Inglourious Mätzchens

von Anne Peter

Berlin, 20. November 2009. Anlauf zum Großmonolog. Die Augen ernstgeweitet, die Bewegung bedeutungsschwer verlangsamt, wendet er den Kopf über der steifen Halskrause erst hierhin und dann dorthin. Die Hand streicht auf Taillenhöhe übers Samtwams. Und dann schweben die berühmtesten aller berühmten Theaterzeilen über die Köpfe der Zuschauer. Bernd Moss ist wieder Hamlet – und wieder nur ein bisschen. Zum zweiten Mal in dieser noch jungen DT-Saison bietet er uns einen Hamlet-Bruchteil.

In der kleinen Box-Inszenierung 7% Hamlet von Monika Gintersdorfer entwickelte er die Shakespeare-Passagen wunderbar beiläufig, beinahe aus einem alltäglichen Erzählgestus heraus. Jetzt bringt er sie wirkungsbewusst, mit zartem Pathos, über die Rampe der Hauptbühne: "Sein oder Nichtsein...". Denn gegeben wird eben dies: "Sein oder Nichtsein", nach dem berühmten Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1942, in einer Drehbuch-nahen Bearbeitung von Nick Whitby (die aufgrund der Rechtelage das ursprünglich geplante Lubitsch-Stück "Noch ist Polen nicht verloren" von Jürgen Hofmann kurzfristig ersetzte).

Um Leben und Tod spielen
In Lubitschs Film muss ein Warschauer Stadttheater-Ensemble, dessen erste Charakterdarsteller Joseph und Maria Tura sind, seine Proben an dem satirischen "Gestapo"-Stück 1939 ob des Provokationspotentials abbrechen und stattdessen weiter "Hamlet" aufführen. Kurz darauf marschieren die Deutschen in Polen ein, der polnische Widerstand formiert sich und die Theatertruppe muss, um zu verhindern, dass der Nazi-Agent Professor Silewski deren Aktivitäten der Gestapo enthüllt, selbst in die Rolle von Nationalsozialisten schlüpfen.

Ein so komisches wie entlarvendes Rollen- und Verwechslungsspiel durch Hotelzimmer, Theatergarderoben und Gestapo-Quartiere nimmt seinen Lauf, bei dem die Schauspieler buchstäblich um "Sein oder Nichtsein", Leben oder Tod spielen – und am Ende, trotz diverser Aus-der-Rolle-Faller, den Professor unschädlich gemacht, die Nazis sämtlich an der Nase herumgeführt und sich selbst nach London abgesetzt haben.

Regisseur Rafael Sanchez, 1975 in Basel geboren und seit einem Jahr gemeinsam mit Barbara Weber Leiter des Zürcher Neumarkt-Theaters, begnügt sich nun größtenteils damit, den Film, der jede Menge komödiantisches Schauspielerfutter bietet, nachzustellen und dabei möglichst elegante Lösungen für die Schnitte und Ortswechsel zu finden – was ihm mit einer multiräumlichen Drehbühne (Simeon Meier), aus dem Schnürboden hoch und runter fahrbaren Kulissen sowie Videoleinwänden auch auf leidlich elegante Weise gelingt.

Der Globus des Gruppenführers
Wenig nützt es, dass Georg Seeßlen in einem 37 Programmheftseiten langen Originalbeitrag ausführt, wie die "historische Unschuld" von 1942, als man "das wahre Ausmaß der faschistischen Verbrechen" von Hollywood aus noch nicht ermessen konnte, den Film bis zu einem gewissen Grad "unwiederholbar" macht. Man könne ihn nicht "mit der Realität von Auschwitz zusammen denken". Auf die Theaterarbeit scheinen solcherart Überlegungen ebensowenig Einfluss gehabt zu haben wie etwa die Tatsache, dass es jüngst mit Tarantinos "Inglourious Basterds" einen heiß diskutierten Film gegeben hat, für den Lubitsch ein wesentlicher Bezugspunkt ist.

Von alledem bleibt Sanchez' Inszenierung unbeleckt. In ihr offenbart sich keinerlei Haltung zum Stoff, keine Spur einer produktiven, weiterdenkenden Aneignung, keine Idee, wie mit der historischen Distanz umzugehen, wie sie überhaupt sichtbar zu machen wäre. Es bleiben lediglich ein paar ganz nette Einfälle. So nutzt Sanchez die Gelegenheit, in den Theater-Szenen – filmgetreu – auch den Zuschauerraum mitzubespielen. Und im Nazi-Quartier plustert sich ein weißer Reichsadler per Luftzufuhr zum imposanten Macht-Symbol auf und sackt zwischendurch immer wieder zusammen; auf dem Globus des Gruppenführers Erhardt prangt ein großes rotes Deutsches Reich und sonst fast gar nichts, die Stelle, wo Berlin liegt, hat Feuerzeugsfunktion; und am Fenster schwebt in Videoprojektion ein Zeppelin mit Hakenkreuzen vorbei.

Pretty in Pink
Aber keines dieser Mätzchen fügt dem Film irgendetwas Wesentliches hinzu, keines eröffnet eine neue Dimension, einen überraschenden Subtext. Im besten Fall verweisen sie noch auf die selbstreflexive Ebene der Lubitsch-Story, indem sie das Spiel im Spiel noch eine Schraube weiterdrehen. Da sinkt, wenn Moss den Tura spielt, der den Hamlet spielt, ein Schild herab, auf dem eben diese Tatsache in glitzer-pinken Buchstaben geschrieben steht: "Bernd Moss ist... Joseph Tura ist ... Hamlet".

Die schönste Szene: wenn Tura nichts ahnend zu seinem Nebenbuhler (Christoph Franken) ins Bett kriecht, in dem wohligen Gefühl, sich dabei an die Gattin zu kuscheln, und dann erst langsam seinen Irrtum ertastet. Neben Moss brillieren vor allem Jörg Gudzuhn als trottelig-herrischer Gestapo-Scherge und Moritz Grove als sein blindgehorsamer Untergebener Schulz. Und Maren Eggert weicht mit ihrer Tura-Gattin Maria auch mal wohltuend eigensinnig vom Original ab.

Das bleibt sehenswert – was man von diesem Theaterabend insgesamt nicht behaupten kann.

 

Sein oder Nichtsein
von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch
Drehbuch von Edwin Justus Mayer und Melchior Lengyel
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Ursula Leuenberger, Musik: Knut Jensen, Video: Christoph Menzi, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Bernd Moss, Maren Eggert, Jürgen Huth, Michael Gerber, Harald Baumgartner, Gabriele Heinz, Christoph Franken, Jörg Gudzuhn, Moritz Grove, Ingo Hülsmann.

www.deutschestheater.de


Mehr lesen im nachtkritik-Archiv: im September 2009 eröffnete Rafael Sanchez die Saison am Zürcher Neumarkt Theater mit Horváths Kasimir und Karoline, wo seine Co-Direktorin Barbara Weber gestern Abend nun ebenfalls ein Stück auf der Basis eines Filmstoffs auf die Bühne brachte, Robert Aldrichs "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" Die Fassung des Lubitsch-Stoffs von Jürgen Hofmann, die Sanchez ursprünglich für seine Inszenierung am Berliner Deutschen Theater verwenden wollte, lag unter anderem der Aufführung zu Grunde, die der junge Regisseur Henner Kallmeyer im Juni 2009 von Sein oder Nichtsein auf die Bühne des Bochumer Schauspielhauses brachte.

 

Kritikenrundschau

"Kein Aspekt nirgends, der auch nur ansatzweise begründen könnte, warum es diese Theaterinszenierung geben muss", schreibt im Berliner Tagesspiegel (22.11.) Christine Wahl, die "offenen Mundes" über die Naivität und Ignoranz staunt, mit der Sanchez' "reichlich zweistündiger Abend zwischen Widerstandsschmonzette und Schenkelklopfer über die von Simeon Meier mit historisierendem Mobiliar ausstaffierte Drehbühne rollt". Geradezu so, als sei der Diskurs 'Darf man über Hitler lachen?' eben erst erfunden worden. "Logisch, dass er sich damit auch auf der Spiel-im-Spiel-Ebene nur blamieren kann. Zur komplizierten Dialektik zwischen Bühnenfigur und Leben, die man Schauspielern ja seit jeher gern unterstellt und die bei Lubitsch zum Handlungsmotor schlechthin wird, fallen Sanchez fast ausschließlich Mottenkisten-Tricks ein. Hier hüpft man so säuberlich und eins zu eins von einer Rolle in die andere, als gäbe es nicht seit Jahrzehnten postmoderne Identitätsdiskurse – und weder einen Frank Castorf noch einen René Pollesch in dieser Stadt. 'Wir stehen hier Abend für Abend auf der Bühne und müssen den Schwachsinn spielen, den Sie inszenieren,' brüllt da etwa ein aus der Rolle gefallener 'Gestapo'-Darsteller seinen Regisseur Dowasz (Harald Baumgartner) an – und bekommt immerhin Szenenapplaus."

Es sei schwer fest zu stellen, wer juristisch, aber umso einfacher, wer künstlerisch im Recht ist," konstatiert Hartmut Krug im Deutschlandradio (21.11.) mit Blick auf die Auseinandersetzungen im Vorfeld, welche Fassung gespielt werden darf. "Denn während sich Hofmanns eng an der Vorlage bleibende Version dramaturgisch und politisch auf der Höhe von Lubitsch' Film bewegt, orientiert sich Whitbys Fassung mehr an äußerlicher Unterhaltung." Enttäuschend findet Krug, dass das Deutsche Theater, "nur damit der Eiserne Vorhang hoch geht", diese Fassung überhaupt annahm. "Weder wurde der Vorgang öffentlich gemacht, noch scheint es am Deutschen Theater kluge Dramaturgen zu geben, die Einspruch gegen Whitbys schludrige Version einzulegen bereit waren." Das Unglück wolle es, dass Regisseur Rafael Sanchez für seine Inszenierung im Großen Haus des Deutschen Theaters "in die große Handwerkskiste des Unterhaltungstheaters gegriffen hat, in der Videos neben eingemotteten Mätzchen, ein Hundehalsband für einen NS-Gruppenführer, ein nackter Hitler und eine ironische Philippika gegen das Regietheater herumlagen. So ist auf bewegter Drehbühne mit aller Bedächtigkeit unentwegt etwas los, doch eine Haltung zum Stoff ist nicht zu entdecken."

In der Berliner Zeitung (23.11.) schreibt Dirk Pilz, dass er die Szene lustig fand, wie Bernd Moss entdeckt, dass er nicht mit seiner Gattin, sondern mit deren Liebhaber im selben Bett steckt. Aber sonst nichts. Kaum zu glauben, findet Pilz, aber Sanchez "haspelt mit einer gänzlich geschichtslosen Geisteshaltung" einfach die Filmvorlage herunter, kein Gedanke an die Gedanken, die man sich seit der Entstehung von Lubitschs Film darüber gemacht hat. Die Schauspieler müssten ihre Rollen behandeln "wie Metzger den Wurstdarm: als bloße Vollstopfhülle". Man sehe "mit Gags und Gespreiztheiten ausgestopfte Figuren, die von einer leeren, gedankenlosen Betriebsamkeit auf Trab gehalten werden". Ein erschreckender Abend, der einer "Geschichtsvergessenheit" huldige, "die man auf einer deutschen Bühne dieses Anspruchs nicht mehr für möglich gehalten hatte".

Irene Bazinger hatte eigentlich gedacht, so schreibt sie es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.11.), dass es sich an Theatern herumgesprochen habe, "dass die Zweitverwertung von Filmen auf der Bühne selten einmal wirklich lohnt". Neuestes Beispiel: "Sein oder Nichtsein". Was bei Lubitsch "rabenschwarzer Humor und absurde Komik waren", gerate in der "zwischen zäh und zahm zappelnden Inszenierung von Rafael Sanchez zur völlig unverbindlichen Theater-auf-dem-Theater-Klamotte". Ohne "Biss und ohne politische Orientierung". Die Geschichte lebte auf der Leinwand von ihrem "atemraubenden Tempo", bei Sanchez werde nun "nicht gerast, sondern gerastet". Die "Ignoranz gegenüber den entscheidenden Konflikten" schwäche das Stück "nachhaltig", weshalb auch die Inszenierung nie richtig auf die "Komödienfüße" komme. "Alles ist lieb und nett - und bestürzend belanglos."

 

 

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