-Creme gewonnen: junge deutsche Filmstars wie Laura Tonke (als Ophelia Ensslin mit Hamlet Baader alias Alexander Scheer), Benjamin Sadler oder Isabella Parkinson. Neben Darstellern des Obdachlosentheaters "Ratten 07" spielen Altstars wie Hannelore Hoger (als ältliche Ophelia im Baby Doll), Rufus Beck oder Burkhard Driest, der einen frustrierten Abhörspezialisten mimt, den nach dem Tod seines dillettierenden Chefs Polonius eine schwere Sinnkrise erfasst hat.

Fritsch parodiert Genres, vom MTV-Clip bis zum Kriegsfilm, erfindet gnadenlos Figuren dazu, wie die Fitness-Trainerin von Königin Gertrud (wunderbar: Eveline Hall) oder die Pflegeeltern von Laertes und Ophelia, die im menschelnden Tremolo einer Sozialreportage auf das Kindheitsunglück der toten Pflegekinder blicken, derweil Blitze aus einem Gelsenkirchener Barockgemälde zucken. Man trifft Christoph Schlingensief als königlichen Gynäkologen und den Theaterkritiker Robin Detje als schmierigen Staatsanwalt, der uns erklärt, weshalb es im Fall des Todes von König Hamlet senior keine Anklage geben wird.

Das kälteste aller Naturbilder

Gelegentlich zwingt die Unterschreitung der Geschmacksgrenze bei manchem Film auch zum zügigen Weiterzappen. Es tun sich mit jedem Film andere Blicke in die Hamlet-Geschichte auf, deren Fäden Herbert Fritsch mit virtuoser Erfindungsgabe weiterspinnt: in die Biografien der Figuren, in genauere Umstände einzelner Handlungsmodule, wie das mißglückte Komplott von Rosenkranz und Güldenstern, dessen nähere Umstände uns ein versoffener Wannsee-Schiffer (Leander Haußmann) enthüllt.

Ein anderes Mal trifft man Rosenkranz und Güldenstern als echte Tatortkommissare (Dominic Raacke und Boris Aljinovic alias Till Ritter und Felix Stark), die in ihrem Büro einen schmierigen Hamlet (Gregor Törzs) originalgetreu verhören: "Was habt Ihr mit dem Leichnam, Prinz, gemacht?" "Ihn mit dem Staub gepaart, dem er verwandt." (4. Akt, 2. Szene). Ein Highlight ist auch die Szene, in der Königin Gertrud dem armen Laertes vom Tod der Ophelia berichtet. Der Text ist berühmt ("Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach.."), und hat durch die Jahrhunderte Maler wie die Präraphaeliten und Dichter (bis Brecht) inspiriert.

Fritsch inszeniert ihn jetzt in einem heruntergekommenen Badezimmer. Ophelia ertränkt sich in der Badewanne, seltsam apathische Männer duschen dabei und eine Putzfrau (Corinna Harfouch) scheuert obzessiv den Boden. Plötzlich verwandelt sie sich in eine dämonisch-erotische Frau, die in diesem häßlich gekachelten Ambiente das Bild der toten Ophelia als das kälteste aller Naturbilder evoziert, und Shakespeares Text klingt mit einem mal, als hätte ihn Gottfried Benn geschrieben.

Zuerst erschienen in Theater heute 11/2004

 

Hamlet_X  Vol. I - III
3 x 11 Filme von Herbert Fritsch nach Shakespearein Kooperation mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
ISBN-3-937D45-14-7
je €24,90

www.hamlet-x.de

Mehr zu Herbert Fritsch im nachtkritik-Archiv.

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